Gegen den Krieg könnten wir viel mehr bewirken (III)

Gebraucht wird RADIKALITÄT. Beim Wort „Radikalität“ hören sofort 70% weg oder 90%. Dabei ist es nicht mehr als das, was uns das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (hier Artikel 14) freistellt bzw. aufträgt. Radikalität heißt nur, eine Sache zu Ende zu denken, wenigstens bis zu einem relativen Abschluss zu denken. Nur in einem ausreichend weiten Denkrahmen kann erfolgversprechend gekämpft werden.

Zu solcher Radikalität gehören heute die zwei Einsichten, dass erstens keine Voraussetzungen sichtbar sind, den Kapitalismus „abzuschaffen“. Es droht – obwohl überall gelbe Westen vorhanden sind – KEINE Revolution. Und zweitens ist eine wirkliche Besserung unserer Lage nur mit durchgreifenden Maßnahmen zur Beschneidung bis Enteignung des großen kapitalistischen Privateigentums im Interesse des Gemeinwohls erreichbar: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ (Grundgesetz, Artikel 15).

Gebraucht wird TRANSPARENZ. Um Transparenz zu verlangen, ist noch nicht einmal „Radikalität“ notwendig. Es reichen ein wenig Verstand und Selbstachtung. Jeder weiß: „Wer zahlt, bestimmt die Musik.“ Tausendfach ist nachgewiesen, dass ein Großteil der sogenannten NRO der Zivilgesellschaft von Regierungen (samt ihren Geheimdiensten)  oder/und gleich direkt von den Mächtigen bezahlt wird. Die verdienen sich zu Recht den „Ehrennamen“ RHO – „Regierungs-Hilfs-Organisation“.

Suchen Sie im Netz, liebe Leserin, lieber Leser, (oder wo auch immer) nach präzisen aktuellen Angaben über Finanzquellen und -ausgaben der hier genannten NRO – „Zentrum für politische Schönheit“, „Antonio Amadeo-Stiftung“, „IALANA“, um nur diese Beispiele zu nennen. Sie werden nichts finden!

Dabei gibt es seit Jahren die „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ (ITZ), die in zehn Punkten Kriterien für eine erste Transparenzbewertung der Akteure der Zivilgesellschaft erarbeitet hat. Nach Jahren der Propagierung haben sich inzwischen 1081 Organisationen von den zehntausenden, wenn nicht hunderttausenden existierenden dieser Initiative freiwillig angeschlossen. Die meisten aber, die am lautesten Moral in der Politik trommeln, haben das nicht nötig. Kein Hund sollte von diesen Helden ein Stück Brot nehmen, viel weniger ein aktiver Demokrat sich mit ihnen einlassen – solange sie nicht jede Zwielichtigkeit ausgemerzt haben. Das wäre der erste Schritt aus der Matrix.

Genauso bedeutend, wie Transparenz ist BASISDEMOKRATIE. Die genannten zehn Kriterien der ITZ schließen auch Auskünfte über die Demokratie in diesen Organisationen ein und zwar über die dauerhaft praktizierte. Sie weisen den Weg, wie wir „klein anfangen“ können. Zweifellos ist verwirklichte Basisdemokratie in einer Organisation, die politisch effektiv sein will, eine schwierige Aufgabe. Doch nur im ständigen Bemühen um diese Aufgabe, im Wachsen aller Beteiligten in diesem Prozess kann ein öffentlicher Raum der Wahrheit geschaffen werden. Die neuen Medien, kritisch benutzt, können dabei helfen. Ohne das „Wahrsprechen“ in der Gesellschaft, die Griechen nannten es „Parrhesia“, kann es keine Demokratie geben. Und ohne wahrhafte Demokratie (also nicht bloß Repräsentativdemokratie) keine praktische Humanisierung der Gesellschaft.

Der heuter wiederbelebte Populismus, die so populären Sammlungsbewegungen (mit dem Gruselklassiker Tsipras-Syriza an der Spitze) sind Lichtjahre von Baisdemokratie entfernt. Leider scheint es auch bei der neuen Sammlungsbewegung „aufstehen“ diesbezüglich  Defizite zu geben. Doch das ist ein neues Thema.

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37 Antworten zu Gegen den Krieg könnten wir viel mehr bewirken (III)

  1. Pingback: Die Systematik zum Krieg begreifen! (II) | opablog

  2. Detlev Matthias Daniel schreibt:

    Kleine Korrektur:
    Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich 2011 der ITZ angeschlossen.

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    • kranich05 schreibt:

      Danke für die Rückmeldung,
      doch gibt es ein Problem oder sogar mehrere:
      – die Angabe, dass sie sich 2011 der ITZ angeschlossen habe, kann ich nirgends finden
      – bei Wikipedia finde ich, dass die AA-Stiftung ITZ „unterstütze“, was auch immer das heißen mag
      – die Webseite der Stiftung zeigt das Logo von ITZ, mehr aber nicht, nicht anklickbar
      – die Webseite bringt keinerlei Informationen, die mit einer Mitgliedschaft bei ITZ zwingend vorgeschrieben sind
      – schließlich und wohl maßgebend: In der Datenbank der ITZ (hatte ich verlinkt) ist die AA-Stift. nicht aufgeführt.
      Es bleibt wohl dabei, dass besagte Stiftung NICHT Mitglied der ITZ ist.

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      • Detlev Matthias Daniel schreibt:

        Welche Datenbank meinst du? Die Liste mit den Unterzeichnern? Da ist die Stiftung aufgeführt. Allerdings nicht unter „Antonio Amadeo-Stiftung“ sondern unter ihrem richtigen Namen.

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        • kranich05 schreibt:

          Ich bin sehr erfreut über Dein nochmaliges Nachhaken. Jetzt habe ich die AAS in der ITZ-Datenbank gefunden (und verstehe zugleich nicht, warum mir das vorher in mehreren Suchanläufen nicht gelungen war.)
          Noch mehr: Über den Link des AAS-Eintrags in der ITZ-Datenbank bin ich auf die AAS-Website gekommen und finde dort ALLE Informationen, zu denen sie sich verpflichtet haben. (Zugleich ist mir völlig schleierhaft, wieso ich diese Infos beim direktem Zugriff auf ihre Webseite trotz längerer Bemühung nicht gefunden habe.)
          Jetzt ist eine neue und erfreuliche Datenlage! Jetzt kann die eigentlicher „Arbeit“ beginnen, nämlich den Verein genau anzugucken. Dieser Mühe wird sich natürlich nur der ernst Interessierte unterziehen.
          Ich habe (mit momentan wenig Zeit) kurz gestöbert und komme zu Einschätzungen, die fürs Erste meine Wertung als RHO gut bestätigen.
          Ich hebe nur hervor: Der Haushalt der Stiftung (immerhin 2 Mio/J) wird zu mindestens 30% (möglicherweise aber viel höher) von 3 juristischen Personen bestritten, von denen eine der Bund ist und die beiden anderen intransparent (gemäß Kriterien ITZ) sind.
          Interessant sind die Vernetzungen der Personen der Geschäftsführung und des Stiftungsrats. Hier gibt es ziemlich viele Angaben, die zum allergrößten Teil (90%?) auf Einrichtungen verweisen, die intransparent (gemäß Kriterien ITZ) sind.
          Hier muss ich abbrechen mit dem Fazit: Es liegen Dank dieses Transparenzverhaltens, das ich begrüße, jetzt ausreichend Informationen öffentlich vor, die die Einschätzung des Wirkens (und im Hintergrund-verankert-Seins) der AAS ermöglichen.
          Ich darf wohl zu Recht von einer strikt transatlantisch-zionistisch ausgerichteten RHO sprechen.

          Übrigens, mit 30 Festangestellten und Personalkosten von, sage grob, 1.200.00,-/J ist die AAS kein Kleinstunernehmen mehr, sondern eher auf dem Weg zum Mittelstandsbetrieb mit auskömmlicher und stabiler materieller Sicherung, zumindest für Leistungsträger.
          Wie basisdenokratiwsch hilfreich die Rechtsform Stiftung im allgemeinen und das Statut der AAS im besonderen sind, kann ich aus Zeitmangel nicht besichtigen. Vielleicht können die hier mitlesenden Juristen kompetente Hinweise geben.

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  3. Joachim Bode schreibt:

    Ziemlich gewagt, die IALANA in einem Atemzug z.B. mit der AA-Stiftung zu nennen.
    Einige Mitglieder/Mitarbeiter der IALANA kenne ich persönlich seit mehreren Jahrzehnten. Da lege ich die Hand…. – wie sagt man so schön?

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    • Joachim Bode schreibt:

      Etwa 3 Minuten lang dauert es, auf der Homepage von IALANA die Namen zahlreicher Veteranen und auch neue Namen zu finden, die sich für die noblen Friedenssziele eingesetzt haben und noch einsetzen (Letzteres ist ja auch nicht mehr selbstverständlich).

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      • kranich05 schreibt:

        Lieber J. B.,
        ich bezweifle nicht, dass es unter den Mitgliedern, Beiräten, Sympathisanten, Spendern usw. (jeweils beiderlei, meinetwegen auch vielerlei Geschlechts) aller RHO, RegierungsHilfsOrganisationen, noble Aktive für die noblen (erklärten) Ziele dieser Organisationen gibt.
        Die Crux liegt in (den) wesentlichen Handlungen der ORGANISATION.
        (Und die Crux der Crux liegt sogar darin, dass ein- und dieselbe Organisation progressive UND lumpige Handlungen vollbringt.)
        Darüber könnte man ausgiebig reden. Kurz und aktuell stattdessen diese zwei Hinweise auf das jüngste segensreiche Wirken von Herrn Lukas Wirl:
        http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25402
        und ausführlicher: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25426
        Wir sollten davon ausgehen, dass heute in der Regel über Bande gespielt wird.

        Mein Ausgangspunkt war ja eigentlich die Transparenz. Ich wage die Behauptung, dass Sie weder in 30 noch in 300 Minuten auf der Homepage von IALANA konkrete aktuelle und einigermaßen vollständige Angaben gemäß den Transparenzkriterien der ITZ finden werden.
        Viel Spaß beim Suchen 🙂

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        • Joachim Bode schreibt:

          Ich suchte gerade – etwa 3-4 Sek. „lang“, mit Eintrag – nach „Ialana Finanzierung“ und wurde sofort (= umgehend) mehrfach fündig.
          Spenden werden nicht öffentlich einzeln ausgewiesen.
          Die Wissenslücken des Ialana-Geschäftsführers finde ich beeindruckend wie bedauerlich, leider auch – besonders in diesem politischen Bereich – ziemlich irritierend.

