Kommt! Ins Offene, Freunde! – vierter Schritt

Die Banalität des Guten

Die Bedeutung der Vergangenheit

Die Pornographie des Horrors

Humanismus vs. Tribalismus

Ein furchtloser, acht-teiliger Austausch zwischen der deutschen linken Stimme Clara S. und dem ex-israelischen Jazz-Künstler Gilad Atzmon, bei dem sie tief in Themen wie Israel, Palästina, den Holocaust, Frieden und Wahnvorstellungen, links und rechts, die Bedeutung der Vergangenheit und unsere Zukunftsaussichten im Kontext der gegenwärtigen identiäteren Dystopie eintauchen.

 1. Erwachsenwerden

2. Ist das Opfer selber schuld?

3. Geschichtsschreibung als Prozess

4. Antisemitismus, Rassismus und kulturelle Identität

5. Prä-traumatisches Belastungssyndrom, Zionismus und Imperium

6. Jüdische Macht und Identitätspolitik

7. Globale Stammesverbände und nationaler Überschwang

8. Auf der Suche nach dem Weg nach Hause

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4. Antisemitismus, Rassismus und kulturelle Identität

Clara: Lass uns noch ein wenig mehr über Antisemitismus sprechen. Die gleichen Leute, die mich verwarnt haben, haben Dich als Antisemiten bezeichnet. Sie zitieren Dich folgendermaßen: ‘Tatsächlich arbeite ich die Verachtung für den Juden in mir sorgfältig heraus.‘ Ich verstehe nun unter einem Antisemiten jemanden, der Juden als Rasse diskriminiert. Bist Du nun also ein Rassist, der seine eigene Rasse hasst und nicht eine andere?

Gilad: Ich denke, dass die Bezeichnung ‚Jüdische Rasse‘ völlig hohl ist. Im ‚Wandernden Wer‘ beschäftige ich mich mit denjenigen, die sich politisch mit dem Judentum identifizieren. Ich beschäftige mich nicht mit ‚den Juden‘, ich berühre keine Themen, die mit Rasse zu tun haben. Ich befasse mich auch nicht mit dem Judaismus (der jüdischen Religion). Aber hier kommt eine Frage, die Du und ich und jede/r andere sich stellen sollte: Wie ist es möglich, dass die Tatsache, dass ich den Juden in mir hasse, so viele Juden beschäftigt, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben? Ist es möglich, dass mein sogenannter ‚Selbsthass‘ so viele andere Juden beschäftigt, weil sich dahinter ein tiefes Problem im Herzen der jüdischen Identität verbirgt, das die meisten derjenigen, die sich mit dem Judentum identifizieren, unbedingt verbergen möchten? Ich kenne viele schwule Selbsthasser, sie bekommen keinen Druck von ihrer identitären Gemeinschaft. Selbsthassende Briten bekommen ebenfalls ihren Persilschein. Sogar selbsthassende Katholiken kommen mit ihrem ‚Verbrechen‘ davon. Aber jüdischer Selbsthass ist ein schlimmes Vergehen. Wir sollten fragen warum. Warum wurde Jesus gekreuzigt? Warum wurden Spinoza und Uriel Da Costa einem strengen Herem (Bann) unterworfen? Die Antwort finden wir wahrscheinlich im Alten Testament. Die Propheten waren vermutlich die Athenianer unter den Jerusalemiten.

Clara: Ich könnte über mich sagen, dass ich ‚die Verachtung für die Protestantin in mir sorgfältig herausarbeite‘, den Geiz, den übertriebenen Arbeitsethos, die Unfähigkeit sich zu entspannen und einfach einmal Spaß zu haben. Niemand würde mich deswegen eine Rassistin nennen, es handelt sich um tief eingepflanzte kulturelle Eigenschaften, von denen ich manche begrüße und andere versuche zu überwinden.

