Kurden in Nordsyrien – ein Dialog über Befreiung (III)

Im hier vorliegenden Dialog (Folge IFolge II) versteht sich Opa als der Dokumentierer, wird sich also mit eigener Kommentierung zurückhalten. Mit einem Satz möchte ich aber hervorheben, die Weite des Blicks, die in Willis hier folgender Mail vom 25,4,2018 erkennbar wird und die kostbare Sachkenntnis der Lage vor Ort, die aus Markus‘ weiter unten folgender Antwort (26.4.2018) spricht:

Den Dialog zwischen Willi Übelherr und Markus Heizmann  setzte Willi am 25.4.2018 mit der folgenden Mail fort. 

„Lieber Markus, ich bin begeistert. Und meinen grossen dank fuer deinen hinweis auf die Qarmaten. Das ist mir neu.

In der grundlegenden betrachtung sind wir uns ja voellig einig. Die menschen in der region Syrien brauchen ihren selbstbestimmten raum. Das gute dabei ist, dass in Syrien der europaeische Nationalismus nie fuss gefasst hat. Es war immer ein raum, in dem menschen verschiedener kultureller und spiritueller stroemungen und orientierungen zusammen lebten. Das ist die grundlage fuer die grossartige kultur.

Das hatte ja viel mit dem osmanischen reich zu tun, das wie ein schirm funktionierte, unter dem die Vielfalt sich entfalten konnte. Und dieser raum war SuedWest-Asien. Dieser raum wurde mit dem 1. grossen europaeischen krieg, auch Weltkrieg I genannt, zerstoert, um kleine teile unter den einfluss europaeischer kolonialsysteme zu erhalten. Ich vermute, dass wir uns darin sehr einig sind.

Wir muessen in bezug auf die „demokratische Foederation in Nord Syrien“ die reflektion im west-europaeischen und allgemein auch englisch-sprachigen raum von dem lokalen/regionalen geschehen in Syrien trennen. Das sind fuer mich 2 voellig verschiedene dinge.

Die begeisterung, die die DFNS (demokratische Foederation Nord Syrien) ausgeloest hat, hat viel mit dem suchen nach lebbaren alternativen auch in deren lebensraeumen zu tun. Im westeuropaeischen und nordamerikanischen sind solche aktivitaeten massiv geblockt. So wird vielleicht verstaendlich, dass eine geradezu bewusstlose, oder
scheuklappenmaessige glorifizierung entsteht, die die konkreten einbindungen im groesseren raum ignoriert. Aber auch die anforderungen im lokalen.

Wir koennen auch mit sicherheit davon ausgehen, dass dieser mangel an kritischer reflektion mit eingeschleusten kraeften massiv verstaerkt wird. Nur so ist zu erklaeren, warum die deutsch-sprachigen portale der kurden, aber auch in den englisch-sprachigen „Graswurzel“ portalen, all jenes, was du und ich hierzu aeussern, ausgeklammert wird. Mit dem ueberfall der Tuerkei in der provinz Afrin wurde es ihnen scheinbar klar, was da geschieht. So entstand eine gigantische ruhe.

Merkwuerdiger weise wird in diesen portalen die illegale installation des US/Israel/Nato militaers in Syrien und drum herum nicht thematisiert. Nur Ercan Ayboga thematisiert es, wenn auch sehr vorsichtig.

Dein hinweis auf Palaestina ist fuer mich zentral, weil Israel als militaerisches Front-Camp des „Westen“ und „Osten“, der Sowjetunion unter Stalin, installiert wurde und so auch agiert. Der raum war immer ein ganzes und da hatte ein Israel auf palaestinensischem land keinen platz.

„Ich plädiere dafür, diese Widersprüche, gemäss ihrer Wichtigkeit zu hierarchisieren: Objektiv ist der Hauptwiderspruch in unserer gespaltenen Welt der Widerspruch Anti Imperialismus – Imperialismus.“

Ja, das sehe ich auch so. Die bedingung, im lokalen/regionalen selbstbestimmte stabile lebensgrundlagen entstehen zu lassen, ist die stabilitaet des grossen raums, der der lokalen/regionalen selbstbestimmung erst den handlungsraum ermoeglicht.