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          • kranich05 schreibt:

            Ihr Ergebnis „Ialana Finanzierung“ und wurde sofort (= umgehend) mehrfach fündig.
            Spenden werden nicht öffentlich einzeln ausgewiesen.“ mag Sie ermutigen.
            Mich befriedigt es nicht gänzlich ;-))
            Mit „konkrete aktuelle und einigermaßen vollständige Angaben gemäß den Transparenzkriterien der ITZ“ hatte ich die Latte nicht exorbitant aber doch einigermaßen hoch gelegt.
            Bei diesen Kriterien, möchte ich anmerken, geht es übrigens nicht nur ums Geld, sondern auch um praktizierte Demokratie.
            Exkurs: „Campact“ ist Mitglied der ITZ und kommt den Veröffentlichungspflichten nach. Als ich das vor Jahr und Tag analysierte, konnte ich beim Geld – crowdfinanziert – kaum Problematisches finden. Die innere Verfassung dieses Vereins aber wurde ebenfalls dargestellt. Auf dieser Basis konnte ich mir ein anschauliches Bild machen, ein sehr übles.

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  4. Lutz Lippke schreibt:

    Das Transparenzgebot für Institutionen ist eine wichtige Voraussetzung für Basisdemokratie und wird von Parteien (siehe parteinahe Stiftungen), Behörden (siehe Umgehung von Auskunfts- und Rechenschaftspflichten), der Rechtsprechung (siehe richterliche Rechtssetzung vs. Gesetzlichkeit) und vielen gesellschaftspolitisch wirkenden Organisationen nachhaltig verletzt.

    Als Herangehensweise an das Problem würde ich aber eher für den ermutigenden Einschluss jeder ernsthaften Transparenzaktivität selbst von mangelhaften Strukturen, als für den konsequenten Ausschluss aller „Sorgenkinder“ plädieren.

    Einen Grund sehe ich darin, dass Transparenzkriterien als selektive Wertmaßstäbe auch nicht die Spreu vom Weizen trennen, sondern wie auch Zertifikate im QM zu Verzerrungen und Sinnverschiebungen im Wettbewerb um Glaubwürdigkeiten und gute Ergebnisse führen. Ein faktisch ja sehr bedeutendes QM-Zertifikat in Transparenz sehen doch Politiker,Medien und letztlich wohl auch „Aufstehen“ im aktionistischen Twittern, Facebooksen und Instagrammen mit einem Millionenpublikum. Das ist quasi das selbstverliehene GS-Zeichen für eine aktive Offenheit. Was sind dagegen die sachlich-trockenen ITZ-Kriterien mit vielleicht ein paar tausend Jüngern ohne Lese- und Rechtschreib-Schwäche und ADHS?

    Wir müssen als Allgemeinheit die Daten also nicht nur bekommen (können), sondern sie auch sinnvoll und zielführend nutzen. Und an ungenutzten Daten mangelt es sicherlich nicht. Feiern wir die Transparenz in immer wirkmächtigeren Auswertungen und Offenbarungen, bringt das die Intransparenten (hoffentlich) weiter in Zugzwang. Sogar die CDU feiert jetzt ihre Transparente-Regionalkonferenzen-Vorsitzenden-Suche. Sie wissen also, was Transparenz bedeuten soll und werben damit. Also vorne weg und Nachziehen oder doch Zurückfallen und vor sich her treiben?

    Einen weiteren Grund für Gelassenheit sehe ich darin, dass immer Schnittmengen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit existieren, wenn Menschen gesellschaftlich aktiv werden. Transparenz ist eher eine neuzeitliche Notwendigkeit und in dieser allzeitmedialen Wechselwirkung zwischen privat und öffentlich ganz allgemein noch eine ungewohnte Tugend. Der frühere Despot brauchte sich nicht extra erklären, er herrschte. Der Beamte brauchte sich nicht rechtfertigen, er verfügte von Amts wegen, was als Wahrheit und Gesetz gilt. Willkür als Schneeballprinzip bestimmte wohl über Jahrhunderte die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit. Wie also schon als einzelner Bürger mit Transparenz heute zielsicher umgehen? Einerseits mit dem Recht auf Privatheit und zugleich mit dem Recht auf öffentliche Wirksamkeit? Was muss ich wissen, was kann oder sollte mir verborgen bleiben, um trotzdem die eigenen und hoffentlich richtigen Ziele zu bestimmen und Entscheidungen zu treffen? Wie weit sollte mein Wirken auflösbar und zurückverfolgbar sein, um einerseits meine Glaubhaftigkeit zu vermitteln und andererseits das Recht auf Entwicklung und Veränderung zu erhalten. Diese Fragestellungen lösen sich nicht schon dadurch, dass mehr als 3 Bürger einen Verein, eine Firma oder sonstige Institution begründen und vielleicht irgendwoher Mittel bekommen. Aber diese Fragen müssen immer wieder ernsthaft bearbeitet werden. Da bin ich ganz bei opablog.

    Ich hatte irgendwann für mich entschieden, dass ich bei Äußerungen im öffentlichen Raum (z.B. auch Foren) mich namentlich immer transparent zeige, aber sonstige private Daten eher zurückhalte. Regelmäßig erhielt ich z.B. im beckblog von „Gast“ oder irgendeiner anderen „rübe“ so klare wie knappe Analysen, wer ich Bedauernswerter und vom Leben Fehlgeleiteter ich bin oder sein muss. Meine namentliche Transparenz schützte mich in diesen Auseinandersetzungen vor sinnlosem Überschwang und gab mir wohl auch einen erheblichen Vorteil an Glaubwürdigkeit, Standing und Sachlichkeit gegenüber manchmal sogar wutschäumend, drohenden Widersachern und missgünstigen Nörglern. Nicht selten Juristen und damit mir zumindest formal und eigentlich auch handwerklich überlegen. Ein paar Mal war ich auch einem Identitätsklau ausgesetzt, der mich kompromitieren sollte. Wer darauf reinfiel, kompromittierte sich aber selbst. Was nicht von mir kommen konnte, erkannte jeder halbwegs Aufmerksame an Inhalt und Stil meiner vorherigen Äußerungen. Ich habe meine (beschränkte) Transparenz daher bewusst als Vorteil gegenüber anonymen Widersachern einsetzen können, ohne diese wiederum an ihrer Intransparenz messen zu müssen. So in etwa meine ich die Gelassenheit im Umgang mit Intransparenz.

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    • kranich05 schreibt:

      ich meine, es gibt allzuviel „Gelassenheit“ im Umgang mit politischer Transparenz. Das drückt sich in der platten Gewohnheit aus: „Da lassen wir es eben.“
      Dann noch der unausgesprochene Zusatz: „Interessiert sowieso keinen“.
      Das Letztere ist leider oft wahr.
      Unsere ehrenamtlichen Engagements sind leider oft nur schlechte Kür in dem Sinne: Können sein, müssen es aber nicht.
      Wir tun etwas, was unser Gewissen, Ehrgeiz, Kommunikationsbedürfnis usw ein wenig befriedigt – „alles in Ordnung“. Tut’s das nicht – „ist auch nicht schlimm“. Um Kopf und Kragen gehts ja nicht – „Dann ist der Wurm drin“.
      Wenn wir aufhören in der Matrix zu paddeln, dann geht es um ‚was, und dann möchte ich verdammt genau prüfen, ob ich mich auf den Anderen verlassen kann oder nicht.

      Transparenz im Sinne der wiederholt genannten Transparenzkriterien ist keine Garantie zur Erlangung der absolut wahren Beurteilung.
      Eher liefert sie unerlässliche Minimalinfirmationen, um überhaupt das Vertrauensproblem angehen zu können.
      Die relevanten Daten unter Verschluss zu halten, garantiert das der ahnungslose Pöbel, ahnungsloser Pöbel bleibt. RHO’s der Zivilgesellschaft gehören zu den erfolgreichsten Akteuren in diesem Feld.

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  5. Lutz Lippke schreibt:

    Da opablog oben Basisdemokratie neben Transparenz stellt, möchte ich anmerken, dass ich Transparenz des Öffentlichen und zugleich die Intransparenz des Privaten eher als wichtige Voraussetzungen für Basisdemokratie ansehe. Jeder soll mit gleichwertiger Stimme über alles Wesentliche mitentscheiden, ohne sich vorher oder nachher anhand der eigenen Haltung und seiner Stimmabgabe von der Allgemeinheit (be)werten oder einstufen lassen zu müssen. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, auch und vielleicht gerade für Linke in einer kapitalistischen Realität.

    Eine weltweit durchgreifende Basisdemokratie kann ich mir selbst zu ausgesuchten Entscheidungsfragen bisher nicht vorstellen. Letztlich komme ich als bisher größtmögliche Dimension auf die unbeschränkte und nicht übertragbare Volkssouveränität als echte Basisdemokratie. Das schließt maximale Gestaltungsmacht für Angehörige des Volkes ein, grenzt aber auch die Nichtangehörigen aus, was links gern als rückständiger Nationalismus verpönt wird.

    Dazu würde ich gern mehr ausgraben und diskutieren. Im Moment bin ich allerdings im Persönlichen ziemlich eingespannt und kaum im öffentlichen Diskurs unterwegs.

    Die von mir sehr geschätzte Politikwissenschaftlerin Ingeborg Maus hat sich ja aus dem geschärften Blickwinkel des Prinzips der Volkssouveränität konkret und kritisch mit der heutigen Verfasstheit von Demokratie und Rechtswirklichkeit auseinandergesetzt, wie auch mit den damit verbundenen Interessen, Denkmustern und Handlungen. Das hat bei mir viel Nachdenken über scheinbar allgemeingültige Gewissheiten ausgelöst, aber insbesondere bisher unverstandene Verhältnisse und Denkmuster sortiert.

    Mit Volkssouveränität verhindert man keine Kriege, es sei denn, das Volk übt seine Macht tatsächlich souverän aus und will mehrheitlich keinen Krieg. Es gibt in Deutschland wohl seit Jahrzehnten ein Zeitfenster, in dem doch weitgehend unbestritten das Volk mehrheitlich keinen Krieg und keine Militarisierung der Welt will. Trotzdem beteiligt sich Deutschland direkt und mittelbar an Angriffskriegen und ist für die Militarisierung und Aufrüstung in der Welt mitverantwortlich.

