Führen, FührerInnen

Überall und zu allen Zeiten gibt es dort, wo Menschen zusammen leben, Führung bzw. Leitung (Wollen wir eigentlich beide Begriffe synonym gebrauchen?). In kleinen Gruppen ist das so, in Gruppierungen bzw. Verbänden mehrerer Gruppen ist das so, in komplexen/widersprüchlichen Großgesellschaften auch.

Um zu Begreifen, was da passiert, eignen sich einige marxistische „Urbegriffe“. Etwa der Satz von Marx, dass der Mensch in seiner Wirklichkeit „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ sei und auch seine Betonung, dass alle Spinnereien (sozusagen die Kapriolen des Kopfes) ihre Lösung in der Praxis finden.

Wenn man sich vor Augen hält, was Grabungen etwa in Göbekli Tepe oder Çatalhöyük oder Cayönü ans Tageslicht gebracht haben, so darf man wohl den Menschen als ein Wesen betrachten, das bereits vor mindestens zwölftausend Jahren in enormen geistigen, räumlichen und zeitlichen Dimensionen kooperiert hat. (Korrekt ausgedrückt: Viele Einzelne oder/und Gruppen müssen kooperiert haben.)

Dort wirkte nicht nur eine einheitliche Vorstellung und ein einheitlicher Wille von hunderten, vielleicht sogar tausenden Menschen, es wurde auch ihr zweckmäßiges und in diesem Sinnen einheitliches Handeln über lange Zeiträume aufrecht erhalten. Da ich diese Praxis nicht aus dem Wirken des Lieben Gottes erklären mag, auch nicht durch Außerirdische oder das genetische Programm der Beteiligten, nehme ich an, dass dort Planungs-, Leitungs- und Führungsprozesse in welcher Form auch immer, stattgefunden haben, d. h. von den Menschen gestaltet wurden.

Lutz Lippkes Bericht von den Anfängen seines Arbeitslebens, ist ein hervorragendes Zeugnis dafür, wie selbst eine „sich selbstregulierende“ Dreiergruppe jederzeit mit der gesamten Gesellschaft verbunden ist, also deren (komplexen, z. B. auch moralischen) Führungs-, Leitungs- und Steuerungsprozessen unterliegt. Und das JEDERZEIT, sowohl dann, wenn das Außen nicht direkt eingreift, als auch, wenn es eingreift.

Zu glauben, die Menschen könnten durch ihre Beschränkung auf die Gestaltung ihrer lokalen ökonomischen Verhältnisse nach ihrem eigenen Willen (und Negierung jeglichen „Draußens“ (dass als idiotisch denunziert wird)), irgendein Problem ihres Zusammenlebens lösen, ist sowohl praxisfremd, als auch irreführend.

Führung und Leitung ist unverzichtbarer Bestandteil jeglichen menschlichen Lebens. Die Crux liegt in der gesellschaftlichen Qualität dieses Lebens. In Gesellschaften, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruhen, garantieren Führung und Leitung die Ausbeutung und Unterdrückung.

Gesellschaften, die darauf beruhen wollen, die Menschen zu befreien, sie empor zu heben, brauchen Führung und Leitung, Führer und Leiter, die befreien und emporheben.

Es gibt Führer, die Menschenverderber sind, und andere sind „Lichtbringer“. (Vorsicht, ich werde euphorisch ;-)!) In keinem Fall sollten wir Führer und Führung mystifizieren. Es ist alles menschlich, allzu menschlich.

Die (historischen) Erfahrungen des Realsozialismus diesbezüglich sind in all ihrer Widersprüchlichkeit äußerst interessant. Sie sind kostbares Lehrmaterial oder Rohmaterial. Doch auch das, was wir täglich realkapitalistisch erleben, bietet schon heute zahlreiche Denkanstöße. Einen hat Joachim Bode mit seinem Begriff des „imperativen Mandats“ hervorgehoben. Einen anderen heben Beat Wick (z. B. hier) und Willi Übelherr (z. B. hier) immer wieder hervor im Zusammenhang mit ihrer Kritik an den sog. Alternativmedien.

