Kurden in Nordsyrien – ein Dialog über Befreiung (II)

Auf die Mail von Marcus Heizmann vom 23.4.2018 (Siehe Folge I) antwortete Willi Übelherr am 24.4.2018 ausführlich:

Lieber Markus,

ich danke dir sehr fuer deinen sofortigen und spontanen einspruch. Und auch ich bin immer dankbar, wenn ich deine/eure berichte und informationen lesen kann. Sei es direkt oder ueber Kaspar Truempy oder Willy Wahl.

Dieser letzte absatz hat nur wenig mit der idiotischen kollaboration mancher kurden mit der USA, Israel oder Frankreich zu tun. Es geht auch nicht um staatliche abtrennung oder separierung. Es geht mehr um die frage, wie stabile materielle lebensgrundlagen entstehen koennen, die ein hohes mass lokaler selbstbestimmung ermoeglichen.

Die grundlage hierfuer sind die entwickelten lokalen oekonomien, die in kooperativen verbindungen sich gegenseitig unterstuetzen. Dabei bleiben ihre lokalen selbstgestaltungen ihrer lebensweise unberuehrt. Regionale anforderungen werden ueber kooperative verbaende der beteiligten gemeinden gelost.

Das mag von mir etwas zu euphorisch klingen, wenn wir die wirklicheit in betracht ziehen, wo sich ja deutliche autoritaere spuren mit ihren elitaeren strukturen niederschlagen. Und ich bin mir nicht sicher, ob die mehrheit der menschen in Nord Syrien diesen weg einer kleinen machtgruppe akzeptieren und mittragen wollen.

Aus den deutschsprachigen portalen der Kurden lese ich dazu nichts. Aber dafuer habe ich etwas anderes gelesen. Ercan Ayboga agiert in der gruppe „Mesopotamia Ecology Movement“. Es geht dabei um das quellwasser fuer Euphrat und Tigris und damit um das alte gebiet mesopotamien, das von diesen beiden fluessen mit wasser versorgt wird und heute vom tuerkischen staatsapparat geblockt bzw. kontrolliert werden will.

Auch in dieser gruppe, kurz MEM, existiert ein raeumlicher ansatz, unabhaengig jetzt von anderen kuenstlichen grenzlinien, der die menschen in diesem raum als ganzes aus vielen einzelnen teilen betrachtet, die in ihren grundlegenden lebensinteressen die gleichen anforderungen mit sich tragen.

Diesen grundgedanken finden wir im konzept der „demokratischen Foederation“ von selbstaendigen gemeinden und gruppen von gemeinden.
Abdullah Oecelan hat diesen gedanken, der ja schon sehr alt ist, aufgegriffen und fuer den raum Sued-West-Asien angewendet.

Von daher unterstuetze ich sehr deinen hinweis:
„Die Loesung kann also nur in einem vereinten, stabilen und geeinten Syrien liegen, in dem, wie seit eh und je, alle Menschen des syrischen Staates gleichberechtigt miteinander leben.“

Weil „demokratische Foederation“ bezieht sich nicht auf eine aeussere abgrenzung einer region, meinetwegen auch als staat gekennzeichnet, sondern auf die inneren beziehungen in dieser region. Also ihrer art des wirtschaftens, der pflege und foerderung der natur, der immateriellen und materiellen austauschprozessen, der pflege und erhaltung ihrer lokalen kulturellen eigenheiten und tradierten und/oder neuerschaffenen lebensweisen.

Bevoelkerungen leben immer in gemeinden. Dies sind ihre gesellschaftlichen entitaeten. Und so, wie wir in Europa hoch divergente regionen haben, so auch dort. Zentralisierende und zentralisierte instanzen neigen zur monotonie, zur vereinheitlichung, zur aufloesung
der unterschiede. Selbstbestimmte lebensweisen tendieren immer zur unterschiedlichkeit, zur Vielfalt.

