Aufstehen, um sich als neue Bürgerbewegung zu finden.

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„Aufstehen“, das sagt schon das Wort, zieht sich nicht lange hin. Es ist normalerweise Sache eines Augenblicks. Als politische Programmatik ist der Begriff schnell erschöpft. Die Initiatoren von #aufstehen haben den Kompromiss gefunden, mit einem recht weit (ziemlich diffus) formulierten Gründungsaufruf zu starten, während das eigentliche Programm in einem Prozess breiter demokratischer Diskussion erarbeitet werden sollte.

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Wer nun erwartet hatte, dass diese Diskussion von der ersten Stunde an #aufstehen prägen würde, sieht sich bitter enttäuscht. Zu den Grundfragen der Bewegung gibt es nicht nur keine Diskussion. Es gibt noch nicht einmal eine DiskussionsMÖGLICHKEIT. Interne Kommunikations- und Informationsstrukturen, sowie Entscheidungsverfahren, wenn es sie den gibt, sind völlig intransparent. Das Nötigste dazu ist in diesem Offenen Brief gesagt.

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Trotz dieser Situation gibt es in regionalen und lokalen Gruppen lebendige Diskussionen vieler engagierter Menschen. Wir in Oranienburg waren bei unserem ersten monatlichen Treffen 12 Personen, beim zweiten 23 und jetzt beim dritten im Dezember 18 Personen. (Es gab noch ein allererstes, sozusagen halböffentliches Treffen mit vier Personen.) Wir haben drei Arbeitsgruppen gebildet (Soziales, Umwelt, Frieden), haben einen Stammtisch und bereiten einen Info- und Aktionsstand vor, den es ab Februar (monatlich?) mitten in Oranienburg geben soll.

Ungeachtet dieser konkreten Aktivitäten und sie ergänzend habe ich mir einige weitere Gedanken über #aufstehen gemacht.

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Wir brauchen eine wirkliche Bürgerbewegung und #aufstehen kann die Chance sein, Schritte in diese Richtung zu gehen. Eine solche Bürgerbewegung besteht nicht darin, dass „ein charismatischer Führer“ mittels Fatzebuck und dergl. eine Masse Mensch hinter sich versammelt. Die Bewegungen Syriza, Bernie Sanders oder en marche (Macron) mögen einzelne Elemente von Bürgerbewegung enthalten, sind wesentlich aber Herdenauftrieb innerhalb des parteipolitischen Spiels. Andere Bewegungen, etwa Podemos, Corbyn, 5 Sterne, müssten eingeschätzt werden.

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Eine wirkliche Bürgerbewegung besteht aus dauerhaft lebendig vernetzten Basisgruppen, die selbstorganisiert sind. Sie hat keine ständigen Führerinnen und Führer, gibt sich aber zeitbegrenzt und aufgabenabhängig Führerinnen und Führer, die JEDERZEIT rechenschaftspflichtig und abrufbar sind. Mittels Vernetzung beschränken sich die lokalen und regionalen Basisgruppen NICHT auf lokale und regionale Probleme. Bei entsprechendem Entwicklungsstand können sie unmittelbar (also ohne Vermittlung über Parteien) politische Akteure werden.

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Als Bürgerbewegung garantiert die Bewegung ohne jede Einschränkung die bürgerlichen Grundrechte und -freiheiten und baut diese den digitalen Möglichkeiten entsprechend, die in rasanter Entwicklung sind, energisch aus. Damit, dass die bürgerlichen Grundrechte und -freiheiten ein substantieller Wert dieser Bewegung sind, unterscheidet sie sich grundlegend von allen bisherigen realsozialistischen und -kommunistischen Emanzipationsversuchen.