Ich beende jetzt dieses Posting, werde aber bald meine Meinung bzw. konkrete Vorstellungen im Sinne der zuletzt genannten Denkanstöße formulieren, die wir meiner Meinung nach aufgreifen und zu unseren Handlungsmaximen machen sollten.

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3 Antworten zu Führen, FührerInnen

  1. willi uebelherr schreibt:

    Lieber Klaus-Peter, ich danke dir sehr, dass du dieses thema konzentrierst und so auch weiter treibst. Wir haben ja zwei radikale pole in unserem diskurs.
    „Wir brauchen Fuehrer“ und „Wir brauchen keine Fuehrer“.

    Dein hinweis auf die aussage von Karl Marx, „dass der Mensch in seiner Wirklichkeit „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ sei“, ist ja voellig richtig. Und trotzdem wird es unterschiedlich interpretiert.

    Ich verwende immer: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Es ist kurz und klar und das ergebnis des nachdenkens unseres alten freundes. Es ist auch das, was du zitierst.

    Die frage ist ja, treiben unsere existenzbedingungen uns zum konstrukt von „Fuehrung“? Entscheidend ist hierbei, was wir als unsere existenzbedingungen ansehen. Wenn wir von einem „Status Quo“ ausgehen und diesen zur Absolutheit erklaeren, mag deine interpretation richtig sein. In und unter zeitlich spezifischen bedingungen.

    Wenn wir allerdings unsere realen existenzbedingungen als menschen, und hier geht es zunaechst ausschliesslich um die anforderungen unseres koerpers, also um unsere stabilen materiellen lebensgrundlagen, auf dem alles andere aufbaut, dann loest sich jede herleitung von „Fuehrungsanspruch“ auf.

    Vielleich meinst du, meint ihr, auch etwas anderes, wenn ihr von „Fuehrungsnotwendigkeit“ sprecht. Weil tatsaechlich immer eine unterschiedlichkeit im Erkenntnismass unseres Seins existiert. Das sind dann oft die zufaelle des lebens, die hier wirken. Wir koennen uns unsere eltern nicht aussuchen und damit auch nicht, wann und wohin wir geboren werden. Nur, das ist entscheidend fuer unsere persoenlichkeits-entstehung.

    Noch treibt ihr Propagandisten oder Befuerworter von Fuehrung im nebulosen raum substanzloser behauptungen. Da existiert keine Rationalitaet und keine Logik. Es wird einfach so dahin geredet. Insofern natuerlich eine bestaetigung des „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“. Weil das existiert ja vielfach, ob wir wollen oder nicht.

    Aber ich wuensche mir, dass ihr dies beendet und irgendwann anfangt, eine strenge herleitung fuer die „Notwendigkeit von Fuehrung“ zu entwicklen. Damit wir endlich loskommen von Postulaten und Dogmatismen und uns dem wirklichen zuwenden koennen.

    mit dank und lieben gruessen, willi

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    • lutz lippke schreibt:

      Die Fokussierung ist wirklich notwendig. Ich verstehe Willi mit der „strengen Herleitung“ so, dass er Realität als etwas streng Rationales begreifen und umsetzen will. Das führt in der Konsequenz zu Determinismus. Wenn wir alle gleich vernünftig sind, gibt es keinen Streit, keine Fehde mehr. Es braucht keinen „Freien Willen“ mehr, weil der rationale Zugang zu den richtigen Lösungen bei Allen entwickelt und nicht durch Egoismen und Ideologien verstellt ist. Der „Freie Wille“ ist ein Überbau-Phänomen. Es gibt genügend Wissenschaftler, die den „Freien Willen“ als eine Illusion, eine irreale Spinnerei ansehen. Determinismus kennt nicht nur keinen „Freien Willen“, sondern auch keinen Zufall und keine 2 widersprechende Wahrheiten. Phänomenalisten erkennen auch in virtuellen, geistigen Tatsachen ein Faktum. Der „Freie Wille“ ist ein phänomenaler Fakt, die gegensätzlichen Sichten auf das Gleiche sind ein phänomenaler Fakt.

