Frühling für Alle

Literarischer Beitrag von Mrs. Tapir

„Waren Sie schon mal in einer Obdachlosensiedlung?“
fragte der Kollege. Sie lachte. „Nein eigentlich nicht“. Es fiel ihr erst jetzt auf. Aber warum sollte das problematisch sein? Sie hatte sich sofort gemeldet, als der Chef in der letzten Teamsitzung am Montag gefragte hatte, wer von ihnen bereit sei, in Zukunft die Betreuung des Kindergartens in der Siedlung „Am Hasengarten“ zu übernehmen. Die Psychologin, die das bisher gemacht habe, sei letzten Oktober in Pension gegangen und nun habe er von dort die Anfrage, ob die Beratungsstelle auch weiterhin bereit sei, die Mitarbeiter dort bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Iris war neu im Team, frisch von der Uni, voller Tatendrang aber auch ohne Illusionen. Natürlich war sie bereit, ihre Kompetenzen auch solchen Menschen zur Verfügung zu stellen. Solchen erst recht, dachte sie mit einwenig Trotz. Und was soll’s? Kinder sind Kinder. Auch wenn diese Kinder arm waren und schlechte Chancen hatten und vielleicht Schlimmes erleben mussten. Sie bleiben Kinder und mit denen konnte Iris umgehen, sie wusste, was sie brauchen und wie man sie ansprechen konnte. 

Eine kleine Autofahrt in der Dienstzeit bei diesem schönen, klaren Vorfrühlingswetter, das war außerdem eine Freude. Iris begrüßte die sanft gewellte Landschaft, durch die sie fuhr. Auch vom Auto aus war deutlich zu erkennen, dass sie gerade dabei war, aus dem Winterschlaf aufzuwachen. Noch waren Bäume und Sträucher kahl. Aber auf den weiten Feldern leuchtete die Wintersaat in einem satten Grün. Ab und zu fuhr sie durch ein Dorf. In den Vorgärten blühten Forsythien und lockten Primeln. Der Himmel hatte jene veilchenblaue Tiefe, wie er sie nur im März hat, wenn die Sonne plötzlich die Erde wieder für sich entdeckt.

Iris fuhr langsamer und ließ die Wagen, die sich hinter ihr in einer ungeduldigen Schlange aufgestaut hatten, vorbeifahren. Sie drehte ihr Fenster herunter. Genüsslich reckte und dehnte sie ihre Glieder und atmete tief ein. Der Winter war lang und trübe gewesen in diesem Jahr. Jetzt räumte also endlich der Frühling mit dem Schmuddelwetter auf.

Iris sah die paar Häuserblocks von weitem. Sie standen einfach mitten in den Feldern, ein halbes Dutzend graue, dreistöckige Häuser mit flachen Dächern. Inmitten der sich gerade herausputzenden, strahlenden Natur wirkten sie ernüchternd und trübselig. Als Iris näherkam, sah sie, dass bei einigen der Häuser im oberen Stockwerk Fensterscheiben zerbrochen waren.  Der Putz blätterte überall von den Fassaden ab und unter den Fenstern zeugten große, dunkle Flecken davon, dass hier seit Jahren Dreck an den Hauswänden heruntergeflossen war.

Die Straße zwischen den sechs Häusern hatte man nur oberflächlich geteert. Sie bestand fast nur noch aus Schlaglöchern.  Vor einem der Eingänge lagen ausrangierte Sessel herum, aus denen die Sprungfedern herausragten. Daneben standen ein Kühlschrank und ein zerbrochenes Bett. Neben dem letzten Haus auf der linken Seite sah Iris eine Baracke. Dort würde sie vermutlich die Kindertagesstätte finden. Genauso hatten es ihr die Kollegen beschrieben.  Ein halbwegs stabiler, braun gestrichener Zaun grenzte an das Haus. Dahinter lag ein Innenhof. Das Tor, das diesen Innenhof zur Straße hin abschließen konnte, stand weit auf. Im Schritttempo steuerte Iris ihr Auto dort hin.
Während sie durch die kleine Siedlung fuhr, sah sie sich vergeblich nach irgendwelchen Pflanzen um. Offenbar hatte hier kein Baum, kein Strauch, kein Balkonkasten, hatte nicht einmal Unkraut eine Chance. Dafür standen überall alte Autos herum und erstaunlich viele Menschen bewegten sich zwischen den Häusern, die meisten geschäftig, manche auch müßig, an die Hauswand gelehnt. Eine Gruppe junger Männer mit Bierflaschen in den Händen blockierten die Toreinfahrt zum Kindergarten. Iris fuhr behutsam um sie herum. Die Männer bewegten sich nicht von der Stelle, sahen ihr aber nach.

