Kommt! Ins Offene, Freunde! – sechster Schritt

Die Banalität des Guten

Die Bedeutung der Vergangenheit

Die Pornographie des Horrors

Humanismus vs. Tribalismus

Ein furchtloser, acht-teiliger Austausch zwischen der deutschen linken Stimme Clara S. und dem ex-israelischen Jazz-Künstler Gilad Atzmon, bei dem sie tief in Themen wie Israel, Palästina, den Holocaust, Frieden und Wahnvorstellungen, links und rechts, die Bedeutung der Vergangenheit und unsere Zukunftsaussichten im Kontext der gegenwärtigen identiäteren Dystopie eintauchen.

 1. Erwachsenwerden

2. Ist das Opfer selber schuld?

3. Geschichtsschreibung als Prozess

4. Antisemitismus, Rassismus und kulturelle Identität

5. Prä-traumatisches Belastungssyndrom, Zionismus und Imperium

6. Jüdische Macht und Identitätspolitik

7. Globale Stammesverbände und nationaler Überschwang

8. Auf der Suche nach dem Weg nach Hause

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6. Jüdische Macht und Identitätspolitik

Clara: Du zeigst, wie jüdische Institutionen die US-amerikanische Politik beeinflussen, dass alles ganz offen stattfindet, und dass die zionistischen Lobbyisten sich ihrer Macht rühmen. Kontrollieren die Juden also tatsächlich die Welt, wie die Nazis es behauptet haben?

Gilad: Das ist wieder eine vielschichtige Frage, die terminologische Genauigkeit erfordert. Sind es ‚die Juden‘ (das Volk), die die Welt beherrschen? Ganz bestimmt nicht. Aber einige Teile der jüdischen Elite sind zweifellos dominant und in den Medien, im Finanzwesen, in Kultur, Wissenschaft und Politik, der politischen Lobby, in Hollywood usw. stark überrepräsentiert. Ich habe mich zu diesem sensiblen Thema in meinem neuen Buch ‚Being in Time – A Post Political Manifesto‘ genau geäußert. In dem Buch gebe ich zu, dass ich mich von ‚Das jüdische Jahrhundert‘, dem monumentalen Text von Yuri Slezkine habe inspirieren lassen, der versucht hat zu erklären, was an den Juden es ihnen ermöglicht hat, das 20. Jahrhundert zu ihrem Jahrhundert zu machen: Was an den Juden und ihrer Kultur hat ihre Dominanz im Westen ermöglicht? In ‚Being in Time‘ stelle ich außerdem einige eigene Gedanken zu dem Thema vor. Ich versuche auch, einige Theorien zu untersuchen, die in der Vergangenheit allgemein zurückgewiesen wurden, die ich aber hilfreich finde. Meine Untersuchungen legen nahe, dass die jüdische Elite extrem gebildet und auch begabt ist.

Clara: Wenn sie so begabt sind, warum siehst Du dann ihre ‚Dominanz in der westlichen Kultur‘ als so problematisch an? Können wir nicht alle von diesen außergewöhnlichen Talenten profitieren?

Gilad: Erst einmal, wir haben davon profitiert und tun es immer noch. Das, was wir kritisieren, ist auch das, was das Leben besonders macht. Die globale Obsession der freien Märkte, die wir hassen, ist mit einer Vorstellung von Freiheit verknüpft, die wir zu begrüßen scheinen. Wir hassen den unbegrenzten Konsum, der aber mit der Vorstellung verbunden ist, alles haben zu können, was wir wollen.