Gilad: Das ist tatsächlich ein guter Anfang. Warum darfst Du die Protestantin in Dir hassen, ich aber den Juden in mir nicht verachten? Es ist sehr schwer, die Tatsache zu leugnen, dass, obwohl die Juden keine Rasse sind, die jüdische Politik gleichwohl immer rassistisch getrieben erscheint. Das gilt ganz klar für Israel, den jüdischen Staat und dessen Diskriminierung der Palästinenser (sieh Dir das israelische Rückkehrgesetz an, sowie das zum Rückkehrrecht der Palästinenser), aber es gilt auch für die jüdischen Anti-Zionisten, wie zum Beispiel die Organisation JVP (jüdische Stimme für den Frieden). Du, Clara, kannst Dich dort einschreiben, Du kannst Geld spenden, aber niemals dem Vorstand angehören. Warum? Weil Du rassisch nicht dafür qualifiziert bist. Ich vermute, die Tatsache, dass ich dies aufdecke, macht mich zum öffentlichen Feind.

Clara: Wie kann ich mich denn nach den JVP Regeln als Jude ‚qualifizieren‘? Muss ich als Jude geboren sein, oder reicht die Konvertierung zum jüdischen Glauben?

Gilad: Du bist nicht qualifiziert, aber vermutlich ist die Konvertierung eine Option.

Clara: Es kommt mir sehr schwer vor, zwischen jüdischer Rasse und jüdischer Kultur zu unterscheiden. Du sprichst über Kultur und wirst Rassist genannt, Du nennst JVP rassistisch, aber ich könnte ja meinen Glauben ändern, um Mitglied zu werden. Das ist alles ziemlich verwirrend …

Gilad: Ich weiß nicht was an der Unterscheidung zwischen Rasse und Kultur so schwierig sein soll. Was ich aber tue, ist, auf die rassistische Kultur im Kern der verschiedenen jüdischen politischen Richtungen zu verweisen.
Aber lass uns doch mal weiter denken. Müssen wir wirklich zum jüdischen Glauben konvertieren, um den jüdischen Staat kritisieren zu dürfen?
Die Bedeutung hiervon ist doch erschreckend einfach: der Diskurs der Unterdrückten wird von den Empfindlichkeiten der Unterdrücker geformt …

Clara: Ich denke, ich habe es jetzt verstanden: ich kritisiere den jüdischen Staat Israel wegen dessen Behandlung der Palästinenser, für etwas, das die Israelis und ihre Unterstützer tun und nicht für das was sie sind. Rasse ist mir völlig gleichgültig, ich könnte einen Juden an seinen biologischen Eigenschaften gar nicht erkennen. Wie denn auch? Aber wenn ich das tue, werde ich als Rassistin beschimpft. Also möchte ich mich einer jüdischen Gruppe anschließen, um diesen Geruch loszuwerden, bekomme aber nicht die vollen Mitgliedsrechte, weil ich keine Jüdin bin. Würde ich diese haben wollen, müsste ich zum jüdischen Glauben konvertieren, was irgendwie merkwürdig ist, weil die meisten anderen Mitglieder sich gar nicht als religiös betrachten.

Gilad: Ich sehe alle Formen von Rassismus und biologisch orientierter Politik sehr kritisch; das schließt jüdischen Rassismus genauso ein wie Nazitum!

Die Nazis verfolgten die Juden dafür, dass sie Juden waren. Sie wurden verfolgt für das was sie waren, nicht für das was sie taten. So ein Übergang ist in der Tat der Tod der Unschuld. Aber im jüdischen Staat werden Palästinenser verfolgt, weil sie keine Juden sind. Ich bestehe darauf, Vernunft so lange ins Spiel zu bringen, bis so etwas offiziell verboten wird.

Clara: Du siehst also keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Art, wie die Palästinenser in Israel behandelt werden, und der Art und Weise wie es die Nazis in Deutschland mit den Juden taten? Aber stellten denn nicht diese vollkommen rationale pseudo-wissenschaftliche Rassendefinition und die professionelle bürokratische und ‚industrialisierte‘ Organisation eines Genozids einen zur Vollendung getriebenen Rassismus weit über jede menschliche Vorstellungskraft dar? Und war deswegen der Holocaust nicht das einzigartige Genozid Ereignis der Geschichte?

