Warum ich mich als Goy mit einem ‚inner-jüdischen‘ Streit beschäftige

von Ulrike Clara Luise Simon alias Clara S.

Nach meiner Beschäftigung mit Gilad Atzmons Büchern ‚Der Wandernde Wer‘ und ‚Being in Time‘ sowie meinem ausführlichen Gespräch mit ihm drängen sich immer wieder drei Fragen in den Vordergrund:

  1. Sollten wir Goyim diese ganze Angelegenheit nicht lieber den Juden selbst überlassen und uns raushalten?
  2. Warum wird gerade von jüdischen Antizionisten so vehement versucht, Gilad Atzmons Ansichten einer öffentlichen Debatte zu entziehen?
  3. Welche Haltung nehme ich persönlich zu dieser Debatte ein?

 

Zu 1: Ist die ganze Debatte eine rein inner-jüdische Angelegenheit?

Ich möchte zunächst daran erinnern, wieso ich in die ganze Sache hineingezogen wurde: Mir waren eigentlich jüdische Angelegenheiten hierzulande ziemlich gleichgültig, auch ob jemand, mit dem ich zu tun habe, Jude ist oder nicht. Ich bin selbst dann nicht auf die Idee gekommen, wenn so ein Gedanke nahegelegen hätte, wie mir erst kürzlich bewusst wurde; ironischer-weise nachdem man mich indirekt des Antisemitismus beschuldigt hatte. In meiner Wahrnehmung war der Antisemitismus in Deutschland weitgehend überwunden, auch wenn er da und dort noch aufflackerte.

Mein Zorn wurde geweckt, als mir 2014, 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges, im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine die Notwendigkeit einer starken Friedensbewegung mehr als bewusst wurde, ich die Montagsmahnwachen beobachtete, die Initiative ‚Friedenswinter‘ begrüßte und dann feststellen musste, dass die aufkeimenden schwachen Flämmchen fast ganz ausgelöscht wurden. Und warum? Wegen des Vorwurfs an einen Teil der Bewegung, Holocaust-Leugner zu sein, und der daraus folgenden ‚Kontaktsperre‘ und Spaltung, die, so muss ich zugeben, auch bei mir zunächst Wirkung zeigte. Sogar oder ausgerechnet der Parteivorstand der ‚Linken‘ hatte dazu ja einen entsprechenden Anti-Querfront Beschluss gefasst. Nach drei Jahren Auseinandersetzung mit dem Querfront-Thema, welches aus meiner Sicht eine extrem anti-aufklärerische Atmosphäre schuf und viele wichtige Stimmen in Misskredit brachte, andererseits aber ja auch nicht mehr so stark zu ‚ziehen‘ schien wie am Anfang, setzten 2017 die Ereignisse um die Karls-Preis Verleihung an Ken Jebsen doch wieder ‚eine Schippe drauf‘: nämlich eine weitere Spaltung. Nach anfänglichem Erfolg teilte sich die als ‚Querfront‘ diffamierte Gruppe in der Auseinandersetzung um die Person Gilad Atzmon noch einmal.

Das konnte in meinen Augen doch nicht wahr sein! Meinungsfreiheit für alle? Selbstverständlich. Aber doch nicht für ‚menschenverachtende Antisemiten‘! In denjenigen, die sich mit diesem ‚Brunnenvergifter‘ befassen wollten, sei der immer schon latente Antisemitismus der ‚Deutschen‘ aufgeweckt worden. Zu massiven anti-jüdischen Ausschreitungen sei nun der Weg nicht mehr weit. Das waren sinngemäß die Antworten, die ich bekam, als ich Meinungsfreiheit auch für Atzmon einforderte. Wieder ging es bei der Spaltung um eine jüdische Frage, diesmal um eine ‚inner-jüdische‘. Die Lösung: Streit vermeiden, sich aus inner-jüdischen Auseinandersetzungen heraus halten, die Einladung Atzmons als Fehler werten?