Aber jetzt kommt das Problem, Die Welt, in der wir leben, ist kein schöner Ort. In Wirklichkeit ist sie eine Dystopie, und die Menschen werden von Minute zu Minute nostalgischer. Zu einer bestimmten Zeit sahen wir uns als freie Subjekte. Aber inzwischen ist von unserer verfallenden Freiheit nicht mehr viel übrig. Wir sind zu Konsumenten reduziert worden. Die Politiker, die unseren Willen und unsere Wünsche repräsentieren sollten, machen im Grunde wenig mehr, als uns über Kredite den Konsum zu ermöglichen. Die industrielle Produktion ist bei uns ausgestorben, und die Vorstellung von einer besseren Zukunft ist eine ferne Fantasie. Ich habe diese Besorgnis erregenden Themen in ‘Being in Time‘ angesprochen. Ich bin mir sicher, dass die identitäre Revolution, oder sollen wir lieber sagen, die Ideologie der ‚Neuen Linken‘ viel mit dem oben gesagten zu tun hat. Das westliche Individuum wurde praktisch dazu indoktriniert, als ‚Schwuler‘, ‚Frau‘, ‚Schwarz/e‘ zu sprechen. Wir werden dazu erzogen, uns mit unserer Biologie zu identifizieren (Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung usw.) So lernen wir im Grunde genommen, uns als eine Vielfalt biologisch orientierter Stämme zu sehen. Wir sind ein Konstrukt vielfältiger israelitischer Stämme; nur dass die Israeliten viel besser im Israelit-Sein sind, weil sie dies schon seit 3000 Jahren praktizieren.

Clara: Du siehst also die Identitätspolitik als jüdische Erfindung an?

Gilad: Ganz genau. Und jetzt kommt der problematischste Dreh an der Sache: In ‚Being in Time‘ behaupte ich, dass die ‚Neue Linke‘ in die Nazi-Falle getappt ist. Indem sie die Menschheit nach biologischen Kriterien einteilt, besteht sie darauf, dass wir uns selbst und andere nach biologischen Kriterien definieren. Anstatt uns unter einem dynamischen, universellen Ethos zu vereinen, werden wir wieder einmal neuen Kategorien unterworfen, die die universelle menschliche Harmonie unmöglich machen. Wir leben jetzt in einer vollkommen fragmentierten Gesellschaft. Anstatt gemeinsam zu kämpfen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen, sind wir in identitäre Gruppen aufgespalten und bekämpfen einander.

Clara: Biologie? Das tun, was die Nazis taten, sogar eine ‚Rasse‘ erfinden, wo es keine gibt? Das ist wirklich ein schöner Dreh.

Aber ich muss zugeben, dass es einem irgendwie natürlich vorkommt, sich nach identitären Gesichtspunkten zu definieren. Wir bringen fast alle Erfahrungen von Verlusten und Diskriminierung aufgrund unserer ‘biologischen’ Identität mit: als Frau, als Angehörige/r einer ethnischen Minderheit, als jemand mit einer Behinderung, wegen unserer sexuellen Orientierung.

Gilad: Das ist wahr. Es ist für viele Menschen offensichtlich natürlich, sich mit ihrer Biologie zu identifizieren. Deswegen hat die Hälfte aller Amerikaner für Hilary Clinton gestimmt. Deswegen ist die Identitätspolitik die einzige ‘linke’ Ideologie, die Popularität erlangen konnte. Es erklärt, warum der Nationalsozialismus die Massen angesprochen hat. Und, wenn Du mir erlaubst, es zu sagen; es erklärt auch die Logik im Kern des jüdischen Tribalismus.

Clara: Weißt Du, Gilad, mir liegt viel an antidiskriminierenden und emanzipatorischen Bewegungen. Ohne diese hätte ich immer noch kein Stimmrecht und meine unabhängige berufliche Karriere wäre nicht möglich gewesen. Das homosexuelle Paar in meiner Nachbarschaft hätte sich als Cousins ausgeben müssen und Barriere-freie Bahnhöfe gäbe es auch nicht. Außerdem mag ich persönlich den Mix aus unterschiedlichen ethnischen Kulturen, den wir in Deutschland vorfinden, trotz aller Probleme, die das mit sich bringt.

Für mich als Lehrerin war es immer wichtig, diejenigen Schüler besonders zu unterstützen, die nicht mit dem Silberlöffel im Mund auf die Welt gekommen sind. Das Motto unserer Schule lautet ’Vielfalt ist unsere Stärke’ und dazu stehe ich.