Wenn man näher hinsah, merkte man, dass das Gebäude der Kindertagesstätte eigentlich ein Bungalow war, der einmal vielleicht freundlich und einladend hatte aussehen sollen. Alt konnte er eigentlich noch nicht sein. Die ganze Siedlung gab es ja erst seit zehn Jahren. Inzwischen hatte sich die Front des Gebäudes an ihre Umgebung angepasst. Vom Hof aus änderte sich das Bild ein wenig. Iris stellte ihr Auto auf einer Art Parkplatz ab, wo offenbar auch die Wagen der Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätte standen. Neben den Autos hatten sie große Kübel aus Beton platziert, in denen sich einige Pflanzen gegen grobe Behandlung, Trockenheit und Autoabgase zu behaupten suchten.

Iris wurde bereits erwartet und freundlich begrüßt. Sie nahm am Tisch im Teamraum Platz und wurde mit Tee und Plätzchen bewirtet. Die Erzieherinnen hatte viele Fragen. Die Kinder hier waren schwer zu begeistern, sagten sie und ihre Eltern standen allem sehr skeptisch gegenüber, was sie im Kindergarten unternahmen. Was konnten sie tun? Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch und man wollte weiter zusammenarbeiten.

Nach der Besprechung hatte Iris Lust, sich noch ein wenig in der Tagesstätte anzusehen und die Kinder selber kennen zu lernen. Es war gar nicht schwer, mit diesen Kindern hier in Kontakt zu kommen. Es dauerte keine fünf Minuten, da war sie bereits von einer kleinen Gruppe umringt, die ihr die Einrichtung zeigen wollten. Sie hefteten sich an ihre Fersen und zerrten sie am Pullover in alle Ecken. Und sie fragten Iris Löcher in den Bauch: Wie alt sie sei. Ob sie selber Kinder habe. Ob sie einen Mann habe. Ob sie jetzt öfter kommen würde.

Befriedigt stellte Iris bei sich fest, dass es ihr überhaupt keine Probleme bereitete, mit diesen Kindern klar zu kommen. Es waren eben wirklich Kinder wie alle Kinder, genauso, wie sie es erwartet hatte. Natürlich waren sie schon etwas distanzlos, natürlich wirkten sie gierig nach Zuwendung, nach Anerkennung. Aber sonst? Abgesehen von einem Mädchen, das offenbar in die Hose gemacht hatte, rochen die Kids nicht ungepflegt, sahen auch nicht abgerissen aus und schon gar nicht ausgehungert. Sie konnten normal sprechen und sie waren mit Sicherheit auch nicht dumm. Es würde Spaß machen, für diese Kinder etwas tun zu können.

Iris war jetzt richtig froh, dass sie diese Aufgabe hier übernommen hatte. Doch allmählich freute sie sich nun auf die Heimfahrt im milderen Nachmittagslicht. Für heute hatte sie Feierabend.
Iris stand mit ihrem kleinen Trupp Kindern an einem der Fenster, die zur Straße hin gingen, und sah hinaus. Man konnte von hier die Straße überblicken mit ihren Autos und Menschen. Auf der anderen Straßenseite sah man die Hauseingänge. Über den flachen mit dunkler Pappe bedeckten Dächern floss der blaue Himmel. Von den Feldern ringsherum um die Siedlung war nichts zu entdecken.