    Gerade linke Parteien und humanitäre Organisationen trauen dem deutschen Volk jedoch nicht und verweisen auf „die von Hitler willig verführten, euphorischen Massen“ in der Nazizeit. Das dürfe sich nicht wiederholen und daher „müsse“ die Volkssouveränität durch übergeordnete Prinzipien und Strukturen eingeschränkt werden. Über die Einhaltung dieser Überordnung wachen demzufolge die Parteien, die Regierung, das Bundesverfassungsgericht und andere Institutionen, letztlich im Verbund und Abgleich mit den systemrelevanten und mächtigen Wirtschaftsstrukturen. Sie genehmigen und führen im Ergebnis unter dieser Agenda Kriege, rüsten die Welt auf, verschärfen soziale und ethnische Konfliktlagen, unterdrücken zivilen Ungehorsam und die Selbstwirksamkeit der Bürger. Sie würden notfalls auch wieder einen durchgeknallten Führer an die Spitze hiefen, um dann nach dem Inferno die „falsche Wahl des Volkes“ für diese Entwicklung verantwortlich zu machen. Soll Hitlerwahn und die Zerstörungen wirklich als Ergebnis des Volkswillens einer fehlgeleiteten, unkontrollierten Volkssouveränität zugeschrieben werden? Auch hierzu fehlt es mir also an historischer Transparenz.

    Gab es überhaupt jemals eine wirkmächtige Volkssouveränität? Auf der Suche nach einer historischen Einordnung der Idee der Volkssouveränität bin ich auf einen interessanten Artikel in historicum.net gestoßen https://www.historicum.net/themen/restauration-und-vormaerz/lexikon/artikel/volkssouveraenit/

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    • fidelpoludo schreibt:

      Danke Lutz! Ein toller Beitrag.
      Auch der Link zum historicum.net hilft einem beim Nachdenken über Volkssouveränität auf die Beine.
      Sehr begrüße ich in Deinem einleitenden Satz Deine Befürwortung von „Transparenz des Öffentlichen und zugleich (…) Intransparenz des Privaten (…) als wichtige Voraussetzungen für Basisdemokratie“, würde allerdings in der Begriffswahl statt in negativer Form von der „Intransparenz des Privaten“ eher die positivere Formulierung vom „Schutz der Privatsphäre“ verwenden wollen. Und noch hinzufügen: Dass es der Entscheidung des Bürgers (als Citoyen verstanden) überlassen bleiben muß, ob er einen Teil seiner Privatspäre transparent macht oder nicht. Welcher Schutz der Privatsphäre als Anspruch allerdings nicht gewährleistet bleiben muß oder darf, je mehr diese Privatsphäre die konkreten Lebensbedingungen seiner Mitbürger betrifft oder gar beeinträchtigt.
      Schließt sich sofort die Frage nach der „Privatsphäre des Kapitals“ an. Kann und darf es so etwas geben? Steht ein solcher „Schutz“ einem öffentlichen Interesse nicht in vielerlei Hinsicht völlig entgegen? Ich z.B. bin einmal gekündigt worden, weil ich meinen Kollegen „verraten“ habe, dass ich 50 Cent mehr verdient habe als sie.
      Transparenz ist in unserer Gesellschaft auf allzu vielen Gebieten nicht nur nicht gewährleistet, sondern wird auch noch sanktioniert bzw. unter Strafe gestellt oder mit einem Flair von Strafandrohung umgeben. So gesehen ist Intransparenz eindeutig erkennbar als nicht unwichtiger Bestandteil der „Teile-und-herrsche“-Strategie.

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      • Lutz Lippke schreibt:

        Dein Einwand zur positiven Darstellung verstehe ich gut. Wir mögen Intransparenz nicht. Aber wir müssen es auch aushalten lernen. Genaugenommen geht es um den Schutz der Privatsphäre durch das Recht auf Intransparenz als Bürger gegenüber Staat und Öffentlichkeit. Als „informationelle Selbstbestimmung“ ist das durch Richterrecht (BVerfG) zu einem abgeleiteten Grundrecht definiert worden und steht trotzdem sehr zersaust im Wind. Mit der Transparenz in der „freien“ Wirtschaft gibt es schwierige Fragen zu lösen, so dass ein generelles Prinzip wohl nicht greifen kann. Bei RHO sehe ich es klar wie kranich05. Wer als Institution politisch wirken will und öffentliche Mittel und Sonderrechte beansprucht, muss sich offenbaren. Die parteinahen Stiftungen sollten gerade hierzu nicht zuletzt unser Augenmerk verdienen.

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    • kranich05 schreibt:

      Ich behaupte (und verfahre danach), dass meine persönlichen Verhältnisse niemanden etwas angehen. Ob und Wann ich die öffentlich sichtbar mache, ist allein meine Entscheidung und Willkür/Freiheit.
      Komplizierter liegen die Dinge wenn ich von meinen Privatverhältnissen rede. Meine ich meine persönlichen, dann: s.o.
      Sind meine Privatverhältnisse aber politische, dann bin ich sehr wohl zu Transparenz verpflichtet. Kapital ist ja immer Privateigentum, hat aber als politisch und sozial wirkendes keineswegs ein Recht auf Schutz seiner Privatheit.
      Ich bin als IM der Stasi durchaus an einem gewissen Punkt der (inneren, moralischen) Pflicht nachgekommen, dies öffentlich zu machen.
      Funktionsträger bedeutender RHOs haben die Pflicht über ihren Werdegang, vertretene Positionen, organisationsrelevante Vernetzung, erhaltene Gehälter oder andere Zuwendungen öffentlich Rechenschaft abzulegen.

      Demokratie – Volkssouveränität
      Demokratie als Staatsform wird von allen Staatsbürgern getragen, gleichgültig, welchem Volk diese angehören. „Volkssouveränität“ ist wörtlich genommen missverständlich, bezieht sich m. A. n. auf die Souveränität aller Bürger ihres Staates.

      Die „die von Hitler willig verführten, euphorischen Massen“ in der Nazizeit“ als URSACHE des deutschen Faschismus sind ein bürgerliches Ideologem zur Mystifizierung des wirklichen Faschismus. Dies als Ausgangspunkt ist gut geeignet, den Gedanken der Souveränität „aller (einfachen) Leute“ in die irre zu leiten.

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      • Lutz Lippke schreibt:

        In diesem Zusammenhang wird Volk i.d.R. als Staatsvolk definiert, also nicht ethnisch o.ä.. Vereinfacht soll Jeder souverän Normen mitentscheiden, denen er sich unterwirft. Das Brimborium um Deutschtum, kulturelle Identitäten usw. kann man sich also sparen, wenn die Gleichheit vor der Norm mit dem gleichen Recht auf Normsetzung zusammengefasst wird. Das die derzeitige EU von diesem Prinzip maximal entfernt ist, kann niemand bestreiten. Daher ist der Ruf nach mehr Europa und wider der nationalen Identität so problematisch, wenn man Demokratie entwickeln will. Die Ausflucht über ein Europa der Regionen scheint mir da eher eine Nebelkerze für Romantiker zu sein.

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        • fidelpoludo schreibt:

          „Daher ist der Ruf nach mehr Europa und wider der nationalen Identität so problematisch, wenn man Demokratie entwickeln will. Die Ausflucht über ein Europa der Regionen scheint mir da eher eine Nebelkerze für Romantiker zu sein.“

          99% Zustimmung. Nur: die „Nebelkerze“ wird nicht allein von (linken) „Romantikern“, sondern in (gewollter oder ungewollter) Übereinkunft mit neoliberalen, ganz unromantischen mit allen Mitteln markterweiternden und schuldengenerierenden Kräften geworfen.

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  6. Detlev Matthias Daniel schreibt:

    Wie schon anderweitig erwähnt sehe ich das mit der Transparenz etwas anders. Die natürliche Realität ist nicht transparent, sie ist außerordentlich komplex. Wir können vielleicht eine Perspektive finden, aus der wir sie überschauen, um sie aber zu durchschauen, müssen wir eindringen und verlieren dort sehr schnell den Überblick. Alle unsere Existenzbedingungen und Freiheiten hängen ab von dieser komplexen Vielfalt.

    Das Bedürfnis nach Transparenz, die Dinge zu durchschauen, ist das Bedürfnis, sie aus eigener Anschauung verstehen zu können. Mit anderen Worten, es ist das Bedürfnis, ihnen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Damit wird klar, daß das Bedürfnis nach Transparenz „nur“ auftritt im Zusammenhang mit systemischer Macht.

    Nach allem, was ich verstehe, sehe ich nur eine Richtung, um aus dem Teufelskreis von systematischer Gewalt, Macht und Herrschaft herauszukommen. Es muß uns irgendwie gelingen, uns gegen diese Form von Gewalt zu immunisieren, ohne dafür selbst Macht und Kontrolle beanspruchen zu müssen. Ich fürchte, daß unser Denken noch zu sehr von der Machtlogik durchdrungen ist, um entsprechende Wege und Möglichkeiten zu erkennen.

    Klar ist nur, wenn es gelingt, solchen Weg einzuschlagen, relativiert sich die Forderung nach Transparenz. Sie kennzeichnet das alte Konzept, Macht durch Macht – und sei es in Form von Kontrolle – eindämmen zu wollen. Dieses Konzept kulminiert am Ende in der Logik der Abschreckung. Solange wir Macht als ein notwendiges gesellschaftliches Organisationsprinzip begreifen, erscheint Transparenz als eine notwendige Forderung. Aber sie bleibt Symptombekämpfung. Der eigentlich notwendigen Entwicklung hin zu einer anarchisch-systemischen Vielfalt und Lebendigkeit steht das Bedürfnis, alles durchschauen zu können, im Weg.

    In einer Synthese dieser Perspektiven wäre es vielleicht ein Weg, Transparenz, statt sie einzufordern, überall dort herzustellen, wo man selbst Macht ausübt, weil man sie noch für erforderlich hält. So würde Macht eingegrenzt, ohne sie deshalb zugleich aufbauen zu müssen.

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    • Lutz Lippke schreibt:

      Wie immer eine wertvolle Anregung, Detlef. Man liest, erkennt und sträubt sich doch dagegen. Am Ende zeigst Du auf, wohin die Reise gehen könnte. Die Macht über sich selbst (Bewusstheit und Selbstwirksamkeit) gewinnen, im Zusammenwirken mit den Nächsten Vertrauen und Transparenz vereinigen (Kooperation) und damit einen positiven Sog für die Allgemeinheit erzeugen. Einfacher gedacht als gemacht.