Als ich Kritik an der Identitätspolitik (dem ‘Genderismus’) hörte, habe ich das anfangs gar nicht ernst genommen, weil es aus meiner Sicht aus der ‚rechten Ecke‘ kam: von der Sorte Mensch, die die Frauen zurück zu Küche, Kinder und Kirche schicken, die Abtreibung verbieten lassen, alle Ausländer rausschmeißen wollen und Homosexualität als krank ansehen. Es gab dann mehr und mehr Dinge an ‘Multi-Kulti’ und offenen Grenzen, die mich stutzig machten; aber ich muss zugeben, dass mir erst während des amerikanischen Präsidentenwahlkampfs aufging, dass in der Demokratischen Partei die Identitätspolitik die Dinge ersetzt hatte, die aus meiner Sicht wahrhaft ‘links’ sind: die soziale Situation der Menschen zu verbessern und der Anti-Imperialismus. Und ich merkte, dass der Linken in Deutschland das gleiche passiert war. Ist also die Linke von den Identitären übernommen worden?

Gilad: Ja, das verstehe ich vollkommen. Wie viele andere war ich mit der linken Ideologie in jungen Jahren einverstanden. Aber als ich älter wurde, fand ich, dass die Linke wahnhaft, dogmatisch und weitgehend heuchlerisch wurde. Ich konnte keinerlei Sinn für dialektisches Denken entdecken. Sogar die Neigung zur Gleichheit hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst. Für den ‘Wandernden Wer’ habe ich einen Trick erfunden; anstatt danach zu fragen, für was das ‘J-Wort’ steht, fragte ich, was Menschen denken, die sich als Juden identifizieren. Für ‘Being in Time’ habe ich die gleiche Taktik auf die Linke angewendet. Ich fragte die Leute, die sich als Linke identifizieren, welchen Vorstellungen sie anhängen. Die Antworten waren ziemlich peinlich. Die Neue Linke hat mit der alten Linken so gut wie keine gemeinsamen Werte. Die Neue Linke ist tribalistisch, biologisch orientiert, sie ist autoritär und oft proto-faschistisch. Die Linke wurde nicht von den Identitären eingenommen, sie wurde gekapert. Die Sphäre der Neuen Linken ist besetztes Territorium und das ist der Grund dafür, dass wir alle Palästinenser sind.

Deswegen vertrete ich ja die Meinung, dass inzwischen die links / rechts Dichotomie bedeutungslos bis überflüssig ist. Willkommen im post-politischen Zustand.

Clara: Wir sind alle Palästinenser?

Gilad: Ich denke ich war es, der den beliebten Spruch geprägt hat ‘inzwischen sind wir alle Palästinenser‘. Die Bedeutung dieser Aussage ist ziemlich niederschmetternd – wie die Palästinenser ist es uns nicht erlaubt, die wahre Bedeutung unserer Unterdrückung aufzudecken. Die Grenzen des palästinensischen Diskurses werden von den jüdischen Empfindlichkeiten geformt. Tragischerweise ist das auch die angemessene Beschreibung des westlichen Dissenses. Unsere Opposition wird von den Empfindlichkeiten der Unterdrücker geformt.

