Massen. || Bewegung.

Die beiden Begriffe umreißen ein weites Feld.

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Eine Position von Marx hierzu (1843/44) ist ziemlich bekannt: „auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“. Obwohl ich Marxens gesamten Gedanken jetzt nicht diskutieren will, zitiere ich noch einmal über den einzelnen Satzteil hinaus. Vielleicht regt es den Einen oder Anderen an:

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“ (Quelle)

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Lenins gesamtes theoretisches und praktisches Wirken war („bekanntlich“ hätte man früher gesagt) darauf gerichtet, die Volksmassen aufzuklären, zu organisieren und zu mobilisieren und ihnen den Weg zu einer „höheren Bindung“ zu weisen. Sein Vermächtnis ist bis heute nicht ausgeschöpft; heute vielleicht weniger, denn je. Und vor allem ist es nicht auf eine Stufe gehoben, die der heutigen Zeit entspricht.

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So geschichtsmächtig die Massen sind, die sich von einer richtigen Idee oder Theorie leiten lassen, so ohnmächtig sind sie ohne Idee und so zerstörerisch können sie wirken, wenn sie falschen Wegweisern folgen. Historische Beispiele für jede der Varianten sind verfügbar. Besonders „das Schweigen der Lämmer“, die Passivität der Massen, wo doch ihr entschiedenes Eingreifen bitter notwendig wäre, ist seit einiger Zeit fast zum geflügelten Wort geworden.

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Ich vermute, dass die Massen (und auch ihre agilsten Vertreter) heute, nach der epochalen Selbstzerstörung der stalinistischen Sozialismusvariante, in einer bösen Falle gefangen sind. Sie heißt: Repräsentativdemokratie. Die Volksmassen sind gefesselt in einer Diktatur (oder genauer: Oligarchie), die sie mittels eines Systems des Abgebens ihrer Stimmen an Parteien/Personen äußerlich stützen. In Wahrheit legitimiert sich das System selbst und prägt zunehmend neofeudale Züge aus.

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Die traditionell erklärten Verfechter der Volksinteressen, die Parteien und Organisationen links der Mitte, gehören zu den größten Nutznießern des Repräsentativsystems. Nicht zuletzt deshalb verteidigen sie es mit Entschiedenheit. Dabei spielt das schnöde Eigeninteresse einer Bonzenschicht eine beträchtliche Rolle aber auch die Denkschranken, die das (akzeptierte) Eingeschlossensein im Repräsentativraum setzt.

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Zur Zeit finde ich zwei Erscheinungen besonders interessant. Es ist ein sozusagen „Selbstaufzeigen“ von Massen, das weitgehend folgenlos bleibt.  140.000 Menschen haben den Aufruf „Abrüsten statt aufrüsten“ unterschrieben. Die Masse könnte größer sein, trotzdem: Die schiere Zahl ist beachtlich.

140.000 habe irgendwas signalisiert. Und was geschieht? Nichts. Die Masse hat sich geregt, in Minimalform, meist war es nur ein Mausklick. War es das? Auch die Erstunterzeichner und die „Verwalter der Kampagne“ scheinen kaum mehr zu wollen. Als Aktivität zählt, wenn du einen Bekannten findest, der ebenfalls einmal „Klick“ macht – Unterschriftenzahl vergrößern!

Gibt es denn gar kein politisches Ziel? Doch, es gibt eins: Rüstung kostet zu viel Knete! Wir brauchen das Geld dringender gegen die existentielle Bedrohung – den Klimawandel!

Ja, das sind nur zwei gallige Bemerkungen. Eine differenzierte Einschätzung der Aktionskonferenz „Abrüsten statt aufrüsten“ steht noch aus. Sie wird nachgereicht werden. Festzuhalten aber bleibt:

Einerseits: Eine Masse signalisiert eine gewisse Wachheit und – belässt es dabei. Andererseits: Ein Funktionärskörper hat eine Masse angesprochen (hat den Ausdruck diffuser Wachheit organisiert) und – belässt es dabei. MASSE und BEWEGUNG scheinen phantomhaft auf und bleiben auf je verschiedenen Planeten fixiert.

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Verblüffend ist, dass das geschilderte Ereignis gleich zweimal stattfindet. Die Sammlungsbewegung „Aufstehen“, noch fulmanter, bringt gar 160.000 Klicks auf die Waage. Und wieder geschieht von Seiten der „Verwalter der Kampagne“ fast nichts. Wörtlich kann ich, ohne allzu falsch zu liegen, den Schluss des letzten Absatzes hier wiederholen:

Einerseits: Eine Masse signalisiert eine gewisse Wachheit und – belässt es dabei. Andererseits: Ein Funktionärskörper hat eine Masse angesprochen (hat den Ausdruck diffuser Wachheit organisiert) und – belässt es dabei. MASSE und BEWEGUNG scheinen phantomhaft auf und bleiben auf je verschiedenen Planeten fixiert.

Hier liegt Stoff zum Nachdenken. Darauf wollte ich aufmerksam machen. Und ja, bevor empörte Kritik kommt: Über „Aufstehen“ muss und kann wirklich Differenzierteres gesagt werden.

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5 Antworten zu Massen. || Bewegung.

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Gerade fühle ich mich (hier) fremd. Habe ein paar Probleme zu lösen. Außerhalb des alltäglichen Wahns. Morgen Eines, sehr persönlich, aber lösbar. Nerven bewahren und runter mit den negativen Emotionen ist mein Plan. Dann 2 nervige Sachen, Juristisches mit dem wohl nur Wenige überhaupt konfrontiert sind. Es ist aufwändig, für Emotionen habe ich da gar keine Zeit. Der Rest sollte möglichst reibungslos und gewohnt laufen, das würde Nerven sparen. Ansonsten den Kopf aus dem Schlamassel recken, mal wieder Freudiges, gute Ideen, Kritiken und Hoffnungsvolles entdecken. Pessimismus, die böse Macht der Weltherrscher und nur noch die eine Chance des radikalen Aufruhrs mögen für Realismus stehen. Ich jedoch werde morgen das Eine, dann das Andere und so weiter angehen. Nichts Weltbewegendes, aber es könnte gut gehen und mir Hoffnung und Freude geben. Ich kenne aufgestaute Wut als gewalttätige Durchsetzungsphantasien. Das hatte immer etwas Lähmendes und ich bin froh, dem nicht verfallen, sondern das wieder losgeworden zu sein.

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  2. Lutz Lippke schreibt:

    Über ein paar Umwege fand ich Infos zu einem Arbeitspapier für die ARD zum moralischen Tracking äh Framing. Bisher habe ich es nur angelesen. Ich denke aber, dass es aus mehreren Gründen sehr interessant ist. https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard/

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  3. Pingback: MACHT was sie will | opablog

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