Gärtner-Flausen I

Morgens früh. Mein erster Gang geht in den Garten. Das Wachsen, das Blühen, das Fruchten und Reifen – an jedem Tag dieses Lebenskonzert. Menschen würden wohl mit Pauken und Trompeten feiern. Der Garten macht es ziemlich still ab. Ich gehöre ganz und gar dazu. Nippe ein wenig am Leben dieser Stauden, nippe dort, einige Schritte weiter, am Leben dieses Bäumchens. Ich schaue mit Vergnügen, fühle mich wie ein beschenkter Gast. Zugleich sehe ich Stellen, wo nachher meine Hand gebraucht wird. Vorfreude. Erst einmal wende ich mich zum Haus zurück. Dort wird es gleich nach Kaffee und aufgebackenen Brötchen duften. Vielleicht aber schalte ich vorher noch die Wasserpumpe an oder sogar alle beide. Es ist nur ein Handgriff, und seit ich die Tropfschläuche wieder sorgfältig verlegt habe, vervielfache ich so meine Leistung bei der dieser Tage wohl wichtigsten Arbeit, dem aufwändigen, anstrengenden, zeitraubenden Gießen.

Tag für Tag, Jahr für Jahr diese Lebensfülle. Zugleich überwältigend und doch wie selbstverständlich, ohne Spektakel, ohne Krakeelerei. Und nie endend. Ich bin mir meines Alters bewusst, sage nüchtern: „Du kannst nicht sicher sein, das noch zehn Jahre lang zu erleben.“ Doch da dringt es leise zu mir durch meinen nüchternen morgendlichen Gartenrausch (ich überhöre es fast): „Was soll die Abzählerei? Weißt Du nicht, dass Du unsterblich bist?“

Dieser Beitrag wurde unter ökologisch, Bewußtheit, Garten Haus Hund, Gesundheit Alter Tod, Leben, Materialismus, Mensch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Gärtner-Flausen I

  1. Joachim Bode schreibt:

    Die „Flausen“, die ich – abgesehen von den Tropfschläuchen (so weit bin ich noch nicht) – gut nachvollziehen kann, geben Bodenhaftung und Kraft, sich angesichts von teils monströsen Erscheinungen der Zeitläufte auf Wesentliches vor Ort zu konzentrieren. Selbst das Zwitschern der Vögel gehört dann zu der Ruhe, die die Natur vermittelt. Erstaunlich, welche Normalität erkennbar und erfühlbar wird.
    So fängt der Tag gut an.

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    • kranich05 schreibt:

      Ja, das Zwitschern der Vögel meinte ich u.a. als ich sagte, dass es der Garten nur „ziemlich“ still abmache.
      Manchmal lausche ich auch gern dem Unterschied von „ziemlich still“ und „still“. Das ist aber dann meist am Abend, wenn langsam die Dämmerung kommt (und Hölderlin offen seinen Platz im Kopf einnimmt).

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  2. fidelpoludo schreibt:

    „Stiefmütterchen“
    Willi schreibt (17. August 2018 um 19:36 in: „alles-richtig-gemacht“)

    „Ich sage, dass wir menschen naturgemaess auf statische verhaeltnisse ausgerichtet sind. Uebergangszustaende moegen wir nicht.“

    Sehr bedenkenswerte Feststellung, über die es sich mit Bedacht (Geduld und Spucke) zu lehnen lohnt.
    Nimm dem Kranich (legal oder kriminell – jedenfalls „materiell“) Haus und Garten weg! Diesen aufgezwungenen „Übergangszustand“ wird er wohl kaum mögen und nicht nur, weil ihm materiell etwas abhanden gekommen ist. Mit seiner „Basis“ wird ihm auch etwas Wichtiges entzogen, über das wir gewöhnlich leichtfertig hinwegsehen, weil es an diese Form der „Basis“ als „Überbauphänomen“ gebunden ist: seine „Gärtner-Flausen“ (I bis unendlich), samt dem Luxus, seine Form der Liebe zur Natur selbstironisch zu relativieren (weil er ja genau weiß, dass er – im Vergleich mit dem ihm sehr bekannten Elend in einem nicht geringen Teil des Restes der Welt – sich des Genusses eines Privilegs „schuldig macht“. Dieses „schuldig“ kann selbstverständlich nicht in genügend Anführungszeichen gesetzt werden, weil ja klar sein muß: Seine „Schuld“ verwandelt sich in dem Moment in einen „humanitär-ethischen Überschuß“ (Mehrwert, Surplus?), in dem wir sie in Relation zur höchst real sich auswirkenden und wirklichen Schuld derer setzen, die – durch Gleichgültigkeit oder bewußte Absicht – einen großen Teil der Verantwortung für das Fortdauern oder gar die Verschlimmerung der (nicht unschuldigen) Verhältnisse tragen.

    „Said this“, dürfen wir die Blumen in des Kranichs Garten wie die „Flausen“ in seinem Kopf ruhig weiter blühen lassen und uns zurückwenden zur Allgemeinheit von Willis Feststellung. Dass uns der Boden unter den Füßen entzogen wird, mögen wir alle nicht – wie brüchig er auch immer sei. Doch in dem Moment, wo auf ihm die Hunger-, Pest- und Kriegsblumen wie Pilze aus dem Boden schießen, geraten wir – wie könnte es anders sein – in Panik, nehmen wir die Beine in die Hand und ergreifen wir die Flucht: „Nichts wie weg!“ Jeder alternative Übergangszustand(sboden) ist uns lieber als der jetzige (inklusive des Bodenlosigkeit des Todes durch Selbstmord, den manche – religiös verbrämt – sich noch als Übergangszustand auszumalen in der Lage sehen). Dass es einem nicht geringen Teil der Menschen gerade so ergeht und in zunehmendem Maße ergehen wird, verdrängen wir gerne. Welche Verdrängung wir insgeheim als Düngung unseres brüchiger werdenden Bodens auslegen, weshalb wir sie (die vermeintlich Düngung) nicht aufgeben wollen. Dass auf dem Boden anderer auch unser Boden verhandelt wird, wollen wir so wenig wie möglich in Betracht ziehen. Noch scheint es ja nicht ganz so weit! Wann wird es denn so weit sein?