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    • fidelpoludo schreibt:

      Relativierungen zum Begriff der Relativierung der Forderung nach Transparenz
      (Lutz Lippke: „Man liest, erkennt und sträubt sich doch dagegen.“)

      „das Bedürfnis (…), nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein“ erkennst Du an, glaubst aber, in dem sich logisch anschließenden Wunsch, die Kontrolle über die Ohnmacht erzeugenden Mechanismen zu erlangen, eben wieder dieselbe Machtlogik am Werke sehen zu müssen:
      „Ich fürchte, daß unser Denken noch zu sehr von der Machtlogik durchdrungen ist, um entsprechende Wege und Möglichkeiten zu erkennen“, aus dem „Teufelskreis von systematischer Gewalt, Macht und Herrschaft“ ausbrechen zu können.
      Dass der Abgrund, in den wir blicken, uns selbst „abgründig“ zu machen, bzw. uns in ihn hineinzuziehen droht, ist einsehbar. Aber: Soll die Alternative sein, deshalb unseren Blick vom Abgrund abzuwenden? Ist das Problem der uns bedrohenden durch den Abgrund heraufbeschworenen Gefahr gelöst, wenn wir sie einfach nur ignorieren und allenfalls durch den kurz geworfenen Blick gelernt haben: So wollen wir nicht sein! So wollen wir uns nicht verhalten! ? Du möchtest im „So“ das Abstraktum „Machtlogik“ erkennen und Dich angewidert abwenden, ohne wissen zu wollen, wie sie im Detail aussieht und funktioniert. Du fürchtest die Ansteckung. Und gehst zur „abstrakten Negation“ über. Ich halte mit der Notwendigkeit zur „bestimmten Negation“ dagegen. Die Forderung nach Transparenz, nach dem Durchblick des uns nicht nur Bedrohenden, sondern uns schon konkret Betreffenden, ist weit weniger Teil des Problems als notwendiger Teil der und Einstieg in die Lösung. Ich behaupte, dass es weder ohne die Forderung nach Transparenz, noch ohne weitest gehende Transparenz selbst, eine Lösung geben kann. Entscheidend wird es schon bei der Forderung nach Transparenz darauf ankommen, für welche Bereiche wir sie fordern, dass wir transparent machen können, wie und womit uns in zentralen Machtstrukturen der Einblick verstellt, behindert und abgelenkt wird. Gehen wir nicht mindestens soweit, werden die uns von Dir als „allein seligmachenden“ Wege, „Transparenz, statt sie einzufordern, überall dort herzustellen, wo man selbst Macht ausübt, weil man sie noch für erforderlich hält“ zunehmend weiter verbaut werden.
      Die Frage der Kontrolle bleibt allerdings virulent. Ob der Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ jetzt und sofort einfach umgedreht werden kann in „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ – und das Problem ist gelöst -, bezweifle ich. Hat Kontrolle von unten – Volkssouveränität im Sinne des Gemeinwohls – eine Zeit lang gut funktioniert, könnte sie durchaus mit Vertrauen verbunden werden. Das Gute an der Kontrolle wird sich aber wohl nie im Besseren des Vertrauens vollkommen auflösen lassen. Basisdemokratie (mit der mit und in ihr hergestellten transparenten Öffentlichkeit) hätte von beidem im Idealfall das notwendige Quantum.

      „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

      „Der Mechanismus der Reproduktion des Lebens, seiner Beherrschung und seiner Vernichtung ist unmittelbar der gleiche, und demgemäß werden Industrie, Staat und Reklame fusioniert.“

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      • Detlev Matthias Daniel schreibt:

        Lieber Fidelp,
        ich achte deine Einwendungen und erkenne darin auch ein Verstehen. Wo du allerdings Widersprüche benennst, scheinen es vor allem die zu sein, die du selbst erst hinzugefügt hast. Von einem Ignorieren des Abgrundes hatte ich weder gesprochen noch ergibt es sich aus meiner Betrachtungsweise. Wie du richtig verstanden hast, liegt meine Betrachtung auf einer abstrakteren, grundsätzlicheren Ebene.

        Begriffs- und erkenntnishistorisch stehen die konkreteren Erfahrungen und Begriffe vor den abstrakteren. Ich hatte auch geschrieben „nach allem, was ich verstehe…“ Daß darin vielfältige Erfahrungen und Vorstellungen inbegriffen sind, wie Macht entsteht und wirkt, darfst du annehmen. Das alles anzuführen, hatte ich weder die Zeit, noch halte ich es für überhaupt erforderlich. Ich gehe davon aus, daß jeder vielfältige und auch unterschiedliche Erfahrungen hat. Selbstverständlich kann man sich darüber austauschen. Wo aber abstraktes Verstehen auf einer großen Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen beruht, kommt man sehr schnell an kommunikative Grenzen.

        „Man liest, erkennt und sträubt sich doch dagegen.“ Genau das ist es. Ist Widerspruch ein willentlicher Akt der Abwehr von Ideen, oder ist es ein Erkenntniszustand, der das individuell Vorstellbare noch nicht zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen kann? Ein kritischer Punkt also, an dem Erkenntnis wachsen kann?

        Wenn ich von der einzigen Richtung schreibe, die ich sehe (um aus dem Teufelskreis… herauszukommen), so könntest du zuspitzen „allein seligmachender Weg“. Dem könntest du entgegenstellen einen einzigen Weg, der in eine andere Richtung aus dem Dilemma führt. „Transparenz, statt sie einzufordern, überall dort herzustellen, wo man selbst Macht ausübt…“ hatte ich aber definitiv nicht als allein seligmachenden Weg angeführt, sondern als Vorschlag, wie man den Widerspruch zweier Perspektiven vielleicht auflösen könnte. Weitere Vorschläge willkommen.

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        • fidelpoludo schreibt:

          Lieber Detlev,
          es ist ja im besten Falle meist so, dass wir in einer Diskussion uns nicht nur immer an die ausgesprochenen Worte halten, sondern darüber hinaus die Implikationen, die dieser spezielle Gebrauch – nach unserer je eigenen Perspektive und Betrachtungsweise – unbenannt mitliefert. Dieser Nachweis kann oft hilfreich, manchmal aber auch irreführend sein. (Z.B. wurde am Begriff der Lügenpresse bemängelt, dass er von den Nazis schon gebraucht – manche behaupten zu Unrecht, dass er gar von ihnen erfunden – worden und allein deswegen schon abzulehnen sei und das mit ihm Bezeichnete so schon nicht nur nicht stimmen könne, sondern deutlich mache, auf welchem verhängnisvollen Wege derjenige sich befände, der ihn „unreflektiert“ gebraucht.)
          Wenn ich nun mich, der Einfachheit – hoffentlich nicht der populistischen Versimplifizierung – halber, an die Metapher des „Blicks in den Abgrund“ weiter halten möchte, obwohl Du sie ursprünglich nicht gebraucht hast, dann deshalb, weil sie doch in einem Zusammenhang mit dem zu stehen scheint, was Dich dazu veranlaßt hat, Dein Augenmerk auf die „Betrachtung einer abstrakteren, grundsätzlicheren Ebene“ zu richten. Selbstverständlich gestehe ich Dir zu, dass Du „vielfältige Erfahrungen“ gemacht hast und über „Vorstellungen“ verfügst, „wie Macht entsteht und wirkt“. Das zu bestreiten, lag weder vorher, noch liegt es jetzt in meiner Absicht. Die Feststellung, dass ich Dir ein „Ignorieren des Abgrundes“ unterstelle, dürfte sich kaum belegen lassen. Mich stört – provokativ zugespitzt – die „Kürze“ Deines Blicks in den Abgrund und Dein allzu schneller Übergang auf die „tiefer blickende“, (abgehobene oder sich abhebende?) „abstraktere, grundsätzlichere Ebene“. Diese „abstraktere, grundsätzliche“ Betrachtungsweise, die aus den empirischen Erfahrungen die „Machtlogik“ herausfiltert, sollte sich darüber Rechenschaft ablegen, dass sie mit diesem Begriff – ohne weitere Spezifizierungen – die historischen Veränderungen in ihrem Begriff einfach unterschlägt. Grob gesprochen ist die Machtlogik im Feudalismus eine andere als die im Kapitalismus, wie die einzelnen Stadien des Kapitalismus in ihrer Machtlogik sich wiederum unterscheiden lassen. Erlaube mir, noch einmal provokativ zu übertreiben: Mir will es scheinen, als wolltest Du den Marx gerne zitieren, der schrieb, dass „die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen“ sei und den Marx, der sich um die Beschreibung des historisch aktuellen Standes der Klassenkämpfe und und ihrer Bedingungen, Ursachen und Veränderungen im Detail bemühte, in den Müll werfen. Das sei dann nur ein von der Machtlogik selbst infizierter Blick gewesen, den er sich hätte sparen können. Wie ja die historisch herbeigeführten Katastrophen unter der Führung derjenigen bewiesen, die sich auf ihn berufen haben.
          Ich setze dem die Behauptung entgegen, dass Marx nicht nur Transparenz gefordert hat, sondern diese Forderung selbst verkörpernd, für Transparenz gesorgt hat, die allerdings es aus den verschiedensten Gründen, über die wir bei Marx nicht das Wenigste schon erfahren können, nicht geschafft hat, unverfälscht ins breitere öffentliche Bewußtsein zu gelangen. Ihm ging es theoretisch um die bestimmte Negation der Herrschafts- und Machtverhältnisse durch die möglichst präzise Ausarbeitung ihrer Machtlogik im Sinne ihrer erst danach Erfolg versprechenden praktischen Überwindung.
          Die bei Dir zu entdeckende implizierte Behauptung, dass das abstrakte Denken schon deshalb der konkreten Anschauung überlegen sei, weil es von den vielen konkreten sinnliche Anschauungen absehen (abstrahieren) könne, halte ich solange für falsch, wie die Mannigfaltigkeit der konkreten Anschauungen nicht in ihrem Zusammenhang dargestellt werden. Du bist zwar vom Konkreten zum Abstrakten „aufgestiegen“, glaubst aber Dich der Schwierigkeit enthoben, die Vermittlungsstufen dazwischen zu berücksichtigen.
          Tröste Dich: Mit dem Problem stehst Du nicht allein. Ich bilde mir zwar ein, ungefähr zu wissen, wie es gehen müßte, bin selbst aber weit entfernt davon, Entsprechendes geleistet zu haben oder es in der mir verbleibenden Zeit noch leisten zu können, wenn uns die Verhältnissen nicht entgegenkpmmen und uns viel Arbeit abnehmen.
          Foucault mag seine Meriten haben, sich zu sehr auf ihn einzulassen, scheint mir jedoch gewisse Erkenntnisse zu hintertreiben. Liege ich damit so ganz falsch?

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          • kranich05 schreibt:

            Ich möchte erwähnen, dass der „volle dialektische Erkenntniszyklus“ im Aufsteigen vom sinnlich Konkreten zum Abstrakten (und zwar nicht zu „schlechten“, sondern zu „verständigen“ Abstraktionen) führt, um weiter aufzusteigen zum geistig (reflektierten) Konkreten.