Das entscheidende zur realisierung sind die stabilen materiellen lebensgrundlagen. Aber das ist ein prozess, der mit den gesetzen der natur zu tun hat wie z.b. boden, wasser, saatgut, lagerung von saat und ernte, konstruktion von gebaeuden und maschinen etc. Auf dieser basis koennen all die vielen besonderheiten sich entfalten und gegenseitig sich befruchten.

Insofern mag das, was ich da schrieb, in manchem zuweit in die zukunft gedacht gewesen sein. Aber die konzepte der aufloesung regionaler autonomie im sinne lokaler selbstbestimmung ist ueberall gescheitert, wo sie durch koloniale eingriffe zerstoert wurde. Und heute sehen wir es extrem in Syrien wie zuvor in Iraq und Libyen.

Die erhaltung der grossen region Syrien als raum autonomer selbstbestimmung ist eine fundamentale bedingung dafuer, damit sich im inneren eine freie selbstgestaltung der lebensweisen ueberhaupt ausbilden kann.

Ich weiss, dass das fuer viele noch schwierig ist, vorstellbar zu sein. Zu sehr sind wir selbst auf grosse apparate fixiert, denken in staatlichen konstrukten und vergessen dabei ihre einzelteile. Wir koennen, wenn wir in raeumen denken, auch von unten her beginnen.
Gemeinden als unseren lebensraum, regionen der direkten erreichbrkeit und der grossen region als abgrenzung, solange wir dies brauchen. Weil eigentlich ist es ja ueberfluessig.

Die gemeinden an den kuenstlichen grenzen, weil nur auf dem papier, hatten immer ihre verbindung auf die andere seite. Ich kenne das aus Sued-Bayern und Sued-Wuerttemberg. Und ich vermute, das gilt/galt ueberall. Ohne massive eingriffe der „zentralgewalt“ waere das heute immer noch so.

Und ohne es zu wissen, vermute ich, dass das in Syrien genauso ist. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen wurde dieser raum Suedwest Asien von aussen aufgesplittet. Ich habe nichts gelesen darueber, dass die dortige bevoelkerung dies wuenschte.

Und heute soll eine weitere aufsplitterung vollzogen werden, ohne dass die bevoelkerung dies erwuenscht. Dass so manche Kurden nun mit ihrem fanatischen nationalismus, der eh keine grundlage hat, agieren, und sich mit jeder dahergelaufenen kriminellen bande verbuenden, hat viel, meineserachtens, mit ihrer Geld-gier und Geld-sucht zu tun, die auf
elitaere clan- und stammes-strukturen verweisen und nur wenig mit vernuenftigem und rationalem denken zu tun hat.

Aber, wir sollten auch gerecht sein. Die anerkennung lokaler besonderheiten war bei der Baath-Partei noch nie gegenstand ihres denkens. Da ging es immer um monotone apparate mit hoher quantitaet an finanzfluessen.

mit lieben gruessen, willi“

Darauf antwortete umgehend (24.4.3018) Marcus Heizmann:

„Lieber Willi

Vorerst besten Dank für Deine prompte und ausführliche Antwort auf meinen Einspruch, dies vor allem deswegen, weil sich in dieser Debatte einige Widersprüche des gegenwärtigen linken, vor allem des europäisch linken Diskurses manifestieren.
Ich plädiere dafür, diese Widersprüche, gemäss ihrer Wichtigkeit zu hierarchisieren:

Objektiv ist der Hauptwiderspruch in unserer gespaltenen Welt der Widerspruch Anti Imperialismus – Imperialismus. Wohl gibt es Klassengegensätze, es gibt Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern, Menschen werden ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Ausrichtung Herkunft oder aus anderen Gründen diskriminiert. All diese Widersprüche lassen sich auf den Einen, auf den Hauptwiderspruch zurück führen, den
Widerspruch Anti Imperialismus – Imperialismus.