Gilad: Das ist eine gute Frage, die man offen diskutieren sollte und nicht mit einem Gewehr an der Schläfe.
Aber lass uns einmal weiterdenken. War der Holocaust einzigartiger als der Holodomor? Sind zwei Jahre in Ausschwitz einzigartiger als 70 Jahre in Gaza?
Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht, und ich glaube auch nicht, dass wir sie beantworten müssen. In meinem Buch ‘Being in time’ zeige ich, dass dies der entscheidende Unterschied zwischen einem Athenianer und einem Jerusalemiten ist. Athenianer sind dem Primat des Fragens verpflichtet. Jerusalemiten diktieren Antworten über Gebote und Mitzvoth (politische Korrektheit). Ich finde, dass diese Fragen offen bleiben und einer ständigen Erforschung und Überprüfung unterworfen sein sollten.

Clara: Das klingt sehr einleuchtend. Es gibt eine Menge Fragen zu stellen. Einerseits ist es wohlbekannt, dass rassistische Theorien keine alleinige Angelegenheit der Nazis waren. Es gab eine starke anglo-amerikanische wissenschaftliche Richtung, die die Tötung, zumindest aber die Sterilisation‚ unwerten Lebens‘ propagierte, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Hitler eine Menge derartiger Literatur las, als er im Gefängnis ‚Mein Kampf‘ schrieb.

Und manche Leute würden wirklich gerne wissen, warum die Alliierten nicht mehr dafür getan haben, um den Genozid an den Juden zu verhindern. Sie wussten ziemlich sicher was los war. Und sie hätten die Schienen bombardieren können.

Gilad: Genau. Wenn Du wirklich über Hitler und Nazitum diskutieren möchtest, bin ich offen zu Dir. Rasse und Rassismus wurden nicht von Hitler oder der Nazipartei erfunden. Wie ich schon erwähnt habe, wurde der Zionismus, der versprach‚ die ‚Juden wieder groß zu machen‘ 30 Jahre vor Hitlers ‚Mein Kampf‘ geboren und der rassistisch begründete jüdische Exzeptionalismus 3000 Jahre vor dem Zionismus. Ich bin der Letzte, der eine biologisch begründete Politik befürwortet. Tatsächlich kritisiere ich ja die ‚Neue Linke‘ dafür, dass sie ‚hitlerisch‘ ist. Und genauso kritisch stehe ich den weißen Identitären gegenüber. Aber wenn Du ‚Die Zerstörung Dresdens‘ von David Irving liest, begreifst Du das Ausmaß der völkermörderischen Absicht im Denken der anglo-amerikanischen Politiker.

Ich möchte in einer Welt leben, in der Ideen frei ausgetauscht werden können und ethisches Denken ohne Grenzen erkundet werden kann. Tatsächlich findet ja unsere Diskussion genau deswegen statt, weil diese elementaren Freiheiten rapide vor unseren Augen verschwinden. Diese ganze Holocaust Phobie hat sich als Wegbereiter für eine neue Banalität des Bösen erwiesen, die genauso blind ist wie die alte.

 

Morgen: 5. Prä-traumatisches Belastungssyndrom, Zionismus und Imperium

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9 Antworten zu Kommt! Ins Offene, Freunde! – vierter Schritt

  1. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Mich interessiert ob das Gespräch zwischen Gilad Atzmon und Clara auf englisch
    oder deutsch geführt wurde? Und wieso erfahre ich den Klarnamen der Frau nicht?,
    das störte mich schon bei der Buch Besprechung.

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  2. Clara S. schreibt:

    Sehr geehrter Herr Oedingen,
    der Klarname ‚der Frau‘ ist dem Blogbetreiber, Gilad Atzmon und auch der Rubikon Redaktion und Herrn Davidson bekannt. Wer höflich beim Blogbetreiber anfragt, kriegt sogar von mir persönlich Post. Die Gruende für den Alias-Name sind vielfältig: er repräsentiert für mich einen neuen Lebensabschnitt, denn in dieser Weise geschrieben habe ich vorher nicht. Ich habe nach der für mich völlig überraschenden heftigen Reaktion auf meine Kritik am Davidson Artikel im Rubikon aber auch Angst vor der eigenen Courage bekommen. Vor dem Interview habe ich doch gar nicht gewusst, worauf ich mich da einlasse.
    Das Interview ist in einem 2-wöchigen Schreibprozess per Email zwischen Giald Atzmons und mir entstanden, in englischer Sprache. G.A. hat ihn dann editieren lassen und die Grafik gestaltet. Der 2. Teil wurde auch gerade auf seiner Seite veröffentlicht (alle 2 Tage kommt der nächste Teil). Ich habe dann den Text übersetzt und dem Opablog und der NRHZ zur Verfügung gestellt.
    http://www.gilad.co.uk/writings/2018/1/25/the-banality-of-good-pt-2-blaming-the-victim