            Detlevs Ausgangspunkt war „Die natürliche Realität“ und ihre außerordentliche Komplexität.
            Vielleicht nur nein Zungenschlag, trotzdem problematisch genug, denn er führt zu einer philosophischen Ausweitung der Problemstellung ins „ungebührlich“ Abstrakte.
            Meine Fragestellung war nur auf die soziale Realität bezogen und auch hier nur auf eine Teilfrage, nämlich die, mehr gegen den Krieg zu bewirken. Schon das ist komplex genug.

            Wenn ich Detlev richtig verstanden habe, sagt er, dass sich im Transparenzverlangen das Bedürfnis ausdrückt, fremder Macht nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Damit aber würde zugleich irgendwie die systemische Macht bestätigt und selbst Macht und Kontrolle beansprucht. Ich bestreite nicht, dass versucht wird, Transparenz im Machtkampf so zu benutzen. „Lass die Hosen runter, dann haue ich dich in die Pfanne!“
            Trotzdem ist diese Annahme, zumindest was meine Transparenzforderung betrifft, falsch. Ich brauche die Transparenz der sich anbietenden, um meine Unterstützung werbenden NROs (mit dem Versprechen, meine Interessen und Wünsche zu fördern), primär dafür, mich selbst entscheiden zu können und nicht auf Irreführung hereinzufallen.
            Es ist primär ein defensives Bedürfnis, nicht in falsche Machtbeziehungen verwickelt zu werden.

            Macht (im Gegensatz zu Ohnmacht) ohne Herrschaft ist für mich nicht nur nicht negativ, sondern ausgesprochen erstrebenswert. Sie setzt die reale, jederzeit fließende Gleichberechtigung und Wesensgleichwertigkeit aller Individuen voraus.

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            • fidelpoludo schreibt:

              „Ich brauche die Transparenz der sich anbietenden, um meine Unterstützung werbenden NROs (mit dem Versprechen, meine Interessen und Wünsche zu fördern), primär dafür, mich selbst entscheiden zu können und nicht auf Irreführung hereinzufallen.
              Es ist primär ein defensives Bedürfnis, nicht in falsche Machtbeziehungen verwickelt zu werden.

              Macht (im Gegensatz zu Ohnmacht) ohne Herrschaft ist für mich nicht nur nicht negativ, sondern ausgesprochen erstrebenswert. Sie setzt die reale, jederzeit fließende Gleichberechtigung und Wesensgleichwertigkeit aller Individuen voraus.“

              Eine sehr gut er- und aufklärende Passage dessen, worum es geht. Tatsächlich habe ich Detlev so verstanden, dass er die Defensivität des Bedürfnisses nach Transparenz einerseits anerkennt, andererseits aber, indem er die Realisierung dieses Bedürfnisses auf die „enge“ Ebene des je eigenen Umgangs mit sich und seiner Umgebung beschränkt sehen will, doch zu kurz greift. Da die Forderung nach Transparenz, wenn sie diese „Unmittelbarkeit“ überschreitet, seiner (und vielleicht nicht nur seiner) Erfahrung nach oft genug in eine „falsche Machtbeziehung“ (Machtlogik) umzuschlagen droht ,wofür es – dies sei zu seiner „Ehrenrettung“ zu- und eingestanden – historisch und aktuell Beispiele ohne Ende gibt, möchte er den Weg von der lokalen Ebene der „Selbstermächtigung“ zu sich erweiternden Ebenen einschlagen, ohne zuvor oder gleichzeitig bestehenden falschen „Top-Down“-Machtbeziehungen zu analysieren und in Erwägung zu ziehen, weil in dieser Analyse sich die Gefahr auftut, selbst in eine „irreführenden“ Machtbeziehung einzutreten.
              Er glaubt wohl nicht an die Möglichkeit einer „Macht ohne Herrschaft“, wahrscheinlich weil er „die reale, jederzeit fließende Gleichberechtigung und Wesensgleichwertigkeit aller Individuen“ (den humanistischen Kern der Aufklärung) bestreitet. Möglicherweise bestreitet er diesen humanistischen Kern nicht grundsätzlich, sondern nur, dass es noch möglich sein könnte, ihm universell Geltung zu verschaffen.

              Das Problem der „Macht ohne Herrschaft“ scheint mir ein zentrales zu sein, das es im Zusammenhang mit (Basis)Demokratie und Staatstheorie, gesellschaftlichen und privaten Institutionen und selbstverständlich politischer Ökonomie noch genauer zu untersuchen gilt. Nicht gerade wenig, aber wohl nicht unlösbar.

              (Der vermißte Willi Übelherr – er sei gegrüßt, wenn er sich auf diesem Blog noch dann und wann umtut -, würde dem Detlev wohl zur Seite treten wollen.)

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          • Detlev Matthias Daniel schreibt:

            Ich halte die abstraktere Betrachtungsebene der konkreteren dann für „überlegen“, wenn(!) sie die Orientierungspunkte für die eigene Haltung (und Handlung) einfacher und weitreichender projiziert, als es die detaillierte Analyse vermöchte. Nicht daß sie Letztere in jedem Fall ersetzen könnte, aber ich beobachte wiederkehrend, wie der analytisch durchdringende Blick Betrachter so sehr vereinnahmt, daß die zusammenhängende Perspektive verlorengeht. Es ist ja nicht so, daß die Machtproblematik in dieser Gesellschaft sich auf die Ausprägung des aktuellen neoliberalen Kapitalismus beschränkt. Wir finden sie auch z.B. im Verhältnis der Geschlechter, zwischen Erwachsenen und Kindern, zu anderen Lebewesen und der Natur generell usw.

            Zweifellos gibt es Unterschiede zwischen diesen einzelnen Machtsystemen. Und so können wir jedes einzeln analysieren, um es dann aus einem durchdringenden Verständnis zu überwinden. Was dabei ganz konkret gesellschaftlich-praktisch passiert, können wir beobachten, wenn der Kampf gegen Sexismus den gesellschaftlichen Diskurs beherrscht, wenn die Emanzipation der Frauen zu Lasten ihrer Kinder geht oder die Ächtung von Antisemitismus andere Formen von Rassismus oder Chauvinismus verdeckt oder gar legitimiert. Oder eben auch, wenn die Herrschaft des Adels durch die des Kapitals abgelöst wurde. In all diesen Fällen würde ich eine grundsätzlichere, abstraktere Anschauung von Macht der tatsächlich angewandten vorziehen.

            Ergänzend möchte ich noch hinterherschicken, daß je nachdem, wie man den Begriff ‚Macht‘ faßt, sich allein daraus auch unterschiedliche Perspektiven ergeben. Im Kontext gesellschaftlicher Organisation verstehe ich ‚Macht‘ üblicherweise als die Möglichkeit, über andere Individuen zu entscheiden, sie zu bestimmen – subjektiv betrachtet. Systemisch könnte man sie auch als eine Asymmetrie der Freiheit im Verhältnis der Individuen oder Gruppen untereinander bezeichnen, da ja jedes Tun unausweichlich Auswirkungen auf die Lebensbedingungen anderer hat. Man muß also nicht jede Macht in jedem Entwicklungsstadium notwendig unterbinden, aber man sollte verstehen, wo und unter welchen Bedingungen Macht selbstverstärkende Eskalationsmechanismen entwickelt. Das ist das, was ich hier als die Logik der Macht bezeichnet habe. Nach meiner Beobachtung beginnt das schon bei gewissen Diskursen über Macht, ihre Eindämmung und über Systemveränderung, in gesellschaftlich-politischen Machtkämpfen allemal und natürlich auch in den „Kommunikationskriegen“, wie Lutz sie beschreibt.

            Ich halte es für möglich, daß das, was Klaus-Peter als „Macht ohne Herrschaft“ bezeichnet, das ist, was ich einfach „Freiheit“ nenne. Das wäre dann das Ziel all meiner Bemühungen. Andere verstehen unter ‚Freiheit‘ wiederum etwas anderes. Man muß wohl, gerade wenn Diskussionen um zentrale Begriffe drehen, diese vor Verwendung noch präziser klären. In meiner systemischen Betrachtungsweise beinhaltet ‚Freiheit‘ sowohl den Raum, als auch die Fähigkeit, diesen so auszufüllen, daß er als allgemeines Systemmerkmal erhalten bleibt.

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            • fidelpoludo schreibt:

              Lieber Detlev!
              Wie hast Du es geschafft, dass Deine Antwort zu meiner Schmalspur sich wieder breiter machen konnte? Bevor ich reagiere, möchte ich mit dieser Frage kurz austesten, ob mir diese Gnade der Breite auch zufällt. Wenn nicht bringe ich meine Antwort als neuen Kommentar unter.

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    • Lutz Lippke schreibt:

      Kommunikationskriege allerorten

      Vor dem physischen Krieg steht wohl unbestreitbar der Kommunikationskrieg. Kein Stratege zieht ohne erklärte Notwendigkeit in den physischen Krieg. Es gibt immer „gute“ Gründe, die eindrücklich vermittelt und in den Denkgewohnheiten der Allgemeinheit verankert werden müssen. Erstaunlicherweise sind das heutzutage eher indirekte Begründungen, wie humanitäre Absichten oder die Aufrechterhaltung von Machtbalancen, Bündnisverpflichtungen, Loyalitäten, wie auch die Erhaltung der Verteidigungsfähigkeit einer freiheitlichen Welt gegen Terroristen und gefährliche Despoten, mit denen uns militärische und wirtschaftliche Agression als unausweichlich erklärt werden soll.

      „Gezielte Zersetzung“ titelt Rainer Mausfeld seinen Beitrag zu Methoden deren „Leichtigkeit, mit der eine Minderheit von Besitzenden über die Mehrheit der Nichtbesitzenden herrschen kann“ schon Philosophen vor 250 Jahren verwunderte.
      https://www.rubikon.news/artikel/gezielte-zersetzung

      Es geht um Methoden zur Beherrschung der Meinung, ergänzt um Methoden der Spaltung und Zersetzung, die Mausfeld einerseits systemisch, andererseits beispielhaft beschreibt. Dass Mausfeld im Zusammenhang mit dem Wirkungsraum von Demokratie auch auf Erkenntnisse von Ingeborg Maus verweist, sei hier nur am Rande bemerkt. Mausfeld fokussiert weniger die normative Fragen wie Ingeborg Maus, sondern sozialpsychologische Phänomene. In diesem Zusammenhang verkürzt er zur Veranschaulichung den tatsächlichen Konflikt notwendigerweise auf die Gegnerschaft zwischen absichtsvoll Mächtigen und hinters Licht geführte Ohnmächtige. Am Schluss fragt Mausfeld: „Wie lassen sich geeignete Gegenstrategien gegen Herrschaftstechniken einer Zersetzung und Spaltung von Dissens entwickeln?“
      Als grundsätzliche Richtung gibt er an: „Dazu müssen Funktions- und Wirkmechanismen dieser Techniken sorgfältig analysiert und öffentlich behandelt werden. Gegenwärtig spricht viel dafür, dass diese emanzipatorische Aufgabe nur auf außerparlamentarischen Wegen geleistet werden kann.“

      Nicht konträr, sondern ergänzend möchte ich, auch im Rückgriff auf den Kommentar von Detlef und aktuellem eigenem Erleben, ein paar Gedanken dazu loswerden.