Wir wissen von gesellschaftlichen Experimenten in der Geschichte der Menschheit, genannt seien die Qarmaten (Karmaten) im arabischen Raum vor rund 1000 Jahren, die versucht haben, diesen Ungerechtigkeiten eine gelebte Alternative entgegen zu stellen. (Siehe dazu „Qarmaten und Ihwan as Safa, Quintern und Rahmani, Tup Verlag Hamburg oder auch „Die Karmaten“ Peter Priskil, Ahrimann Verlag).

Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die Diskussion um Projekte, aktuell ist natürlich Rojava, im luftleeren Raum abspielt, so als gäbe es keine imperialistischen Angriffe gegen Syrien, so als gäbe es keine Kollaboration der kurdischen Kräfte mit USA, NATO und Israel und so als wäre es ein Zufall, dass die „autonomen Gebiete“ ausgerechnet dort Fuss fassen sollen, in denen es Öl und Wasser gibt und so als hätte es
niemals ein Sykes-Picot Abkommen gegeben, welches du ja auch erwähnst.

Mit anderen Worten: Wie in so vielen umkämpften Gebieten des Planeten, stellt sich auch in Nordsyrien als erstes die Frage nach den imperialistischen Interessen. Diese Frage zu beantworten fällt uns nicht schwer: Es ist das erklärte Interesse der USA und der NATO Staaten Syrien zu zerstückeln, also einerseits zu dezentralisieren und andererseits ihre eigene Hegemonie zu etablieren.Was danach geschieht, nun, dafür haben wir Beispiele zuhauf: Genannt sei der Irak, genannt sei Libyen, genannt sei aber auch die Bundesrepublik Jugoslawien, die, ebenso wie andere funktionierende Gesellschaften auch, vor unser aller Augen zerstört wurden.
Der Trick ist übel und es erstaunt, dass es gleichwohl immer wieder funktioniert:

Ein Staat wird nicht über Nacht vom Imperialismus angegriffen, zuvor wurde sorgfältige Vorabarbeit geleistet, bestehende Strukturen werden instrumentalisiert und möglicherweise bestehende Ungerechtigkeiten der Zentralregierung, und seien diese auch noch so klein, werden medial ins Unermessliche aufgeblasen. Dies sind die – keineswegs abstrakten – Mechanismen, mit denen wir immer wieder konfrontiert sind. Bezogen auf Nordsyrien und die sogenannten „Autonomiebestrebungen“ werden diese
Mechanismen ganz besonders deutlich:

Nie haben wir davon gehört, dass es der kurdischen Bevölkerung in Nordsyrien unter Hafez al Assad oder unter Bashar al Assad schlecht gegangen sei. Die Zentralregierung in Damaskus war ein Fakt, über den sich vielleicht einige beklagt haben, weder gab es jedoch gross angelegte Proteste oder gar Aufstände. Alle syrischen StaatsbürgerInnen
sind gleichgestellt. Ganz anders die Situation in der Türkei. Immer wieder kam es dort unter den wechselnden Regierungen zu Kriegszügen gegen die Kurden und zu massiver Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung. Syrien war davon insofern betroffen, als dass der syrische Staat den kurdischen Kämpfern und den kurdischen Flüchtlingen aus der Türkei solidarisch ein sicheres Hinterland bot. (Analog übrigens zu den
von Israel vertriebenen Palästinensern und den Irakern, die vor dem US Terror aus dem Irak nach Syrien flüchteten).

Es stellt sich nun die Frage, warum diese „Autonomie des kurdischen Volkes“ ausgerechnet in einem vom Imperialismus angegriffen, antiimperialistischen Syrien mit Gewalt verwirklicht werden soll? In wessen Interesse ist das?

Gesellschaftliche Experimente wie dezentralisierte (Stammes) Strukturen und ähnliches sind zarte Pflanzen, sie gedeihen nicht unter kriegerischen Bedingungen. Die Qarmaten, die ich weiter oben erwähne, hatten ihre Hochblüte unter dem Kalifat, während einer Ära des Friedens. So ist es ihnen nicht nur gelungen, eine 200jährige (!) sozialistische
Gesellschaft und Friedenskultur aufzubauen, sie brachten auch die Wissenschaften, die Kultur, Literatur, Musik usw. zu nie mehr erreichten Höhen.