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Ziel dieser neuartigen Bürgerbewegung ist „der Mensch“, d. h. der wirkliche Mensch in seinem praktischen, materiellen und geistigen Lebensprozess, eingebettet in die Natur und in die Generationenfolge. Zur wirklichen Förderung des Menschen schreibt sie sich weder die Abschaffung jeglichen Privateigentums an Produktionsmitteln, noch die Bewahrung und Förderung jeglichen Privateigentums an Produktionsmitteln auf die Fahne. Sie ist damit weder rechts noch links im herkömmlichen Sinne.

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Das wirkliche Wohlergehen und die wirkliche Förderung jedes Menschen ist Ziel und Zweck und gesamter praktischer Tätigkeitsinhalt dieser Bürgerbewegung. Alle politischen UND ÖKONOMISCHEN und kulturellen Maßgaben der Gesellschaft (die wesentlich als Staat ihrer souveränen Bürger organisiert ist) sind diesem Zweck untergeordnet.

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3 Antworten zu Aufstehen, um sich als neue Bürgerbewegung zu finden.

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Das mit dem organisierten „Aufstehen“ berührt einen wunden Punkt meiner Sozialisierung. Von klein auf wurde ich ohne viel Eigeneinsatz und Überzeugungskraft organisatorisch bewegt: Jungpioniere, Thälmann-Pioniere, FDJ, DSF, FDGB. Der Rest blieb mir erspart. Es war keine Schinderei, aber es hatte auch etwas Unfreiwilliges. Positiv blieb mir das Altstoffsammeln nach dem Vorbild von Timur und sein Trupp in Erinnerung. Ein Klassenwettbewerb um das beste Sammelergebnis, Urkunden und sicher auch einen bunten Pioniernachmittag. Heute ist mir der damals kolportierte Zusammenhang mit der Unterstützung von Freiheitskämpfern in aller Welt unverständlich, wenn ich nicht die (manipulative) Verschränkung von extrinsischen Anforderungen und Moralvorgaben mit intrinsischen Motiven und Belohnungssynapsen einrechne. Insgesamt reichte das als Erfahrung jedenfalls, um dem Organisierten im Zweifel eher den Rücken zu kehren. Stabile Überzeugungen und temporäre Bekenntnisse ja, aber verbindliche Zuordnung eher nicht. Bis heute. Leider!
    Es gibt ein paar Vereine und Initiativen, denen ich mich thematisch durchaus verbunden fühle und ich bei mehr Zeit und Geld aktiver sein wollte oder könnte. Mache ich mir da nur etwas vor und die Verhinderung ist eigentlich Ausrede. Ich bin mir da keineswegs sicher.
    Worauf ich letztlich hinaus willl, ist, dass es für solchermaßen Sozialisierte andere, respektable Wege geben müsste, um das vorhandene Potential zu nutzen bzw. die bereits existierenden Aktivitäten zu sammeln. Ich gehöre immerhin zum heute geburtenstärksten Jahrgang, der wohl zur „Generation der Unorganisierten“ gehört. Organisiert zu sein, brachte uns, zumindest gefühlt, keine Punkte. Die Verschiebung vom realen Draussen ins virtuelle Draussen tat und tut das Übrige. Die Zeiten haben sich geändert oder vielleicht besser gesagt, die Auswirkungen des Ausfalls dieser und der folgenden Generation für den notwendigen, organisierten Veränderungsdruck werden heute sichtbarer.
    Klar ist, übliche Hierarchien und bürokratisch-formalistische Strukturen sind kontraindiziert. Eher sind projekthafte Beteiligung oder freiwillige Aktivierung durch Losverfahren Wege zu mehr Sammlung und Organisiertheit von „Organisationsverweigerern“.
    Genannt wird so etwas wohl Demarchie und wurde nicht ganz ohne Erfolg erprobt, z.B. in Irland
    https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/euroblick/euroblick-irland-demokratie-100.html

    Warum sollte eine Bewegung für Basisdemokratie diese Form der Aktivierung und Themenbearbeitung nicht nutzen?