Clara: Könnten wir also sagen, dass Emanzipation durch Opfertum ersetzt wurde? Ist die Identitätspolitik eine sehr mächtige Bewegung von Menschen, die die Welt von der beschränkten Perspektive eines Opfers rassistischer, sexistischer oder sonstiger Vorurteile und Diskriminierung aus betrachten? Bedeutet es zu denken ‚Die Welt wäre besser, wenn alle sie so sehen würden wie ich‘; ‚Wenn XY seine Haltung ändern würde, könnte ich viel mehr erreichen, ich kann dies oder jenes nicht tun, weil XY mich nicht lässt‘? So ist es immer ein anderer, den ich für mein Schicksal verantwortlich mache. Kein Wunder, dass heutzutage auch die männlichen Weißen, bisher das Symbol der Unterdrückung, als Opfer anerkannt werden wollen. Der Schritt von einer solchen Denkweise bis zu Hass und destruktivem Verhalten ist nicht allzu groß: „Wir werden Menschen sein. Es wird uns gelingen oder die Erde wird zerstört bei unserem Versuch dies zu erreichen.“ So drückte es Eldrige Cleaver für die schwarze Rasse aus. Die Art und Weise wie die MeToo Bewegung die männlichen Täter zur Rechenschaft zieht, scheint mir manches Mal auch mehr von Boshaftigkeit und dem Wunsch, diese zu demütigen, bestimmt zu sein, als von dem Wunsch, Fehlverhalten ans Licht zu bringen und den verletzten Frauen Frieden. Wahrhaft ‚Seelen auf Eis‘!

Und weil wir uns ‚politisch korrekt‘ verhalten müssen, dürfen wir Opfer nicht kritisieren, um ihre Gefühle nicht zu verletzen. Aber dadurch werden keine Verletzungen geheilt. Man füttert dieses ‚Kind‘ ständig weiter, aber es ist nie zufrieden und wächst zu einem riesigen, fetten Monster heran, welches bis ans Ende aller Zeiten ‚Füttere mich!‘ schreit.


Aber wie passen nun jüdisches Opfertum und die riesigen Erfolge der Juden im 20. Jahrhundert zusammen?

Gilad: Ich finde es ziemlich erstaunlich zu hören, was Du da sagst, weil ich in meinem Buch ‚Being in Time‘ die Themen Identitätspolitik und Opfertum mit einem ähnlichen Ansatz verfolge. Einerseits sind wir alle in biologisch orientierte Stämme aufgespalten. Wir werden über unsere Hautfarbe, unser Geschlecht, die Gene unserer Mutter, unsere sexuelle Orientierung definiert. Aber es sind nur die Juden, die es zu einem Staat, hunderten Atombomben und Schwadronen von F-35 Bombern gebracht haben, und die Frage ist Warum? Ich will Dich schockieren. Weil die jüdische Identität Selbst-Hass beinhaltet. Der (frühe) Zionismus beinhaltete das Versprechen, die Juden zu verändern, sie von ihrer Opferrolle zu befreien. Sie in Menschen wie alle anderen zu verwandeln. Wenn die Identitären lernen würden, sich selbst zu hassen, würden sie vielleicht anfangen, sich weiter zu entwickeln und vielleicht sogar den Weg zum Universellen wiederentdecken.

Clara: Du meinst also, dass Selbsthass der Schlüssel zum Zionismus war, und dass, wenn das Jüdisch-Sein diesen nicht gekapert hätte, die Juden den Weg zum Universellen gefunden hätten?

Gilad: Genau. Der Zionismus wurde von ‘hard-core’ Selbstverachtung getrieben. Das Kernprinzip der frühen Zionisten war die ‘Negation des Galut (der Diaspora)‘. Es war diese Form des Selbsthasses, welche die Fantasie eines jüdischen Neubeginns befeuerte. Der Zionismus setzte die Stärkung des Judentums an die Stelle der ewigen Opferrolle.

Clara: ‚… ich lache, esse gut und werde stark …‘

Gilad: Ja. Man warf den Goyims nicht mehr die anti-semitischen Verbrechen vor, sondern betrachtete die jüdische Geschichte und Kultur, um herauszufinden, was an dieser Kultur und Politik Antisemitismus hervorrief. Dieser Ansatz könnte erklären, warum der jüdische Identitarismus viel mehr erreicht hat als andere ethnische Identitätsgruppen. Aus meiner Sicht ist der frühe Zionismus eine erstaunliche Veränderung in der jüdischen Geschichte.