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Mir geht es um Friedenspolitik und Antiimperialismus, Klima-/ Umweltschutz und um soziale Gerechtigkeit, was immer man darunter genau verstehen mag. Und auch beim letzteren Thema gibt es ‚jüdische Torwächter‘. Der Rechtspopulismus sieht die Lösung in festen Grenzen und Verhinderung der Zuwanderung. Im ‚linken Diskurs‘ gilt eine national orientierte Wirtschafts- und Sozialpolitik als reaktionär. Jede/r Linke, der es wagt, an dieser Vorstellung zu kratzen, wie z.B. Sarah Wagenknecht, wird sofort als ‚Rechte/r‘, also potentieller Nazi und somit Antisemit in Misskredit gebracht. Die AfD mit ihrem neoliberalen Programm steht als Hauptgefahr im Raum und erfüllt ihre Funktion, die Opposition zu kanalisieren, prächtig. Was wir dem globalen Finanzkapitalismus entgegensetzen können und wollen wird innerhalb eines vorgegebenen Rahmens diskutiert. So ist kein wirklicher Erkenntnisfortschritt möglich.

Fassen wir zusammen: Die grundlegende Kritik am heutigen Zustand der Welt, die Suche nach Alternativen und das Entstehen einer breiten Bewegung werden u.a. durch den Antisemitismus- und Holocaust-Leugnungs-Vorwurf ziemlich erfolgreich abgewehrt, nicht nur in Deutschland. Wir sind alle mit der Abgrenzung voneinander im Sinne der ‚reinen Lehre‘ und politischer Korrektheit beschäftigt, anstatt an einem Strang zu ziehen. Die ‚Antisemitismus-Keule‘ erfüllt ganz klar eine Herrschaftsfunktion (vergl. dazu auch den Artikel ‚Staatlich verordneter Antisemitismus‘ von Rudolf Bauer). Deswegen gilt es für ‚Humanisten‘ (dazu später mehr), diese Abwehr zu überwinden.

Das war mir bekannt. Aber dass es neben den ‚Antideutschen‘ kritische, antizionistische Juden sind, mit denen ich meinte, auf der gleichen Seite zu stehen, die sich hier als die schärfsten Erzengel betätigen, war mir neu und hat mich sehr erschreckt. Warum machen die da mit? Gibt es reale Grundlagen für deren Befürchtungen? Oder könnten nicht gerade die verhängten Tabus am Ende dazu führen, dass diese Ängste zur selbst-erfüllenden Prophezeiung werden?

 

Zu 2: Warum reagieren antideutsche und sogar jüdische antizionistische Gruppierungen mit Abwehr und Denkverboten? Wieso ist eine offene Debatte über all dies zurzeit nicht möglich? Haben wir nicht die gleichen politischen Ziele, wie ich bisher immer gedacht habe? Warum können wir nicht über die Differenzen reden?

Ich verstehe das eigentlich nicht. Ist die Begründung, die mir gegeben wurde, stichhaltig, nämlich dass der Antisemitismus über die öffentliche Darbietung des Atzmonschen Gedankenguts wieder salonfähig würde? Und dass man ja gerade mit eigenen Augen sehen könne, dass das politische Geschehen sich in eine gefährliche Richtung bewegt?

Für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte. Zur ersten Frage kann ich persönlich nur sagen, dass ich jede Form von Rassismus ablehne, und sich diese meine politische Haltung u.a. aus der Auseinandersetzung mit dem Holocaust entwickelt hat. Es ist äußerst verletzend, wenn mir jetzt Juden unterstellen, dass das alles nicht sein kann, und das Nazi-Gen mir quasi mit der Geburt eingepflanzt oder als Erbsünde übertragen wurde. Ist das nicht purer Rassismus? Warum scheinen diese Menschen unfähig zu sein, sich in die Lage von uns nachgeborenen Deutschen zu versetzen? Warum können wir als zweite Generation nicht zu einem gleichwertigen Dialog kommen, der nicht einen Kniefall sondern einfach nur die Bereitschaft zum Zuhören voraussetzt? Ganz anders hingegen Gilad Atzmon. Seine für mich völlig überraschende Reaktion auf die Leiden meiner Familie im 2. Weltkrieg: „Das alles ist mir ziemlich gegenwärtig. Das Leiden der Deutschen ist mir sehr bewusst.“

Andererseits gibt es wohl tatsächlich Tendenzen zu verstärktem Rassismus, Ausländerhass und sicher auch zu mehr Judenfeindlichkeit, nicht nur in Deutschland. Ob es sich hier jedoch um gefühlte Befürchtungen oder eine statistisch belegbare Entwicklung handelt, ist umstritten. Belege wären aber für mich eine wichtige Grundlage für Meinungsäußerungen und politisches Handeln.

