Schwierigkeiten mit der Aufklärung

Die Überschrift erinnert an ein zu Unrecht vergessenes Büchlein über eine zu Unrecht vergessene Episode: „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ von Walter Janka.

Der Deutsche Freidenkerverband, satzungsgemäß der Aufklärung verpflichtet, hat als Extraheft 4-17 seiner Reihe „Freidenker“ die Beiträge der Wissenschaftlichen Konferenz vom 30.9.2017 herausgebracht, die dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution gewidmet war. Würde ein umständlich formuliertes Konferenzthema wissenschaftliche Akribie garantieren, würden sich kritische Bemerkungen zum wissenschaftlichen Gehalt von selbst verbieten, denn das Thema lautete:

„100 Jahre Oktoberrevolution

100 Jahre Dekret über den Frieden

Lehren aus hundert Jahren geschichtlicher Erfahrung im Ringen für eine dauerhaft freie Gesellschaft und für Frieden statt Konfrontation mit Russland“

Das Heft enthält acht Beiträge, die solche Lehren erteilen, freilich höchst unterschiedlicher Art und Qualität.

Etwas, dass als Lehre aus 100 Jahren gelten will, hat einigem Widerspruch standzuhalten, sollte nicht drei-, sondern besser dreißigmal geprüft sein, sollte sich in der Arena kämpferischen Streits als hieb- und stichfest erwiesen haben. Weisheiten, auf die sich zuverlässige Genossen im engen Kreis  einigen, erfüllen selten diese Anforderung.

Etliche der Konferenzbeiträge sind mit Gewinn zu lesen. Sei es, dass sie vor allem informativ waren und unbekannte oder vergessene Tatsachen bewusst machten (so Helga Hörz und Rainer Rupp), sei es, dass sie wesentliche Verallgemeinerungen begründeten, Differenzierungen herausarbeiteten, Handlungsorientierungen ableiteten – die Vorträge von Bruno Mahlow und Anton Latzo. Dasselbe möchte ich von Andreas Wehr sagen, wenngleich seine Tendenz, die Oktoberrevolution wesentlich als nationale Revolution zu deuten, meinen Widerspruch hervorruft. Und wenn er dem Selbstverständnis der Revolutionäre, einen welthistorische Schritt zur Befreiung der Menschheit zu tun, die Aufforderung entgegenstellt: „Wir müssen endlich all diese eschatologischen und mystischen Vorstellungen ablegen,…“, so scheint mir das eher eine handfeste Missdeutung als eine Lehre aus hundert Jahren zu sein. („Eschatologie“ ist ein theologischer Begriff zur Bezeichnung der Prophetie von der letzten Erlösung, und der mehrdeutige Begriff „Mystik“ bezeichnet u. a. ein göttliches, nicht objektivierbares „Innesein“. Lenin aber war gewiss kein Guru.)  Doch Andreas Wehr argumentiert. Er arbeitet nicht mit Taschenspielertricks oder mit der Ausblendung relevanter Tatsachen. So könnte man sinnvoll streiten.

Man KÖNNTE, konnte es in Wirklichkeit aber nicht. Denn Diskussion war nicht vorgesehen. Diskussion ließ schon der Zeitplan nicht zu. Vor allem aber war bereits die Auswahl der Referenten so erfolgt, dass bekannte gegensätzlicher Standpunkte nicht dargestellt werden konnten und folglich die Auseinandersetzung darüber ausfiel. Leider: Die Konferenz der Freidenker zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution war in starkem Maße der Aufwertung Stalins verpflichtet. Insoweit lieferte sie eher Gegenaufklärung statt Aufklärung und stellte einen Rückschritt gegenüber der Konferenz zum 90. Jahrestag dar.

Der Beitrag zur Restalinisierung wurde, grob gesagt, auf drei Ebenen geliefert:

  • als Jahrzehnte übergreifende Darstellung, die wesentliche Tatsachen ausblendete
  • als plumpe Geschichtsfälschung und
  • als scheinwissenschaftliches „Offenhalten des Diskurses“ über die so unendlich vielen komplizierten Fragen.

