1932 – die „Rjutin-Plattform“ gegen Stalin – Kapitel 1

Mit der „Rjutin-Platform“ – ihr voller Titel lautet:

„Stalin und die Krise der proletarischen Diktatur“ 

– liegt eine der frühesten prinzipiellen Auseinandersetzungen mit dem Regime Stalins vor, einem Regime der Krise der proletarischen Diktatur und der Pervertierung der sozialistischen Revolution.

Einige Informationen zum Hintergrund dieser Arbeit sind hier nachzulesen.

Wenn wir im Folgenden eine (autodidaktische, nicht professionelle) Übersetzung dieses Werkes ins Deutsche vorlegen, so geht es auch um die Würdigung einer heroischen geschichtlichen Tat. Aber es geht um mehr.

Rjutin begann seine kritische Auseinandersetzung mit Stalin ab 1928, also vor 90 Jahren. Er entwickelte sich zu einem unbeugsamen Kämpfer gegen den Usurpator. Er führte diese Auseinandersetzung zugleich tagespolitisch polemisch und theoretisch begründet. Und nie war der Einsatz geringer als das Leben.

Wir wissen es nicht, doch ich bezweifle es, ob jemals wieder eine „Diktatur des Proletariats“ auf die Tagesordnung der Geschichte kommt, der Art wie sie die russische Oktoberrevolution und die internationale Konterrevolution damals im Laufe der 20er Jahre in der Sowjetunion hervorgebracht hatten. Doch ich erwarte, dass eine künftige radikale humanistische Umwälzung ebenfalls gravierend in die Eigentumsverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft eingreifen muss. Das große Privateigentum an den Produktions- und Finanzmitteln muss aufgehoben werden und das massenhafte kleine Privateigentum muss sich entwickeln können und auf einen die Gesellschaft immer besser fördernden Weg gebracht werden. All das werden nur mächtige politische Kräfte mit demokratischer staatlicher Macht erfolgreich bewirken können. Auch einflussreiche Führerinnen und Führer wird diese Bewegung brauchen und hervorbringen; solche und solche und ihre Kämpfe.

So mag uns Rjutins Vermächtnis näher stehen als wir uns gegenwärtig vorstellen.

Im ersten, relativ knappen Kapitel seiner Arbeit geht R. auf die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte ein. Ohne großen geschichtsphilosophischen Ansatz ist dies doch faktisch eine Wortmeldung gegen schematische Auffassungen vom Wirken der „ehernen Gesetze der Geschichte“. R. wertet breit und prinzipiell die letzten Charakterisierungen Stalins durch Lenin aus. Damit hebt er ins Licht der Partei- und demokratischen Öffentlichkeit, was vergessen gemacht werden sollte, damals aber wenige Jahre nach Lenins Tod unter wachen Bolschewiken durchaus noch mehr oder weniger bekannt war. Doch viele, auch maßgebliche Parteiführer (Kamenew ist zu nennen), beteiligten sich daran, Lenins Warnungen und Forderungen herunterzuspielen und zu entschärfen. Es waren allzu viele, und die meisten wurden schließlich selbst zu Opfern.

Nun hat Martemjan N. Rjutin das Wort:

1. „Zufall“ und die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte1

Marx sagt in seinem Brief an Kugelmann: „Die Geschichte hätte einen sehr mystischen Charakter, wenn der „Zufall“ in ihr keine Rolle spielen würde. Diese Zufälligkeiten gehen natürlich auch als eigener Bestandteil in den allgemeinen Entwicklungsgang ein und gleichen sich mit anderen Zufällen aus. Aber eine Beschleunigung und Verzögerung hängt in starkem Maße von diesen „Zufällen“ ab, unter denen auch solch ein „Fall“ auftritt, wie der Charakter der Menschen, die zunächst Oberhaupt einer Bewegung sind“.

Unter unseren Bedingungen spielt jene Zufälligkeit, wie der Charakter eines Menschen, der das Oberhaupt der Bewegung ist, das Oberhaupt der Partei der Arbeiterklasse, – der Charakter Stalins, eine wahrlich verhängnisvolle Rolle. Unter den Bedingungen der Proletarischen Diktatur, die in ihren Händen alle Hebel der Ökonomie vereint und den Apparat dazu besitzt, ist die Rolle des Generalsekretärs unter Bedingungen eines grenzenlosen Staates in einem Land, in dem eine Partei und ein gigantischer Zentralismus der gesamten Parteiführung existieren, zehn mal mächtiger und verzweigter als der Apparat eines beliebigen bourgeoisen Staates. Seine persönlichen Eigenschaften besitzen äußerst politische Bedeutung.