Sind nun die folgenden Ereignisse tatsächlich als ‚Beweis‘ für das zunehmende Aufkommen von ‚Antisemitismus‘ in Deutschland zu werten? Ich meine nicht.
Im Rahmen der Proteste gegen Trumps ‚Jerusalem-als-Hauptstadt-Israels Entscheidung‘ wurde ‚Tod den Juden‘ gerufen. Das erwies sich dann zwar als Ente aber trotzdem. Es wurden ja auch selbstgemalte Israel-Flaggen verbrannt.
Und was soll man von dieser ‚Gegenmaßnahme‘ halten, dass alle Immigranten erst einmal im Rahmen ihrer Deutschkurse die Holocaustdenkmäler besuchen müssen?

Ganz klar: hier wurde Antisemitismus mit Kritik am Staat Israel gleichgesetzt, was ja laut Kabinetts-Beschluss der Bundesregierung auch so ist.

Aus meiner Sicht ist es hingegen absurd, die Proteste der Palästinenser gegen Trumps Israelpolitik als Antisemitismus zu werten. Sie setzen sich völlig legitim für die Rechte Ihres Volkes ein. Dass die Migranten, die teilweise ja als Opfer der vom Staat Israel mit-verantworteten Nahostpolitik zu uns gekommen sind, nun ihr eigenes Leiden erst anerkannt bekommen, wenn sie sich vor dem Leiden ihrer Peiniger verbeugt haben, und dass man von den deutschen Gastgebern nicht nur erwartet, für ihre Gäste Opfer zu bringen, sondern ihnen gleich als erstes die Leichen im Keller zu zeigen, ist, um es gelinde zu sagen, unsensibel. Um das zu kritisieren, muss man weder Antisemit noch konservativer Deutscher sein. Und mich wundert es sehr, dass die Antizionisten, die ja selbst die Politik Israels, Trumps Hauptstadtentscheidung und die Behandlung der Palästinenser kritisieren, dies uns, den Deutschen und den protestierenden arabischen Mitbürgern, nicht ‚erlauben‘, oder höchstens in einem von ihnen kontrollierten Rahmen.

Alle, denen an einer toleranten und menschenfreundlichen Politik im Inland und an einer friedensfördernden Außenpolitik unseres Landes gelegen ist, sollten sich fragen, unter welchen konkreten Umständen es zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen oder sogar Pogromen in großem Stil kommen könnte. Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik und den zugehörigen ‚Gutmenschen‘ oder in alternativen Medien geäußertes Israel- oder Islam-kritisches Gedankengut sind sicher keine hinreichende Bedingung.

Natürlich finden sich zu jeder fundierten kritischen Behauptung garantiert mindestens 100 Menschen, die so etwas gerne unüberlegt übernehmen und in die Welt posaunen. Gerade in der heutigen Zeit, in der soziale Medien jedem eine Plattform bieten.
Und oft genug habe ich meinem Ärger über junge türkische Machos im Straßenverkehr, grapschende alte Männer sowie neureiche Russen und verzogene Araberkinder, die die Hotels aufmischen, freie Bahn gelassen. Wenn es danach ginge, gäbe es bei uns keine Türken, Russen, Männer und Araberkinder mehr. Es gibt viele Verhaltensweisen, die wir nicht mögen, und die wir gerne – zu Recht oder Unrecht – ethnischen Gruppen oder Geschlechtern zuordnen. Normalerweise führt so etwas nicht zu Pogromen, man geht sich aus dem Weg, bisweilen kommt es zu Ausbrüchen, manchmal zu sehr unangenehmen und von Teilen der Exekutivorgane gedeckt.

Das ist keineswegs zu bagatellisieren und die (Zivil-)Gesellschaft muss sich gegen so etwas wehren, was sie im Übrigen auch tut, zumindest stellenweise.

