Ost – West ohne Feindschaft

Im Zusammenhang mit meinem Beitrag „Kolyma“ hatte Beat Wick auf den sowjetischen Schriftsteller Warlam Schalamow aufmerksam gemacht. Darauf las ich einige von Scharlamows „Kolyma-Erzählungen“. Nun steht die kurze Erzählung „Einzelarbeit“ im Blog.

In einer E-Mail erwähnte Beat seine Liebe zur orientalischen Literatur. Mir fiel sofort die Begeisterung des Meisters des „West-östlichen Divans“ ein. Schuberts davon inspirierte Lieder sind mir gut bekannt. Und doch: Was für ein Ignorant bin ich, wenn es um tatsächliche Kenntnis der Literatur, überhaupt der Kultur, des Orient geht!

Von da war es nur ein kleiner Schritt zu dem Vorschlag, Beat möge uns an seiner Begeisterung teilhaben lassen. Er zweifelt ein wenig, ob es ihm gelingt, etwas von seiner „laienhaften Begeisterung“ uns gegenüber auszudrücken. Doch er will es versuchen. Einleitend schilderte er dieses Erlebnis:

Wenn schon jedes Kaff in der Türkei seinen eigenen Islam hat, wie soll man hier eine Gemeinsamkeit finden“, rief eine junge Frau islamischen Glaubens resigniert aus. Dies bei einer Veranstaltung, wo es darum ging, dass Muslime mit etwas gemeinsamerer Stimme sprechen sollten. Andere Anwesende schüttelten den Kopf ob solch europäischer Sicht und Logik von Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit. Und ich? Ich betrachtete jene, die so dachten wie die junge Frau, als gebildet, vernünftig und fortschrittlich und die anderen als konservativ, stur und rückständig. Und uns Nichtmuslime als jene, die vernünftig sind und letztlich immer einen Konsens finden.“

Ich ahnte, dass wir einige Gewissheiten fahren lassen sollten, wenn wir uns auf die fremde Kultur einlassen wollen. Sofort bestätigte das Beat (Ob ich ihn meinen vorläufigen „Orientführer“ nennen soll?) mit seiner nächsten Bemerkung:

Mit Napoleons Soldaten schwärmten auch französische Wissenschaftler aus und beschrieben die Art und das Verhalten der Gattung „Orientale“ bis in kleinste Detail. Verschonten auch intimste Lebensbereiche nicht vor ihrer verklemmten, wissenschaftlichen Lüsternheit. Von den Universitäten Europas und den USA wurde dieses Wissen mit Begeisterung übernommen.
Dieser, zum Teil unglaubliche Schwachsinn, wird nun seit 200 Jahre an den westlichen Hochschulen nachgeplappert, meint der Wissenschaftler, Palästinenser (Araber) und Christ Edward Said, soweit ich ihn verstanden habe und sinngemäß in seinem Werk „Orientalismus“.“ 
(Das Buch ist englisch hier als pdf online.)

Von Anfang an überzeugte mich Beat, dass es unglaublich viel zu entdecken gibt. Davon wird später noch zu reden sein. Jetzt genug der Vorrede.

Mein „Orientführer“ hat gerade das Buch „„Abu Musas Nachbarinnen“ von dem marokkanischen Schriftsteller Ahmed Toufiq vor sich:

Ahmed Toufiq gibt dort auf die Vereinnahmungen und anderes mehr, mit dem wir gegenwärtig in großem Ausmass konfrontiert sind, seine einfühlende und sehr lebensbejahende „orientalische“ Antwort. Wie üblich verwoben in eine spannende Geschichte. Später, nachdem ich feststellte wer Ahmed Toufiq ist, verwunderte ich mich, dass sich ein so hoher Beamter sich literarisch in derart tiefe Niederungen der einfachen Bevölkerung begibt. Ist es um die „ungebildeten“ zu belehren? Da müsste ich mich sehr irren. Ob es wohl mit seinem Sufismus zu tun hat?“

So beginnt der Roman:

Als die Fahnen des Freitagsgebets auf den Minaretten flatterten, erreichte der Bote auf dem Rücken eines Rappen die Stadt Sal. Am Marisa-Tor stellte ein Wächter seine Identität
fest und gestattete ihm, in die Stadt zu reiten. Ein Diener ging ihm voraus und führte ihn zum Haus des obersten Richters, Ibn al-Hafid.
Er setzte sich auf eine schattige Bank im ersten Vorhof des Riads des Richters. Zwei Bedienstete erkundigten sich bei dem Wartenden nach seinem Begehr und brachten ihm kühles Wasser und etwas zu essen. Dann schwatzten sie über die letzten Neuigkeiten aus Sal, über das, was sie aus Fes, der Hauptstadt ihrer königlichen Hoheit des Sultans, gehört hatten, und über Tamisna, die Gegend, aus der der Bote gerade eingetroffen war.

Im Roman hat Beat dieses Gedicht gefunden:

Das Gurren der Taube erhebt sich am Morgen
Sie singt ihren Kummer auf den Zweigen
Vielleicht hat mein Weinen sie geweckt
Vielleicht hat ihr Weinen mich geweckt
Beginnt sie zuerst, begleite ich sie
Beginne ich zuerst, begleitet sie mich
Sie weint, doch ich verstehe sie nicht
Ich weine, doch sie versteht mich nicht
An der Ergriffenheit allein erkenne ich sie
An der Ergriffenheit allein erkennt sie mich.

Weil der Sufismus von Ahmed Toufiq erwähnt wurde, habe ich ein Musikvideo herausgesucht mit dem algerischen berühmten Sänger sufischer Musik Rachid Ghoulam.

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3 Antworten zu Ost – West ohne Feindschaft

  1. Hartmut Barth-Engelbart schreibt:

    Welche Lust zu lesen!

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  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke für die Musik-Videos.
    Für mich ganz neue Harmonien.
    Abeer Nehme und Rachid Ghoulam
    zwei schöne Menschen
    singen den Titel
    ‚A’tini Al Nay‘.
    Auch wenn ich den Text nicht verstehe,
    ein ganzer Lichtbogen scheint überzuspringen
    von der Empathie der beiden für das was sie
    besingen, aber auch für einander.

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