Fuer mich hat das ganze dilemma mit den alten elitaeren machtstrukturen bei den Kurden zu tun. Nur so koennen sie von aussen missbraucht werden und bieten sich dafuer an. Der Barzani-Clan in Nord-Iraq zeigt uns dies sehr gut.

Wie in Nord-Syrien nun eine aufklaerung und klaerung stattfinden kann, kann ich nicht beurteilen. Eine struktur der telekommunikation, das jede person frei nutzen kann, gibt es nicht. Damit sind sie darauf angewiesen, sich aus vermittelten informationsfluessen ein bild zu machen. Und das scheitert immer. Auch bei uns in Deutschland. Und das
ist auch das zentrale problem in Latein Amerika.

Was die syrische regierung mit Huawei/China nun vorhat, weiss ich nicht. Aber ich weiss, das wird wieder auf eine privat/staatliche struktur hinauslaufen, um die telekommunikation dem geldsystem zu unterwerfen. Wie bei uns auch.

Ich verweise auf diesen punkt, weil das fuer die menschen in allen regionen auf unserem planeten eine bedingung ist, um ihre situation im globalen feld einordnen zu koennen. Und es ist auch eine bedingung fuer lokale/regionale oekonomische unabhaengigkeit, die nie auf dem extraktivismus, der pluenderung der natur fuer geldstroeme, aufsetzen kann.

Ich adressiere ja im zusammenhang mit Syrien immer die deutsch-sprachigen kurdischen portale. Und aus ihrer extremen zurueckhaltung sehen wir, dass sie sich zu diesen fragen nicht aeussern wollen. Und ich vermute, dass ihre mitglieder davon auch nichts wissen, weil nichts wissen sollen. Das gleiche erlebe ich mit der „Internationalist Commune Rojava“. Auch wenn das nur wenige leute sind, so haetten sie doch die chance, direkt vor ort, das geschehen zu reflektieren und uns das wirkliche streben der menschen zu vermitteln.

Die kurdischen Clans haben die demokratische Foederation in Nord-Syrien zerstoert. Auch ihr verweis auf Abdullah Oecelan ist nicht mehr zulaessig, weil fuer ihn als ueberzeugter Anti-Imperialist, und nun Kommunarde mit verweis auf Bookchin und die Pariser Commune, ebenso auf Bakunin und Kropotkin und die anarchistischen bewegungen Mexico, Ukraine und Spanien, eine wenn auch nur taktische kollaboration mit den kolonialen Raeubern Nord-Amerika, West/Mittel-Europa, Israel und feudale
Golf-Faschismen, Australien und NeuSeeland, nicht moeglich waere.

In der syrischen bevoelkerung existiert ein klares verstaendnis ueber den versuch des „Westens“, SuedWest-Asien zu zerstoeren. Ich vermute, dass dies auch fuer die bevoelkerung in Nord-Syrien zutrifft. Nicht fuer jene, die sich dort als die „Leithammels“, die „Fuehrer“, aufspielen. An der brutalen zerstoerung der infrastrukturen, der staedte mit ihrer tiefen geschichte, wie Fallujah, Mosul und Raqqa, koennen die menschen die destruktive orientierung des „Westen“ sehr gut sehen. So werden sofort die parallelen zu Hiroshima und Nagasaki und Dresden erkennbar.

Und fuer die Sunniten wird die geschichtszerstoerende ausrichtung des Wahabismus ebenfalls erkennbar. Das hat mit dem Islam nichts mehr zu tun. So wenig, wie Israel mit der juedischen Kultur etwas zu tun hat. Vielleicht wird so den menschen deutlich, dass der „Westen“ die zerstoerung der geschichte, der traditionen, der kulturellen vielfalt
notwendig braucht.