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  2. kranich05 schreibt:

    Die Erlebnisse und davon bleibenden Gefühle und Schlüsse des Organisationsverweigerers sind mir sehr verständlich. Meine Erfahrungen sind ähnlich, obwohl es bei mir einen offenbar nicht unwichtigen Anteil EIGENER Aktivität immer gab. (Wahrscheinlich spielt da mein Jahrgang (1940) eine ziemliche Rolle.
    „Wege geben müsste“ – an dieser Passage stoße ich mich. Es entstehen nur Wege, wo gegangen wird, niemals vom „müsste“, „hättste“, „sollste“.
    Wer nicht geht, bleibt im Dschungel. Genau genommen: Er findet sich im Dschungel, selbst wenn da ursprünglich keiner war. Denn der Dschungel wartet nicht.
    Dass man heute anders gehen muss, als die MarschiererInnen oder LatscherInnen früher, findet wieder meine volle Zustimmung.
    Mit buchstäblich jedem Tag wird es mir leider klarer, dass die „Sammlungsbewegung #aufstehen“ vom Kopf angefangen zerstörerische Defizite hat.
    Ein Gewinn könnte sein, zu erkennen, wie prinzipiell weit wir von einer qualitativ neuen Bürgerbewegung entfernt sind, insbesonderer, welche schädliche Rolle das gesamte gegebene Parteiensystem spielt.
    Ein anderer möglicher Gewinn wäre es, wenn sich aus der Initialzündung kleine lokale oder gar regionale Initiativen neuer Art entwickeln würden.

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    • fidelpoludo schreibt:

      „wie prinzipiell weit wir von einer qualitativ neuen Bürgerbewegung entfernt sind“

      Dazu passt folgende Mail, die Ihr vielleicht auch erhalten habt. Sie zeigt nicht nur, wie kapitalistisch orientiert in Anspruch genommene „Dienstleister“ vorgehen, sondern dass ein Teil der Organisatoren der Sammlungsbewegung entweder blauäugig an die Sache herangeht oder schon von Anfang an an einem Fehlstart interessiert war:

      „Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer von Aufstehen,
      wir möchten Euch informieren, dass wir vorläufig auf die Domain aufstehenbewegung.de umgezogen sind. Hintergrund ist eine juristische Auseinandersetzung mit einer Firma, die versucht, die noch junge Sammlungsbewegung zu beschädigen.
      Konkret geht es um einen Konflikt mit zwei Initiatoren der Sammlungsbewegung. Sie haben in der Gründungsphase ehrenamtlich wie alle anderen Initiatoren für Aufstehen gearbeitet, u.a. für den Online-Auftritt. Im Nachhinein haben sie Aufstehen eine hohe Rechnung präsentiert. Trotz weitgehender Zugeständnisse unsererseits haben sie die Drohung, die Domain der Sammlungsbewegung abzuschalten, falls ihre Bedingungen nicht vollständig erfüllt werden, jetzt mit einer Frist von wenigen Stunden wahrgemacht.

      Wir lassen uns von diesen und anderen Versuchen, unserer jungen Bewegung Steine in den Weg zu legen, nicht entmutigen und bauen weiter auf eure Unterstützung. Ihr könnt dazu beitragen, dass auch die neue Domain in Zukunft leicht im Netz auffindbar ist, indem ihr http://www.aufstehenbewegung.de teilt und möglichst verlinkt.

      Wir haben mittlerweile rund 167.000 Unterstützerinnen und Unterstützer in über 180 Ortsgruppen. Und täglich werden es mehr.
      Liebe Aufsteherinnen und Aufsteher, gemeinsam machen wir weiter, um größer und stärker zu werden für eine soziale Wende in unserem Land. Frankreich zeigt, wie man eine Regierung der Reichen unter Druck setzen kann.
      Euer Aufstehen-Team

      PS: Die Mailadressen mit @aufstehen.de sind derzeit funktionsunfähig. Bitte vorläufig folgende Adresse nutzen: info@aufstehenbewegung.de

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