Wie werden aus menschlichen Ressentiments (systematisch medial geschürte) Feindbilder, aus Feindbildern Übergriffe, aus Übergriffen die ‚von oben‘ geduldete oder sogar angestiftete systematische Verfolgung einer Minderheit? Wie wurde daraus in Nazideutschland die ‚Endlösung‘? Die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland hatte, genau wie die ‚Anti-Semitismus –Keule‘ heute, eine Herrschaftsfunktion. Soviel weiß ich. Welche genau, weiß ich jedoch nicht. Die Frage, die uns heute interessieren muss, lautet also:

Könnte sich die heutige politische Lage so zuspitzen, dass die Verfolgung von Juden oder anderen Minderheiten wieder zum Herrschaftsinstrument werden könnte, wie es nach der Weltwirtschaftskrise in Deutschland der Fall war?

Wären die Betroffenen dann überhaupt wieder die Juden oder heute ‚lieber‘ doch Muslims und ethnische Minderheiten, die auch optisch als solche zu erkennen sind, und ja schon lange als Feindbilder aufgebaut wurden? Und die AfD-Anhänger die von der Leine gelassene Meute?

Aber wenn das der Fall wäre, wäre es dann als Gegenmaßnahme nicht nur konsequent, neben der Kritik am Judentum und Israel auch jegliche Islamkritik zu unterbinden? Oder eben umgekehrt, sich solidarisch zu verhalten und keine jüdische Sonderrolle einzunehmen?

Das sind Fragen, auf die ich bis jetzt noch keine überzeugenden Antworten gefunden habe. Werden sie gestellt? Ich habe bisher nicht recherchiert, ob es Historiker gibt, die aus der Analyse der Vergangenheit begründete Annahmen dazu ableiten können und dies auch tun. Ich hoffe, es gibt sie, und sie lassen uns an ihrem Wissen teilhaben.

Wie sich die Lage tatsächlich entwickelt, hängt dabei sicher auch stark vom Charakter und der Stärke einer Gegenbewegung ab. Daraus ergibt sich die nächste Frage:

Könnte es eine soziale oder sogar antikapitalistische Bewegung geben, die auf die Verfolgung von Ausländern und/oder Juden setzt?

Fest steht, dass ich einer solchen Strömung nicht angehören möchte. Außer in der Fantasie der Antizionisten und Antideutschen scheint sie mir heute auch nicht zu existieren. Sanders, Mélenchon, Corbyn oder Wagenknecht kann man solche Positionen sicher nicht zum Vorwurf machen.

Aber es gibt ja in der Geschichte genug Beispiele dafür, dass auch antikapitalistische Bewegungen in Umsturz- und Krisenphasen sehr gewalttätig mit ihren Gegnern – auch mit Minderheiten -umgegangen sind. Was waren dafür die Auslöser? Welche Bedingungen könnten erneut zu solchen Ausschreitungen führen? Wäre es wahrscheinlich, dass dabei Juden das Opfer wären? Was würde speziell sie im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen zum Angriffsziel machen? Ich weiß es nicht. Die genauere Aufarbeitung des Stalinismus oder der chinesischen Geschichte unter Mao wäre hier sicher aufschlussreich.

Mir wäre jedenfalls die Verfolgung jeglicher Minderheit zu viel. Warum sollte jüdisches Leiden hierbei eine andere Qualität haben als das anderer Verfolgter?

Wäre es nicht vielmehr grundsätzlich sinnvoll darüber zu reden, welche Herrschaftsstrukturen in einer gegebenen Zeit zur Verfolgung von Minderheiten geführt und jeweils eine spezifische Minderheit zu einem geeigneten Sündenbock gemacht hat? Und was daraus für die heutige Situation folgt?

Zu 3: Und zum Schluss: Was bedeutet all das für mich als ‚Humanistin‘?

Ich bezeichne mich jetzt einmal so. Ich sehe den Zustand der heutigen Welt als dringend änderungsbedürftig an. Und ich habe ethische Vorstellungen darüber, was in meinen Augen menschlich akzeptabel ist und was nicht. Was für eine Ordnung an die Stelle der heutigen treten könnte oder sollte, und wie der Weg dorthin aussieht, weiß ich nicht. Dazu hätte ich viele Ideen, und die eine oder andere probiere ich sogar praktisch aus, das war’s aber auch schon.

