geliebte deutsche Sprache

Ich  bekenne, dass mir unsere deutsche Sprache wirklich am Herzen liegt.

Auf der Rückseite meines völlig zerlesenen Reclam-Bändchens von Hölderlin-Gedichten aus dem Jahr 1964, herausgegeben von Günter Mieth, drückt der Dichter Johannes R. Becher seine Bewunderung Hölderlins so aus: „Als vollendete Sprachgebilde, deutsche Sprachwunder, erscheinen mir manche Gedichte Hölderlins, so zauberhaft gebaut, als hätte sie kein Mensch, sondern die Sprache selbst erschaffen. Sprachkristalle, ein Funkeln von Worten, ein Glanz, der bis in das Innerste hinein die Schönheit der Sprache durchsichtig werden läßt… Bis heute ist nichts Ähnliches in deutscher Sprache wieder erstanden.“

Bechers Wendung: „als hätte sie … die Sprache selbst erschaffen“ hat sich mir unvergesslich eingeprägt. Die Sprache als eine Erschaffende nötigt uns zu Respekt und Bescheidenheit, natürlich zu Bewunderung und zur Fürsorge…

Freilich, Sprache, die Schaffende, ist andererseits kein Porzellanpüppchen. „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Seien wir auf „Du und Du“ mit ihr. Sorgsam mit ihr umzugehen, bedeutet nicht, ihr jeden Wildwuchs oder gar Auswuchs zu verzeihen.

Von der Sprache sich Losreißen heißt, sich vom Mitmenschen losreißen.

Deshalb habe ich die Widerstandsaktion „Stop der Gendersprache!“ sofort unterstützt und unterstütze auch den zweiten Aufruf „Gegen den Gender-Unfug“. Letzteren, weil er etwas ausführlicher argumentiert, stelle ich hier im Wortlaut ein. Übrigens habe ich mich beim Initiator, dem „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) angemeldet, zunächst mal als Interessent für mehr Informationsmaterial.

„Hört auf zu gendern!

Eine Petition der AG Gendersprache im VDS e. V.

Nach über zwanzig Jahren Geschlechter-Gleichstellung (Gender Mainstreaming) werden die Vorstöße der Gender-Lobby immer dreister (siehe Gender-Verwaltungsakt von Hannover 2019). Dortmund will folgen.

Wir verbitten uns den Eingriff von oben in unsere Sprache. Die staatlich verordnete Indoktrinierung darf nicht Schule machen. Sprache darf kein Spielball politischer Interessen werden.

Wir wollen uns nicht an den Gender-Neusprech gewöhnen. Deshalb fordern wir alle Mitbürger auf, aktiv dagegen zu protestieren und entsprechende Richtlinien, Verordnungen und Vorschriften scharf zurückzuweisen. Insbesondere soll die Stadt Hannover ihren Gender-Verwaltungsakt zurücknehmen und die Dortmunder Verwaltung die Finger vom Gendern lassen. Der Bund soll mit den Milliarden-Etats, die dem unsäglichen Gender-Mainstreaming zufließen, die Zivilgesellschaft stärken und in gemeinschaftsstiftende Projekte investieren.

Begründung

Sprache macht uns Menschen einzigartig. Sie ist Ausdruck des Denkens und Fühlens, stiftet Identität, unterscheidet und verbindet uns. Sie ist ein historisch gewachsenes Ausdrucksmedium, das stetig verwandelt wird — durch unser aller Gebrauch: Wir denken und dichten, schreiben und schäkern, verhöhnen und versöhnen uns in diesem Medium. Politik und Verwaltung versuchen leider, unser Sprechen und Denken und damit unsere soziale Wirklichkeit per Dekret zu überformen.