Lieber Markus, ich danke dir sehr fuer dein offenes sprechen ueber deine gedanken. Vielleicht koennen wir so etwas mithelfen, eine klarheit entstehen zu lassen.

mit lieben gruessen, willi“

Auf vorstehende Mail antwortete Markus am 26.4.2018:

„Lieber Willi

Hier meine Überlegungen zu einigen Punkten in deiner Mail:
Erstmal zum osmanischen Reich: Ohne Historiker zu sein, weiss ich von verschiedenen Historikern, dass die Offenheit des osmanischen Reiches zumindest umstritten ist; offener und auch in kultureller und wissenschaftlicher Beziehung reicher war, soviel ich weiss, dessen Vorgängerin, das Kalifat.

Zur DFNS (Demokratische Föderation Nord Syrien):
Während unseres Aufenthaltes im Jahr 2016 im damals noch umkämpften Aleppo konnten wir feststellen, dass es einen sehr regen Austausch zwischen den Menschen der Region und der „Zentralmacht“ in Damaskus gibt. Just als wir da waren, besuchte eine Delegation von ParlamentarierInnen die Gegend und nahm die Anliegen der Bevölkerung auf. Einen Bedarf an einer wie auch immer gearteten „demokratischen
Föderation“ konnten wir nirgendwo feststellen. Ich meine, dass ein Konstrukt „Demokratische Föderation in Nordsyrien“ eine Falle ist, aus Gründen, die ich bereits in meiner letzten Mail dargelegt habe. Wir konnten feststellen, dass den Menschen vor Ort sehr wohl bewusst ist, woher die Angriffe kommen, nämlich aus den USA, den NATO Staaten, aus Israel und aus den Öl Oligarchien, welche die Vasallen der genannten sind. Als Bodentruppen der Aggressoren fungieren Söldner mit wechselnden Namen: ISIL, IS, Jabat al Nusra, FSA, SDF und andere. Den Menschen vor Ort ist auch vollkommen klar wo Sicherheit ist: Dort wo die (nota bene zentralisierte) syrische Volksarmee, vielleicht gemeinsam mit Russland und den Kräften der Hisbollah die Oberhand hat. Wir haben dort niemanden getroffen, der über einen wie auch immer gearteten Wandel des politischen Systems diskutieren wollte. Priorität hatte (und hat) für alle die Sicherheit vor den vom Imperialismus eingeschleusten Todesschwadronen.

Und um das auch gleich zu klären: Wir konnten mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten sprechen, die Kommunikation lief entweder in arabisch (mit einer Übersetzerin aus der Schweiz, einer Freundin von uns die mit uns reiste) oder in englisch oder französisch. Bei keinem dieser Gesprächen waren irgendwelche  „Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes“ anwesend, wie westliche Journalisten hier über ihre Begegnungen in Syrien oft kolportieren. Falls also Justierungen oder Änderungen an den tradierten lokalen Strukturen notwendig sind, besteht diese Möglichkeit bereits heute und zwar in einem Ausmass wie wir es in den westlichen Demokratien nicht kennen.

Die Frage musss also erlaubt sein: Wozu ist die Bildung einer DFNS, mitten in einer Zeit des Angriffskrieges notwendig?

Zum Teil beantwortest du ja diese Frage gleich selbst: Lebbare Alternativen sind in den hochgelobten Demokratien des Westens nicht machbar. Kann es sein, dass deswegen vor allem junge Menschen ihr Augenmerk nach Nordsyrien richten? An sich wäre das ja erfreulich. Es ist jedoch nicht erfreulich, sondern im höchsten Mass bedauerlich, weil
sie sich nämlich instrumentalisieren lassen. Mit einer Revolutionsromantik, die ihresgleichen sucht, werden die KämpferInnen die in Syrien gegen die syrische Volksarmee kämpfen, doch tatsächlich mit den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg verglichen oder gar gleichgestellt. Das ist schon nicht mehr Geschichtsklitterung, da haben wir es schon mit handfesten Fälschungen zu tun!