In der geopolitischen Auseinandersetzung sind unsere ‚Aufgabenfelder‘ in Deutschland das Thema Nato und die Beziehungen zu Russland. Ansonsten sind wir hier ja eher die Zuschauer. Diese Auseinandersetzung wird militärisch und wirtschaftlich von anderen Mächten geführt und vermutlich auch gewonnen werden. Natürlich können wir aus der Tiefe der Nachschubzone Sand ins Getriebe werfen, eine stärkere militärische Rolle Deutschlands, die Entsendung deutscher Soldaten in Krisengebiete, die Waffenexporte und die Unterstützung des Drohnenkrieges ebenso an den Pranger stellen wie die ausbeuterische globale Wirtschaftspolitik, an der wir als Konsumenten aktiv beteiligt sind.

Auf die Gestaltung der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik sowie das politische Klima in unserem Land hingegen könnten wir sicher mehr Einfluss nehmen als es bisher geschieht. Auch darüber sollten wir gemeinsam nachdenken und diskutieren, Alternativen entwickeln und erproben sowie entsprechende politische Forderungen entwickeln. Es gilt, Spaltungen und Berührungsängste zu überwinden, breite Bündnisse zu schließen und sich nicht vom Gegenfeuer einschüchtern zu lassen. Dass eine solche nennenswerte Bewegung heute in Deutschland fehlt, ist sehr, sehr schade. Was aber gar nicht geht, ist, dass wir uns den Rahmen, in dem sich unsere Gedanken bewegen, durch die Sensitivitäten der Gegner bestimmen lassen.

Welche Handlungsoptionen jüdische Antizionisten haben, müssen diese selbst herausfinden. Aber eine Frage erlaube ich mir doch: Könnte es sein, dass wir in einem gemeinsamen Trauma gefangen sind, das uns den Blick verstellt für die Dinge, die wir wirklich fürchten sollten, und das uns daran hindert, solidarisch zu sein?

Ich kann hier nur für mich sprechen: Als Mitglied der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘ weiß ich, dass die Tage der US-amerikanischen und europäischen Vorherrschaft und vielleicht auch die des Raubtierkapitalismus, wenn ich das mal so unwissenschaftlich sagen darf, bei Strafe unseres Untergangs gezählt sind (und ich bin ziemlich sicher, dass das auch für Israel als dem jüdischen Staat in seiner jetzigen expansionistischen Form gilt). Die Sorge über einen möglichen Untergang ist es doch, die kritische Menschen dazu antreibt, aktiv zu werden. Die Lage ändert sich nicht durch Schweigen, fehlende Introspektion und Selbstkritik oder die Ausblendung von Widersprüchen. Dadurch lassen sich keine Pogrome verhindern – weder die, bei denen ich zur Mittäterin würde, noch die, denen ich zum Opfer fallen könnte. Wer nicht bereit ist, seine Situation kritisch zu hinterfragen, die eigene Verstrickung darin zu erkunden und nach Alternativen zu suchen, steht auf der falschen Seite der Geschichte. Und das unabhängig davon, ob das, was danach kommt, für uns besser oder schlechter als der jetzige Zustand sein wird, oder es am Ende für uns alle heißt: ‚Mitgegangen – mitgefangen, mitgehangen‘.

Zu Recht fragt Hagen Rether (und mit ‚die‘ meint er die Bewohner des globalen Südens): „Wieso sind die eigentlich so nett zu uns?

 

P.S.: Ich habe viele englischsprachige Artikel verlinkt, weil sie aussagekräftig und aktuell sind und ich keine entsprechenden deutschen kenne.

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3 Antworten zu Warum ich mich als Goy mit einem ‚inner-jüdischen‘ Streit beschäftige

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Zunächst noch einmal herzlichen Dank für den sehr informativen und hervorragend aufbereiteten Dialog. Mir hat der Dialog viele Anregungen gegeben, denen ich erst nach und nach eigene Substanz zugeben kann. Aber insbesondere haben Sie mir Gilad Atzmon und sich selbst nahe gebracht. Es ist gut zu wissen, wieviel Herzblut und Verstand noch in dieser Gesellschaft steckt. Diesem hoffnungsvollen Reichtum müssen wir uns immer bewusst bleiben.