„Leute, ich muss jetzt wieder heim!“, erklärte sie den Kindern, auf Protest eingestellt, der auch sofort kam.
„Schade! Bleib doch noch zehn Minuten!“
„Ich muss aber los!“
„Wo fährt du denn jetzt hin?“
„Nach Hause, nach Krefeld.“
„Ist das weit?“
„Ich war schon mal in Krefeld mit meinem Opa!“
„Ach nein, es ist nicht sehr weit. Es ist eine schöne, kleine Fahrt. Es macht mir Spaß bei diesem Wetter durch den Frühling zu fahren?“
„Wieso, was soll das denn?“
Iris sah den Jungen scharf an. „Was meinst du?“
„Was soll denn das, durch den Frühling fahren? Komisch!“
„Du willst wissen, warum ich gerne durch den Frühling fahre? Ist das dein Ernst? Komm, veralbere mich nicht!“
Iris sah, wie der Junge beschämt und unsicher schwieg. Sie blickte verwundert in die Runde.
„Na, Leute, was ist denn das, der Frühling?“, fragte sie aufmunternd, um das Eis zu brechen. Die Kinder schwiegen.
„Also Frühling, das ist das da draußen, all das Wunderbare, was jetzt in der Natur passiert und da macht es mir einfach Spaß, mit dem Auto mittendurch zu fahren.“
„Frühling ist im April“, sagte jetzt ein Junge.
„Genau“, lächelte Iris. „Und im Mai. Jetzt, seit ein paar Tagen hat er angefangen. Man kann ihn riechen draußen und fühlen. Die Luft ist ganz weich.“
„Es ist doch erst März. Wieso kann dann der Frühling schon angefangen haben?“, fragte ein Mädchen.
Iris sah sie einen Moment verständnislos an.  „Aber Leute, Frühling, das ist doch nicht einfach ein Monat oder zwei, das ist ein Erlebnis! Das ist, wenn die Natur aufwacht aus ihrer Winterstarre und alles wieder anfängt zu leben und Blätter zu bekommen und zu blühen!“
Die Kinder schwiegen und sahen sie merkwürdig verdrossen an.
„Wir haben zu Hause einen Strauß Plastikrosen, der steht immer auf dem Schlafzimmerschrank“, bemerkte schließlich eines der Mädchen.
Iris fiel nichts ein, was sie darauf hätte antworten können.
„Das ist doch gut“, ereiferte sich das Kind. „Da brauchen wir gar keinen Frühling!“
„So ein Frühling, das ist sicher was für die reichen Leute, die nach Mallorca fahren können.“ Die Kinder lachten, als hätte jemand einen Witz erzählt.
Iris schluckte. Sie fühlte Kälte in sich aufsteigen. Sie wollte plötzlich ganz schnell weg von hier. Sie ging hinaus zu ihrem Auto, die Kinder blieben in ihrem Kielwasser.
Sie sah sie an. Sollte es möglich sein, dass diese Kinder nichts mit dem Frühling anfangen konnten, dass es in ihrem Leben so etwas nicht gab?  Wurde der Frühling auch schon zugeteilt: für die einen die überwältigende Erfahrung des immer wiederkehrenden Lebens und für die anderen nur ein Monat, ein Termin, eine Zeitspanne?
„Ist das dein Auto?“, fragte ein Junge mit Kennerblick. Sie nickte und steckte den Schlüssel ins Schloss.
„Das ist aber schon alt. Und schnell ist es auch nicht. Höchstens 60 PS schätze ich“.
Iris spürte, dass sie anfing, sich zu ärgern. Über Autos wussten sie genau Bescheid. Aber den Frühling kannten sie nicht, brauchten sie ihn nicht?

