Ein zu grober Gebrauch der deutschen Sprache

Chorprobe. Alle kennen sich seit langer Zeit. Alle beteiligen sich an Solidaritätsaktionen für Flüchtlinge, die in akuter Notlage sind.

A begeistert sich in letzter Zeit ganz besonders für Calypsos. Er schlägt vor (zum zweiten oder dritten Mal in kurzer Zeit) einen Calypso ins Programm aufzunehmen. Die Anderen mögen Calypso. Auf A’s Begeisterung reagieren sie freundlich und – klein wenig bedenklich. Ob wir das richtig „hinkriegen“? B meint: „Wir haben das nicht so im Blut.“

A muss jetzt entschieden aufklären: „Also, das ist auch Rassismus! Jeder von uns hat bestimmt mehr karibische Musik  gehört als Bach-Choräle. Aber wir glauben immer noch, die haben es anders „im Blut.““

Kleine Schrecksekunde.

Ich meine, dass es zweifach zu grob war.

A hat mit einer Kanone nicht auf einen Spatzen, auf eine Mücke geschossen. Die landläufige Formulierung der deutschen Sprache „Ihm/ihr liegt etwas im Blut“ hat nicht das Geringste mit Rassismus zu tun. Es tut mir buchstäblich weh, wenn so mit der bildhaften Lebendigkeit unserer Sprache umgegangen wird.

Die Sprache braucht Bilder, Umschreibungen, Übertreibungen usw usf, um tatsächlich bestehende Unterschiede – darunter auch tiefe Prägungen, die trotzdem gar nichts mit Rasse zu tun haben – auszudrücken.

Ja, wir können Calypso singen, obwohl keiner von uns den Belafonte im Blut hat. Nehmen wir die süße Frucht aus dem fremden Paradies und machen wir mit unseren nord-, ost- oder west(!)friesischen Stimmen etwas daraus, was uns und den Leuten von Flensburg bis Passau gefällt.

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9 Antworten zu Ein zu grober Gebrauch der deutschen Sprache

  1. fidelpoludo schreibt:

    Ich stimme völlig mit Dir hier überein:

    „Die Sprache braucht Bilder, Umschreibungen, Übertreibungen usw usf, um tatsächlich bestehende Unterschiede – darunter auch tiefe Prägungen, die trotzdem gar nichts mit Rasse zu tun haben – zu beschreiben.“

    Einzelne sprachliche Begriffe und Ausdrücke erfassen das Phänomen nie vollständig. Die Fähigkeit, mit Begriffen, Bildern usw. das Gemeinte zu umschreiben und einzukreisen, ist gefragt.

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    • Frieder Kohler schreibt:

      Nach einem Kapitel Schopenhauer (es regnete den ganzen Tag), las ich zur Entspannung „Herrn ZETTS Betrachtungen“ (H.M.Enhzensberger) und möchte aus der Nr.154 seine wertvollen Brosamen auszugsweise wiedergeben:
      „Schon wieder eine Polin! Lesen Sie das alles im Original?“ „Nein. wie bei anderen Sprachen bin ich auf die Übersetzer angewiesen. Ohne diese…wären wir arm dran, denn es soll ungefähr 5000 Sprachen auf der Welt geben. Diesen Reichtum finde ich übrigends erfreulich, auch wenn er Mühe bereitet.“ Und was ist so besonders an ihrer Dichterin?“ „Ihre Verse spreizen sich nicht, und doch ist jeder Satz eine Überraschung. Man versteht jedes Wort, auch in der Übersetzung. So was von altmodisch, und so was von einleuchtend! Wie sie nur darauf gekommen ist! Leider lebt sie nicht mehr….
      Wollen Sie (wollt Ihr, willst Du) etwas von ihr hören“
      „Das erste Foto
      Wer ist denn der Süße im Strampelanzug?
      Das ist der kleine Adi, der Sohn der Hitlers…
      Der Schnuller, die Windeln, das Lätzchen, die Rassel.
      Der Bub ist, gottllos und unberufen gesund…
      Na na, wer wird denn gleich weinen, gut so.
      Der Herr Fotograf unterm schwarzen Tuch macht klick.
      Klingersches Atelier an der Grabenstraße, Braunau…
      Solide Firmen, biedere Nachbarn,
      Geruch von Hefeteig, Kernseife und so fort…
      Der Lehrer für Weltgeschichte lockert den Kragen
      Und beugt sich gähnend über die Schülerhefte.“
      Zu diesem Ideen-Diebstahl empfehle ich den Lesern/Leserinnen des blogs die Nr.175_
      …“Man muß sich der Gedanken der anderen bedienen, weil die eigenen sich sonst im Kreise drehen!“
      Danke an ALLE für ALLES – und eine gute Zeit wünscht Frieder Kohler

