Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 5. Kapitel

Und wieder die Katze

Der Löwe sah sie schon von weitem an ihrem Platz.

Als er näher kam, ging er vorsichtig auf sie zu, um sie nicht zu erschrecken. „Entschuldigung, Frau Katze, ich habe da mal eine Frage!“, sagte er höflich.
„Lass mich in Ruhe!“, fauchte die Katze böse und blinzelte ihn ärgerlich an.
Aber der Löwe gab nicht auf und probierte alles aus, was er inzwischen gelernt hatte.

„Verzeihung, dass ich sie störe, aber ihr wunderbares Fell glänzte so schön in der Sonne, da konnte ich einfach nicht widerstehen und musste kommen, um sie näher zu betrachten“, sagte er tapfer.
„Lass den Schmarren! Mein Fell glänzt nicht mehr, seit ich neulich in Bauer Petterchens Jauche gefallen bin und ich kriege das Zeug einfach nicht runter. Also erzähl keinen Mist! Was willst du wirklich? Spuck‘s aus und dann verschwinde!“

„Sie müssen auch keine Angst haben vor mir“, versuchte es der Löwe mit einer anderen Technik. „Löwen die brüllen, die beißen nicht!“.
„Dass ich nicht lache“, grinste die Katze verächtlich. Ich habe keine Angst vor dir. Was kümmern mich die Löwen! Ich bin schneller auf dem Baum, als du nur gucken kannst mit deinem dicken Schädel. Also lass diese Scherze, o.k.?!“
„Aber das muss ja sehr anstrengend sein, das Klettern“, fing der Löwe wieder an. „Wird man davon nicht furchtbar müde!“
„Du bist ein Dummkopf, Löwe. So ein blöder Unsinn! Das macht doch erst richtig Spaß, das Raufklettern! Du hast ja keine Ahnung!“
Nun sah der Löwe schließlich doch enttäuscht aus. All seine neuen Tricks verfingen nicht bei dieser Katze! Sie durchschaute einfach seine Absichten, diese miese kleine Verwandte! Und damit war er wieder völlig machtlos. Warum war er überhaupt hergekommen? Er wusste doch noch gut genug, wie sie ihn hatte früher abblitzen lassen.
Aber da fiel ihm auf einmal ein, dass er sie ja eigentlich etwas fragen wollte.
„Sag mal, du sitzt hier immer an der Wegkreuzung den ganzen Tag. Ich frage mich, warum du das tust?“ Er sah sie interessiert an. Die Katze hatte keine grünen Augen wie andere Katzen, sondern bernsteinfarbene, stellt der Löwe überrascht fest.
„Das möchtest du wohl gerne wissen, Dicker, was?“, grinste die Katze. „Na, drei Mal darfst du raten: Ich liege auf Lauer und fange Mäuse.“
„Oh“, sagte der Löwe, der bei dem Wort Maus zusammengezuckt war.
„Was guckst du so blöd? Wir Katzen haben es eben nicht so leicht wie ihr Löwen. Wir müssen um unser Fressen noch kämpfen. Ihr braucht ja nur das Maul aufzureißen und zu brüllen und dann fallen alle Tiere in Ohnmacht und ihr könnt euch einfach bedienen.“
„Oho, Frau Katze, so einfach ist das bei uns auch wieder nicht. Da überschätzen sie uns aber gewaltig. Aber ehrlich, es interessiert mich sehr, wie sie das machen, das Mäusefangen.“
„Ach ja? Wirklich?“, fragte die Katze misstrauisch. „Na gut. Dann legen Sie sich mal da vorne hin und schauen sie zu. Aber bitte keinen Mucks, klar?“