      Es wäre müßig, sich allein darüber auszutauschen, welche Größenordnung die Gruppe der absichtvoll strategisch handelnden Mächtigen hat. Man kann sich wohl darauf einigen, dass es eine Minderheit ist und diese keineswegs homogen. Viel interessanter ist daher die Zahl und Denkweisen derer, die sich nur mehr oder minder freiwillig und bewusst in eine solche Agenda der Mächtigen einspannen lassen und welche Möglichkeiten wiederum Diejenigen haben, die die Absichten und Fehlleitungen grundsätzlich erkennen und dem entgegnen wollen. Mein erstes Problem mit dieser (meiner) Differenzierung beginnt schon bei der darin enthaltenden Idee, man wäre u.a. selbst von den Auswirkungen der Manipulation frei. Ich würde das für mich im Prinzip einsichtsvoll bestreiten, ohne mir aber im Konkreten über die Konsequenzen klar zu sein. Das liegt ja auch im Wesen von Manipulationen und Intrigen. Auch das ungute Gefühl, solchen Praktiken ausgeliefert zu sein, bringt einen noch nicht zum ultimativen Durchblick. Hat man einen kleinen Zipfel vermeintlichen Durchblicks erwischt und will sich dazu austauschen, erntet man auch schnell Unverständnis und Ablehnung. So ging es mir heute im vertrauten Kreis.

      Thema war am konkreten Beispiel die Tendenz zur Schaffung von prekären Beschäftigungsverhältnissen durch Ausgliederung und Sparmaßnahmen in einem städtischen Eigenbetrieb. Es bestand Einigkeit darüber, dass dies nicht nur für die Betroffenen von erheblichem Nachteil ist, sondern gerade in einer personalintensiven Branche zum „Kaputtsparen“, zu hohen Kosten und Kollateralschäden bis hin zur Dysfunktionalität des öffentlich-rechtlichen Geschäftszwecks dieses städtischen Unternehmens führt. Soweit so gut. Kein Dissenz.
      Dann wurde jedoch behauptet, dass die verantwortliche Geschäftsführung den Auftrag des Sparens erfüllt hat, natürlich zu Lasten der Beschäftigten. Ich wandte dazu ein, dass ich diese Sichtweise für einen Denkfehler und einen verfälschenden Ausgangspunkt der Fehleranalyse halte. Denn der Auftrag „Sparen“ wurde von der hochbezahlten Geschäftsführung gerade nicht erfüllt, sondern nur mit der dümmlichen Methode des affektiven Personalschindens die Geschäftszahlen auf Kosten der Nachhaltigkeit frisiert. Die Fakten dazu waren kein Streitthema, aber wohl die Sichtweise zum „Sparauftrag“ und die Frage der Erfüllung.
      „Der (böse oder schlechte) Auftrag wurde erfüllt“ stand gegen meine Diagnose der Nichterfüllung des Auftrags. Ich war der Meinung, dass man ohne Detailkenntnis nicht moralinsauer von einem bösen Auftrag ausgehen kann (den auch keiner konkret kannte), sondern die verantwortlich Handelnden schlicht an ihren Maßnahmen und Ergebnissen messen muss, was in der Runde unbestritten ein Fehlschlagen bedeutete. Zumal sonst die Hauptverantwortung für die Folgen des „Personalsparens“ in einer diffusen höheren Instanz verortet wird und der formale, sachliche Vorwurf eines Versagens gegen die unmittelbar Verantwortlichen ins Leere geht. Allenfalls bliebe dorthin noch der moralische Vorwurf, sich hochbezahlt für einen schmierigen Auftrag zur Verfügung gestellt zu haben. Auch mein Einwand, dass der so „böse“ Auftrag wohl von einer rot-roten Landesregierung erteilt worden sein müsste, nützte mir nichts. Ich versuchte es damit, dass man denklogisch durchaus die Frage der Erfüllung eines Auftrags von der moralischen Bewertung der Ergebnisse und dies von unterstellten Absichten trennen könne und sollte. Zumal auch die anderen Diskutanten den konkreten Auftrag nicht kannten, sondern nur aus den Maßnahmen und Ergebnissen schlussfolgerten. Wir mussten die hitzige Diskussion abbrechen und ich wurde als der Störenfried und Querulant ausgemacht. Dabei hatte ich nur versucht, eine andere Sichtweise einzubringen, die doch auch hilfreiche Ansätze für neue Erkenntnisse und denkbare Reaktionen ermöglichen könnte. Das passiert mir recht häufig, aber keineswegs in jeder Konstellation. In anderen Runden wird mein Querdenken eher als öffnende Bereicherung und nicht als Konfrontation oder Belehrung wahrgenommen.

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      • kranich05 schreibt:

        Könnte es nicht sein, dass ihr schlicht über zwei verschiedene Problem gesprochen habt. Das eine könnte „der Auftrag“ der Geschäftsleitung sein, das andere die Qualität der Geschäftsleitung beim Umgang mit dem Auftrag.
        Keines der beiden Probleme ist durch das andere zu ersetzen.
        Auch wenn Du die folgenden Überlegungen nicht konträr, sondern offenbar konkret weiterführend verstehst, wie hier sichtbar wird:
        „Es wäre müßig, sich allein darüber auszutauschen, welche Größenordnung die Gruppe der absichtvoll strategisch handelnden Mächtigen hat. Man kann sich wohl darauf einigen, dass es eine Minderheit ist und diese keineswegs homogen. Viel interessanter ist daher die Zahl und Denkweisen derer, die ….“
        möchte ich nachdrücklich zur KONKRETEN (im oben erwähnten Hegelschen Sinne) Befassung mit den strategisch Mächtigsten raten (wozu auch Quantität und Maße gehören) und dann – Rügemer folgend – ihre „zivilen Armeen“ in den Blick nehmen, um sowohl Strukturen, als auch Handlungsmuster und -weisen zu erkennen.
        In diesem Sinne empfehle ich wärmstens von Werner Rügemer: „Die-Kapitalisten-des-21-Jahrhunderts“
        http://shop.papyrossa.de/Ruegemer-Die-Kapitalisten-des-21-Jahrhunderts

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        • Lutz Lippke schreibt:

          Zur zweiten Anmerkung will ich auf das unscheinbare Wort „allein“ verweisen, das in dem Zusammenhang eigentlich „ALLLEIN!“ betont werden müsste. Die möglichst konkrete Durchleuchtung der Machteliten wollte ich also nicht als unwichtig deklarieren. Ich meinte damit ganz im Sinne von „zivile Armeen“ der Mächtigen bei Rügemer, dass die Machtausübung Weniger über die Allgemeinheit nur über die Beherrschung dieser Funktionsschichten gelingen kann. Die Übergänge zwischen Oben, Mitte und Unten sind sicherlich auch nicht so trennscharf, wie es einem für den Durchblick mitunter recht wäre. Das führt mich zur zweiten Anmerkung.
          Mein Eindruck ist, dass der Blick auf „die da Oben“ immer Dreierlei bewirkt. Erstens ist der besonders kritische Blick nach Oben von der Frage geleitet, dass oder ob man den Oben das Vertrauen oder die Gefolgschaft entziehen sollte. Zweitens bewirkt dieser Blick aber zugleich die Fokussierung auf diese Machtpyramide als einen faktisch selbstverständlich anerkannten Status Quo und Drittens entlastet dieser kritische Blick nach Oben von einem ebenso kritischen Blick auf eigene Defizite und die der Nachbarschaft. So verstehe ich auch Detlefs Einwand zur Kontamination und Vernebelung des Eigenen durch eine Fokussierung auf Machtfragen.

          Bei der von mir dargestellten Diskussion schien es mir vor allem deshalb so schwer, weil ich eine unübliche, ungewohnte und methodisch gegensätzliche Sichtweise in die Diskussion einbringen wollte und dabei wohl wenig psychologisches Geschick walten ließ. Trotzdem überraschte mich die harschen Reaktionen der Anderen. Vermutlich beruhte diese Ablehnung der Anderen auf deren gefühlte Gewissheit, dass man die bisher übliche und allgemein anerkannte Sichtweise vertritt und sich daher nicht mit abwegigen Denkweisen abgeben wolle, die den gewohnten Bahnen irgendwie entgegen stehen. Hier kommt dann noch erschwerend der Ausflucht zur Abstraktion beim Abtrünnigen hinzu, wenn ich versuchte den Kern der Diskussion durch Formalisieren oder Analogien von unreflektierten Denkmustern zu befreien bzw. diese sichtbar zu machen. Das ist an sich schon keine leichte Übung und bedingt eigentlich Kooperation. Nur macht man sich damit oft keine Freunde.

          Zur Abstraktion:
          Durch Zufall sah ich im TV vor einigen Tagen eine Preisverleihung in einem deutschlandweiten Innovationswettbewerb. Die Kandidaten aus der Wissenschaft stellten wirklich echte Innovationen mit hohem Wirkungspotential vor, u.a. eine echte „Neuerfindung des Zahnrades“. Einer der Erfinder wurde gefragt, wie man zu solchen Neuentdeckungen in scheinbar Bewährtem kommt. Er antwortet sinngemäß, „das zu lösende Problem durch Abstraktion von allen gewohnten Vorstellungen und Prämissen entkernen (Aufsteigen), Problem theoretisch analysieren, neu ordnen und dann wieder in die Realität übertragen (Absteigen). Dies intensiv und wenn nötig immer wieder wiederholen, abwandeln bzw. neudenken.“ Das Statement bestätigte mich in meiner Vorstellung zu abstrakten Methoden der Erkenntnisgewinnung. Dass ich die zuweilen strikt als notwendig behauptete Trennung zwischen geisteswissenschaftlichem Denken / Methoden und naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen für eine so zu entkernende Vorstellung halte, hatte ich sicher schon mal erwähnt. Immer dann, wenn bei nicht trivialen Problemen eine Abstraktion abgelehnt wird, steckt Intransparenz und das Unwohlsein möglicher Irrtümer und Denkfehler dahinter, wäre so eine Arbeitsthese von mir.

