Löwe oder Maus, das ist die Frage

Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte

1. Kapitel

Als er noch ganz klein war und bei seiner Mutter lebte, wusste der kleine Löwe nicht, was für ein Tier er eigentlich werden sollte.
„Du bist eine Maus“, sagte seine Mutter zu ihm. Sie zog ihm ein graues Kostüm über das Fell, auf das zwei spitze Ohren und hinten ein kleines dünnes Schwänzchen genäht waren. Und vor sein Gesicht band ihm die Mutter eine graue Mausmaske mit kleinen schwarzen Punktaugen und einem spitzen Schnäuzchen. Der kleine Löwe konnte durch kleine Löcher der Maske hindurchsehen, aber er fühlte sich beengt und unwohl in diesem Kostüm.
„Aber du, du bist doch ein Löwe, Mama! Warum bin ich dann nicht auch ein Löwe“, fragte der kleine Löwe enttäuscht.
„Weil du eben eine Maus bist. Sieh mal, ich bin ein Löwe und als ich so klein wie du war, da blieben die Leute auf der Straße stehen und riefen entzückt: ‚Was für ein niedlicher kleiner Löwe!‘ Bei dir bleiben die Leute nicht stehen. Wegen einer Maus macht eben niemand so ein Getöse.“

Wenn der kleine Löwe in den Spiegel sah, schaut ihn eine graue Maus an. Aber manchmal zog er heimlich die Maske vom Gesicht weg und schon lächelte ihm ein nettes Löwengesicht entgegen. Er verstand die Welt nicht mehr. Warum bloß wollte seine Mutter aus ihm eine Maus machen? Aber seine Mutter ließ nicht locker. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht sagte:
„Du bist eben bloß eine Maus und das ist nichts Besonderes, denke daran!“
Und da die Mutter eine sehr geschickte Schneiderin war, machte sie ihm jedes Jahr zu seinem Geburtstag ein neues Mauskostüm, denn er wuchs immer wieder aus dem alten Kostüm heraus.

Als er eines Tages verbotenerweise durch das Schlüsselloch ins Zimmer seiner Mutter schaute, während die sich für das Bett fertig machte, staunte er nicht schlecht. Da zog sie doch tatsächlich an ihrer Löwenmähne und auf einmal schaute er in ein Gesicht mit kleinen schwarzen Kulleraugen und einer spitzen Schnauze. Und kurz drauf stand sie sogar ganz nackt da, es war, als würde sich die Mutter häuten: Aber jetzt sah er es richtig: Sie war nicht nackt, sie hatte nur kein Kostüm mehr an und war auf einmal nichts anderes als eine große fette Maus.
Der kleine Löwe staunte.
Dann stellte er sich ohne seine Mausverkleidung vor den Spiegel und besah sich dieses Mal lange und genau. Was er sah, war noch immer ein kleiner Löwe, der ihm zunehmend gefiel. Und er war sich von Tag zu Tag sicherer: er war in Wirklichkeit doch ein Löwe.

Was sollte er tun? Der kleine Löwe beschloss, sich heimlich ein Versteck zu suchen, wo er, ohne dass ihn die Mutter oder irgendjemand auf der Welt dabei sah, ganz ohne Kostüm und Maske herumtollen konnte. Dort aber übte er nun fast jeden Tag heimlich für sich all das, was ein richtiger großer Löwe können sollte. Er putzte sein dichtes Fell, er riss sein Maul auf, um gewaltig zu brüllen, er probte und trainierte seine Löwenkraft. Und tatsächlich wurde so mit der Zeit aus dem kleinen Löwen ein beachtlicher großer Löwe. Dass er nur für sich selbst ein Löwe sein durfte, daran gewöhnte er sich allmählich. Und bevor er heimging, zog er immer das Mauskostüm wieder an.
Wenn er in seinem Mauskostüm herumlief, dann trippelte er wie eine kleine Maus, piepste wie eine kleine Maus und huschte unauffällig um die Ecken. Das hatte er bei seiner Mutter gelernt. Und tatsächlich schien die auch jetzt nicht zu merken, dass er eigentlich längst ein richtiger Löwe geworden war. Für sie blieb er die Maus.
Und auch sonst ahnte in dieser Zeit kaum einer um ihn herum, was eigentlich in ihm steckte, denn ein Löwe war er eben nur in seinem geheimen Verließ.

Was ein Löwe so alles können musste, das lernte er schnell. Der kleine und inzwischen gar nicht mehr so kleine Löwe war sehr stolz darauf, was er alles konnte und gelernt hatte und sein Stolz wuchs immer weiter, geradezu in den Himmel hinein. Weil aber niemand da war, der ihn loben konnte, war auch keiner da, der ihm sagen konnte, dass auch ein Löwe nicht alles kann.
Und so kam es, dass er schließlich glaubte, Löwen könnten noch ganz andere Sachen, wie zum Beispiel Singen. Und auch das wollte er als richtiger Löwe nun lernen. Wenn er leise vor sich hin brummte, meinte er schon nach kurzer Zeit, dass seine Stimme herzzerreißend und wohltönend sei wie die von Orpheus. Und da niemand da war, der ihn auf diesen Irrtum hinweisen konnte, glaubte er bald wirklich, ein wunderbarer Sänger zu sein.
Jahre später, als er erwachsen war und nicht mehr bei seiner Mutter wohnte, war es dann soweit. Er zog das Kostüm einfach nicht mehr an. Jetzt endlich konnte er zeigen, wer er war und was er konnte. Nun würden sie erkennen, wer er in Wirklichkeit war!

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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