Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 4. Kapitel

Ein Löwe gibt nicht auf

Das, was der Löwe damals bei der Katze beobachtet hatte, ließ ihm keine Ruhe. Wie war es dem fremden Löwen gelungen, ihre Gunst so schnell zu erwerben?

Und als endlich der Frühling wieder ins Land kam, begann er zu begreifen: Der andere Löwe hatte die Katze freundlich angesprochen, hatte ihr Komplimente gemacht, hatte sie beachtet. Und siehe da, unsere Katze machte die Augen auf und war voller Begeisterung und Dankbarkeit, dass ein Löwe mit ihr sprach!
Das also müsste das Geheimnis sein, dachte der Löwe grimmig und wunderte sich, dass es so einfach war. Das müsste er doch auch lernen können! Und machte sich gleich einen Plan: Er wollte üben, genauso mit den anderen Tieren umzugehen, wie dieser Löwe es getan hatte. Dann endlich würden sie auch ihn anerkennen und als Löwen wahrnehmen!

Aber, so dachte er sich, es würde am besten sein, nicht gleich bei der Katze zu beginnen. Er wollte die neue Kunst erst mal an einer leichteren Aufgabe versuchen.

Als erstes probierte der Löwe seinen neuen Trick an einer kleinen Blume aus, die vor ihm stand und auf die er beinahe getreten war.
„Oh, entschuldigen Sie vielmals, Frau Blume, da hätte ich sie beinahe getreten! Welche Ungeschicklichkeit von mir. Dabei sind Sie eine so schöne Blume. Ihre gelbe Blüte leuchtet in der grünen Wiese wie eine kleine Sonne!“ Die Blume sah erstaunt zu ihm auf. Dann lächelte sie ihm zu und sagte freundlich:
„Danke Herr Löwe, keine Ursache! Ich bin so was gewöhnt von Leuten wie Ihnen. Aber es ist sehr nett, was sie da sagen über mein Leuchten. Nur: ich bin doch blau. Ist das denn wahr, leuchte ich trotzdem?“
Der Löwe war etwas verwirrt, denn er hatte das einfach so vor sich hingesagt, ohne die Blume wirklich anzusehen. Jetzt erkannte er, sie war gar nicht gelb! Wie peinlich. Die Blume war tatsächlich blau. Es war ein helles, zartes Blau, das er glaubte, schon einmal gesehen zu haben.
„Natürlich leuchtet ihr Blau wie der Himmel. Das mit der Sonne war nur so ein ganz allgemeines Beispiel, wissen Sie“, stammelte er. Aber die Blume war nicht böse.
„Manchmal wäre ich lieber gelb“, flüsterte sie ihm zu „aber das ist mein Geheimnis. Es ist mir eine Ehre, dass sie sich das immerhin vorstellen können!“ Der Löwe sah die Blume mit dem gelben Geheimnis groß an. Eine Blume, die gelb sein wollte statt blau! dachte er verwirrt, so etwas gab es also auch.
„Ich kann für sie läuten. Ich bin eine Glockenblume“, bot sie ihm an.
„Danke, das wäre schön“, sagte der Löwe und musste unwillkürlich seufzen, weil er daran dachte, dass er selbst eigentlich auch singen konnte. Beinahe wäre ihm das rausgerutscht. Aber er lauschte höflich.
„Entschuldigen Sie, ich höre aber nichts“, meinte er dann.
„Sie müssen mit ihren großen Ohren einmal ganz nah an mich herankommen, Herr Löwe. Mein Läuten ist sehr leise, man kann es nur hören, wenn man ganz still ist.“ Der Löwe staunte. ‚Ich dachte, Geräusche sind nur schön, wenn sie ordentlich laut sind‘, brummelte er vor sich hin. Aber er tat was die kleine Blume ihm gesagt hatte, beugte sich zu ihr hinunter und lauschte angestrengt. Und tatsächlich, da hörte er es. Ein ganz zarter, vorsichtiger Glockenklang war es, ein süßer Klang. Und er war nur für ihn.
„Das ist wunderschön, was sie da können, Frau Glockenblume!“ rief er aus. Die Blume macht eine kleine Verbeugung
„Bitte schön“, sagte sie ein wenig stolz.
„Und jetzt werde ich bestimmt besser darauf achten, dass ich keine Blumen zertrete“, bot der Löwe an. Die Blume lachte nur.
„Ach ihr Löwen, was ihr alles versprecht! Aber es war mir eine Ehre, Sie kennen gelernt zu haben.“