Die (geplante) Etablierung eines „kurdischen Staates“ wäre tatsächlich ein neues Israel in der Region. Dies geht natürlich einher mit den Plänen der USA und der NATO Staaten, den gesamten nahen und mittleren Osten neu aufzuteilen. (Sykes-Picot lassen grüssen!) Sieben sogenannte „Schurkenstaaten“ hat der Verbrecherstaat USA benannt, die es zu
zerstören gelte: Irak, Iran, Nordkorea, Libyen, Syrien, China und Afghanistan. Dass es sich hierbei nicht um leere Drohungen handelt, sondern um konkrete Verbrechen, belegen die bereits angegriffenen oder zerstörten Länder (nicht nur) auf dieser Liste. Vor diesem Hintergrund für „lokale Selbstbestimmung“ einzutreten mag im besten Fall gut gemeint sein, spielt jedoch letztlich dem imperialistischen Feind in die Hände. (Siehe Kurden im Irak).

Die Invasion der türkischen Armee nach Afrin hat, mindestens hier im deutschsprachigen Raum Europas, keine gigantischen Ruhe entstehen lassen, wie du schreibst. Im Gegenteil gab und gibt es immer wieder Proteste auf der Strasse, in den Parlamenten und in den Leitartikeln gegen diese türkische Aggression. Ein Freund in Damaskus, dem ich davon berichtete, meinte lapidar: „Schön, aber warum protestieren sie nicht für uns, wir werden seit 2011 angegriffen!“

Ich bin auch nicht der Meinung, dass die kurdischen Clans die DFNS zerstört haben. Ich bin der Meinung, die DFNS hat das ganz alleine geschafft, nämlich weil sie keinerlei Basis innerhalb der Bevölkerung vor Ort haben. Bevor die Barbaren aus den USA, den NATO Staaten und Israel Syrien angegriffen haben, war es in Syrien ein absolutes no go
gegenüber seinen Mitmenschen auf seiner Religion oder auf seiner Ethnie zu beharren. Alle und zwar wirklich alle waren und sind Teil eines säkularen, multikulturellen, multireligiösen, und multiethnischen syrischen Staates. (Ein sehr guter Freund von uns, ein Syrer, berichtete uns, erst hier in Europa habe er erfahren, dass er Kurde sei, zu Hause in Syrien, sei das für niemanden ein Thema gewesen).

Der reaktionäre faschistoide Wahabismus saudischer Prägung, den du im letzten Abschnitt erwähnst ist, auf den Punkt gebracht, ebenfalls eine Erfindung der Briten. Die Muslimbrüder wurden um 1919 von der englischen Kolonialmacht erst in Saudi Arabien unterstützt, wo sie bis dahin eine kleine unscheinbare Sekte waren. Danach wurden sie nach Ägypten „importiert“, um dort den anti-kolonialen Aufstand des ägyptischen
Volkes zu spalten.

Die Aggression der Europäer, später der USA und Israels gegen die Völker der Welt hat eine erschreckende Kontinuität. Es mag, wie gesagt, sein, dass Initiativen wie DFNS von einigen ihrer ExponentInnen sogar gut gemeint sind. Objektiv müssen wir ihnen jedoch am Ende des Tages bescheinigen, dass sie den imperialistischen Aggressoren in die Hände arbeiten.

Ein wirklich anti- imperialistischer Ansatz wäre es, wenn das kurdische Volk, gemeinsam mit der syrischen Armee und ihren Verbündeten gegen die US, NATO Israel Aggression kämpfen würde, dies wäre ein revolutionärer Ansatz und ein Beispiel für die Völker der Welt. Hätten sie diese Option gewählt, wäre es übrigens wahrscheinlich gar nie zu dem jetzt beklagten Einmarsch der Türken nach Nordsyrien gekommen.

Wir brauchen keine prophetischen Gaben, um voraus zu sagen, dass in einer vom Imperialismus gespaltenen Welt Initiativen wie „Rojava“, „DFNS“ und andere aus einem einfachen Grund zum Scheitern verurteilt sind: Sie grenzen sich nicht von den imperialistischen Mächten ab, sie verfügen über keine Basis vor Ort und sie versuchen mit den imperialistischen Mächten zu paktieren Es war auch schon die Rede davon, dass sie den Imperialismus instrumentalisieren. Das ist ein großer Irrtum. Der Imperialismus lässt sich nicht instrumentalisieren, der Imperialismus instrumentalisiert.