Der Löwe legte sich einige Meter entfernt ins Gras und schaute der Katze zu. Die lag wieder mit geschlossenen Augen da, als schliefe sie. Nichts passierte. Der Löwe wollte schon laut gähnen, da fiel ihm ein, dass die Katze ihm verboten hatte, irgendein Geräusch zu machen. Und plötzlich sah er sie. Eine kleine Feldmaus kam über den Weg getrippelt, blieb stehen und sah sich witternd um. Dem Löwen brach der Schweiß aus, er glaubte sich selbst zu sehen, so wie er früher als kleiner Löwe im Mauskostüm herumgelaufen war. Die Maus schnupperte in alle Himmelrichtungen und bemerkte die Katze. Sie starrte sie gebannt an. Um zu ihrem Mauseloch im Acker zu kommen, war es der nächste Weg, wenn sie an der Katze vorbei huschen würde. Doch sie zögerte. Da die Katze sich aber nicht rührte und mit geschlossenen Augen dalag, wurde die Maus schließlich mutiger und trippelte vorsichtig ein wenig auf sie zu. Sie würde es wagen!
Am liebsten hätte der Löwe laut gerufen, um die Maus zu warnen, denn irgendwie fühlte er sich doch mit ihr verbunden. Aber er schwieg und schon im nächsten Augenblick sah er voller Schreck, wie die Maus beinah mitten in das plötzlich aufgerissene Maul der Katze hineinlief. Sie wurde blitzartig von den Krallen gepackt und in kürzester Zeit hatte die Katze die Maus ganz und gar verschlungen. Die leckte sich das Maul, gähnte genüsslich und fragte dann den Löwen:
„Oder hätte ich dir was übrig lassen sollen?“
„Oh, danke nein, Frau Katze. Ich habe schon gegessen. Aber ich bin beeindruckt von ihrer Jagdkunst.“
Zum ersten Mal sah die Katze dem Löwen ins Gesicht. Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten.
„Siehst du Löwe, eure kleinen Verwandten, die Katzen sind auch nicht von gestern, stimmts?“
„Nein, gewiss nicht, ich muss schon sagen, das war wirklich beeindruckend“, beeilte sich der Löwe zu sagen und dieses Mal war es ihm richtig ernst damit. Eigentlich war es wirklich eine nette Katze, sie gefiel ihm immer besser.
„Ach übrigens, wenn sie mal wieder einen Löwen brauchen, um die Hunde dort auf dem Hof in ihre Schranken zu weisen, dann können sie auch gerne auf mich zurückkommen“, fiel ihm plötzlich ein.
„Woher wissen Sie denn das?“, fragte die Katze verblüfft. „Hat der andere Löwe das also doch rumerzählt! Verdammt! Aber ihr Löwen haltet doch alle zusammen, ich wusste es ja.“
Der Löwe wartete nicht ab, bis die Katze sich von ihrem Erstaunen erholt hatte. Er hatte erreicht, was er wollte.
„Habe die Ehre, Frau Katze, ich muss los. Ich werde mich ab und an mal melden und fragen, ob sie mich brauchen.“ Er winkte mit der Pfote und ging seines Weges.
Die Katze sah ihm hinterher. Aber noch bevor er um die nächste Wegbiegung aus ihren Augen verschwand, rief sie: „Ja gerne, kommen Sie nur vorbei. Leute, die meine Jagdkunst zu schätzen wissen, sind mir immer willkommen!“

Jetzt habe ich es wirklich raus, lächelte der Löwe zufrieden in sich hinein.

Die Welt gefiel ihm wieder sehr viel besser.

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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4 Antworten zu Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 5. Kapitel

  1. fidelpoludo schreibt:

    Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!?

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    • kranich05 schreibt:

      „Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!?“ –
      dachte er und legte sich schlafen, denn es war ziemlich spät. Zudem wurde er jetzt schneller müde als in früheren Jahren.
      So lag er etwas bekümmert, sogar leise traurig aber ohne Schmerzen. Kurz vorm Einschlafen kam ihm unversehens ein freundlicher Gedanke.
      Ob er am nächsten Morgen wieder erwacht ist, weiß ich nicht. Immerhin war er 88 Jahre alt oder 92 oder so ähnlich.

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      • fidelpoludo schreibt:

        Aber ich weiß es. Der Garten ruft. Schließlich sangen die Vögel wieder. Und er war sich dessen bewußt: Schöner als die Einbildung der Schönheit seines eigenen Gesangs, für den er als Löwe nicht geschaffen war. Aber iauch: Sein eigenes Gebrüll klang nun doch viel echter als das Piepsen der Maus, das er weit hinter sich gelassen hatte. Und wie er seine Mähne jetzt zu schütteln verstand, hatte auch etwas für sich.

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