Der Löwe verabschiedete sich freundlich und ging nachdenklich seiner Wege. Nach einer Zeit legte er sich ins Gras und sah in den blauen Himmel über sich. Er dachte an den Klang dieses Blumenglöckchens. „Was für ein hübsches Geschenk!“ dachte er entzückt. „Und sie hat keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich ein großer, wenn auch ziemlich trampeliger Löwe bin. Aber da hat sie wohl Recht“. Er musste lachen.

Für seinen zweiten Versuch wählte der Löwe einen Maulwurf aus, der aus seinem frisch aufgeworfenen Erdhügel herausguckte.
„Einen schönen Guten Tag, Herr Maulwurf, sie sind ja ein fleißiger Gesell! So viele Hügel haben Sie schon aufgeworfen! Die Wiese hier sieht ja aus wie eine kleine Berglandschaft!“, rief er aus.
Der Maulwurf blinzelte ihn irritiert an. War das nicht ein Löwe? Es wäre wohl besser, wenn er so schnell wie möglich wieder untertauchte.
„Entschuldigen Sie Herr Löwe, aber ich muss nach unten, meine Frau ruft mich zum Essen.“

„Schade“, sagte der Löwe schnell, „ich hätte mich gerne noch ein wenig mit Ihnen unterhalten!“
Der Maulwurf zögerte. „Worum geht es denn?“, fragte er misstrauisch.
„Ich frage mich, ob das nicht furchtbar anstrengend ist, was sie da den ganzen Tag treiben, werden sie denn nicht müde davon?“
„Ach“, meinte der Maulwurf mit einem schiefen Lächeln um sein Maul, „wir Maulwürfe machen das eben so. So wie sie, Herr Löwe, eben brüllen oder wie sie stundenlang durch die Steppe traben können. Das ist einfach so. Meinen Sie nicht auch?“ Und er verschwand blitzartig in seinem Loch.

Der Löwe blieb noch ein paar Sekunden stehen. Erstaunlich, dass dieses Tier, das doch den ganzen Tag nur in seiner dunklen Höhle lebte, so viel über Löwen wusste. Und er trollte sich zufrieden davon. Und er überlegte, wen er als dritten ansprechen sollte.

Er traf einen kleinen Hund, der eifrig am Feldrain schnüffelte und ihn erst sah, als er schon direkt vor ihm stand.
„Tu mir nichts!“, rief der Hund erschrocken aus.
„Aber nein, ich will dir nichts tun. Aber sag mir, wer du bist! Bist du nicht ein Hund?“ Der kleine Hund nickte und sein Schwanz, den er zunächst zwischen die Beine geklemmt hatte, kam langsam wieder zum Vorschein.
„Du kannst bellen, stimmts?“, sagte der Löwe freundlich.
„Ja, kann ich schon, aber unser Leo auf dem Hof, der bellt viel lauter als ich. Das ist ein Schäferhund, weißt du“, antwortete der Hund bescheiden.
„Bell doch mal!“, forderte ihn der Löwe auf und der kleine Hund bellte tapfer ein paar Mal. Es klang ein wenig wie eine quietschende Kinderrassel.
„Gar nicht schlecht, du musst nur noch ein wenig üben“, ermunterte er den Kleinen.
„Meinst du wirklich?“, freute sich der Hund. „Alle nennen mich Angsthase, weißt du? Dabei bin ich ein richtiger Hund. Du hast es ja auch gesagt.“
„Natürlich bist du ein Hund, das ist doch klar, das sieht doch jeder!“, beteuerte der Löwe.
„Weißt du was, Löwe“, sagte der kleine Hund, denn ihm war da gerade ein ganz und gar mutiger Gedanke gekommen: „Kannst du mal für mich ein bisschen brüllen? Mal sehen ob ich es schaffe, nicht vor Angst zu zittern. Das wäre toll.“
„Gerne, mach ich“, grinste der Löwe freundlich und brüllte erst nur ein kleines Bisschen. Der Hund sah ihn an, stand ganz still und wedelte mit dem Schwanz.
„Toll, ich hatte kein bisschen Angst“, strahlte er.
„Gut, dann brülle ich jetzt lauter“, warnte der Löwe. Dieses Mal sah er, wie der Schwanz des kleinen Hundes zu zittern begann und wieder ein wenig hinabsank.
„Nur Mut“, sagte er begütigend.
„Und was ist, wenn du mich doch beißen willst?“, zitterte der kleine Hund.
„Löwen die brüllen, die beißen nicht!“, scherzte der Löwe, um den kleinen Hund aufzumuntern. Der kleine Hund schaute den Löwen verdutzt an und lachte dann aus vollem Halse los:
„Toll, Herr Löwe, das ist ein guter Spruch. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Und er stimmt sicher. Los, brüll noch lauter Löwe!“
Nun brüllt der Löwe so, wie ein Löwe wirklich brüllt. Aber der kleine Hund stand da und wedelte begeistert mit dem Schwanz. „Ich habe keine Angst vor dir, ich habe keine Angst vor dir! Löwen die brüllen, die beißen nicht!“, jubelte er und sprang munter herum. „Ich muss schnell zurück auf den Hof und das alles dem Leo erzählen. Dann wird er mich nicht länger auslachen. Danke, Herr Löwe, Sie haben mir sehr geholfen“.
Und weg war er.

„Nun sehen sie mich also doch“, stellte der Löwe befriedigt fest. Doch interessiert waren sie alle eigentlich nur an sich selbst. Aber schließlich ging es ihm ja auch nicht anders. Der Löwe schmunzelte. So einfach ließ sich diese Welt also betören! Wenn ihm das nur schon jemand früher gesagt hätte! So ein simpler Trick!

Aber es war noch mehr passiert. Irgendetwas hatte sich geändert im Leben des Löwen. Er merkte es aber erst nach und nach.
Wenn er in diesen Tagen im Gras lag und eine Lerche singen hörte, lauschte er einfach ihrem Gesang. Das hatte er noch nie getan. Und es gefiel ihm. Wie schön das war, dieser hohe Himmel und dort der kleine, kaum sichtbare Vogel, der für alle auf der Erde unten den Frühling verkündete. „Warum habe ich das bloß früher nicht gesehen?“, grübelte er. Und da fiel ihm sein eigener „Löwengesang“ ein, seine dummen Versuche, selbst singen zu lernen und er musste plötzlich lachen, denn er stellte sich vor, wie das wäre, wenn er da oben rumschwirren und trällern sollte. Er würde – plumps – ganz einfach runterfallen und statt zu singen würde er alles zusammenbrüllen vor Schmerzen. Also, das konnte die Lerche wahrhaftig besser als er, besser als es jeder Löwe es je können würde!

Als er auf einer hellen Waldlichtung Rast machte, schaute er erst, ob er sich nicht aus Versehen auf irgendwelche Blumen legte. Und dann sah er sie alle, wie sie ihm dankbar zulächelten, die blaue Glocke, das goldgelbe Köpfchen, die rosa Blütenschnur, die stachelige, violette Kugeldistel. Wie schön sie waren und er hatte sie noch nie so nah gesehen. Er grüßte in der Runde und freute sich über ihren Anblick. Sie verneigten sich und wehten ihm einen süßen Duft zu, der schon nach Sommer roch.

Da musste er plötzlich an die Katze denken und er fragte sich zum ersten Mal, warum sie da eigentlich gelegen hatte. Wartete sie auf jemanden? Wollte sie die Sonne in ihrem Fell spüren? Wollte sie einfach nur schlafen? Er wurde plötzlich richtig neugierig. Er wollte unbedingt wissen, was diese Katze den ganzen Tag dort an der Wegkreuzung trieb.

Und so lief er zu der Stelle, wo die Katze immer gelegen hatte.

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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Eine Antwort zu Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 4. Kapitel

  1. athenmosaik schreibt:

    Och, bitte nicht zu lange auf die Folter spannen. Was wird nun aus dem Löwen?
    Ganz warme Grüße aus Athen

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