Fazit: Die Dezentralisierungsbestrebungen können sich sehr rasch als Falle entpuppen: Eine Dezentralisierung bietet viel mehr Angriffsfläche für imperialistische Infiltrierungen. Eine Dezentralisierung betrifft ohne jeden Zweifel auch und gerade den
militärischen Bereich. Damit wird die militärische Schlagkraft des syrischen Staates entscheidend geschwächt, dass ist nicht im Sinn des anti-imperialistischen Widerstandes, das ist im Gegenteil reaktionär.

Solidarische Grüße

Markus

PS: Ich empfinde es schon als einen Fortschritt, dass sich endlich wieder der Begriff „Nordsyrien“ durchsetzt. Vor noch nicht all zu langer Zeit mussten wir uns noch ärgern, weil sie dieses Gebiet „Westkurdistan“ nannten.“

Teil IV folgt.

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10 Antworten zu Kurden in Nordsyrien – ein Dialog über Befreiung (III)

  1. Pingback: Kurden in Nordsyrien – ein Dialog über Befreiung (II) | opablog

  2. fidelpoludo schreibt:

    Komplexe Diskussion
    vor dem Hintergrund einer mit Sicherheit
    noch komplexeren historischen Situation

    »Ohne Dezentralisierung hat alles keinen Sinn!« behauptet der eine; »Ohne Rückgewinnung und Sicherung (der staatlichen) Einheit verliert das eher begrüßte als abgelehnte Ziel einer Dezentralisierung nicht nur seinen Sinn, sondern wird im notwendigen Kampf um die Einheit sogar revolutionsromantisch bis reaktionär und mit Sicherheit auf unabsehbare Zeit nicht erreichbar!« hält der andere dagegen.
    In Zeiten des Krieges – auch des legitimen Abwehrkrieges – bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Die Vorzüge des Assad-Regimes werden hier wohl etwas zu einseitig betont und in den Vordergrund geschoben. Dass »Rojava« und »DFNS« über „keine Basis vor Ort« verfügten, dürfte für die Syrer stimmen, wohl kaum aber für die Kurden vor (leider syrischem) Ort. Dass sie wiederum sich vom Imperialismus instrumentalisieren lassen, dürfte kaum in ihrem Interesse liegen. Aber es sind eben ihre auch legitimen Interessen, die sich gerade wegen ihrer Legitimität und dem damit verbundenen Engagement um so leichter instrumentalisieren lassen – für Ziele, die nicht die ihren sind, denen sie aber dennoch dienen, ob sie es wollen oder nicht.
    Schön und leicht gesagt, dass „wenn das kurdische Volk, gemeinsam mit der syrischen Armee und ihren Verbündeten gegen die US, NATO Israel Aggression kämpfen würde, dies (…) ein revolutionärer Ansatz und ein Beispiel für die Völker der Welt« wäre. Hat es denn überzeugende Angebote von Assad in dieser Hinsicht gegeben, mit der Zusicherung einer relativen Autonomie danach?
    Schließlich: Um aus der „(geplanten) Etablierung eines „kurdischen Staates“ tatsächlich ein neues Israel in der Region« werden zu lassen – was nicht ganz von der Hand zu weisen ist – wäre allerdings noch einiges an Manipulation-, Propaganda-, Verbildungs- und Investitionsarbeit von imperialistischer Seite aus zu leisten.

    Alles in allem sehe ich mich doch eher auf der Seite von Markus, auch wenn entscheidende Fragen der Politischen Ökonomie und der sozialen Organisation aus einsehbaren Gründen vertagt werden (mußten?).

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  3. fidelpoludo schreibt:

    Die „komplexere historische Situation“ wird hier skizziert:
    https://www.rubikon.news/artikel/der-nachste-krieg

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  4. Beat Wick schreibt:

    «Falls also Justierungen oder Änderungen an den tradierten lokalen Strukturen notwendig sind, besteht diese Möglichkeit bereits heute und zwar in einem Ausmass wie wir es in den westlichen Demokratien nicht kennen»

    Vom Mittel- und Westeuropäischen Bildungsbürgertum oder -Milieu gehen in seiner Unein-sichtigkeit und Selbstüberschätzung keinerlei Veränderungen (Im Gegenteil es verhindert jegliche Ansätze dazu) und geht auch kein echter Friede aus. Es verachtet die eigene einfache Bevölkerung als zum «Mitbestimmen» ungeeignet und betrachtet sich als die, allen anderen Kulturen überlegene, Krone der geistigen Schöpfung. Auch Frieden gibt es nur nach den Vorstellungen der westlichen Intellektuellen (Koloniales Denken auch hier!).

