Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 2. Kapitel

Die Begegnungen mit der Katze

Eines Tages sah der Löwe von weitem die Katze im Gras an einer Wegkreuzung liegen und zerbrach sich den Kopf: Ob ihn die Katze sehen würde? Ob sie überhaupt wusste, wer er ist? Vielleicht hatte sie ja auch Angst vor ihm, immerhin war er fünfmal so groß wie sie. Ob sie ihn schön finden würde und stark? „Vielleicht übersieht sie mich auch einfach, wie die anderen alle. Vielleicht denkt sie auch, ich sei eine Maus“?

Der Löwe ging etwas zögernd den Weg weiter auf die Katze zu. Die hatte die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.

Als er auf ihre Höhe gekommen war, schaute er sie erwartungsvoll an, aber die Katze rührte sich nicht. Er hustete. Aber die Katze sagte nur: „Geh mir aus der Sonne“, ohne die Augen aufzumachen.
Der Löwe zog beleidigt und verletzt seines Weges.

Am nächsten Tag aber kam er wieder. Er wollte es einfach nicht glauben, dass es wieder so gehen würde wie schon mit den anderen Tieren. Dieses Mal ging er ohne zu zögern den Weg weiter auf die Katze zu. Er war entschlossen, ihr dieses Mal klarzumachen, wer er war.
Die Katze hatte auch heute die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe kam, sagt er: „Hallo, ich bin ein Löwe.“ Aber die Katze öffnete nur ein Auge und murmelte. „So? Schön für dich. Aber geh mir aus der Sonne.“
Der Löwe stand völlig hilflos da. Schließlich ging er weiter. Seine Schultern hingen schlaff herunter. Er verstand es nicht, warum die Katze so unbeeindruckt blieb. Er war wieder ein bisschen beleidigt und verletzt. Vor allem aber war er ratlos.

Am nächsten Tag wollte er es noch einmal versuchen. Und heute war der Löwe zum Kampf entschlossen. Heute würde er ihr endlich klar machen, wer er sei und was er könne. Dieses Mal rannte der Löwe auf die Katze zu. Die hatte die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe gekommen war, rief er ihr mit tiefer Stimme zu: „Hey, mach gefälligst die Augen auf! Vor dir steht ein Löwe, dumme Katze!“ Die Katze musterte ihn kurz und sagte gelassen: „Ich kenne viel größere Löwen“, und schloss die Augen wieder.
Jetzt war der Löwe richtig böse. Er hätte brüllen können vor Wut. Er rannte davon, laut fluchend und zutiefst erregt. Aber je länger er darüber nachdachte, was ihm geschehen war, wurde er wieder mutlos. ‚Warum lässt sich diese blöde Katze überhaupt nicht beeindrucken?‘, überlegt er. Und dann fuhr durch ihn ein großer Schreck: Vielleicht war er doch nur eine Maus?

Aber er wusste es doch genau, dass er ein Löwe war! Er musste es noch einmal probieren.
Der Löwe ging beim nächsten Mal ganz langsam auf die Katze zu. Die hatte wie immer die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe angekommen war, sagte er mit verletzter Stimme: „Warum schaust du mich nicht an? Bin ich etwa eine Maus und kein Löwe?“ Die Katze öffnete die Augen und betrachtete ihn kritisch von oben bis unten an. Dann sagte sie: „Woher soll ich das denn wissen. Ist ja wohl dein Problem!“ Und sie schloss wieder die Augen.
Der Löwe ging kleinlaut davon. Jetzt traute er sich nicht einmal mehr, den Weg zu gehen, an dem die Katze immer lag. Aber die Sache ließ ihm keine Ruhe.

Deshalb hielt er sich in den kommenden Tagen in der Nähe auf und beobachtete aus einem Versteck die Katze und den Weg und alle, die da vorbeikamen.

Als er den dritten Tag auf der Lauer lag, sah er, dass auf dem Weg ein anderer Löwe daher kam und munter auf die Katze zulief. Bei der Katze angelangt, blieb er stehen und rief aus: “Oh, eine Katze, ein wunderschönes Tier!“
Unser Löwe konnte aus seinem Versteck heraus sehen, wie die Katze die Augen öffnete und sich langsam aufrichtete.
„Oh, guten Tag, das hört man gerne! Wer bist du?“
„Ach ich bin auch eine Katze, ein bisschen größer vielleicht, man nennt mich Löwe. Aber ich finde euch kleinere Katzen eigentlich viel eleganter als uns Löwen!“ Die Katze plusterte sich mächtig auf und legte den Kopf ein wenig schief:
„Ach, das ist nett gesagt, Herr Löwe. Aber ich bitte sie, ein Löwe, das ist doch ein ganz anderes Tier als unser einer.“
„Aber sagen Sie das nicht, Frau Katze, wir sind schließlich doch verwandt, nicht wahr?“
„Ja schon“, meinte die Katze geschmeichelt, „aber wenn ich so groß wäre, dann wüsste ich was ich täte.“
„So, so, was täten Sie denn dann?“
„Ich ginge rüber zum Bauernhof und würde die beiden großen Hunde mal so richtig ärgern. Die jagen mich immer auf den Baum, wenn sie mich sehen, die gemeinen Jiffel.“
„Ach liebe Frau Katze, wenn ich Ihnen da behilflich sein kann. Wenn Sie wollen, gehen wir zusammen gleich mal hin.“

Die Katze sprang munter auf die Beine und rief erfreut: „Das ist ja wunderbar, einen Löwen als Freund zu haben. Das eröffnet einem ganz neue Welten!“

Der Löwe in seinem Versteck kam aus dem Staunen kaum noch heraus.

Die Katze und der andere Löwe aber liefen zusammen zum Dorf, wobei der Löwe ganz langsam ging, damit die Katze ihm folgen konnte. Als die beiden ganz nahe an seinem Versteck vorbeikamen, hörte er, wie die Katze vertraulich zu dem anderen Löwen sagte. „Wissen Sie was, Herr Löwe? Hier ist in der letzten Zeit schon mal ein anderer Löwe herumgegeistert. Aber glauben Sie, der hätte mir je seine Hilfe angeboten?“

Der Löwe blieb noch eine Weile verblüfft in seinem Versteck.
„Also hat mich die alte Katze doch gesehen und wusste ganz genau, dass ich ein Löwe bin!“ Ein bisschen beruhigte ihn diese Erkenntnis. Immerhin. Aber warum hatte sie es nicht zugegeben?

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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Eine Antwort zu Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 2. Kapitel

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Schön diese Geschichte für Kinder, aber auch für Erwachsene.
    Unterhaltung, Lebensklugheit und Empathie, wenn das zusammenkommt,
    haben reine Zerstreuungs- und Ablenkungsmedien das Hintertreffen.
    So wird Denken und Fühlen gefördert, wo glatte digitale Lernprogramme
    nur lehren, wie man ticken soll.
    Digitale Recherchen sind Werkzeug und Info-Lieferanten, mehr nicht.

    Liken

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