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    • Theresa Bruckmann schreibt:

      Dank und Respekt, Clara S.,
      wie Sie Ihre Gedanken hier einbringen (als Ihre Meinung,
      dazu in Dialogform mit Gilad Atzmon, und ohne Ihren
      Klarnamen), verstehe ich vollkommen.
      ‚Dr. Kurch sei Dankt‘, kann man auf seinem Blog, die
      eigenen – manchmal noch nie zuvor geäußerten Gedanken –
      darlegen, und zwar (wie auf Blogs üblich), 1:1 genauso
      wie man das meint, also ungefiltert und zeitnah (im Gegensatz
      zum Buch, das einen langen Vorlauf hat).
      Und es ist geradezu erwünscht, dass Reaktionen kommen,
      die zeigen, ob man sich
      1) klar ausgedrückt hat und
      2) wo man mit seiner eigenen Auffassung steht
      (in einem möglichen Feld von Ansichten).
      Eineindeutige Sätze sind zwar wahr und klar, aber vor aller
      Erfahrung (apriori) und deshalb keine Aussagen über Dinge,
      Sachverhalte, Geschehen – also nicht mehr als zuvor definierte
      Begriffe und Formeln, und damit Tautologien.
      So eine Reaktion erfordert deshalb eine Menge Arbeit.
      Kann oder will man nicht so tief einsteigen,
      bleibt eigentlich nur nur eine (Reaktion) zu 1) Kann ich Ihre Ausführungen,
      Frau Clara S., nachvollziehen und natürlich – was immer geht –
      Lob und Anerkennung oder sonst was, auszudrücken.
      Unnötig zu sagen, dass Reaktionen ausdrücklich erwünscht
      sind.

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      • Clara S. schreibt:

        Genau, aber man fühlt sich viel sicherer bei eindeutigen Sätzen …
        Wer weiß, ob ich das, was ich heute im Gespräch äußerte, morgen noch richtig finde?
        Die öffentliche Entwicklung der Gedanken in einem fortlaufenden Diskussionsprozess, in dem man Risiken eingeht aber sich auch irgendwie geschützt fühlt, eine solche Kultur wäre wünschenswert.

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        • kranich05 schreibt:

          „fühlt sich viel sicherer bei eindeutigen Sätzen“
          „Ja, ja – nein, nein – was darüber ist, ist von Übel“, sagte der alte Engels über den „gesunden Menschenverstand“.
          Ohne das Denken (also auch Aushalten) von Widersprüchen gibt es überhaupt kein Denken.
          Und ohne ihr offenes/öffentliches Aussprechen gibt es keinerlei sozialen Erkenntnisprozess.
          Auf deutsch gesagt: Ohne uns auf die Widersprüche einzulassen, kapieren wir – du und ich, die sog. Zivilgesellschaft – gar nix.

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  3. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Sehr geehrte Frau Clara S,
    vielen Dank für Ihre klärenden Worte und den weiterführenden link. Ihre Gründe sind mir sehr verständlich. Ihre Angst vor der eigenen Courage ehrt Sie in meinen Augen. Ich hoffe sehr, dass Sie mit dem Tadel „wer höflich beim Blogbetreiber anfragt … nicht mich gemeint haben.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute.
    Herzliche Grüsse
    Wolfgang Oedingen

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  4. Clara S. schreibt:

    Falls sich jemand über den Link zum Kopp Verlag wundert: Es ist schade, dass Hermann Ploppa anfangs keinen anderen Verlag für sein aufklärerisches Werk fand als den Kopp Verlag, der doch sonst sehr viel anti-aufklärerische Literatur anbietet. Inzwischen wurde es vom Liepsen Verlag neu aufgelegt: Bestellungen direkt über liepsenverlag@gmail.com.

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