    Willis Feststellung in seiner Allgemeinheit glaube ich im Grunde keineswegs widersprochen zu haben. Ich habe nur den Teufel mit seiner Spürnase ins Detail geschickt, um nichts Unwichtiges in den Löcherns des Bodens dieser allgemeinen Feststellung zu erschnuppern.

    Als Antwort auf Willi gedacht, nehme ich mir heraus, diesen Beitrag auch als Kommentar zu des Kranichs „Gärtner-Flausen I“ niederzulegen, die mir einer stiefmütterlichen (Nicht-)Beachtung ausgesetzt zu sein drohen, die weder diese Sparte noch das Stiefmütterchen als Blume verdient.

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    • kranich05 schreibt:

      Ich möchte freilich behaupten, dass mein Wohlbefinden im und mit dem Garten voller Dynamik ist, sogar atemberaubender.
      Der Garten ist immer ein „Übergangsraum“.
      Die Dramatik wahrnehmen, dessen, was sich da (ohne mich) abspielt aber auch ordentlich da mitrühren!
      Wenn ich morgens die Stellen sehe, wo ich im Laufe des Tages zupacken werde, so impliziert das mindestens zweifach ziemlich viel Spannung und Dynamik:
      Erstens die schweißtreibende Gartenarbeit, Erledigen des Nötigsten.
      Zweitens die mehr oder weniger vielen „Baustellen“ sehen, die ich „eigentlich“ abarbeiten müsste. Druck spüren, Notwendiges nicht geschafft zu haben. Aber auch die Toleranz des Natürlichen, mir eine Zeitspanne zu lassen, keinen ZeitPUNKT zu verlangen.
      Schließlich auch das Sichabfinden mit dem Faktischen. Der Garten als Natürliches geht ohne mich nicht unter. Er findet seinen eigenen Weg, und dann sehe ich zu (übers Jahr), dass sich unsere Wege wieder treffen. (Meist ist er vitaler, ich bin aber, zumindest manchmal und im begrenzten Rahmen, schlauer.)

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    • Jens schreibt:

      Genau, „kranich“, ich finde auch im Natürlichen kaum Statisches. Fast so wenig, wie sich plötzlich (Boden wegreißend) dynamisch alles ändert.
      (genau genommen ist es vielleicht auch dann, s. Steine, ein sau-langsamer Prozess bzw., Vulkanausbruch, ein sich anbahnender und dann „plötzlich“ sau-schneller Prozess)

      Ich finde Dynamik. Homogenität. Homogene, sich natürlich ergebende Dynamik. Die durchaus auch mal innehalten und dabei sicherlich statisch wirken kann; nie aber wird es natürlicherweise etwas geben, dass „so und nicht anders“ bleibt.

      Wiederum was statisch ist – u.a. weil es auf nicht-Veränderung bzw. einzig Intensivierung des bereits Vorhandenen, aber nicht (mehr) Befriedigenden, pocht und im Wesentlichen einzig diese nicht-Veränderung/Intensivierung mit allen Mitteln sicherstellen will, alles Andere (die sog. „Alternativen“, auch Sichtweisen) kompromisslos aus dem Weg räumt. Das sieht „dynamisch“ aus. Ist in Wirklichkeit Manifest der Statik der Verhältnisse.
      Also, was statisch ist, ist eben nicht natürlich. Es ist aufgepfropft. Übergestülpt. Behauptet, viel mehr als tatsächlich – nur solange es genügend weitreichend auch geglaubt wird, sich in der Realität wirksam manifestierend!

      Und da kristallisiert sich auch schon ein erfolgsversprechender Ansatzpunkt (oder Angriffsziel) heraus, die Statik der herrschenden „Marktdynamik“ in sich zusammen fallen lassen zu können – zu einem gewissen, vielleicht maßgeblichen Teil: von Jedem/Jeder von uns! –, oder nicht?

      So glaube ich und sehe frohgemut Gegenthesen oder praktischen Umsetzungsgedanken entgegen, so long.

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  3. Johannes S. schreibt:

    Passend zu den Garten-Freuden von Opa drei Strophen aus dem sehr schönen Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt. Er hat im Dreißigjährigen Krieg gelebt und fünf Kinder verloren und war trotzdem vom Leben und der Natur so positiv gestimmt diesen Text zu verfassen:
    „Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub, mit einem grünen Kleide, Narzissmus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an, als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.
    Die Bächlein rauschen in dem Sand und malen sich an ihrem Rand mit schattenreichen Myrten, die Wiesen liegen hart dabei und klingen ganz von Lustgeschrei der Schaf und ihrer Hirten.
    Die unverdrossene Bienenschar fliegt hin und her, sucht hier und da, ihre edle Honigspeise, des süßen Weinstocks starker Saft, bringt täglich neue Stärk und Kraft, in seines schwachen Reise, in seines schwachen Reise.
    Die Melodie dieses Liedes ist ebenfalls sehr heiter und optimistisch. Übrigens ein christliches, evangelisches Kirchenlied……..

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  4. Jens schreibt:

    Danke, wundervoll beglückend und inspirierend!

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