Es ist tatsächlich erstaunlich, zu welchen Konzessionen, die hier im Westen so sehr geschmähten Mächte Syrien, Iran und Russland bereit sind.
In Damaskus haben wir von einem Berater des Ministers für Versöhnung erfahren, dass die Regierung den Kurden im Norden Hand zu Verhandlungen bietet, so waren die Kurden zum Beispiel zu den Gesprächen nach Sotschi eingeladen. Die kurdische Führung lehnte dies ab, dem Vernehmen nach hörten sie auf den Ratschlag von Hillary Clinton.
Das ist eben genau das wovon ich rede: Vor dem Hintergrund einer imperialistischen Aggression muss den Akteuren sehr klar sein, wo der Haupt- und wo die Nebenwidersprüche liegen. Diese politische Klarheit vermisse ich bei der aktuellen Debatte vor allem innerhalb der europäischen Linken schmerzlich.
Gewiss: Wenn wir suchen, finden wir sowohl bei der syrischen Baath Partei als auch beim Iran und auch bei Russland Mängel. Die Frage ist nun, wem nützen wir, wenn wir diese Mängel und Unzulänglichkeiten anklagen? Diese Frage muss umso mehr erlaubt sein, weil wir uns auf derselben Seite befinden wie die Imperialisten, wenn wir die Regierungen der angegriffenen Länder auf die Anklagebank setzen.

Wäre es von einem anti imperialistischen Standpunkt aus nicht sehr viel angemessener und auch sehr viel logischer, Bewusstseinsarbeit und Aufarbeitung über die zahllosen Verbrechen der USA, der NATO, Israels, der Imperialisten also, zu leisten und mindestens zu versuchen, geplante künftige Verbrechen des Imperialismus zu verhindern?
Ich hege keinerlei Zweifel daran, dass die Regierungen der angegriffenen Länder mit Vernunft begabt sind, anderenfalls könnten sich Syrien, Iran, Venezuela, Kuba, Somalia und andere dem imperialistischen Monster nicht so lange und so erfolgreich entgegenstellen. Von dieser Vernunft gehe ich aus und habe daher keine Zweifel, dass sowohl Autonomie Bestrebungen als auch eine wie auch immer geartete Dezentralisierung geregelt werden können. Verständlicherweise steht das jedoch in Syrien im Moment nicht zuoberst auf der Agenda. Im Moment handelt es sich darum, das Land mit allen Mitteln gegen die Angriffe von aussen zu verteidigen und dessen
Einheit zu bewahren.

Auch wieder vom bereits erwähnten Mitarbeiter des Ministeriums wissen wir, dass dazu alle eingeladen sind. In jedem Fall ist die Gestaltung der Gesellschaft in Syrien, die Angelegenheit Syriens, nicht die der Europäer, der USA, der NATO oder von anderen, die
sich einmischen. Voraussetzung ist auch ein Konsens darüber, dass die territoriale Einheit Syriens nicht verhandelbar ist, dass sämtliche ausländischen Kämpfer, die nicht ausdrücklich von der syrischen Regierung legitimiert sind, das Land sofort zu verlassen haben und dass sämtliche Ressourcen in Syrien dem syrischen Volk gehören.
Erstes Ziel ist also die Befreiung Syriens von allen US und NATO Kräften und von ihren Söldnern, sei dies nun IS, SDF, FSA oder wie auch immer sie sich aktuell nennen mögen, von allen Kämpfern des Imperialismus also.

Das ist meiner Meinung nach der Hauptwiderspruch. Wenn das nicht erreicht werden kann, dann brauchen wir auch nicht mehr über Autonomie oder Dezentralisierung zu diskutieren, dann nämlich wird jede, auch die kleinste Autonomie zur Makulatur und die Zentrale wird dann in Washington oder in Brüssel sein.

Solidarische Grüße

Markus“

Teil III folgt.

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2 Antworten zu Kurden in Nordsyrien – ein Dialog über Befreiung (II)

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