Messer

In der DDR war es angeblich verboten, Dolche oder feststehende Messer zu tragen. Ich muss schreiben „angeblich“, denn ich habe es nie überprüft.

Jedenfalls kam ich in einen kleinen Gewissenskonflikt als mir ein Russe ein feststehendes Messer, genauer: ein arretierbares Klappmesser schenkte. Das kam so:

Wir hatten, es war damals auch ein Jahrhundertsommer, am Parsteiner See, nördlich von Berlin, im Zelt „wild“ übernachtet. Am nächsten Morgen ließen wir es gemächlich angehen. Dann kam Leben auf: Ein sowjetischer Militär-Lkw kam und mit ihm mehrere Russenfamilien mit Kind und Kegel. Sie machten es sich unweit unserer Lagerstatt zum Picknick bequem. Im Laufe des Vormittags bereiteten sie ein Lagerfeuer und alles mögliche zum Mittagsschmaus vor. Zum Putzen von Fleisch oder Gemüse fehlte ein Messer. Einer bat mich, ob er mein Taschenmesser leihen dürfe (hatte er wohl bei unserem Frühstücken gesehen). Natürlich gab ich es ihm. Wir wollten dann nicht das Mittag abwarten, sondern losfahren. Fehlte noch mein Messer. Oje! Es war ins Feuer geraten und verschmurgelt. Tausend Entschuldigungen! und als Entschädigung bekam ich das Klappmesser geschenkt.

Nun trug ich eine Weile statt Taschenmesser ein blitzschnell aufspringendes Klappmesser mit mir herum. Ich kam mir wohl sehr wehrhaft vor, bald aber auch schlecht ausgerüstet, denn nun fehlten mir Korkenzieher, Flaschenöffner und Schraubendreher. Bald besorgte ich mir wieder ein „richtiges“ Taschenmesser.

Dass bei uns, anders als in den USA, nicht jeder zweite mit ’ner Knarre rumläuft, finde ich ganz angenehm. Aber wieso jeder Idiot, noch dazu ein vorbestrafter, einen Dolch mit sich führen darf, erschließt sich mir nicht. Ob das die Freiheit und den Rechtsstaat ausdrücken soll? In dem berühmten „Unrechtsstaat“ jedenfalls wurden uns solche Errungenschaften vorenthalten.

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2 Antworten zu Messer

  1. icke schreibt:

    „Aber wieso jeder Idiot, noch dazu ein vorbestrafter, einen Dolch mit sich führen darf, erschließt sich mir nicht.“ – Also eine charakterliche Eignungsprüfung?

    Warum soll man solch ein Messer nicht mit sich führen
    Also in meinen DDR-Camping- Wander- und Trampzeiten mit obligatorischen Komplettkontrollen an der DDR-Grenze hatte ich immer ein großes Fahrtenmesser (mit „Blutrinne“) bei mir in der großen Brotbüchse oder sonstwo im Rucksack, bis in der Sowjetunion das mal ein Milizionär sah und konfiszierte. Diese Messer mit feststehender Klinge gab es mit Scheide (zum Auffädeln auf den Gürtel) in jedem besseren Sport- und Campingladen. Sowas hier:
    https://www.bushcraft-deutschland.de/attachment/88961-img-2216-jpg/
    Auf dem Campingplatz so ein Ding am Gürtel zu tragen wirkte damals nicht bedrohlich.
    Andere Leute damit zu ärgern war einfach nicht üblich.
    Wenn es darauf ankam, z.B. beim Familienstreit, war ein Küchenmesser dann meist schneller zur Hand als dieses Freizeitwerkzeug.
    Heute leben wir allerdings in einer viel angespannteren Atmosphäre, in der – etwas zugespitzt – jeder gegen jeden kämpft. Homo hominem lupus est. Das war mal anders.

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