Die Pflanze in dem Betonkübel direkt neben ihrem Auto hatte schon einige dicke grüne Knospen angesetzt.
„Seht mal“, sagte sie zu den Kindern. „Hier geht es doch los! Den ganzen Winter über sah es aus, als sei der Strauch kahl und tot. Und jetzt holt die Sonne die Blätter aus den Knospen. Seht ihr, die hier ist schon richtig dick. Bald platzt sie auf!“
Die Kinder staunten die Zweige an.
Iris stieg ein und fuhr los. Sie winkte. Die Kinder winkten zerstreut zurück.

Als Iris in den Rückspiegel blickte, bevor sie in den Feldweg hinter dem letzten Siedlungshaus einbog, sah sie, dass die Kinder noch immer um den Blumenkübel herumstanden.

 2009

Überarbeitet 2018

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8 Antworten zu Frühling für Alle

  1. fidelpoludo schreibt:

    Ich gehe einmal davon aus, dass es der Künstlerin in erster Linie nicht darum geht, für ihre kleine Erzählung gelobt zu werden, sondern zu erfahren, wie sich ihr Kunstwerk erst im Auge des jeweiligen Betrachters (hier des Lesers) erst auf eine Weise konstituiert, die nicht unbedingt mit ihrer Absicht – wenn sie überhaupt bestand (oftmals verhindert gerade das sture Festhalten an einer Absicht ja gerade das Entstehen von Kunst) – deckungsgleich ist. Die literarische Form zeigt sich angewiesen auf ihre Rezeption, nur so erweist sie (in erster Linie – einmal abgesehen von ihrem Inhalt) ihre Sozialität: dass sie keineswegs bloß ein einsames Produkt des „Elfenbeinturms“ ist, in dem sie verfasst worden sein mag.
    Interessant in diesem Zusammenhang, dass die Autorin (Mrs. Tapir) sich nach einigen Jahren selbst noch einmal – ob mit oder ohne die Assistenz vom Kranich – als Rezipientin über ihr Werk gebeugt hat und es notwendig fand, es noch einmal zu überarbeiten. Was mag sie dazu bewogen haben? Eine Veränderung der Wahrnehmung ihrer Erinnerung an die die Erzählung auslösende Erfahrung? Oder der Zugewinn an Lebenserfahrung? Eine veränderte Sicht der Dinge durch die leicht oder stark veränderte soziale Situation (eine Zunahme der Brisanz des Problems), auf die sie reagiert? Ein Vergleich der beiden Fassungen könnte darüber Aufschluß geben.

    Ein paar Interpretationsansätze seien versucht:

    Der Titel „Frühling für alle“ spricht die Sprache einer sozialen Forderung, die als noch nicht erfüllt erscheint und auch als solche durch den Fortgang der Erzählung beglaubigt und berechtigt dargestellt wird. Titel und Schlußsatz der Erzählung entsprechen sich in gewisser Weise wie sie einander auch relativieren. Im Sinne der Titelforderung scheint am Ende einiges erreicht oder zumindest in eine mögliche Reichweite gerückt worden zu sein:

    „Als Iris in den Rückspiegel blickte, bevor sie in den Feldweg hinter dem letzten Siedlungshaus einbog, sah sie, dass die Kinder noch immer um den Blumenkübel herumstanden.“

    Ihren Ärger über die Diskrepanz der Ignoranz der Kinder der Natur, dem Frühling, dem Ansetzen „einiger dicken grünen Knospen“ in dem Betonkübel gegenüber und deren Interesse an der Technik, ihrem Auto, „schon alt“, „höchstens 60 PS“, behält sie für sich und bringt ihn nur in einem den Kindern verschwiegenen Selbstgespräch formulierten „Urteil“ zum Ausdruck: „Über Autos wussten sie genau Bescheid. Aber den Frühling kannten sie nicht, brauchten sie ihn nicht?“
    Schon vorher hatte sie schon physisch in Verbindung mit einem Selbstgespräch darauf reagiert, dass den Kindern bei der Thramatisierung von Frühling und Pflanzen nur der „Strauß Plastikrosen“ einfiel, „der immer auf dem Schlafzimmerschrank“ stehe und deshalb „das“ „doch gut“ sei und ein Frühling nicht gebraucht werde, weil er etwas sein müsse „für die reichen Leute, die nach Mallorca fahren können“, etwas also, über das man nur lachen könne, „als hätte jemand einen Witz erzählt“. Den impliziten Vorwurf „deine Sorgen möchten wir haben!“ spürend, ist ihre Reaktion:

    „Iris schluckte. Sie fühlte Kälte in sich aufsteigen. Sie wollte plötzlich ganz schnell weg von hier. Sie ging hinaus zu ihrem Auto“

    ,
    wo ihr Problem sich in seiner symbolischen Widersprüchlichkeit und literarischen Motivik zweigeteilt nebeneinander aufgestellt hatte, was sie zum Anlaß nahm, die Sprache wieder zu finden, die ihr am Beginn der Erzählung, bei der Kontaktaufnahme mit den Kindern noch zur Verfügung gestanden hatte:

    „Die Pflanze in dem Betonkübel direkt neben ihrem Auto“

    .

    War Iris anfangs – vor Antritt ihrer Rückfahrt – gesprächig bis redselig über ihre Freude und ihr Empfinden über das Heraufziehen des Frühlings

    „Es macht mir Spaß bei diesem Wetter durch den Frühling zu fahren?“
    „Also Frühling, das ist das da draußen, all das Wunderbare, was jetzt in der Natur passiert und da macht es mir einfach Spaß, mit dem Auto mittendurch zu fahren.“
    „Und im Mai. Jetzt, seit ein paar Tagen hat er angefangen. Man kann ihn riechen draußen und fühlen. Die Luft ist ganz weich.“
    „Aber Leute, Frühling, das ist doch nicht einfach ein Monat oder zwei, das ist ein Erlebnis! Das ist, wenn die Natur aufwacht aus ihrer Winterstarre und alles wieder anfängt zu leben und Blätter zu bekommen und zu blühen!“
    verliert sie angesichts der Reaktionen der Kinder
    „Was soll denn das, durch den Frühling fahren? Komisch!
    „Du willst wissen, warum ich gerne durch den Frühling fahre? Ist das dein Ernst? Komm, veralbere mich nicht!
    Iris sah, wie der Junge beschämt und unsicher schwieg. Sie blickte verwundert in die Runde.
    „Na, Leute, was ist denn das, der Frühling?“, fragte sie aufmunternd, um das Eis zu brechen. Die Kinder schwiegen.
    Iris sah sie einen Moment verständnislos an.
    Die Kinder schwiegen und sahen sie merkwürdig verdrossen an.

    irritiert nach einer Verschiebung auf eine körperliche Reaktion (Schlucken) die Sprache, wird sprachlos nach außen hin und wechselt die Sprachebene sozusagen als Stauung im Selbstgespräch, weil es ihr nicht gelingt, „das Eis zu brechen“, den Frühling bei den Kindern einziehen zu lassen. Da gibt ihr – als alles verloren scheint – der neben ihrem Auto stehende Blumenkübel noch einmal den Mut, sich sprachlich den Kindern gegenüber zu artikulieren.
    Und immerhin: Einen Frühlingshoffnungsschimmer glaubt sie, wahrgenommen zu haben:

    „Die Kinder staunten die Zweige an.“
    „Iris stieg ein und fuhr los. Sie winkte. Die Kinder winkten zerstreut zurück.

    Ironischerweise ist es ein technisches Detail ihres Autos, das ihr erlaubt, an dem Fünkchen Hoffnung fest zu halten, dass es nicht aussichtslos bleiben müsse, die Arbeit mit und an den Kindern wieder auf zu nehmen und fort zu setzen mit dem Fernziel und den Mühen der schneeberieselten oder grünen Ebenen des Weges zum „Frühlings für alle“:

    „Als Iris in den Rückspiegel blickte, bevor sie in den Feldweg hinter dem letzten Siedlungshaus einbog, sah sie, dass die Kinder noch immer um den Blumenkübel herumstanden.“