Nach über zwanzig Jahren Geschlechter-Gleichstellung (Gender Mainstreaming) werden die Vorstöße der Gender-Lobby immer dreister (siehe Gender-Verwaltungsakt von Hannover 2019). Dortmund will folgen. Die Gender-Ideologie ist auf dem Vormarsch zur Staatsdoktrin. Fundamentalistische Feministinnen und Queer-Theoretiker haben den Diskurs gekapert und erweisen mit ihrer Impertinenz dem Kampf um die Rechte von Frauen und Minderheiten einen Bärendienst. „Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode“: Lehrpläne von Schulen und Universitäten werden „gendergerecht“, Schüler und Studenten werden unrechtmäßig zum Gendern gezwungen, Verlage gendern Neuauflagen von literarischen Klassikern. Öffentlich finanzierte Leitfäden beten uns vor, wie wir schreiben, sprechen und denken sollen, „1984“ mit seinem „Neusprech“ lässt grüßen.

Die deutsche Sprache ist nicht „ungerecht“. Sie benachteiligt niemanden. Die Endungen in Gruppen- und Sammelbezeichnungen wie „Bürger“, „Verbraucher“, „Radfahrer“, „Organisator“ usw. sind mitnichten männlich. Gemeint (nicht nur „mitgemeint“) sind alle Mitglieder der genannten Gruppe, ganz unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht, das dabei entweder unbekannt oder unerheblich ist! Diese Endungen durch Binnen-I, Genderstern, Unterstrich, Verlaufsformen und permanente Wiederholung von Geschlechtszuweisungen resp. sexuellen Orientierungen zu ersetzen, macht unsere Sprache grotesk: Bürgerinnen und Bürger, Christinnen und Christen, Zu Fuß Gehende (statt Fußgänger) ProfessX (statt Professor), Studierendenheim, „Abteilungsleiterinnen m/w/d“, „Jurist_in“ bzw. „eine gut ausgebildeter Juristin gesucht“…

„Geschlechtergerechtes Sprechen“ ist ein unmögliches Unterfangen, denn Geschlecht und Gerechtigkeit gehören verschiedenen Kategorien an. Gerechtigkeit bedeutet nicht Ergebnisgleichheit. Sie bedeutet Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln, bei strikter Rechtsgleichheit vor dem Gesetz. Geschlechtsunterschiede sind biologisch begründet und müssen anerkannt, nicht ausgemerzt werden.

Wir haben die Faxen dicke! Gendersprache spaltet Worte, Gemüter, unser Sprachhandeln, und letztlich die Gesellschaft: Beim Aussprechen der verque(e)ren Wortungetüme sollen wir kurz innehalten, um die Geschlechterkluft (Gender-Gap) hörbar zu machen. Das ist ein tiefer Eingriff in Köpfe, Körper, Persönlichkeitsrechte und gewachsene soziale Kommunikationsstrukturen! Und wer sich dagegen verwehrt, wird von den Aposteln der Vielfalt reflexartig als rechtsradikal, antifeministisch, homophob, rassistisch, antisozial, antidemokratisch, fremdenfeindlich und ewig gestrig verleumdet. Das nehmen wir nicht länger hin. Wir stehen für eine lebendige, menschliche, Sprache ein, in der wir ausdrücken, was wir denken und klar benennen was wir wollen.

Machen Sie mit, unterschreiben Sie unsere Petition!“

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3 Antworten zu geliebte deutsche Sprache

  1. Detlev Matthias Daniel schreibt:

    Seit Jahrtausenden fristet Sprache als menschliches Gemeingut ein anarchisches Dasein im Zentrum der Gesellschaften. Bestrebungen, sich ihrer zu bemächtigen, um sie als Herrschaftsmittel zu instrumentalisieren, hat es wohl schon immer gegeben, die Erfolge von Sprachregelungen aller Art indes blieben immer begrenzt und von nicht nachhaltiger Dauer. Daß es ausgerechnet „emanzipatorische“ Bewegungen sind, die in unseren Tagen einen Großangriff auf diesen Hort der Anarchie reiten, scheint auf den ersten Blick ein Treppenwitz der Kulturgeschichte. Schaut man genauer hin, entlarvt sich diese Bewegung aber als eine kleingeistige und erstaunlich autoritätshörige solche.