Dass er jedoch gescheitert ist, ist noch signifikanter. Es könnte nahelegen, dass es keine kollektive Lösung für die Judenfrage gibt. Wenn sich die Juden retten möchten, müssen sie alleine in der Nacht ausbrechen und darauf hoffen, dass sie bei Tagesanbruch dem Universellen begegnen.

Morgen: 7. Globale Stammesverbände und nationaler Überschwang

 Hier geht es zu den bisher erschienenen Teilen.

 

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6 Antworten zu Kommt! Ins Offene, Freunde! – sechster Schritt

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Warum nun gerade jetzt ein Kommentar zum 6. Teil?
    Auswahl-Antworten:
    A) gläubig: Am 6. Tag schuf Gott die Kreaturen und erklärte das Werk für gut. Ich möchte als halbabgefertigte Kreatur noch etwas testamentarisch Erhebliches einwenden.
    B) rassig: Ich habe mich dazu auserwählt, am 6. Tag der 1. Kommentator zu sein. Gibt es dafür einen Bonus? Also Bitte!
    C) politisch: Wer eine Sache (indoktrinär) anfängt, muss selten die Schuld / Verantwortung für den Ausgang der Sache tragen.

    Opablogger hatte schon ungeduldig bemängelt, dass eine inhaltliche Debatte zu „Kommt! Ins Offene, Freunde!“ aussteht. Für meinen Teil hatte ich tatsächlich vor allem das „Wie“ des Austauschs, also den Prozess, weniger das „Was“, den Inhalt, begeistert aufgenommen.
    Ein Grund ist, dass ich mit den „jüdischen Geschichten“ nicht so gut vertraut bin und die konkreten Inhalte für mich zunächst als Anregung verstehe, an diesem Unwissen etwas zu ändern. Das braucht Zeit.

    Ein weiterer Grund sind aber die universalen Erkenntnisse von Clara S. und Gilad Atzmon, die sich von Holocaust, Israel, Judentum und den Konflikt in Palästina abstrahieren lassen.
    „Feigling!“ höre ich schon. Aber Moment. Mein Ansinnen ist nicht das Vermeiden des Konkreten oder das Verweigern von Antworten, sondern das vorausgehende Erkennen und Reflektieren der universalen Fragen. Denn zu schnell suchen wir die Bestätigung bereits gegebener Antworten im Gewohnten und werden Opfer unseres ewigen Leidens an kognitiver Dissonanz. Folge: selektive Wahrnehmung, Geschichtsfälschung, Dogmatismus.

    Gilad erklärt in Teil 3 die Geschichtsschreibung als Prozess der revisionistischen Vergangenheitserzählung für die Bewegung in die Zukunft. Ich verstehe das so, dass uns gerade oder vielleicht auch nur die offenen Fragen unserer Zukunft zum kritischen Rückblick veranlassen sollten und nicht umgekehrt der kritische Rückblick uns Ungefragtes sinnvoll beantwortet oder bereits gegebene Antworten bestätigt. War früher alles besser (also beantwortet)? – Willkommen in der Dystopie! Nur das zukünftig noch Offene, Fragliche ermöglicht doch eine Utopie des Universalen. Wir sind auf dem Weg und nicht schon da, wo wir doch erst hinwollen.