    «Lebbare Alternativen sind in den hochgelobten Demokratien nicht machbar»
    Unser Bildungsbürgertum kontrolliert und steuert die Bevölkerung und wird diese Macht und seine Privilegien nicht freiwillig abgeben. Thematisierung der Gesellschafts- und Machtstrukturen sind deshalb in höchstem Masse tabu.

    Orientierungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Alternativlosigkeit, fehlende Visionen macht Europa wieder sehr anfällig für «Heilsbringer» und (Ver)Führer.

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    • willi uebelherr schreibt:

      „Orientierungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Alternativlosigkeit, fehlende Visionen macht Europa wieder sehr anfällig für «Heilsbringer» und (Ver)Führer.“

      Ja, lieber Beat, so sehe ich das auch. Die eine elitaere gang gegen eine andere auszutauschen und den unterbau, die strukturen, aufrecht zu erhalten, ist keine alternative.

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  5. willi uebelherr schreibt:

    3 antworten und 2 kommentare? Das zu WP. Da muss noch geprueft werden.

    Lieber fidelpoludo, ich halte es fuer sehr problematisch, wenn wir zentralismus so einfach neben dezentralismus stellen. Es sind, von der „Natur der Sache“, zwei grundsaetzlich verschiedene dinge und wege.

    Ho Chi Minh hat sich grundsaetzlich dafuer entschieden. Ebenso Qasem Soleimani vom Iran. Und so viele andere. Die Guerilla. Das setzt die einheit im grossen raum der vielen vielfaeltigen entitaeten voraus. Das kann nicht gesetzt, verordnet werden. Es muss aus sich heraus entstehen, weil grosse allgemeine gemeinsamkeiten existieren.

    Die frage ist, warum haben sich so manche fuer die kollaboration mit den externen, imperialen kraeften entschieden? Und vor allem wie? Sind sie breit verankert oder ist es eine kleine gruppe von „leithammels“, die es diktieren?

    All diese fragen fallen unter den tisch, wenn wir, einem scheinbaren instinkt folgen, der kraft unserer konditionierung,. das heil immer im zentralismus suchen. Das prinzip der goetter, die ihre repraesentanten auf erden unterhalten.

    In dieser frage steckt auch der grund der „revolutionaeren“ unfaehigkeit, weil eine transformation mit zentralen apparaten nicht moeglich ist. So langsam sollten wir es doch verstehen. Wir sprechen ueber Lenin, Trotzky, Stalin, daneben Bakunin, Kropotkin, Sultan Galiev, Wir sprechen ueber Mao tse Tung, daneben ueber Zhou Enlai,

    Und aus irgend einem grund geht immer der inhalt floeten. Mit sicherheit ist die dezentralisierung schwieriger wie die zentralisierung. Aber sie entspricht unserem menschlichen wesen und unseren sozialen gemeinschaften. Elitaere, pyramidale, feudale und aristokratische wie oligarche strukturen brauchen den zentralismus. Die demokratie braucht die dezentralisierung. Zentralisierte und zentralisierende strukturen koennen niemals demokratisch sein.

    Ich frage mich immer, warum menschen so tief in den vertikal hierarchischen systemen verankert sind. Reproduzieren sie es selbst taeglich? In den kinderlaeden und freien bzw. halbfreien schulen, an denen ich beteiligt war, stand die abwehr der selbstbestimmung der kinder immer im vordergrund. Sie muessen erzogen werden, sie muessen die grenzen spueren, sie muessen die akzeptanz der aeusseren diktate anerkennen. Das war nicht immer so offen, wie ich es hier beschreibe.

