Mein Atheismus

Mein Atheismus ist „alt wie ein Baum“.

Der Beweis: Sofort nachdem ich das 14. Lebensjahr erreicht hatte (gefühlt: 1 Tag nach dem Geburtstag), beantragte ich meinen Personalausweis. Und sofort nachdem ich den Personalausweis erhalten hatte (gefühlt: noch am selben Tag),  ging ich zum Standesamt und erklärte meinen Kirchenaustritt.

Einige Zeit damals war ich militant kirchen- und religionsfeindlich. Doch mit etwa 17 Jahren begann ich den Marxismus kennen zu lernen (zuerst las ich das „Kommunistische Manifest“) und mein Verhältnis zu Religion und Kirche wurde reflektierter (bald auch unter dem „mäßigenden Einfluss“ des Erzrevolutionärs Lenin).

Mein Atheismus hat sich also entwickelt. Er blieb nicht lange platt naturwissenschaftlich/vulgärmaterialistisch. Aber er wurde auch nicht schematisch historisch-materialistisch oder – ideologischer ausgedrückt – marxistisch-leninistisch.

Unabhängig davon, welche welterklärenden Erkenntnisse die aktuelle Parteilinie jeweils in den Vordergrund rückte, erlaubte ich mir im Laufe der Zeit zwei persönliche Einsichten, sozusagen zwei zusätzliche persönliche Ausformungen meines Bekenntnisses, die mir meine Areligiosität weiterhin und auch in Grenzsituationen lebbar machten.

Ich sprechen erstens von der Kunst. Areligiosität ist nicht durchzuhalten, wenn Du nicht das, was Dir Kunst geben kann, in die Tiefenstruktur Deiner Persönlichkeit einbaust.

Und ich spreche zweitens von der Bereitschaft zu einem relativen persönlichen Agnostizismus. Ich weiss nicht nur, dass ich Vieles nicht verstehe, ich weiss darüber hinaus, dass ich Vieles nicht verstehen kann. Ich bin bereit, gewisse Glutkerne von Wahrheiten nicht zu berühren, sondern nur zu „umrunden“. Ich scheue mich nicht zu sagen, sie zu heiligen.

Dass meine Ermächtigung gegenüber Gott sich auf das hierzulande überkommene Christengottphänomen bezog, liegt auf der Hand. Selbstverständlich greift diese Selbstermächtigung gleichermaßen gegenüber jedem anderen Gott- oder Prophetenphänomen. Das wurde mir wieder lebhaft bewusst, als ich mich kürzlich der herzerfrischenden Aufklärungaktivitäten von Kollegah aussetzte, dann aber bald feststellte, dass sein Aufklärungsfuror sich aus seiner Allahverankerung speist und dort zugleich seine Grenze hat. „Ach, Du lieb’s Gottle!“ hätte da meine Mutter nur gesagt.

Trotzdem, dass Dir jetzt Manche ihren Allah auf’s Auge drücken wollen, erscheint mir noch als das kleinere Übel, gegenüber der allumfassenden Kryptoreligionisierung in dieser unserer Zeit; wann gab es eine dumpfere?

Vergottung der Ideologismen wohin man blickt – Umwelt, Demokratie, Staatengemeinschaft, Djihad, Stalin, Antifa,  Me too, Veganismus, DSDS usw usf. Die Erhebung des Eigenen zur Exzeptionalität bedarf der Vergöttlichung des eigenen Profanen. Dann sind die anderen Schurken, Verkörperungen Satans.

Und alles ist wieder möglich!

Der Vierzehnjährige hatte goldrichtig gelegen als er die Verbindungen zu diesem Sumpf kappte.