      Mit beiden Extrempositionen habe ich meine Schwierigkeiten. Die Behauptung, dass die rationalen Wissenschaften bereits den objektiven Determinismus bewiesen haben, also Nodelle und erkannte Gesetzmäßigkeiten der Realität entsprechen, sehe ich als Ideologie an. Was man als Materie noch nicht sehen kann, wartet nur auf genauere Messmittel oder existiert nicht. Die Gegenauffassung, dass die Wirklichkeit vom beschränkten menschlichen Denken nicht rational erfasst werden kann und daher der Glaube an Übersinnliches, an Schöpfung, Gott und seine Führer seine Berechtigung, ja sogar Notwendigkeit hat, predigt i.d.R. den Status Quo und religiösen Glauben an die innere und äußere Erlösung.

      Ich sehe das eher pragmatisch. Als Praktiker gehe ich dem deterministischen Modell nach. Als sozialer Mensch sehe ich Phänomene als ein eigenständiges Gebiet der subjektiven Wahrnehmungen, die vielschichtig und widersprüchlich sind. Das macht zu einem wesentlichen Teil unsere Lebendigkeit aus. Vor einem Verzicht auf diese Lebendigkeit würde ich den Verzicht auf rationale Logik setzen. Ich sehe dafur nur keine Notwendigkeit. Das eine ist Struktur, Modell, Methode und das andere Lebendigkeit, Gefühl und Spannung. Alles menschlich.

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    • willi uebelherr schreibt:

      Lieber Lutz, ich war ja wirklich fassungslos, als ich diesen deinen text las. Und du argumentierst sehr ehrlich. Auch darin, was dir nicht behagt.

      Ich kann eigentlich nur darauf hinweisen, dass wir nie bei dem versuch, unser eingebettet sein in etwas groesseres zumindest zu akzeptieren, unsere lebendigkeit und „Leichtigkeit des Seins“ aufgeben muessen. Wir sollten nur versuchen, die grundlegenden bedingungen nicht zu negieren.

      Wir koennen unsere lebensfuehrung vereinfachen, wenn wir unsere existenziellen bedingungen ernst nehmen. Auf vieles koennen wir dann verzichten, was uns heute das leben so schwer macht.

      Im raum der gestaltung unserer lebensweise, also unserer kulturellen orientierungen und aktivitaeten, sind wir ja „viel frei“. Aber auch da wirken die gesetze der natur, die wir notwendig anerkennen. Wie z.b. der musik. Ohne instrumente koennen wir nur unsere stimme und koerperliche gesten verwenden. Aber auch selbst das ist streng den gesetzen der natur unterworfen.

      Das problem faengt immer dann an, wenn wir gegen uns selbst krieg fuehren wollen. Und sei es nur ein krieg, der in unserem kopfe stattfindet und uns gigantische qualen auferlegt. Aehnliches sehen wir, wenn wir diesen krieg gegen unseren koerper fuehren wollen. Unser geist, der frei tun und lassen kann, was er will, der keine referenz besitzt, will sich von seinem bedingten koerper befreien, ihn austilgen. Gut, da sind wir jetzt bei Max Stirner. Fuer manche ein greuel.

      Ich fasse es positiv. Wir versuchen, zu verstehen, was unsere existenziellen bedingungen sind. Das sollte ja unserem denken, unserem geist, mehr und mehr gelingen. Und dann konzentrieren wir uns darauf, auf diesen existenziellen bedingungen die „Leichtigkeit des Seins“ entstehen zu lassen.

      Die gesetze der natur zu achten, sie anzuwenden und zu verbinden in harmonie mit ihrer selbst, ist ja nicht gar so schwierig, wenn wir uns von allem freimachen, mehr und mehr, was diesem entgegen steht.

      Zum schluss noch zur theoretischen physik, die du angesprochen hast. Das problem dabei ist, konzentrieren wir uns auf ein besseres verstaendnis der natur, der materie oder schaffen wir uns modelle, kopfgeburten, die uns dann irgendwann als fussketten festhalten. Da muessen wir uns natuerlich entscheiden. Und dabei auch notwendig die selbstinszenierung etwas fallen lassen.

      mit lieben gruessen, willi

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