Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 3. Kapitel

Die anderen Tiere

Er verstand das alles nicht. Vielleicht waren Katzen einfach nur dumm? Oder sah er doch gar nicht aus wie ein richtiger Löwe? „Vielleicht aber wissen die anderen Tiere gar nicht, was ein Löwe ist“, versuchte er sich zu beruhigen.
Andere Löwen wurden sofort von allen Tieren als Löwen erkannt, manchmal gefürchtet, oft bewundert, selten geliebt aber immer geachtet. „Schau mal, ein toller Löwe!“, sagte ein Pferd zu ihm und zeigte aber auf einen anderen Löwen. Unserem Löwen blieb die Luft weg.
Aber vielleicht war dieses Pferd einfach zu vernagelt. Am besten versuchte er es einmal bei seines gleichen.

Er näherte sich einer kleinen Gruppe von Löwen, die in einer Ecke standen und debattierten. Er stellte sich einfach dazu, so als sei das ganz normal und wartete. Niemand beachtete ihn. Sie redeten sehr angeregt mit einander. Manchmal lachten sie, dann wieder schienen sie nicht einer Meinung zu sein. Warum sollte er nicht einfach mitreden?
„Ich bin übrigens auch ein Löwe“, sagte er laut mitten in den Redeschwall der anderen hinein. Niemand sah zu ihm hin. Niemand schien ihn gehört zu haben.
„Darf ich fragen, worüber die Herren sprechen?“, fragte er in seinem zweiten Versuch. Der eine Löwe sah kurz zu ihm hin und runzelte die Stirn. Er antwortete nicht. Er redete einfach sehr laut weiter und ignorierte unseren Löwen. Ja ihm war so, als würden sie sich noch dichter zusammenstellen, damit er keinen Platz mehr zwischen ihnen fände.
Jetzt ging es in dem Gespräch um die Frage, ob eine Kuh oder ein Schwein besser schmeckte. Man ereiferte sich sehr.
„Ich mag am liebsten Kälberfleisch“, platzte der Löwe mitten in die Diskussion hinein. Jetzt sahen alle vier auf und musterten ihn kurz und mit unfreundlichen Gesichtern.
„Hat Sie jemand um ihre Meinung gefragt?“, meine der eine Löwe und sah ihn abschätzende an. Dann wandte er sich wieder an die anderen: „Wo waren wir noch stehen geblieben?“
Und sie sprachen weiter, ohne sich im Geringsten um diesen fünften Löwen zu kümmern, der da neben ihnen stand. Als er schließlich leise davon schlich, merkte es keiner von ihnen.
Was sollte er tun? Er war verzweifelt. Er stand da und dachte bei sich: „Sie wollen einfach nicht sehen, dass ich ein Löwe bin. Genau wie meine Mutter. Sie gönnen es mir nicht. Sie wollen mich kränken. Sie haben einfach beschlossen, mich zu ignorieren“.

Der Löwe wurde sehr wütend, aber seine Wut machte alles nur schlimmer. Dann schließlich begann er sogar daran zu zweifeln, ob er überhaupt wirklich ein Löwe war. Er selbst wusste es natürlich. Aber warum sahen die anderen es nicht?

Da fiel ihm wieder die Katze ein und er wurde sehr traurig.

So ging das Jahr dahin. Der Löwe aber wurde seinen Ärger nicht mehr los. Wenn er einen Vogel sah, dachte er wütend, „Kann ich das nicht auch?“ Und er hatte keinen Blick für die Eleganz, mit der die Vögel am Himmel kreisten. Wenn er eine Grille hörte, so dachte er traurig an seine einsamen Opernarien. Und er hörte dem Gesang der Grillen in den warmen Sommernächten nicht zu, sondern schimpfte, weil sie ihn am Schlafen hinderten. Wenn er andere Löwen brüllen hörte, verschlug es ihm vor Neid die Sprache. Er wusste zwar, das konnte er auch. Aber er fürchtete, dass es die anderen Löwen doch besser konnten und er wollte sich nicht blamieren. Wenn ein Hund daherkam und einen dicken Knüppel im Maul mit sich trug, dachte er grimmig, dass er sehr viel stärker sei. Aber er hatte keine Lust mehr, es zu zeigen. Und so glaubten die Hunde, die ihm begegneten, dass er nicht einmal dicke Äste tragen könne wie sie. Wenn er beobachtete, wie der Pelz des Luchses in der Morgensonne glänzte, strich er sich missmutig über sein eigenes wunderbares Fell.

So machte das Leben keinen Spaß.

Und da es bald Winter sein würde, zog er sich zum Nachdenken in eine Höhle zurück. Oft dachte er an die Katze.

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Leben, Literatur, Mensch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s