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      • Detlev Matthias Daniel schreibt:

        „Ich war der Meinung, dass man ohne Detailkenntnis nicht moralinsauer von einem bösen Auftrag ausgehen kann (den auch keiner konkret kannte), sondern die verantwortlich Handelnden schlicht an ihren Maßnahmen und Ergebnissen messen muss, was in der Runde unbestritten ein Fehlschlagen bedeutete. Zumal sonst die Hauptverantwortung für die Folgen des „Personalsparens“ in einer diffusen höheren Instanz verortet wird und der formale, sachliche Vorwurf eines Versagens gegen die unmittelbar Verantwortlichen ins Leere geht.“

        Was ist denn ein Auftrag und wie verhält sich ein solcher zur Verantwortung? Wenn ich den Auftrag betrachte als eine Vorgabe, nach der ich meine Entscheidungen ausrichten muß, also in meiner Entscheidungsfreiheit begrenzt werde, kann ich dann insoweit auch nicht mehr verantwortlich sein, denn Verantwortung und Freiheit gehören untrennbar zusammen. Wenn wir aber nun von der Freiheit der Menschen generell und der hier Verantwortlichen speziell ausgehen wollen, wie kann man da „Aufträge“ in diesem Sinne annehmen? Also sowohl im Sinne des begrifflichen Verstehens als auch der konkreten Einwilligung.

        Ich denke, wir sind hier exemplarisch an einem ganz entscheidenden Punkt. Ich brauche hier auch keinen Marx oder Foucault um zu verstehen, daß ich meine Freiheit und Verantwortung nur insoweit wahre, wie ich der Annahme solcher Aufträge widerstehe. Ich brauche ein gewisses Maß an Erfahrungen, um das zu verstehen, aber ich muß an dieser Stelle nicht konkret verstehen, wie dieser Auftrag und seine „Legitimation“ zustande kommen, um mich aus der Unterstützung der Macht auszuklinken. Ich gestehe allerdings zu, das ein konkreteres Verstehen hin und wieder hilfreich ist für das eigene Überleben. Aber das ist eine ziemlich banale Feststellung.

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  7. Der Antimachiavell schreibt:

    Oh je … „die von Hitler willig verführten, euphorischen Massen“ in der Nazizeit und weiter “die abstraktere Betrachtungsebene“ und ja wir haben Kommunikationskriege …. das MerKill-Soros-Tier lechzt nach Blut wie in Irak, Libyen, Syrien … und niemand kann das unangreifbare Tier stoppen.

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  8. fidelpoludo schreibt:

    „Der Auftrag“
    (könnte auch der typische Titel eines Romans von Kafka und/oder eines Stückes von Brecht sein)

    „Thema war am konkreten Beispiel die Tendenz zur Schaffung von prekären Beschäftigungsverhältnissen durch Ausgliederung und Sparmaßnahmen in einem städtischen Eigenbetrieb.“

    Was ich hier gern wüßte und zu einer Beurteilung wissen müßte:
    — Auf welcher Betriebsebene wurde hier diskutiert?
    — Auf wessen Initiative hin wurde die Diskussion anberaumt?
    — War die Diskussion betrieblich angesetzt und gewünscht oder bloß informeller Art?
    — Wie war die Diskussionsrunde zusammengesetzt?
    — War die Geschäftsleitung vertreten?
    — Wie waren überhaupt die hierarchisch gegliederten Ebenen, ohne die auch ein „städtischer Eigenbetrieb“ nicht auskommt, vertreten?
    — Waren die von Ausgliederung und Sparmaßnahmen Betroffenen vertreten?
    — Oder war die Anzahl der Betroffenen und deren Identitäten noch nicht bekannt bzw. noch geheim gehalten?
    — Gibt es in diesem Betrieb eine Art Betriebsrat oder Arbeitnehmervertretung? Wenn ja, war sie oder er geladen?
    — Sollte der Diskussionsrunde die „Verantwortung“ für die folgenreichen Details einer „Maßnahme“ (Brecht umarmt Kafka) übrtragen werden, die feststand und nicht mehr hinterfragt werden konnte? Sollte also „Mitverantwortung“ insinuiert und gespielt werden? Die Verantwortung also bloß (mitgehangen – mitgefangen – mitwissend – mitverantwortend – kumpanenhaft – schulterklopfend für das Auge des naiven späteren Betrachters der Folgen) übertragen und verschoben werden?

    Zur letzten Frage hat Detlev das Notwendige bereits gesagt:

    „Wenn ich den Auftrag betrachte als eine Vorgabe, nach der ich meine Entscheidungen ausrichten muß, also in meiner Entscheidungsfreiheit begrenzt werde, kann ich dann insoweit auch nicht mehr verantwortlich sein“.

    Auch sein darauf folgender Verweis auf eine ganz anders geartete Verantwortung ist zutreffend und nicht unwichtig: Die Verantwortung für das eigene Überleben bzw. die Versorgung der eigenen Familie. Zwei Verantwortungen im Konflikt miteinander – ganz offensichtlich. Und machen wir uns nichts vor: Zu 99 Prozent entscheiden sich Menschen in so einem Falle für die zweite Lösung des Konflikts. Und verdrängen nicht nur die erste Verantwortung, die ja eigentlich nicht wirklich eine ist, sondern die sie strukturell treffende dritte Verantwortung, nämlich die Verantwortung derer, die sie in diesen Konflikt gestürzt haben.
    Auch das hat Detlev treffend auf den Punkt gebracht:

    „Ich brauche hier auch keinen Marx oder Foucault um zu verstehen, daß ich meine Freiheit und Verantwortung nur insoweit wahre, wie ich der Annahme solcher Aufträge widerstehe. Ich brauche ein gewisses Maß an Erfahrungen, um das zu verstehen, aber ich muß an dieser Stelle nicht konkret verstehen, wie dieser Auftrag und seine „Legitimation“ zustande kommen, um mich aus der Unterstützung der Macht auszuklinken.“

    Die konkrete Wahrnehmung der „Begrenzung seiner Entscheidungsfreiheit“ durch die Vorgabe des Auftrags reicht ihm schon, die Annahme zu verweigern, sich „aus der Unterstützung der Macht auszuklinken“. Der Auftrag (der ja eigentlich ein Befehl ist) ist „böse“, weil er Macht ausdrückt – ohne Ansehen dessen, was sie durchsetzen will oder wie sich legitmiert. Eigentlich kann Macht sich in seiner Auffassung gar nicht legitimieren: Sie ist das Gegenteil von Legitimität und Freiheit.

    Hier setzt wieder mein Dissenz mit Detlev an, den, in einem neuen Anlauf wieder aufzuführen, mir auch Lutz Lippkes Vorspiel zu seiner Erzählung vom „Auftrag“ behilflich sein wird.

    1. Ich greife noch einmal des Kranichs Begriff der „Macht ohne Herrschaft“ auf, den Detlev meiner Ansicht nach verkürzend mit dem der Freiheit gleichsetzen will. Er glaubt also, auf den Begriff verzichten zu können, den der Kranich wiederum „nicht nur nicht negativ, sondern ausgesprochen erstrebenswert“ findet, weil er „die reale, jederzeit fließende Gleichberechtigung und Wesensgleichwertigkeit aller Individuen“ voraussetze. In beidem zeigt sich die Qualität und der Sinn des Rechts, das institutionalisiert werden und dem gefolgt werden muß (nicht kann!). „Im Namen des Volkes (der Menschheit? der Menschlichkeit?) ergeht folgendes Urteil“, sollte keine leere Floskel sein, sondern jederzeit vom Volk überprüfbar sein. Ob dann dieser Zustand mit den Worten „das Recht herrscht“ oder „das Recht hat die Macht“ bezeichnet wird, tut nichts zur Sache. Nur über das Recht kann das Volk sich selbst beherrschen und über sich die Macht haben. Selbstermächtigung des Volkes durch Recht wäre meine Auslegung des Begriffes „Macht ohne Herrschaft“. Das wäre vielleicht die „Freiheit des Volkes“, die allerdings nicht gleichbedeutend mit der Freiheit jedes Einzelnen sein kann, eher viel mehr mit „Einsicht in die Notwendigkeit“ zu tun hat. Verbrechen müssen in jedem politischen Gebilde eine Sonderbehandlung erfahren – unter Umständen auch mit vorrübergehenden „Freiheitsentzug“. Es gibt also eine Logik der Macht, die durchaus Sinn macht. Nicht jede Machtbeziehung ist eine falsche.
    Um zu einem derartigen Zustand zu gelangen, sind allerdings die Hindernisse zu benennen, die uns davon trennen. Detlev hat sein Gespür für „falsche Machtbeziehungen“ derart entwickelt, dass er überall, wo Macht auftaucht, ihre „Falschheit“ diagnosziert. Er braucht sie nicht weiter zu untersuchen. Der Geruch reicht ihm. Lutz Lippkes „Auftrag“ hätte inhaltlich auch ganz anders aussehen können, etwa: „Beratet einmal darüber, wie wir den Gewinn unseres Unternehmens gerecht verteilen!“ oder „Beratet einmal, wie unser Vorstand zusammengesetzt und gewählt werden könnte!“ oder „Welche Maßnahmen wären möglich und notwendig, unsere Arbeitsplätze zu sichern?“. Er müßte sie als Vorgaben erkennen und deshalb verwerfen. Dass sich aus solchen Vorgaben eine Entwicklung ergeben könnte, die Vorgaben verringern, sogar verhindern könnten, würde er nicht in Betracht ziehen wollen.

    2. Ich muß an dieser Stelle doch „konkret verstehen, wie dieser Auftrag und seine „Legitimation“ zustande kommen“, eben nicht nur, „um mich aus der Unterstützung der Macht auszuklinken“, sondern um das Machtgeflecht, die Mechanismen struktureller Gewalt dahinter zu erkennen, weil nur dann Aussicht besteht, mich nicht nur „aus der Unterstützung der Macht auszuklinken“, mich immer weiter zurückzuziehen, sondern sie zu erkennen, um sie bekämpfen und abschaffen zu können. Dazu muss ich auch – wenn auch auf der anderen Seite – in die Logik der Macht eintreten, um „falsche Machtbeziehungen“ zu beenden und erstrebenswerte demokratisch und rechtlich legitimierte einzurichten.
    Auch wenn Lutz diese Verbindung nicht ausdrücklich hergestellt hat, dürfte sein „Vorspiel“ zur Schilderung des „Auftrags“ nicht zufällig sein. Ihm scheint es also durchaus nicht gleichgültig zu sein, wie „der Auftrag“ legitimiert und seine Weg „von oben nach unten“ sich gebahnt haben mag, welche Interessen sich da Bahn brechen könnten, mit welchen Methoden. Oder die „Zahl und die Denkweisen derer“ zu ergründen, „die sich nur mehr oder minder freiwillig und bewusst in eine solche Agenda der Mächtigen einspannen lassen und welche Möglichkeiten wiederum Diejenigen haben, die die Absichten und Fehlleitungen grundsätzlich erkennen und dem entgegnen wollen.“
    Man spürt seinen Willen zur Aufklärung einer nicht grundlos gemutmaßten „gezielten Zersetzung“ noch oder gerade in seinem Bekenntnis des Gefühls, „solchen Praktiken“ (der „Leichtigkeit, mit der eine Minderheit von Besitzenden über die Mehrheit der Nichtbesitzenden herrschen kann“), „ausgeliefert zu sein“ und in seinem fast verzweifelten sich Anklammern an „einen kleinen Zipfel vermeintlichen Durchblicks“, den ihm der „vertraute Kreis“ mit „Unverständnis und Ablehnung“ nicht gönnen mag.Der „Zipfel“ und die Spur, auf die ihn Mausfeld hier hinweist, nämlich dass es um den Kampf zwischen „Besitzenden“ und „Nichtbesitzenden“ (also um Klassenkampf) geht, ist so klein auch wieder nicht. Verhilft zwar nicht zum „ultimativen Durchbruch“ – zumal diese Erkenntnis schon über 250 Jahre alt sein soll -, sagt aber immerhin schon mehr über die Form der „Machtlogik“ aus als dass sie „da“ und vorhanden ist. „Follow the Money“, mehr Mausfeld und Rügemers „Kapitalisten im 21. Jahrhundert“ und Michael Hudsons „Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört“ und Ernst Wolffs „Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs“.