    Ich gebe nicht viel auf so einfach hingeworfene woerter und postulate. Mich interessieren mehr die inneren einstellungen und deren grundlagen. Der politische ueberbau in Syrien hat die offenen flanken selbst erzeugt und erhalten. Das ist der raum, indem das kaufen der akteure gelingt. Von beiden seiten, wohl gemerkt.

    Vielleicht schaue ich deshalb anders hin, weil ich es von Latein Amerika kenne. Die „linken regierungen“ waren durchwegs eine luege, sie haben nie existiert. In Europa nur ueber vermittelte info-fluesse generierbar. Zu den massakern in Nicaragua gegen die bevoelkerung zur zeit finden wir nichts in Amerika21 oder NPLA. Das passt nicht ins konzept. Ich war in Chiapas und habe mir die zapatisten-doerfer und zentren angesehen. Wollte mit den jungen menschen dort diskutieren. Alles luegen, was wir hier lesen. So wurde ich auch dort zum CIA-agent erklaert. Logo.

    Die polaritaet zentralismus/dezentralismus verlaeuft durch alle gruppen und regionen. Wenn wir von unten her gehen, folgen wir der dezentralisierung. Wenn wir von oben kommen, folgen wir der zentralisierung. Es ist eine entscheidung vorher, von wo aus wir gehen.

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  6. willi uebelherr schreibt:

    Liebe freunde, Peter Fray vom blog http://www.peds-ansichten.de hat mir einen link zu einer frueheren artikelserie geschickt, die ich euch weiter geben will.

    Türkische Gratwanderungen (4)
    1.10.2016
    https://peds-ansichten.de/2016/10/tuerkische-gratwanderungen-4/

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  7. fidelpoludo schreibt:

    Nicht „doppelt“!

    Lieber Willi! Du schreibst:

    „Lieber fidelpoludo, ich halte es fuer sehr problematisch, wenn wir zentralismus so einfach neben dezentralismus stellen. Es sind, von der „Natur der Sache“, zwei grundsaetzlich verschiedene dinge und wege.“

    Niemand hat hier „Zentralismus so einfach neben Dezentralismus“ und in Abrede gestellt, dass es „zwei grundsaetzlich verschiedene dinge und wege“ sind. Wie könnte man auch?
    Die Frage, um die es geht – und das war die zentrale Frage in Eurem Dialog -, ob die dezentralistische Strategie angesichts sowohl der Lage Syriens wie der offensichtlich noch auf der Agenda des Imperiums (der Nato und Israels) stehenden Zerschlagung des Iran (die Zersplitterung Syriens ist da nicht nur Zweck, sondern auch ein Mittel der Erleichterung des Zugangs zum Iran) der Weg sein kann, beide imperialistische Ziele erst einmal zu verhindern.
    Wollen wir einem dezentralisierten Syrien, hier Kurden, dort Türken, dort verschiedene syrische Volksgruppen und überall verteilt die 20 US-Militärbasen, deshalb zustimmen, weil es unter diesen Umständen angeblich in den betroffenen Regionen leichter falle, sich jeweils „dezentralistisch“, selbstverwalterisch zu organisieren? Nicht nur am Beispiel Jugoslawiens läßt sich ablesen, dass das kaum gelingen kann. Oder hälst Du dessen Aufteilung etwa für einen Fortschritt und legitimierst damit nachträglich den völkerrechtswidrigen Krieg der Westmächte zur leichteren Kontrolle der Region sowohl militärisch wie ökonomisch?
    Dass „vom Mittel- und Westeuropäischen Bildungsbürgertum oder -Milieu“ „in seiner Unein-sichtigkeit und Selbstüberschätzung keinerlei Veränderungen“ „auch kein echter Friede“ ausgeht,
    mag ja grob stimmen, ob die in dieser Argumentation vorausgesetzten außerwestlichen Ansätze zur Selbstorganisation aber dadurch gefördert würden, dass man einer Zerstörung des Nationalstaats Syrien (eines zentralistischen Gebildes, jawohl) deshalb zustimmt und dabei tatenlos zusieht, halte ich jedoch für mehr als fragwürdig.