    Das Universale sehe ich als die schöngeistige und trügerische Verwandte der formalen Abstraktion. Das Universale impliziert die Formalisierung (stark vereinfacht A -> B), aber expliziert vor allem Gefühliges und Moral. Im Grunde stellt das Universale eine Analogie auf ein allgemeines, eingängiges Beispiel dar. Das universale Menschenrecht „Freiheit“ steht z.B. für Meinungsfreiheit und Handlungsfreiheit. Steht es aber damit für beliebige Freiheiten? Wenn ich „Freiheit“ sage, meine ich damit wahrscheinlich nicht die gleichen Freiheiten wie ein Milliardär. Ebenso gilt das für viele andere universale Werte. Das ist das Trügerische an den allgemeinen Wert-Beispielen, die uns so charmant umgarnen. Eine Formalisierung dagegen wirkt nur solange häßlich und lästig, bis sie uns durch universale Erkenntnis förmlich um die Ohren fliegt. Die Idee ist einfach Folgende: Viele konkrete Fragen lassen sich zu allgemeinen Fragetypen (Beispielfragen) zusammenfassen. Diese Beispiele sind nicht ohne implizierte Wertung, lassen sich aber in eine Form ohne Inhalt verwandeln (Formalisieren). Mit diesen Formeln kann man alle möglichen Operationen nach eindeutigen Regeln durchführen. Interessant wird dann die Konkretisierung der daraus entstandenen Formel. Bestätigt sich in der Umkehrung des Prozesses von Formel zum Beispiel der Fragetyp? Trifft die Konkretisierung aus der abstrakten Formel auf die reale Wahrnehmung zu? Der große Vorteil ist die Verbindlichkeit der formalen Operationen, ein erheblicher Nachteil die fehlende Anmut und der Übungsbedarf beim Formalisieren. Zum Zwiespalt und Verbindenden des Empirischen und des Logischen in der Wissenschaft und deren Wahrnehmung lohnt sich Daniel Kehlmann „Die Vermessung der Welt“. Gauß, der Formalisierende, ärgert sich über die Beliebtheit des Schmetterlingszählers Humboldt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Vermessung_der_Welt

    Erstaunlich ist, dass wir zwar die Formalisierung von Zählmengen (das Rechnen) in der Schule intensiv lernen, aber nicht die Formalisierung von logischen Operationen zu allgemeinen Lebenssachverhalten. Wir können eine Rechnung vor dem Bezahlen locker überschlagen und sogar unstrittig genau ausrechnen, aber wir quälen uns mit der logischen Überprüfung anderer Werturteile. Juristen behaupten mehrheitlich, dass das in der „Natur der Sache“ liege. So wie auch „unbestimmte Rechtsbegriffe“, die zwar bedeutsam klingen, aber erst durch Rechtsprechung inhaltlich ausgefüllt werden. Zum Beispiel die „Würde des Menschen“.
    Diese „Würde“ bestimmt inhaltlich nicht der vom Volk legitimierte Gesetzgeber, sondern sie ist in einem höherwertigen Recht verankert und wird ggf. von einer undemokratisch berufenen Verfassungsgerichtsbarkeit durch Interpretation der „Verfassungsintention“ festgestellt. Wir werden damit zu religiösen Rechtsgläubigen.
    https://opablog.net/2018/02/06/recht-versus-demokratie/
    Wir sind damit also Opfer angeblich selbst unbestimmt bestimmter „Natur der Sache“-Werte und können in dieser Rolle Erlösung finden oder uns unbeliebt machen. Wir können uns für die angenommene Opferrolle also auch hassen. Ich finde, wir sollten das tun und anfangen über den Aldi-Bon hinauszurechnen. Denn die „Natur der Sache“ hat ein klares Motiv. Ich soll meinen Nutzen nach Vorgaben rechnen können, extrem zugespitzt ggf. auch die Zahl der abgefertigten Juden an der Rampe. Und ich darf deswegen auch die Rechnung an der Ladenkasse überprüfen. Im Sinne der „Natur der Sache“ ist das alles zu entsprechenden Zeiten ganz nützlich. Aber die „Natur der Sache“ der jeweiligen Zeit hinterfragen soll ich nicht. Denn die „Natur der Sache“ ist ja schon da und entwickelt sich eigengesetzlich ohne mich. Die „Natur der Sache“ ist faktisch das Auserwählte Volk von Vor-Rechten, die ebensowenig berührt werden wollen, wie die tieferliegenden Gründe des Holocaust, der Alternativlosigkeit der Globalisierung, der modernen Raubzüge, der verdeckten und offenen Kriege, der Geheimbünde, der Spekulationsindustrie und des Profitdenkens. Schließt sich so der Kreis? Weisen uns Atzmon und Maus nicht auf sehr Ähnliches hin?