    „Mausfeld: „Wie lassen sich geeignete Gegenstrategien gegen Herrschaftstechniken einer Zersetzung und Spaltung von Dissens entwickeln?“
    Als grundsätzliche Richtung gibt er an: „Dazu müssen Funktions- und Wirkmechanismen dieser Techniken sorgfältig analysiert und öffentlich behandelt werden. Gegenwärtig spricht viel dafür, dass diese emanzipatorische Aufgabe nur auf außerparlamentarischen Wegen geleistet werden kann.“

    Für Lutz hilfreich und zum Trost dürfte Mausfelds Hinweis sein, „dass diese emanzipatorische Aufgabe nur auf außerparlamentarischen Wegen geleistet werden kann“. Er erklärt, warum die Aufklärungs- und Emanzipationsintention wie nicht innerhalb des Pateiensystems, so wohl erst recht nicht innerhalb eines Unternehmens sich realisieren kann, dem man selbst angehört.

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    • fidelpoludo schreibt:

      Ich entschuldige mich für das zu viel Fette am Anfang. Habe wohl einmal die richtige Taste verfehl, die das verhindert hätte.

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    • Lutz Lippke schreibt:

      „So verstehe ich auch Detlefs Einwand zur Kontamination und Vernebelung des Eigenen durch eine Fokussierung auf Machtfragen“ schrieb ich zuvor.

      Statt „Machtfragen“ hätte ich vielleicht gezielter „Definitionen der Herrschenden“ schreiben sollen.

      Kleiner Einschub:
      Mir wurde gerade ein äußerlich sehr unscheinbares Buch geschenkt: „Ingeborg Maus, Justiz als gesellschaftliches Über-Ich, Zur Position der Rechtsprechung in der Demokratie“. Ich hatte es mir gewünscht. Dazu gäbe es noch Vieles zu sagen und zu diskutieren, ich lese derzeit allerdings immer nur ein paar Seiten auf der Bahnfahrt und bin noch nicht weit gekommen. Die Lektüre ist kein Vergnügen, eher eine weitere Offenbarung. Ingeborg Maus thematisiert die sukzessive Verfälschung der aufklärerischen Ideen zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Jetztzeit. Dies wohl gerade nicht nur durch die bewusste Manipulation der Verhältnisse durch Herrschende, sondern Maus diagnostiziert „Züge einer religiösen Verehrung“ in der Bevölkerung für die herrschenden Institutionen und Personen, die damit als Ersatz für Kaiser und Vater herhalten. Explizit greift sie die verzerrte Logik eines moralgesteuerten Rechtsstaatsverständnisses auf, bei dem Richter, einflussreiche Personen und Organisationen (jeder politischen Richtung) Ihre Moral-Vorstellungen als ungeschriebene Normen der Allgemeinheit überordnen. Diese Vorgaben der Eliten werden von den Beherrschten tatsächlich auch übernommen. Auch durch innere Ablehnung! Denn für die Frage:“Um WAS es geht?“ kommt es nicht darauf an, ob das innere „WIE, für oder gegen die Mächtigen“ ist, sondern mit dem „WAS“ stellt der Herrschende den Fokus der Kamera auf sein Thema scharf und das „Restbild“ rückt sorgfältig verschwommen in den scheinheiligen Hintergrund. Das „WAS“ bestimmt durch diese bewusst erzeugte Fokussierung damit auch das mehrheitliche „WIE“.

      Zur Diskussion des „Sparauftrag“ hätte ich wohl den von mir gedachten Zusammenhang deutlicher machen sollen. Unstreitig war in dem privaten Kreis (der am „Auftrag“ nicht Beteiligten), dass die „Einsparungen“ ein vorhersehbarer Fehlschlag auch für das Unternehmen war und durch späteren Aufwand teuer bezahlt wird. Der Streit kam auf, weil ich die Sichtweise der Anderen, nämlich trotz negativer Bewertung der Handlungen und Ergebnisse den „Auftrag“ als (erfolgreich) erfüllt zu deuten, eben nicht teilte. Die Deutung als „Erfolg“ oder „erfüllt“ hätte nach meiner Auffassung mindestens

      1. das Wissen vorausgesetzt, dass an die hochbezahlte Geschäftsführung zur Ausführung explizite Befehle mit genauen Handlungsvorgaben erteilt wurden. So etwas mag es geben, aber häufig wird an sogenannte Sanierer ein pauschaler Auftrag zur signifikanten Verbesserung der Leistungs- und Kostenbilanz gegeben, den der Sanierer gerade mit den von ihm präferierten Methoden und Mitteln erfüllt.

      2. Steht „Erfüllung“ im logischen Gegensatz zur Einschätzung „vorhersehbarer Fehlschlag“. Diesen Widerspruch mit einem „bösen“ Auftrag zu erklären, den man aber gar nicht kennt, liegt außerhalb von Transparenz und Logik.

      Nach meiner Wahrnehmung übernahmen meine Streitgenossen trotz innerer Ablehnung tatsächlich die Denklogik der Herrschenden, nämlich zunächst das „WAS?“. Sie können das „WIE“ dementsprechend auch nur im Rahmen dieser vorgegebenen Denklogik beantworten („erfolgreich“) und dem Dilemma nur moralisch entkommen, in dem sie einen „falschen Auftrag“ oder ein „falsches Ergebnis“ feststellen. Aus Faktischem wird so Moralisches, aus Tatsächlichem wird Wertung, aus transparenter Logik eine widersprüchliche, persönliche Meinung.

      Warum schrieb und schreibe ich das?
      Weil ich Detlef in Bezug auf seinen Kommentar zur „Machtlogik“ genau in dieser Weise verstehe und meine „Maus“-Lektüre diese Verfälschungen und Umkehrungen im Denken der Beherrschten in Bezug auf Demokratie und Recht zum Thema hat. Maus forschte und schreibt mit Sicherheit nicht für die Aufklärung der Herrschenden. Ich empfinde es so, dass sie mich ständig zum Nachdenken über mein Denken und meine Blockaden herausfordert und mir ans Herz legt, die eigene Haltung wieder mit eigener und sorgfältig durchdachter Logik zu fundieren. Dabei führt sie mich durch das bis heute wachsende Dickicht von bewussten Manipulationen und unbewussten Verfälschungen hin zu den aufklärerischen Ideen einer Demokratie auf der Grundlage von Volkssouveränität und normativem Recht, die sich nachweislich gegenseitig bedingen.

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    • Detlev Matthias Daniel schreibt:

      Lieber Fidelp,
      da will ich mich doch auch einmal an der Pflege unseres Dissenses beteiligen. Du meinst also, daß alles und Macht insbesondere eine Frage der Moral sei und die „gute“ Anwendung und Wahrung von Macht gar keine „böse“ Herrschaft. Das vor allem, wenn „das Volk“ als ein irgendwie „freies“ und verantwortliches einheitliches Subjekt „wesensgleicher und gleichberechtigter Individuen“ sich selbst regiert, Legislative, Exekutive und Judikative in sich vereint, sich selbst vorschreibt, was es tun muß und nicht tun darf, über sich selbst zu Gericht sitzt und sich selbst verurteilt und sich selbst die Steuern abknüpft, die es braucht, um seine guten und wahren Interessen zu bedienen, statt immer nur die schnöden eigennützigen! Und dafür braucht es eben Transparenz – wie einen klaren Himmel, auf daß das Volk erkennen möge die Quelle des guten und wahren reinen Lichtes und nicht verführt werde von den anderen, den Blendern und Illusionisten.

      Und wenn ich dir dann entgegene, daß alles Tageslicht von der Sonne stammt und der Himmel ohne dieses immer nachtdunkel wäre, erklärst du, daß, wenn es nach Detlev ginge, der Himmel über uns immer dann, wenn man die Sonne nicht sehen kann, schwarz wäre (was ja offensichtlich absurd ist).

      Satiremodus aus.

      Ein Fisch wird aus seiner Perspektive nie die Schilderungen einer Möve verstehen. Wenn jemand eine andere Perspektive aufmacht, kann man seine Worte, Sätze, Aussagen nicht wie Schnappschüsse in die eigene Perspektive fotomontieren. Das ergibt immer ein absurdes Bild. Man muß sich schon mit seinem Betrachtungspunkt auf Wanderschaft begeben. Erst aus der Gesamtschau läßt sich die Idee verstehen und korrekt in die eigene gewohnte Perspektive projizieren.

      Nur ein Beispiel: Aus der Idee autonomer, eigenverantwortlicher Freiheit wäre es absurd, eine Handlungsoption zurückzuweisen, nur weil sie als fremder Anspruch an uns herantritt. Die Option bleibt selbstverständlich erwägenswert, nur nicht als Auftrag (im Sinne von ‚Befehl‘).

      Ich hoffe, daß, wenn ich abstrakte Begriffe verwende, es mir stets gelingt, sie abstrakt zu belassen, und sie nicht plötzlich zu handelnden Subjekten mutieren. Wen interessiert die Freiheit eines Volkes, wenn es nicht die Freiheit seiner Menschen ist?

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      • fidelpoludo schreibt:

        Belassen wir es bei unserem Dissens. Nur den Vorwurf, dass ich für die „Freiheit des Volkes“ pädierte, um den Einzelnen zu versklaven, weise ich weit von mir. Wenn Du etwas in der Art nachweisen kannst, dann nur zu!

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