Jahrzehnte übergreifend beschäftigte sich Marianne Linke mit dem Dekret über den Frieden als Grundlinie sowjetischer Friedenspolitik. Ihre Darstellung der historischen Voraussetzungen dieses Dekrets und seines Gehalts als Geburtsurkunde einer revolutionären neuen Außenpolitik lieferte den präzisen Ausgangspunkt (im Freidenkerheft noch ergänzt durch den Abdruck des knappen aber so gehaltvollen  Dokuments S. 71/72, online auch zugänglich unter Lenin, Werke Band 26, S. 239-242). Doch leider blendete die Autorin bei der nachfolgenden Betrachtung der realen sowjetischen Politik der Folgejahrzehnte allzu viele Tatsachen entweder komplett aus oder stellte sie nur einseitig dar. Kritische Anmerkungen sind nötig (die selbstverständlich nicht als pauschaler Widerspruch gegen die vielen Aktivitäten tatsächlicher sowjetischer Friedenspolitik aufzufassen sind).

* Zumindest einer Erwähnung Wert halte ich den Feldzug der Roten Armee, der 1920 vor Warschau endete und zum Frieden von Riga 1921 führte. Mag auch das damalige Geschehen wesentlich aus der Dynamik des russischen Bürgerkriegs zu erklären sein, so sollte es jedoch wegen seiner vielfältigen historische Nachwirkungen (etwa 1939, 1940 Katyn) nicht außerhalb der Betrachtung bleiben.

* Nicht befriedigen kann Linkes Darstellung des ganzen Komplexes „Nichtangriffsvertrag Deutschland – UdSSR vom 23.8.1939“ (Freidenkerheft 4-17, S. 38f). Die unbestreitbare historische Berechtigung der UdSSR diesen spektakulären Vertrag abzuschließen und seine völkerrechtliche Unanfechtbarkeit sind strikt zu unterscheiden vom völkerrechtswidrigen Gehalt der dazugehörigen Geheimen Zusatzprotokolle, und vielmehr noch besteht ein prinzipieller Gegensatz zum „Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag“ vom 28./29.9.1939 und seinen wiederum beiden Geheimen Zusatzprotokollen. Stalin hatte mit Letzterem nichts weniger als die Abkehr von der antifaschistischen Volksfrontpolitik vollzogen und die zumindest taktische Kooperation mit dem faschistischen Deutschland eingeleitet, zur Verfolgung sich „positiv ergänzender“, „gemeinsamer“ Großmachtziele. Die Komintern wurde auf dieselbe Linie gebracht, wie u. a. aus Dimitroffs Tagebüchern zu entnehmen ist (Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933-1945, Berlin 2000, S.273f).

* An den Prinzipien des Dekrets über den Frieden sind die stalinistischen Aktivitäten zur Einverleibung der baltischen Staaten in den sowjetischen Staatsverband 1940 zu messen und ebenso der sogenannte Winterkrieg zwischen der Sowjetunion und Finnland 1939/1940. Bei Linke finden diese Ereignisse keine Erwähnung. Ich halte eine solche selektive Betrachtung für unzulässig. Schweigt das humanistische Gewissen angesichts von mehr als 100 000 getöteten Sowjetsoldaten und mehr als 25.000 getöteten finnischen Soldaten (beide Zahlen sind umstritten)? Eine aus meiner Sicht lesenswerte Darstellung des ganzen Komplexes ist bei Lew Besymenski zu finden: „Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren“, Berlin 2002.

* Marianne Linke stellt fest, dass auch aus heutiger Sicht die militärische Intervention der Sowjetunion in Afghanistan 1979-1989 „umstritten“ sei (a.a.O. S. 41).  Gibt das Dekret über den Frieden keinerlei Maßstäbe an die Hand, um diesen Krieg einzuschätzen?

Meine kritischen Anmerkungen beziehen sich in enger Auslegung des Dekrets über den Frieden vor allem auf direkte Kriegsereignisse. Das Dekret aber formuliert darüber hinaus grundsätzliche Positionen zur Souveränität der Völker, besonders der schwachen gegenüber Großmächten und zur Unzulässigkeit von Geheimdiplomatie aber für umfassende Transparenz. Mit Blick auf die stalinistischen Massenrepressalien gegen ganze Völkerschaften, nicht nur während der Zeit des Großen Terrors, die stalinistische Politik der Sowjetisierung Osteuropas nach dem 2. Weltkrieg (einschließlich des „Spezialfalls“ Jugoslawien) und schließlich auch grundsätzlich bezüglich der stalinistischen Geheimpolitik müssten also weitere gravierende Widersprüche zwischen dem Leninschen Dekret und Jahrzehnten sowjetischer Realpolitik beleuchtet werden.

Lehren präsentieren zu wollen und „unpassende“ historische Tatsachen reihenweise unter den Teppich zu kehren – das passt nicht zusammen. Und es passt in keiner Weise zu einem lebendigen, befreienden, dialektischen Denken.

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