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    • willi uebelherr schreibt:

      Lieber Lutz, meine hochachtung fuer diesen text. Und mein dank fuer so manche ironische beigabe.

      Aber, ich melde einen widerspruch an:
      „Diese Beispiele sind nicht ohne implizierte Wertung, lassen sich aber in eine Form ohne Inhalt verwandeln (Formalisieren).“

      Der inhalt in diesem prozess des formalisierens ist eine reduktion auf scheinbares oder tatsaechliches gemeinsames unter kriterien, die wir von aussen hineintragen.

      Wir koennen unser subjektives verlangen nicht herausnehmen, weil es keine objektiven gesetzmaessigkeiten dafuer gibt. Es macht uns vieles einfacher, weil uns menschen die vielfalt und mannigfaltigkeit schwierigkeiten macht. Mit steigender anzahl von selbstaendig agierenden intanzen (variablen) schwindet unser erkenntnisvermoegen.

      Dass ist auch die gefahr der modellierung, wo uns die wirklichen gesetzlichkeiten fehlen. Ein gutes beispiel ist die theoretische physik, die permanent der gefahr sich aussetzt, in ihrer eigenen selbstkonstruierten modellbildung durch formalisieren (vereinfachen) sich aufzuloesen. Das wird dann oft als „Uebermathematisierung“ bezeichnet.

      Das kann uns auch passieren in weniger strengen bereichen wie z.b. der empirischen soziologie, wenn wir soziale strukturen und ihre eigendynamiken untersuchen. Da verlieren wir dann ganz schnell den realen bezug.

      So betrachtet erscheint dann die frage, ist das resultat etwas, was wir als resultat entstehen lassen wollen? Werner Heisenberg hat sich damit mal in seiner studienzeit mit Albert Einstein maechtig angelegt.

      Das mit der „Natur der Sache“ habe ich noch nicht ganz verstanden. Vielleicht meinst du etwas vorbestimmtes, das dann durch bestimmung bestimmt werden soll. Oder ein resultat einer analyse, das aber schon vorher vorgelgt war. Da waeren wir dann beim offiziellen untersuchungsbericht zum 9/11-ereignis oder der Betriebswirtschaftslehre (BWL).

      Aber deiner letzten frage stimme ich begeistert zu:
      „Weisen uns Atzmon und Maus nicht auf sehr Ähnliches hin?“

      So wie Gilad Atzmon sich den partikular-interessen entzog und sich den universalen werten zuwendete, macht es Ingeborg Maus auch mit ihrer starken referenz auf Immanuel Kant. Gilad Atzmon wendet seine sehr subjektiven erfahrungen an und findet ueber die freie und uneingeschraenkte musik mit seinen eigenen kompositionen einen emotionalen grund, der ihm hilft, aus dem gestruepp zu entkommen.

      Aber beide welten, Maus und Atzmon, sind trotzdem hochverschieden, obwohl sie in ihrer methodik sehr nah sind. Beiden geht es um das verstaendnis, was da eigentlich wirkt. Und beide erzaehlen dann eine andere geschichte als jene, die ihnen vorgegeben war.

      mit lieben gruessen, willi

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    • kranich05 schreibt:

      Kommt in der „Natur der Sache“ vielleicht das schweigende, allem zu Grunde liegende Objektve, in letzter Instanz Materielle des gesellschaftlichen Lebens zur Geltung?

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  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Mich erinnert das an Prof. Mausfelds Ausführungen, wenn
    er meint, dass die derzeit Mächtigen Theorien abgeschafft
    sehen möchten, damit sie von dem, was ihren Interessen
    dient, sagen können: „es gilt das Vernünftige und
    vernünftig und damit alternativlos, ist das und das“.
    Wenn die „Natur einer Sache“ behauptet wird, könnte wohl
    die Natur als so etwas wie ‚Urgrund‘, Letztbegründung
    behauptet werden.

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  3. Pingback: Warum ich mich als Goy mit einem ‚inner-jüdischen‘ Streit beschäftige | opablog

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