An Bord der Sea Watch 3

Schwimmst du noch oder ertrinkst du schon

Oder:

Von der Unmoral unserer Zivilisation in Zeiten der zunehmenden Menschenbewegung von arm nach reich und unsicher nach sicher.

von

Frank Dörner

Arzt auf der SW3

 

Heute ist der 16. Tag an Bord der SW3. Wir sind auf dem Weg zu einem weit entfernten Rettungseinsatz. Vermutlich werden wir in gut 10 Stunden dort eintreffen, wo wir bis dato ein mit etwa 100 Personen besetztes Schlauchboot vermuten. Die letzten gegebenen Koordinaten sind einige Stunden alt und es wird nicht einfach sein in einem großen Radius möglicher errechneter Punkte das Boot zu finden.

Ich stelle mir vor, wie sich die Menschen fühlen, vor allem die 12 Kinder. Sie sind vermutlich noch nie auf dem Meer gewesen und schon gar nicht so lange. Es ist wohl schon die zweite Nacht an Bord und die Situation soll sehr schlecht sein. Genaues wissen wir nicht.

Seit Stunden versuchen wir eine verantwortliche Stelle auszumachen, die sich um diese 130 Meilen entfernte Situation kümmert. Doch niemanden scheint das zu interessieren und daher macht sich unser langsames Schiff schnellstmöglich auf den Weg. Wir haben ein sogenanntes Mayday Relay abgesetzt, nach dem sind eigentlich alle in der Nähe des Unglücksortes befindlichen Schiffe verpflichtet, sich umgehend dorthin zu begeben. Bisher aber auch das ohne Antwort.

Eine ähnliche Situation hat es vor zwei Tagen schon gegeben. Wir hatten durch unser Suchflugzeug Moonbird zufällig mitbekommen, dass sich ein Schiff etwa 8 Stunden entfernt in großen Schwierigkeiten befand. Der Moonbird hatte die Kommunikation anderer Stellen mitbekommen, konnte aber selber die Situation nicht in Augenschein nehmen. Da auch hier niemand verantwortlich sein wollte, die Italienische Leitzentrale auf Libyen verwies, die wiederum in keiner Weise antworteten auf Anfragen, geschweige denn sich um Hilfe kümmerten, machte sich die SW3 auf den langen Weg. Unterwegs bekamen wir mit, dass ein italienisches Rettungsflugzeug wohl 2 kleine Rettungsinseln abgeworfen habe, da das Schlauchboot am Sinken war. Später hiess es weiter, dass sogar mit einem Hubschrauber noch drei Menschen gerettet werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt war die Nachricht schon über 8 Stunden alt. Acht Stunden in denen ein Schiff das dazu ausgerüstet ist mit einer Geschwindigkeit von 25 oder gar 30 Knoten 200 Seemeilen hätte hinter sich bringen können. Das bedeutet das sowohl von italien als auch Malta, als natürlich auch Libyen Rettungsschiffe längst hätten vor Ort sein können. So aber wurde diese Tragödie einfach hingenommen und als wir um Mitternacht die Position erreichten, war bis auf die beiden zurückgelassenen Rettungsinseln und der hölzernen Bodenplatte eines größeren Schlauchbootes nichts mehr zu finden.

Unser verzweifelter Versuch in der Weite des Meeres bei Mondschein noch Überlebende zu bergen war vergeblich. Wir suchten in immer größeren Kreisen rund um die Rettungsinseln mit unseren Lampen das Meer ab, ständig darauf gefasst plötzlich einer Wasserleiche ins Gesicht zu schauen. Aber auch die Toten waren offensichtlich weit auseinandergetrieben worden und so blieb uns diese Situation erspart.

Da die SW3 durch die europäische Politik der Abschreckung und der Kriminalisierung momentan das einzige Rettungsschiff im zentralen Mittelmeer ist, machten wir uns umgehend wieder auf den Weg um Frühmorgens möglichst wieder im Rettungsgebiet zu sein, wo wir vielleicht noch Menschenleben retten würden, obwohl wir uns im klaren waren, den Toten somit nicht mehr den nötigen Respekt erweisen zu können.

Und tatsächlich konnten wir 47 Menschen von einem seeuntüchtigen Schlauchboot bergen, die sich jetzt hier an Bord befinden. Vielleicht konnten so 47 weitere Tote verhindert werden. Und nun befinden wir uns wieder auf dem Weg in die entgegengestzte Richtung im Wettlauf gegen die Zeit.

Auch jetzt haben wir wieder viele Fluchtgeschichten gehört. Die Gründe das eigene Land zu verlassen variieren. Was aber alle Menschen hier gemeinsam haben sind schreckliche Erlebnisse auf der Flucht. Berichte über massivste Menschenrechtsverletzungen gibt es viele. Die oft sehr jungen Leute berichten zum Teil über Folterungen in Libyschen Lagern, über Erpressung und Gewalt in jeder Form.

Dies sind für uns alle in Europa keine Neuigkeiten mehr. Berichte dazu hat es mannigfaltig gegeben. Und gleichzeitig behaupten wir allen ernstes das ein Land wie Libyen, was sich in einem chronischen Machtkampf befindet, aus dem zunehmend auch die eigene Bevölkerung flieht, dass dieses Land ohne funktionierende Institutionen, die Verantwortung zur Abschreckung der fliehenden Menschen und der Koordination von Seerettungen haben soll?

Würde es sich um Andere handeln, so wäre das europäische, und ganz sicher zuerst das deutsche Urteil klar: sowas darf doch nicht gemacht werden. Das verstößt gegen Menschenrechte und bedeutet unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge. Vielleicht sogar Mord…

Aber die Zeiten scheinen sich soweit geändert zu haben, dass selbst die bloße Lebensrettung schon in Frage gestellt werden darf. Dabei sollte es doch so einfach sein: wir alle sind gleich und die Würde des Menschen ist unantastbar. Oder gilt selbst das nicht mehr?

Wir hoffen noch immer, dass sich für den akuten Notfall eine schnellere Hilfe anbietet als unserer, die noch so weit entfernt ist. Und selbst dann bleibt die Frage nach unserer eigenen Bereitschaft weiter einfach wegzusehen bestehen…

Dieser Beitrag wurde unter bloggen, Krieg, Krise, Leben, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu An Bord der Sea Watch 3

  1. Horst schreibt:

    Alle Menschen sollten sich beim Genuß von Fischen aus dem Mittelmeer fragen, von was sich diese Fische wohl ernährt haben. Aber würde das etwas an der Situation im Mittelmeer ändern? Vermutlich nein, nur manche würden vielleicht auf das Verspeisen der Fische verzichten. Ich habe den Eindruck, die Menschen sind abgestumpft.

    Gefällt mir

    • Hexenwahn schreibt:

      Kapitalgesteuerte Menschenströme … und DU bist Scheinlinks genug bei diesen Nepper, Schlepper, Bauernfängern mitzumachen?!
      Schämt EUCH! Allesamt!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s