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4 Antworten zu Mein Atheismus

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Ich bin ungetauft und tatsächlich gottlos aufgewachsen. Immerhin ehelich. Ein dickes altes AltesTestament lag als rein optischer Blickfang im Wohnzimmer der Eltern. Der Lesestoff, auch Marx, Lenin, Brockhaus stand im Bücherregal. Überall natürlich spioniert, aber die alten Schallplatten im falschen Tempo übten den stärksten Sog aus.
    Marx, Lenin, Che, Castro und die Indianer waren die revolutionären Vorkämpfer des künstlichen Sprechgesangs von Kollegah Erich, Generalsekretär der Kadergang. Die Indianer und Che konnten sich mit ihren Geschichten absetzen. Auch Castro noch als georderte Spalierklasse mit Lust ins Schloss Niederschönhausen gejubelt. Revolution ohne Krieg, ohne Erpressung und Gewalt wäre traumhaft. Mit 14, Personalausweis, gleich trampen, überall hin, zwanglos, frei und offen für Alles. Treffe auf Laienpfarrer und Theologen, die offen über Gott und die Welt diskutieren, Umwege in Kauf nehmen, Kost und Logis teilen. Vielleicht auch missionieren. Später Bluesmessen, Pfarrer Eppelmann, Kamerateams von ARD/ZDF, unbeachtet sicher auch der Kaderapparat. Gott kann man nicht beweisen/widerlegen. Gute naturwissenschaftliche Grundbildung + Indoktrination + Westfernsehen + Diskussionen in verrauchten Kneipen, beim Trampen oder den Partyküchen. Auch auf Arbeit, aber niemals mit den Bonzen. Die waren nicht atheistisch, nicht gottgläubig, sondern lächerliche Kaderkarrieristen. Nach oben unterwürfig, nach unten denunziantisch. Eine Sekte wie Colognia Dignidad. Glauben an Gurus, an Sektenführer, an die Vorhut, das Erziehen der verteufelten, fehlgeleiteten Masse. Vielleicht glaube ich deshalb an die Kraft von transparenten Methoden des Denkens und Handelns unter Freien, weil mich die Gottesfurcht und Sektengläubigkeit mit gut 20 Jahre Honecker-Rap verwöhnt haben und nun in Raute und Twitterpolitik ebenso waffenstarrend wiederaufleben. Ich denke, wenn man es besser machen will als 1989, dann indem man die überzeugenden Strukturen und Methoden des Zukünftigen baut und wirklich Niemanden als großen Führer oder Denker vergöttert. Genau dann gelingt es, dem Beschränkten, dem Unzulänglichen das Positive abzugewinnen und mit Weiterem zu ergänzen, statt auf das ultimative Ergebnis zu warten. Das ist längst bekannt. 42!

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    • kranich05 schreibt:

      Ist schon faszinierend, wie Wege sich trennen und dann wieder verschränken können.
      77, bald 78!
      Kirche war für den Jungen damals (etwa 1950/51, fleißiger Teilnehmer an der Christenlehre, die außerhalb des Schulunterrichts aber im Schulgebäude stattfand) nichts als Denkverbot und Zwang zum Wunderglauben (geworden – nicht von Anfang an). Das im Gegensatz zur Schule!
      Niemals wieder wollte ich mit denen etwas zu tun haben.
      Eine aktiven Widerstandskämpfer (Buchenwald) und solidarischer Mensch, ehemals kleiner sozialdemokratischer Funktionär, lebte im Randbereich unserer Familie.
      Beim Studium der marxistischen Philosophie ab 1960 in Berlin erlebte ich mindestens fünf Widerstandskämpfer/Emigranten als meine Lehrer/Lehrerin.
      Bis ich eine Kadergang begreifend erlebte, vergingen noch Jahrzehnte.

