MEIN wandernder Wer

„Wer wandert da?“, fragte ich bald nach Beginn der Lektüre.

Merkwürdigerweise fiel mir gleich Francois Villon ein und das Sonett des armen bb.

Hier habt ihr aus verfallendem Papier
Noch einmal abgedruckt sein Testament
In dem er Dreck schenkt allen, die er kennt –
Wenn’s ans Verteilen geht: schreit, bitte: Hier!

Wo habt ihr Saures für drei Mark bekommen?
Nehm jeder sich heraus was er grad braucht!
Ich selber hab mir was herausgenommen …

Abraham Melzer hat laut „Hier!“ geschrien und in einem bemerkenswert langgedehnten Artikel ausgeführt, dass da kaum Gescheites herauszunehmen war. Höchstens „Einige naive und unvollkommen gebildete Rezensenten meinen…“.

„Holla Abi“, denke ich, „Du hast mich kalt erwischt… die Unvollkommenheit meiner Bildung verfolgt mich seit Jahr und Tag“. Also ran an das Büchlein, und nicht vergeblich nach Weltweisheit geguckt, sondern sehr genau nach dem, was ICH FÜR MICH ‚rausnehmen kann.

Zuerst stoße ich auf Musik, etwa „Miserlou“. – „Also ein Meister“, denke ich… „nur des Jazz“, sagt Abi.

*

Ich glaube, es ist nicht nebensächlich, dass Gilad Atzmon ein großer Jazzmusiker ist. Verstehen wir Jazz?

Gilad Atzmon wuchs im siegtrunkenen Israel der Zeit nach dem Sechstagekrieg auf. Er bewunderte den Terrroristen-Großvater. Palästinenser waren vorhanden aber nicht wahrnehmbar. „Das Gefühl eigener Überlegenheit hatte unsere Seelen tief durchzogen. Wir betrachteten die Welt durch ein rassistisches, chauvinistisches Fernglas. Und wir fühlten auch keine Scham darüber.“ (Gilad Atzmon, „Der wandernde – Wer?“, Frankfurt am Main 2017, Seite 24. Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.)

Die Begegnung mit „the Bird“ Charlie Parker warf den Siebzehnjährigen um.

Die Musik war „organischer, poetischer, sentimentaler und wilder als alles, was ich je zuvor gehört hatte.“ (ebd). Und Parker war ein Schwarzer. KEIN JUDE?! Der Junge vom auserwählten Volk an der Schwelle zum Luftwaffenoffizier erlebte seine zweite Geburt (S. 25). Der Jazz, sagt Atzmon rückblickend, war mein Fluchtweg aus der Auserwähltheit, der Weg, ein normales menschliches Wesen zu werden (S. 27).

Nicht zufällig steht ein Bekenntnis zur Kunst am Anfang des Büchleins. GA denkt und schreibt immer als Künstler. Kunst kann Entdeckungen machen. Kunst beweist nicht.

GA denkt aus seinem Lebenskreis. Er formuliert Erkenntnisse aus seiner ENT-DECKUNG des tiefsten Innern Israels, dieser viel jüdischen Gesellschaft.

Die Entdeckung selbst ist Rohstoff. Sie mündet/wird umgeformt in politische, historische, kulturelle usw. Erkenntnisse. Sie wird als Konstruktionsmaterial verwendet, von Atzmon selbst, von Freunden, von Feinden, auch von falschen Freunden. