Lafontaine-Wagenknechts „Aufstehen“ ist gescheitert. „Aufstehen“ aber ist keineswegs erledigt.

Ich unterscheide vier Phasen:

I. Absichtsbekundungen, Erwartungen

Es fing wohl schon irgendwann Ende 2017 an. Aber richtig los ging es ab Juli/August 2018 bis zur Gründungspressekonferenz am 4.9.2018.

Es wurden die schönsten Absichtserklärungen abgeliefert in Richtung einer lebendigen, von unten wachsenden, nicht zentral gesteuerten, diskutierenden, breiten demokratischen Sammlungsbewegung. Sie sollte selbst nicht parteigebunden sein, jedoch mächtig einwirken in einem wirklich sozial-demokratischen Sinn auf die Linkspartei, die SPD und die Grünen. Ihr Interesse für dieses Angebot bekundeten in kurzer Zeit mehr als 100.000 Menschen.

II. Eklatantes Versagen der Initiatoren und jeder Führung

Das ist die Phase nach dem 4. 9. bis zum offenen Ausbruch des Desasters mit der Agentur Dreiwerk. Letzteres ereignete sich zwischen Ende November und Mitte Dezember 2018.

In dieser Phase bildeten sich recht schnell zahlreiche regionale und örtliche Initiativkreise. Für deren wichtigste Aufgaben gab es keinerlei Unterstützung von „der Zentrale“. Das äußerte sich besonders in: – keinerlei Zugriff auf die Adressen der gemeldeten Interessenten – keine Internetplattform zu Meinungsaustausch und Vernetzung – absolute Intransparenz der Arbeit einer „Zentrale“ und eines „Mittelbaus“.

Trotz dieser schlechten Bedingungen setzte die Entwicklung zahlreicher örtlicher Initiativen nicht nur ein, sondern hielt an.

Die schwerwiegenden Mängel sind nicht mit der überwältigend hohen Zahl der Interessenten zu erklären. Sie sind viel mehr Ausdruck eines nicht basisdemokratischen, sondern letztlich bonapartistischen Politikmodells der Hauptinitiatoren Lafontaine und Wagenknecht. Beide waren bestrebt, ihr unzureichendes Führungsgewicht in der Linkspartei durch die Sammlungsbewegung drastisch zu erhöhen. Der Traum ist die von einem autokratischen Volkstribunen geführte, in sich wenig strukturierte, mittels der sogenannten sozialen Medien geschmeidig lenkbare Partei großer Massen. Die Vorbilder Sanders und Macron (!) wurden beschworen. Jedoch funktioniert, so meine ich, die Massenmobilisierung auf dem linken Flügel in Deutschland nach anderen Gesetzen.

Dass Dreiwerk den entscheidenden Schuss vor’s Bug setzte (setzen konnte), ist beredter Ausdruck der Traumtänzerei der Leute, die diese „Zusammenarbeit“ zu verantworten haben. Zugleich gab es, unabhängig von dem Dreiwerk-Skandal, eine langsam ansteigende Unzufriedenheit „der Basis“.

III. Verunsicherung, Interregnum, Gärung

Die Phase von Mitte Dezember 2018 bis bis 10.3.2019 Rücktritt Wagenknechts

Ende Dezember war der Bankrott der Führung eingetreten. (Ich würde gern statt unpersönlicher Bezeichnungen, wie „Führung“, „Zentrale“, Ross und Reiter nennen. Das ist mir als einfachem Mitglied an der Basis jedoch unmöglich, weil „die da oben“ immer völlig intransparent agierten, so dass für Nichteingeweihte keine persönlichen Verantwortlichkeiten erkennbar waren.) Widersprüchliche Signale zeigten an, dass „oben“ Verunsicherung eingetreten war, erste halbherzige Kritik war vernehmbar („offener Brief“, 16.12.2018), offensichtlich gab es Kräftegezerre (provisorisches Statut 15.1.2019), Wagenknecht war verschwunden, ein relativ markantes Ereignis war ein Beratungs- und Mobilisierungscamp in Dortmund am 23.2.2019 (Bülow, Kirner). Dort wurde erstmals neben zunehmender rhetorischer Basisorientierung der Veranstalter offen die Idee der selbständigen Organisation autonomer Basisgruppen („Rat der Ortsgruppen“) geäußert.

Es gab Ortsgruppen, keiner weiß wie viele, die sich recht autonom entwickelten.

Diese dritte Phase war zunehmend von einem zähen Kampf bestimmt, in dem (verschiedene?) Kräfte aus der Zentrale versuchten, ihre Autorität gegenüber der Basis über einen funktionierenden „Mittelbau“ herzustellen bzw. zu festigen, während sich andererseits Basisaktivisten und -gruppen zunehmend entschlossen von Steuerung befreien wollten.

Wagenknechts Rückzug bedeutete das Eingeständnis des Scheiterns ihres (partei-)machtpolitischen Projekts „Sammlungsbewegung“ und zugleich ihr Scheitern als eine der Führerinnen der Linkspartei. An dieser Weggabelung entschied sie sich nicht zum rücksichtslosen Einsatz für das „Aufstehen“, sondern für den Bundestagssitz in ihrer Fraktion.

IV. Wettlauf?

Diese Phase hat am 10.3. begonnen.

Fast zeitgleich haben sich mindestens vier Teams an den Start gestürzt. In Abwandlung einer bekannten Frage Bülows (des anderen Bülow ;-)) könnte man rufen: „Wofür laufen sie denn?“ Sehr einfach: Die 170.000 Interessierten (in der Phantasie leicht mit 3 multipliziert) sind ein Schatz! Ungehoben und Begehrlichkeit weckend.

Am Start sind:

  1. eine Gruppe mit Achim Hagemann, Antje Vollmer, Frank Havemann, Hendrik Auhagen, Ingo Schulze, Ludger Volmer, Marco Bülow, Michael Brie, Peter Brandt, Sabrina Hofmann, Wolfgang Zarnack. Ihre Erklärung steht hier.
  2. eine Gruppe, die unterschreibt „Herzlichst Dein Aufstehen Team“ und „aufstehen.de“ benutzt. Dort wird also aus der alten „Zentrale“ heraus agiert, der Trägerverein ist im Boot und Sahra wird zum Hamburger Auftritt am 14.3. beglückwünscht.
  3. Eine Gruppe, die unter „Aufstehen- Wiki“ firmiert und die Webseite „Aufstehen-info“ betreibt. Diese will schnell einen Verein gründen und sich zu diesem Zweck in Bielefeld am 23.3. treffen. Hier stehen die namen Christoph Rust, Werner Noske, Gerhard Paul Nadolny, Guido Schulz. (Nach den Namen zu googeln, fördert Wunderliches zu Tage.)
  4. Ich weiß nicht, ob man Sahra und ihre Hamburger Enthusiasten als eigene Gruppe bezeichnen kann. Das Video ist bei der Tube unter „Aufstehen für ein soziales Land?“ leicht zu finden.

Mein Vertrauen hat keine dieser Gruppen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich einen Wettlauf gibt. Alles hängt von der Basis ab. Will sie sich einem Sieger in  die Armee werfen?

Die autonome Bais ist vorhanden. Sie ist nicht erledigt. Aber sie ist zahlenmäßig nicht stark, und – noch wichtiger – sie ist sich ihrer selbst nicht sicher. Monatelange Proteste zehntausender, nicht zentral geführter Gelbwesten – davon trennen uns Welten, trennen uns Jahrhunderte ganz eigener Entwicklung.

Doch dass ein ernsthaftes Sicheinlassen auf den Gedanken der DIREKTEN DEMOKRATIE heute in Deutschland unter „normalen Menschen“ möglich erscheint, das ist ein unglaubliches Ergebnis von sechs Monaten des Bemühens um „Aufstehen“. Schon deshalb hat es sich gelohnt. Und es wird sich für den Zeitraum, den ich überblicken kann, weiter lohnen.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Demokratie, Krise, Leben, Machtmedien, Mensch, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Lafontaine-Wagenknechts „Aufstehen“ ist gescheitert. „Aufstehen“ aber ist keineswegs erledigt.

  1. haimart schreibt:

    Das ist sehr bedauerlich. Wie im Leben des Brian spalten sich die linken Kräfte immer weiter und hassen sich am Ende mehr als den eigentlich Feind, den von oben. Auch wenn rechts einige Sonderlinge sich wieder abspalten, bleibt das Lager relativ stabil. Eine Lösung habe ich nicht, aber ich muss ja auch kein Maler sein um zu sehen, dass das Kunstwerk vergraut und schief hängt.
    https://haimart.wordpress.com/2019/02/04/vergraute-farben/

    Liken

  2. H.Bruehns schreibt:

    Nach meiner Erinnerung haben Fr. Wagenknecht oder Lafontaine niemals Hr. Macron als Vorbild erwähnt, Sanders, Mèlenchon, Jeremy Corbyn schon. Die Häme und Niedertracht in den Medien, von den Grünen, der SPD, den Gewerkschaften und aus den Reihen der eigenen Partei, das muss man erst mal aushalten. Kann gut sein, dass sie sich damit überfordert hat, was auch ihre lange Krankheit begründet aber ihr zu unterstellen, sie wolle nur ihren Sitz im BT behalten find ich schäbig. Passt eventuell in ihre Argumentation.
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=50147
    Der neoliebrale Anbietungsflügel der PDL Riexinger, Kipping, Lederer, Liebich, Ramelow unter Strippenzieher Gysi haben Fr. Wagenknecht gemobbt. Eine Aussage von Hr. Riexinger v. 2017:
    „Sahra ist leider nicht aufzuhalten als Fraktionsvorsitzende. Man kann sie nicht einfach abschießen. Sahra muss gegangen werden und daran arbeiten wir. Wenn wir sie immer wieder abwatschen und sie merkt, sie kommt mit ihren Positionen nicht durch, wird sie sicher von alleine gehen.“
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=40566
    Viele Anhänger von „Aufstehen“ bekunden ihre Solidarität mit Fr. Wagenknecht und ihren Mitstreitern Fabio De Masi, Sevim Dagdelen, Dieter Dehm. Ich hoffe „Aufstehen“ gelingt.

    Liken

  3. Pingback: Aufruf zweier Aufsteher* | opablog

  4. Wenn die Menschen nicht aktiv werden, und nur dann, kann es gelingen. Frei nach dem Motto : Wenn der Bus nicht fährt, dann sind wir der Bus. https://www.potsdam-aufstehen.de/2019/04/16/potsdamer-ostermarsch-2019-fuer-den-frieden/

    Liken

Schreibe eine Antwort zu haimart Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s