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  2. kranich05 schreibt:

    Zum Thema stellt dieses Interview mit Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, eine gute Ergänzung dar:
    http://www.fr.de/kultur/interview-man-liebt-die-juden-solange-sie-weit-weg-sind-a-1444817,0#artpager-1444817-0

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  3. willi uebelherr schreibt:

    Liebe Clara, ich danke dir sehr fuer deinen text und deine gedanken. Die 3. frage taucht ja, notwendiger weise in allen 3 fragen auf. Aber vielleicht ging es dir bei der 3. frage um etwas anderes.

    So kann ich nur zu deiner 1. frage stellung nehmen und will es auch tun. Auch hier wieder streng subjektiv, wie es doch fuer uns alle gilt.

    „Sollten wir Goyim diese ganze Angelegenheit nicht lieber den Juden selbst überlassen und uns raushalten?“

    Ich betrachte mich nicht als „Goyim“ und negiere hier den sich Juden nennenden jeglichen besonderen anspruch. Fuer mich geht es nur, und ausschliesslich, um die beendigung kolonialer expansion und deren ruckfuehrung, was die aufloesung kolonialer strukturen bedeutet. Damit ist die „Angelegenheit“ West-Palaestina, das Palaestina westlich des Jordan.

    Fuer mich hat das alles nichts mit den schwierigkeiten sich juedisch nennender oder genannter menschen in Europa zu tun. Auf dieser grundlage sind auch alle partikuaren sensibilitaeten bedeutungslos, weil es ausschliesslich um das selbstbestimmungsrecht der PalaestinenserInnen geht.

    Damit ist eigentlich schon alles dazu gesagt.

    Nun zu einer sache, die du im laufenden text angesprochen hast. Minderheiten und Fluechtlinge.

    Wir kennen doch alle die geschichte in Europa. 1492 steht fuer die vertreibung der arabischen bevoelkerung und dem beginn katholischer progrome gegen juedische gemeinden in Spanien. Der hintergrund war, ethisch verlaessliche und reine herrschaftsgebiete aufzubauen. Minderheiten waren dazu dienlich, weil sie den verteilten raub zuliessen und ablenkung vom wesentlichen ermoeglichten. Und so funktioniert es auch heute.

    Dem stellen wir unsere universalen prinzipien entgegen, wenn wir sie haben. Die Gleichwertigkeit aller Menschen mit der daraus folgenden Gleichberechtigung aller. Und wir stellen entgegen, dass wir keine parasitaeren elitaeren strukturen benoetigen, um eine stabile materielle lebensgrundlage fuer alle entstehen zu lassen.

    Fluechtlinge, auch Wirtschaftsfluechtlinge, gab es schon immer. Auf der basis, dass jede Person immer mehr als das herstellen kann, was sie fuer sich selbst benoetigt, ist das erstmal kein problem, wenn ein lebensraum existiert. Bei fluechtligen generell gilt, dass sie in ihrer heimat die stabilitaet ihrer lebensgrundlagen verloren haben. Das koennen wir gut bei den west-europaeischen fluechtlingen nach NordAmerika oder Russland nachvollziehen. So verstehen wir, dass es primaer um die stabilitaet der materiellen lebensgrundlagen in den gebieten geht, aus denen die fluechtlinge kommen.

    Aber bei fluechtlingen geht es auch immer darum, dass sie die lebensweise und kulturelle orientierung dort, wohin sie fluechten, verstehen und so sich einfuegen koennen. Der weg zurueck steht fuer sie sowieso immer offen, wenn die bedingungen dafuer existieren.

    Wir sehen sofort, dass es nicht um ethische, kulturelle oder nationale identitaeten geht, sondern primaer um die herstellung materieller lebensgrundlagen, also die lokale und regionale oekonomie. Alles andere ist sowieso zweitrangig.

    Die abwehr gegen nun noch fremde menschen im eigenen lokalen umfeld, was auch deutlich getrennt werden muss von einer propagandistischen abwehr, hat viel mit dem erleben von mangelsituationen zu tun. Das habe ich auch selbst erlebt als jugendlicher in den 1960er jahren. Aber diese mangelsituationen, ein grundkonzept kapitalistischer produktions- und verteilungsweisen, muessen wir so oder so ueberwinden. Deswegen ist es so wichtig, die konstruktion von mangel selbst in den mittelpunkt zu stellen, weil der „natuerliche“ weg immer der ueberfluss ist.

    mit dank und lieben gruessen, willi
    Asuncion, Paraguay

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