    Schon mal darüber nachgedacht, was dieses Attribut „emanzipatorisch“ eigentlich aussagt? Warum heißt es nicht einfach „emanzipierend“? Eben, weil es nicht darum geht, sich selbst, sondern eine Bevölkerungsschicht, eine gesellschaftliche Gruppe in der besten Tradition ihrer Bevormundung zu emanzipieren – durch selbsternannte „Emanzipatoren“ und natürlich „Emanzipatorinnen“. Autoritäre Bevormundung anderer als Weg zur eigenen Aufwertung – zum eigenen Selbstbewußtsein. Man könnte das auch als Mißbrauch bezeichnen. Welch Wunder, daß die Linken den Liberalen und Neoliberalen keinen eigenen positiven, erweiterten Begriff von Freiheit entgegensetzen können! So bleibt Freiheit als gesellschaftliches Konzept in linken Kreisen zumindest hochgradig ambivalent konnotiert.

    Natürlich ist es richtig, daß sprachliche Strukturen und Muster auch eine Wirkung auf das Denken und die Vorstellungswelten der Menschen haben. Das ist das Maslowsche Gesetz des Werkzeugs. Die Idiotie aber ist das mechanistisch-technokratische Denken, das hier die politische Agenda bestimmt. Wenn du die Eier blau anmalst, werden daraus trotzdem keine blauen Küken schlüpfen. Es ist bei allem mehr noch das Denken, das sich die Sprache gestaltet, als andersherum. Und es wird jede erzieherische Eingrenzung im Nu kreativ überwinden, wenn dies seinem Bedürfnis entspricht. So hat es sich als aussichtslos erwiesen, das Ansehen körperlich, geistig oder sonstwie benachteiligter Menschen aufzuwerten und Diskriminierung zu überwinden durch entsprechende Sprachregelungen. Erst die umfassende Änderung des Bewußtseins *und* der gelebten gesellschaftlichen Praxis führt auch zu einer Veränderung der Erfahrungen und der Begrifflichkeiten – nicht nur der Worte.

    Dann wird sich wahrscheinlich auch Sprache verändern, wie sie es immer getan hat – organisch, autopoetisch, evolutionär. Indem sie Ausdrucksformen entwickelt, die die Gedanken besser, eleganter, treffender zum Ausdruck bringen können und die dem Kommunikationsbedürfnis der Menschen zum gegebenen Zeitpunkt entsprechen. Da ich mir nicht anmaße, darüber zu entscheiden, wer wann welches Bedürfnis hat, sollen doch die Menschen, soweit es ihrem Bedürfnis entspricht, versuchen, sich in gutturalen Gendersternchen zu üben – solange sie die tatsächliche Entwicklung der sprachlichen Konvention der Sprache selbst und ihrer inhärenten Ausdrucks- und Überzeugungskraft überlassen.

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    • Frieder Kohler schreibt:

      Das o.a. Gendersternchen führte mich zu meinem Not- und Hülfsbüchlein (Aphorismen von Lichtenberg), das folgenden Satz des Meisters enthält:“Man kann wirklich nicht wissen, ob man nicht jetzt im Tollhaus sitzt.“ Zu „Die Wörterwelt“ und „Das Wahrheitsgefühl“ hatte ich mit Fragezeichen „Verhunzdeutschen. (W)Er hat es verhunzdeutscht“ notiert – als Dank gebe ich diese Zeilen weiter.

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  2. Jo Bode schreibt:

    http://m.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gender-debatte-wer-ist-hier-hysterisch-kolumne-a-1257414.html#ref=recom-outbrain

    Sehr schönes Beispiel, wie am Problem vorbeigeredet werden kann.
    Das Problem sind die Leute, die sich gegen verhunzte Sprache wehren! Her mit dem Dreck!

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