    Dass es noch an einer anderen Front Arbeit zu leisten gilt, zeigt sich ganz am Anfang der Erzählung. Denn die gut gemeinte wie vorwarnende Frage ihres Kollegen:

    „Waren Sie schon mal in einer Obdachlosensiedlung?“

    ist im Grunde in sich widersprüchlich paradox, denn seit wann leben Obdachlose in Siedlungshäusern? Obdachlose mit einem Dach über dem Kopf? Diese Formulierung macht nur Sinn, wenn man ihr den Sinn einer Warnung unterstellt, etwa: „Wenn Du keinen Ärger willst, lehnst Du das ab!“ oder zugespitzt als Aufforderung, wenn nicht Befehl: „Das ist die Siedlung „Am Hasengarten! Hase, Du bleibst hier!

    Mrs. Tapir sollte die Aufnahme ihrer Erzählung in Ernst Blochs „Spuren“ beantragen. Dort würde sie sich heimisch fühlen können.

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    • Mrs. Tapir schreibt:

      Obdachlosensiedlungen für Familien sind seit Jahrzehnten üblich. Was nicht heißt, dass das dann vorhandene Dach über dem Kopf für irgendetwas ausreicht.
      Nett, dass Sie sich so intensiv mit meiner Gesichte auseinandergesetzt haben. Was Sie nicht verraten: Was ist denn Ihrer Meinung meine Absicht, die sich nach Ihrer Meinung beim Betrachter in einer Weise konstituiert, die mit dieser von Ihnen angenommenen Absicht nicht deckungsgleich ist?
      Gruß
      Mrs. Tapir

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      • fidelpoludo schreibt:

        Dear Mrs. Tapir,
        über Ihre Absicht mag ich nicht spekulieren. Es mag – nach allen Erfahrungen mit den Selbstverständnissen von Autoren – jeweils eine Absicht vorgelegen haben. Worauf ich nur hinweisen wollte, ist, dass sich die Autoren sowohl oft wundern, wie sich ihre Absicht im Laufe der Arbeit am Text verwandelt – dass sie sie am Ende kaum wieder erkennen, als auch, dass sie mit den diversen Rezeptionen konfrontiert, oft feststellen, dass sie sprachlich Deutungen provoziert haben, die sie sich nicht bewußt gemacht haben, von denen sie aber zugeben müssen, dass man sie auch so lesen kann. Ich meinte ganz einfach, dass die Textintention sich von der Intention des Autors lösen und unterscheiden läßt. Weshalb es möglich ist – und es trifft gerade auf die nicht schlechtesten Texte zu -, dass, wegen der ihn ihm angelegten Vieldeutigkeit, ein Rezipient Schichten herausarbeitet, die dem Schriftsteller nicht bewußt waren. Was seine Leistung keineswegs schmälern soll – eher im Gegenteil, hat er es doch gewagt, sich zu einem nicht geringen Teil der Macht des Unbewußten zu überlassen, sich vertrauensvoll seiner Lenkung zu überlassen, eine „Leistung“, die (u.a.) die nicht gerade dümmsten Psychologen zu der Feststellung führten, dass das Bewußtsein des Menschen keineswegs der unumstrittene „Herr im eigenen Haus“ sei und auch nicht sein könne.
        Vielleicht ist es Ihnen auch gar nicht mehr möglich, die wirkliche erste ursprüngliche Motivation oder Absicht zu rekonstruieren, die sie dazu brachte, den Text zu verfassen. Die Entstehungsbedingungen eines künstlerischen Textes sind relativ uninteressant im Vergleich zu seiner Bedeutung. Und bei der Bewertung der Bedeutung hat der Produzent auf keinen Fall das letzte Wort. Warum hat er es denn geschrieben, wenn er die Bedeutung gleich daneben oder dahinter setzen könnte?

