Wenn es spät wird… (2)

Wer über Altersweisheit nachdenkt, sollte nüchtern und selbstkritisch bleiben. Das Bild vom geschwätzigen Alten warnt. Ohnehin fällt einem der sprichwörtliche „alte Narr“ein. Andererseits heißt es: „Kinder und Narren sagen die Wahrheit.“

Vielleicht hängen Weisheit und Narretei zusammen?

(Wikipedia mit einer interessanten Bildbetrachtung)

„Altersweisheit“ meint ja wohl, dass ein alter Mensch sich über einen mehr oder weniger bedeutenden Gegenstand äußert – die Welt, das Leben, die Gesellschaft, den Menschen. Ich möchte zunächst nur das Objekt betrachten, den Gegenstand der Äußerung, nicht das sich äußernde Subjekt.

Der Gegenstand, nehmen wir die Gesellschaft, ist im Vergleich zum Individuum riesengroß. Sie ist zeitlich und räumlich schier endlos, während dem einzelnen Menschen enge Grenzen gesetzt sind. Was kann er denn in seinen 60, 80 Jahren erfahren und begreifen von einer vieltausendjährigen Geschichte? Und dann ist er noch von der Besonderheit des ihm zugänglichen Geschichtsabschnitts abhängig. Wie soll der arme Mann zur Weisheit kommen, wenn gerade in seinen 60 Jahren nichts Belangvolles passiert ist oder, im anderen Extrem, ein einziger Grusel?

Nehmen wir zweimal 40 Jahre in Deutschland: 1870 bis 1910 und 1910 bis 1950. Die Zeiträume scheinen völlig unvergleichbar zu sein. Und „weise Worte “ der einen Zeit haben vermutlich mit den „weisen Worten“ der anderen Zeit nur wenig zu tun.

Oder: Drillinge sind 1860 geboren. Der erste stirbt 1915, der zweite 1930, er dritte 1945. Sie mögen nach Anlagen und persönlichen Lebensumständen viele Gemeinsamkeiten gehabt haben haben, wie verschieden aber mögen ihre letzten weisen Worte sein?

Was für die zeitliche Dimension gilt, trifft nicht weniger auf die räumliche zu. Wer in den „goldenen Jahren“ der Gründerzeit nach 1870 am deutschen Aufstieg teil hatte, lernte zwar den Begriff „Kolonialwaren“ kennen, hatte aber wohl kaum eine Vorstellung von den Völkermorden, die zur gleichen Zeit in Nordamerika, im Kongo oder in Indien verübt wurde. Was bedeutete das für seinen „Tiefsinn“?

Kurzum: Ich bin skeptisch gegenüber einer Weisheit, die sich von Zeit und Ort ablöst und ihren einzigen Nährboden in bestimmten Konstanten des Individuums findet.

Die Orientierung auf die gesellschaftliche Wirklichkeit eröffnet den Weg zum inhaltlichen Reichtum der Persönlichkeit, natürlich auch der alt gewordenen. Doch damit beginnen neue Schwierigkeiten. Das lebendige gesellschaftliche Dasein in seinem Fluss ist dem Individuum nicht unmittelbar gegeben. Unmittelbar miterlebt wird es im besten Fall in einem winzigen, zufälligen Ausschnitt. Wie objektiviert sich der gesellschaftliche Prozess? Wie wird er aufbereitet und vermittelt, so dass er überhaupt für die gesellschaftlich fernstehenden Menschen als existierend wahrgenommen und dann geistig verfügbar wird? Ein Problem, das der Aneignungsfähigkeit und -bereitschaft des Individuums vorgelagert ist.

Die Frage nach dem objektiven, „tatsächlichen“ Dasein der Gesellschaft, das immer ein vermitteltes ist, enthält offenbar vielfältige Probleme. Es geht um weit mehr als die fleißige Arbeit von Historikern oder um passable Schulbücher. Zu Denken muss geben, in welcher Tiefe manche Menschen, ich denke an geniale Künstler, wie Mozart, Schubert oder Hölderlin, in ihrer kurzen Lebensspanne ihre Gegenwart erfasst und künstlerisch aufgehoben haben. Von Altersweisheit kann hier nicht die Rede sein, wohl aber von einer Art „endgültigen Weisheit“. Was ist das?

Wie sieht es und sah es mit der mir gegeben gesellschaftlichen Wirklichkeit aus, mit meinen „Zeitchancen“ oder „-schranken“, um zu tieferen Einsichten zu kommen? Leute wie Gauck (zufällig mein Jahrgang) können ja nicht genug darüber jammern (oder sollte ich dem Bild gemäß sagen „stinken“?), unter welcher „Käseglocke“ sie jahrzehntelang leben mussten.

Ich bin 1940 geboren. Also werde ich 2020 acht Jahrzehnte erlebt haben. Meine bewusste gesellschaftliche Reflexion (und Parteinahme) hatte sich bis 1955 komplex herausgebildet. Ich werde also 2020 65 Jahre bewusst und immer mit wachem gesellschaftlichen Interesse gelebt haben.

U. a. gibt es in diesem Leben einige unmittelbare Kriegseindrücke und ein schmales Rinnsal des direkten Bezugs zu widerständigem Leben im Faschismus, lebhafte Erinnerungen an die Nachkriegsjahre, keine Hard-core-Erinnerungen an stalinistische Exzessereignisse aber zahlreiche Erfahrungen mit Stalinismus und Nachstalinismus. Es gibt einige frühe plastische Erinnerungen an Deutschland vor der Teilung, dann natürlich ein ganzes Kompendium von Erfahrungen mit dem Realsozialismus aber auch gleichzeitig mit dem Realkapitalismus und schließlich mit dem Niedergang und Untergang des Realsozialismus und der realkapitalistischen Lebenswirklichkeit seit 1990 mit ihren verschiedenen Etappen.

Mal sehen, was ich daraus gemacht habe oder was daraus noch zu machen ist.

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