    Ebenso fragwürdig ist für mich Deine Einschätzung, dass die „‚linken regierungen‘ durchwegs eine luege waren“, nie existiert hätten und „in Europa nur ueber vermittelte info-fluesse generierbar“ gewesen sein sollen. Wie willst Du das vereinbaren mit nicht nur der permanenten Polemik der USA speziell gegen diese „Regime“, sondern auch ihren ebenso permanenten Versuchen interessierter imperialistischer „Regime-Change“-Aktivititäten gerade dort – und nicht nur in Brasilien oder Venezuela? In der Hinsicht zeigt unser gemeinsamer Gegner dann doch letztenendes mehr „realistisches“ Gespür für die Bedrohung seiner Interessen. Oder willst Du etwa gerade in dieser „unrealistischen“ Wahrnehmungsweise ein Symptom des „Risses in der Matrix“ ausmachen?

    Was ist nun wirklich Sache? Geht es zunächst darum, für die Einheit des syrischen Nationalstaates einzutreten oder darum dieses Ziel als ein für allemal deshalb für „utopisch“ zu halten, weil der Imperialismus hier unrevidierbare „Fakten“ geschaffen habe, die wir hinzunehmen hätten, ob sie uns gefallen oder nicht? Glaubst Du wirklich, dass in diesen „Fakten“ die einmalige historische Chance verborgen sei, unseren ganz anders gelagerten Interessen an Selbstverwaltung, Selbstorganisation und Detentralisierung entgegen zu kommen, die wir nur – wie denn? – beim Schopf zu ergreifen hätten? Mit welchen Leuten und Bewegungen denn? Deine Informationen über die Bewußtseinslage der Südamerikaner spricht da nicht gerade eine optimistische Sprache.

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  8. willi uebelherr schreibt:

    Lieber fidelpoludo, ich frage mich woher du das alles nimmst, was du hier ausbreitest. ich kaeme nich auf den gedanken, irgend einer person in diesem kreis ein interesse an der zersplitterung von Syrien und der aufloesung von SuedWest Asien als selbstbestimmten raum zu unterstellen.

    Das, was ich allerdings tue, ist die dominanz staatlicher konstruktion in geografischen raeumen in frage zu stellen. Aber das widerspricht niemals dem prinzip, grosse geografische gemeinsam zu verteidigen, weil sie die grundlage fuer die gestaltungsfreiheit in den kleinen geografischen raeumen sind.

    Deswegen ist dein fokus voellig falsch und geht auch gaenzlich an der diskussion zwischen Markus und mir vorbei. Das, worauf ich immer hinweise, ist die notwendigkeit auch fuer die staatlichen akteure in Syrien, diese gemeinsame basis herzustellen auch mit den menschen in Nord Syrien, und keinen ausschluss zu betreiben. Das gleiche mache ich gegenueber den aktivisten in Nord Syrien, sofern ich da kontakt habe.

    Wesentlich fuer mich ist, dass wir in geografischen raeumen denken und nicht in Staats-Konstruktionen. Ich weiss, dass dies fuer viele heute noch sehr schwierig ist. Wie sich diese geografischen raeume im verstaendnis etablieren, ist ja voellig offen und auch nicht statisch. Dieser ansatz ist nicht als antwort an den versuch der „Balkanisierung“ von SuedWest Asien entstanden, sondern gilt fuer mich grundsaetzlich.

    Eine naheliegende sicht fuer einen geografischen raum ist das gebiet um und zwischen Euphrat und Tigris mit seinen quellgebieten in Ost Tuerkei. Also Syrien, Irak und Ost Tuerkei. Frueher wurde es Mesopotanien genannt, auch wenn sich deren zentren mehr im unterlauf konzentrierten. Wenn wir nun uns darauf konzentrieren, dann haben wie eine stabile basis fuer gemeinsamkeiten und kooperationen bei gleichzeitiger vielfalt der beteiligten klein-regionen. Und selbst eine noch existierende virtuelle trennung in staatliche gebiete spricht nicht dagegen, weil unsere lebensexistenz von staatlichen konstruktionen voellig unabhaengig ist.

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