Eben aus diesem Grunde schrieb Lenin in seinem „Testament“ den persönlichen Eigenschaften des Generalsekretärs solch eine außerordentliche Bedeutung zu, eben deshalb unterstrich Lenin, der die persönlichen Eigenschaften Stalins kannte, mit Nachdruck in seinem „Testament“ die Notwendigkeit, Stalin vom Posten des Generalsekretärs zu nehmen und ihn durch eine für diese Rolle besser geeignete Persönlichkeit zu ersetzen.

Lenin schrieb in seinem „Testament“:

„Stalin ist zu grob und diese Unzulänglichkeit, die im Milieu und in der Kommunikation unter uns Kommunisten voll erträglich ist, wird in der Position des Generalsekretärs unerträglich. Deshalb schlage ich den Genossen vor, die Art der Ablösung Stalins von diesem Platz zu überdenken und für diesen Platz einen anderen Menschen zu beauftragen, der sich in allen anderen Beziehungen von Genossen Stalin nur in einem Übergewicht unterscheidet, und zwar er ist geduldiger, loyaler, höflicher und aufmerksamer zu den Genossen, hat weniger Schrulligkeit usw.“

„Genosse Stalin zum Generalsekretär gemacht, konzentriert in seine Händen eine unermessliche Macht, und ich bin mir nicht sicher, ob er diese immer hinreichend vorsichtig nutzen wird“ – sagte Lenin weiterhin.

Stalin, der das „Testament“ gewöhnlich mit Hilfe des Scheinarguments kommentierte, dass die ganze Angelegenheit mit der Grobheit abgetan ist, lenkte die Aufmerksamkeit von seinen anderen Eigenschaften ab, von denen Lenin spricht. Aber gerade diese Eigenschaften haben entscheidende Bedeutung.

Lenin zweifelte daran, dass Stalin die unermessliche Machtfülle des Generalsekretärs hinreichend umsichtig nutzen würde. Lenin forderte, dass der Generalsekretär loyaler sein sollte. Das heißt, Stalin war auch bereits damals unzureichend loyal. Und loyal heißt – zuverlässig, treu, ehrlich seine „Verpflichtungen“ erfüllen.

Stalin ist unzureichend zuverlässig was die Parteiinteressen angeht, er ist unzureichend treu ergeben, unzureichend erfüllt er seine „Verpflichtungen“. Gerade in diesem besteht das Wesen der Charakterisierung Stalins durch Lenin. Und wenn Stalin diese seine „Eigenschaften“ vor Lenin verbarg, so maximierte und verstärkte er sie nach Lenin und gab ihnen freien Lauf. Wenn Stalin in der Zeit Lenins unzureichend loyal und treu gegenüber den Interessen der Partei war, seine Verpflichtungen ehrlich erfüllte, so wurde er nun zu einem echten Verräter der Partei, der auf die Seite der parteilichen Biederkeit und Ehrenhaftigkeit gewechselt hatte und alles den Interessen seiner Eigenliebe und der Machtgier unterordnete.

Weiter bemerkt Lenin die Ungeduld Stalins zu vielen anderen. Diese Eigenschaft in Verbindung mit dem erstgenannten – Unehrlichkeit usw., führte dazu, dass er neben sich keine Menschen mit selbständiger, unabhängiger parteilicher Meinung, Menschen geistiger, ideenhaltiger theoretischer Art litt, die über ihm standen, und mit Hilfe des Parteiapparates der GPU warf er sie aus leitenden Positionen, verunglimpfte sie. Er bauschte ihre früheren Fehler auf und „erfand“ Unmengen neuer. Er täuschte die Partei, terrorisierte die Parteimassen und anstelle seiner verleumdeten Parteiführer setzte er in theoretischer Hinsicht beschränkte, … und prinzipienlose Menschen, die jedoch gezähmte, unterwürfige Hofschranzen waren und die jede beliebige seiner „Theorien“ als leninistisch anerkannten, jeden seiner antileninistischen Artikel als „historisch“.

Was die Höflichkeit Stalins gegenüber seinen Genossen anbetrifft, die Lenin vom Generalsekretär forderte, so kann sein „historischer“ Brief in „Die Proletarische Revolution“4 über Slutzki und Volosevitsch5 als Muster dienen, in dem die Kraft des Beweises der Kraft des Anschnauzens des überheblichen, anmaßend frech gewordenen Führers, der sich in der Partei und im Land wie in seiner Domäne fühlte, wo er frei war jeden hinzurichten oder zu begnadigen, umgekehrt proportional ist.

Einige Fußnoten:

1 – Ein umfangreicher Kommentar zur Arbeit „Stalin und die Krise…“ in „Izvestija ZK KPSS“, 1990, Nr. 8-12

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Kapitel 2 . „Stalin als prinzipienloser Politiker“ („Politikan“) folgt.

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