      Heute ist mir dieses ein absolutes Kredo:
      „Vielleicht glaube ich deshalb an die Kraft von transparenten Methoden des Denkens und Handelns unter Freien,…“
      Wichtige Divergenz: In unserer Zeit von Krieg, Erpressung und Gewalt ausgerechnet von der Revolution zu verlangen, davon unberührt zu bleiben, kann man wünschen. Wenn man einen Weg findet, dass auch die Konterrevolution sich von Krieg, Erpressung und Gewalt fernhält, hat das Wünschen auch gute Chancen.
      Die Revolution nicht zu denken aus Angst vor der Konterrevolution ist die Sache der Geschlagenen.
      Und auch dies mein Kredo und somit absolute Zustimmung:
      „Ich denke, wenn man es besser machen will…, dann indem man die überzeugenden Strukturen und Methoden des Zukünftigen baut und wirklich Niemanden als großen Führer oder Denker vergöttert. Genau dann gelingt es, dem Beschränkten, dem Unzulänglichen das Positive abzugewinnen und mit Weiterem zu ergänzen, statt auf das ultimative Ergebnis zu warten.“
      Genau dies, so sehe ich es, wird ja auch Willi nicht müde, zu propagieren; die Selbstermächtigung.
      Er nun verficht seinen ganz speziellen Weg, den ich in seiner Ausschließlichkeit als zu eng sehe und bezweifle.
      Aber ich teile das Grundansinnen.

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  2. willi uebelherr schreibt:

    Der Atheismus, wo kommt er? Dem Theismus nicht zu folgen. Und der Theismus? Geschichten, stories, verklaerung des irrationalen. Brauchen wir die Furcht? Koennen wir uns nur dann vernuenftig verhalten, wenn wir von Angst gemartert werden? Immer kontrolliert, von aussen und innen?

    Sind die „lächerliche(n) Kaderkarrieristen“ nicht das gleiche wie die lächerlichen Erzaehler von Geschichten? Ich denke, ja. Substanzlosigkeit wird aufgehaeuft und immer weiter aufgehaeuft. Ein endloses spiel um das Nichts.

    Ich war etwa 12, ministrant. Wilfried Schmittler, kabarettist, meinte mal, alle guten kabarettisten waren frueher ministranten. Bei der vorbereitung fuer eine gruppe zum ueben war ich allein in der spaetgotischen kirche und habe mir von hinten den hochaltar genau und lange angesehen. Ein billig zusammengenagelter bretterhaufen. Da wurde mir klar, das hat system. Aussen Hui und Innen Pfui.

    Die theorien werden angepasst. Der kern bleibt. Unsere Entmaechtigung, unsere Unmuendigkeit, die wir selbstverschuldet tragen und zelebrieren. Und es dient der strukturierung des ganzen, was wir mit macht als kinder aufnehmen. Tief in unserem denken wird eingepflanzt: Du darst nur, wenn es dir andere erlauben.

    Die schule, das materielle zuchthaus fuer kinder. Die kirche mit der religion, das innere zuchthaus fuer unser denken. Mit 15 begann ich, Immanuel kant zu lesen und verstand, was ich 3 jahre vorher nur ahnte. Die vielen anderen kamen danach. Allerdings immer lebend in einer umgebung der bewussten rebellion, des widerspruchs, des infrage stellen. So, wie ich als kleiner zoegling das gebaeude infrage stellte, das nur den Schein erhaelt.

    Meine erfahrungen mit „politichen“ organisationen, hier KBW (Kommunistischer Bund West-Deutschland), den oestlichen teil gab es nicht mehr, waren aehnlich. Erstmal „es geht voran“. Dann die erkenntnis, der aufwasch des gleichen, dem ich mich entziehen wollte.

    Wir muessen unseren „Trotz“ erhalten. „Trotz alledem“. Wir duerfen nicht der Stampede folgen. Abseits sind freie raeume. Da herrscht kein gedraengel. Von vorneherein Nein sagen zu den aufgehaeuften geschichten. Erst im Nein kann ein Ja entstehen. Und erst im Ich kann das Wir entstehen. Das Ich aus dem Wir geht nicht. Aber das Ich braucht das Wir.

    Vielleicht spricht mich der satz von Lutz deswegen so an:
    „Vielleicht glaube ich deshalb an die Kraft von transparenten Methoden des Denkens und Handelns unter Freien, …“

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