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  2. Lutz Lippke schreibt:

    Das Problem des pathologischen Rassismus / Antirassismus beruht doch darauf, dass in diesem Denkklo die Gleichwertigkeit eine Gleichheit bedingt. Ungleiches ist demnach nicht gleichwertig und könnte diskriminiert werden. Also muss alles gleich sein.
    „Im Blut“ steht doch für eine bestimmte Mentalität, die tatsächlich personal und auch regional verschieden ausgeprägt ist. Ob die Mentalität nun tatsächlich auch durch Blut übertragen werden kann, sei dahingestellt. Was wir doch wohl alle kennen, ist, dass sogar eine exotische Mentalität im geselligen Zusammensein spontan übertragen werden kann. Manchmal sogar auf ganz, ganz steife Deutsche. Viel Spass und Erfolg mit der norddeutschen Variante des Calypso 😉

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    • Frieder Kohler schreibt:

      Guten Morgen – und schnell an den Kiosk! !ch zitiere aus https://www.sueddeutsche.de/wissen/moral-humor-1.4282184 – es gibt weitere An-Sichten zum Thema:
      „Besonders galt das, wenn die Späße kleine ethische Tabubrüche beinhalteten. Auf die Frage „Darf man darüber lachen?“ gaben sich die Spaßbremsen selbst die Antwort: „Nein, darf man nicht“. Offenbar stellt es das Selbstbild als guter Mensch infrage, über derbe Witze zu lachen. Aus anderen Studien ist bekannt, dass schon Gedanken an ethisch fragwürdige Taten dazu verleiten können, sich selbst Buße aufzuerlegen. Da vermeidet der tugendhaft Gestrenge also lieber gleich die Sünde des Gelächters, um keine Sühne leisten zu müssen“ .

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  3. Theresa Bruckmann schreibt:

    Auf den Schrecken hin habe ich mir „Wiener Blut“ von Johann Strauß angehört.
    Einmal wünschte ich mir zum Geburtstag eine Samba (am liebsten Brazil). Für
    mich ist das ein schöner Rhythmus und ich denke erst einmal nicht an den
    Karneval in Rio. Diese Leichtigkeit hinzukriegen und dabei so ordentlich wie
    einen Walzer oder Polka zu spielen, ist halt nicht einfach. Habe beim Googeln
    jetzt auch nicht viel Schönes gefunden. Karneval-Versionen habe ich allerdings
    ausgelassen.
    Jetzt habe ich doch gefunden, was mich mitreißt: Kuba-Musik, aber als Volks-
    musik in Kuba.

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  4. fidelpoludo schreibt:

    „Buena Vista Social Club“ Film von Wim Wenders: Unglaublich! Nie übertroffen!!

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    • fidelpoludo schreibt:

      Hier die im Film gespielte Musik: (zweiter Versuch, weil erster lückenhaft blieb)

      Aber ohne die mitreißende Geschichte des Aufbaus und der Zusammensetzung der Band aus alten (bis uralten) Veteranen uns Veteraninnen, die es von Ry Cooder zu motivieren, zusammenzustellen und „auf kubanisch lockere Art“ zu musikalischen Höchstleistungen zu bringen galt – Lebensschicksal und Lebensgeschichte jedes einzelnen Künstlers spielt dabei eine beeindruckende Rolle -, fehlt wohl das Entscheidende. Deshalb ist der Film mindestens kogenial zur in ihm erarbeiteten und gespielten Musik. Hier der Trailer zum Film:

      Den End- und Höhepunkt des Film ist wohl der Auftritt des „Buena Vista Social Clubs“ in New York:

      Weiter:

      und:

      „estas sao musicas inesqueciveis – para eternidade“

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  5. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke fidelpeludo,
    die kubanische Musik zum Film ist mir ein Vergnügen.
    Habe nachgedacht, was in Europa so sehr die Lebensart ausdrückt und fand dieses:

    und das:

    und hier dirigiert Theodorakis vom Rollstuhl aus im Griechenland von 2016:

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