        Mit der Formulierung einer Obdachloslosensiedlung werden Sie mich mit dem Argument, dass sie „seit Jahrzehnten üblich“ sind, wenig überzeugen. Dass der Begriff sinnlos ist, müssen Sie zugeben. Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben, sind eben keine „Obdachlosen“ mehr. Und „dass das dann vorhandene Dach über dem Kopf für irgendetwas ausreicht“ würde ich niemals behaupten wollen, nur eben, dass sie das Unzureichende ihrer Lebensverhältnisse nun mit den immer mehr werdenden teilen, die nie obdachlos waren. Glauben Sie etwa, dass die „Am Hasengarten“ Lebenden – samt ihrer Kinder – es begrüßen würden, wenn sie als „Obdachlose“ angesprochen würden oder erführen, dass in dieser Weise über sie gesprochen wird?

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        • fidelpoludo schreibt:

          Um kein Mißverstaändnis aufkommen zu lassen: Ich werfe Ihnen den Gebrauch des Wortes „Obdachlosensiedlung“ überhaupt nicht vor. Ganz im Gegenteil: Der Gebrauch des Begriffes durch den fiktiven Kollegen von Iris trägt entscheidend zum kritischen Realismus der Erzählung bei, verweist er doch darauf, dass die Problematik sich keineswegs auf die Kinder oder die Eltern der in der Siedlung „Am Hasengarten“ Lebenden reduzieren läßt – nach dem Muster: Hier die „guten“ Helfer und dort die „verwahrlosten“ Opfer. Auch unter den „Guten“ ist eine – wenn auch ein wenig andere – Art der Verwahrlosung festzustellen, umso mehr, je üblicher sie sich darstellt.
          Ganz am Rande: Die Technikeuphorie ließe sich nicht nur bei der „verwahrlosten“Jugend, sondern auch in durchaus besser bis bestens gestellten Verhältnissen (bei jung und alt) – wenn auch nicht in der gleichen Weise – beobachten. Das ist kaum ein Alleinstellungsmerkmal der unteren Klasse.

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  2. Lutz Lippke schreibt:

    Ich habe Mrs. Tapir gern gelesen und viele ambivalente Assoziationen zum Erzählten und damit auch zu den Motiven der Erzählerin. Manchmal ist es aber wohl besser die Wirkung nicht zu zerreden. Deswegen hier nur ein Herzliches Danke für die Anregungen.

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    • fidelpoludo schreibt:

      Lieber Lutz,
      welche Wirkung meinst Du? „Gerne lesen“ ist doch ein bißchen flach, oder? Hast Du den Eindruck, dass Du, kämst Du auf Deine „vielen ambivalenten Assoziationen zum Erzählten“ zu sprechen, die „Wirkung“ zerreden würdest? Bist Du ein Anhänger der seltsamen Theorie, dass man vor einem Kunstwerk begriffslos zu verharren, zu verblassen habe? „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ – zu mehr dürfe man sich nicht hinreißen lassen? Kunst als Einbahnstrasse, gar Sackgasse?
      Aber wahrscheinlich ging es eher darum, das „Zerreden“ auf die indirekte Art mir zum Vorwurf zu machen. Immerhin fand Mrs. Tapir „nett, dass“ ich mich „so intensiv“ mit ihrer „Geschichte auseinandergesetzt habe“.
      Im Übrigen interessieren mich die Motive der Erzählerin weit weniger als die Bedeutung des Erzählten und darüber sollte man sich nicht ausschweigen. Denn an die Bedeutung kommen wir nur über die Interpretation heran.

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    • Lutz Lippke schreibt:

      Keineswegs meine ich, dass Literatur ergriffen und ohne konkrete Auseinandersetzung konsumiert werden müsste. Ich habe natürlich Deine Anmerkungen gelesen. Hätte ich Dich kritisieren wollen, wäre ich direkt vorgegangen. Dein Text hat mich vielmehr zum Nachdenken darüber verleitet, ob und wie ich mich äußere. Mein Ergebnis war, dass ICH die Erzählung wohl zerreden würde, wollte ich konkret werden. Das ist nicht unbedingt befriedigend, aber auch kein Beinbruch. Ich wollte mich für den Text bedanken. Das war alles.

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