„Einzelarbeit“

Ich hatte mir die Mühe gemacht, die Freidenkerbroschüre zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution (Konferenzbericht) kritisch zu betrachten. Das war hier.  Damit ging ich über die Eindrücke hinaus, die ich unmittelbar nach der damaligen Konferenz mitgeteilt hatte.

Heute, nachdem ich einige der Kolyma-Erzählungen von Warlam Schalamow gelesen habe, bringe ich nicht länger die Bereitschaft auf, mich mit dem stalinistischen Totentanz dieser Veranstaltung argumentativ zu beschäftigen.

Leute, die es besser wissen müssten, schickten eine jungen Dummkopf vor, Michael K., der seinen Vortrag unter viel Beifall eröffnete mit dem Satz: „Ich bin ein Bewunderer Stalins!“ Am Ende seiner Rede, in der er mit vielen Zahlen jongliert hatte (ohne eine einzige Quelle korrekt zu zitieren), kam er zu dem Schluss:

„Diese Zahlen geben Auskunft darüber, dass die sowjetische Bevölkerung durch Stalin und den Stalinismus nicht terrorisiert wurde.“ (Seite 24 der letztens verlinkten Broschüre)

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Dieses Posting ist „Einzelarbeit“ überschrieben. So heisst eine kurze Erzählung von Warlam Schalamow:

Abends sagte der Aufseher, dass Dugajew am nächsten Tag „Einzelarbeit“ bekäme und wickelte sein Bandmaß auf. Der Brigadeleiter, der den Aufseher gerade gebeten hatte, ihm zehn Kubikmeter bis übermorgen zu stunden, verstummte plötzlich und schaute auf den funkelnden Abendstern über dem Bergkamm. Baranow, der „Partner“ Dugajews, der dem Aufseher geholfen hatte, die geleistete Arbeit zu vermessen, nahm eine Schaufel und säuberte die schon fast kahle Sohle.

Dugajew war dreiundzwanzig Jahre, und alles, was er hier sah und hörte, wunderte ihn mehr, als dass es ihn erschreckte. Die Brigade trat zum Zählappell an, gab die Werkzeuge ab und kehrte in die Baracke zurück. Der Arbeitstag war zu Ende. In der Kantine trank Dugajew, ohne sich zu setzen, eine Portion dünne, kalte Graupensuppe aus seinem Napf. Seine Brotration hatte er längst gegessen – sie war am Morgen für den ganzen Tag ausgegeben worden. Er schaute sich um und überlegte, wen er um einen Zigarettenstummel bitten könne. Am Fenster stand Baranow und klaubte aus seinem umgedrehten Tabaksbeutel die letzten Machorkakrümel heraus. Er drehte eine dünne Zigarette und hielt sie Dugajew hin.

„Da, rauch. Lass mir was übrig.“

Dugajew wunderte sich: Er und Baranow waren keine Freunde. Im übrigen wusste er trotz seiner Jugend, dass bei Hunger und Kälte niemals irgendwelche Freundschaften zustande kommen können, und er wusste, wie verlogen die Redensart ist, dass wahre Freundschaft sich in Not und Unglück bewährt. Die drei Gebote des Lagerlebens hingegen hielt er für zutreffend: Niemand trauen, niemand fürchten, niemand um etwas bitten.

Dugajew sog gierig den süßlichen Machorkarauch ein. Ihm wurde schwindelig.

„Ich werde immer schwächer“, sagte er.

Baranow schwieg.

Dugajew ging in die Baracke, legte sich hin und schloss die Augen. Seit einiger Zeit schlief er schlecht; der Hunger peinigte ihn, und er hatte quälende Träume von großen Laiben Brot und fetter, dampfende Suppe. Heute dauerte es besonders lang, bis er einschlief, aber er wachte trotzdem eine halbe Stunde vor dem Wecken auf.

Die Brigade marschierte zur Arbeit. Alle gingen zu ihren Arbeitsstollen.

„Warte mal!“, sagte der Brigadeleiter zu Dugajew, ,,der Aufseher teilt dir heute selber deine Arbeit zu.“

Dugajew setzte sich auf die Erde. Er war schon so müde, dass ihm alles vollkommen gleichgültig war. Die ersten Karren rasselten, die Schaufeln klirrten

„Komm mal her!“ rief der Aufseher Dugajew zu. „Da ist dein Platz.“ Er vermaß die Stelle und legte ein Stück Quarz hin. „Bis dahin! Da hast du Schaufel, Spitzhacke, Brecheisen und einen Schubkarren Fang an.“

Dugajew begann gehorsam zu arbeiten.

„Das ist sogar noch besser“, dachte Dugajew, „Da murren die andern wenigstens nicht, dass ich zu wenig arbeite.“

Die andern, ehemalige Bauern, waren nicht verpflichtet, zu verstehen und zu wissen, dass Dugajew ein Neuling war, dass er nie körperlich gearbeitet hatte und von der Universität hierhergekommen war. Jeder für sich. Was ging es die anderen an, dass er längst völlig erschöpft und halb verhungert war, dass er nicht stehlen und nicht sechzehn Stunden am Tag arbeiten konnte?

Nach der Mittagspause kam der Aufseher, schaute sich die Arbeitsleistung Dugajews an und ging schweigend weg. Dugajew machte sich wieder an die Arbeit. Bis zu dem Stück Quarz war es noch weit

Gegen Abend erschien der Aufseher wieder und sagte:

„Du hast nur fünfundzwanzig Prozent geschafft. Fünfundzwanzig! Hörst du?“

„Ja“, antwortete Dugajew. Die Arbeit war so schwer, dass diese Zahl – fünfundzwanzig Prozent der Norm – ihm sehr groß vorkam. Alle Knochen taten ihm weh, er hatte unerträgliche Kopfschmerzen. Hunger hatte er schon nicht mehr, er aß nur, weil er die anderen essen sah.

„Na gut, nichts zu machen“, sagte der Aufseher nach einer Weile und ging.

Abends wurde Dugajew zum Untersuchungsrichter gerufen. Er musste vier Fragen beantworten: Vorname, Familienname, Paragraph, Frist – jene vier Fragen, die den Häftlingen dreißigmal am Tag gestellt wurden. Dann legte sich Dugajew schlafen. Am nächsten Tag arbeitete er wieder mit Baranow zusammen. Nachts holten ihn Soldaten ab. Sie führten ihn am Pferdestall vorbei und dann einen schmalen Weg entlang. Es ging zum Waldrand, zu jener Stelle, wo ein hoher Bretterzaun mit Stacheldraht war und von wo in der Nacht manchmal das Tuckern eines Traktors zum Lager herüberklang.  Dugajew wusste, was los war. Leid tat ihm nur eins: dass er sich an diesem letzten Tag noch abgeschuftet hatte.

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Eine Antwort zu „Einzelarbeit“

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Was für eine Befreiung müsste es sein,
    aus diesem dumpfen unbeschreiblich trostlosen
    Dahinvegetieren-müssen,
    irgendwie herauszukommen,
    meinetwegen abgesetzt im tiefsten Jungle
    unter den Tieren der Wildnis,
    oder doch gleich den Tod begrüßen können
    als Befreiung aus den Schrecken
    des Noch-am-Leben-Seins.

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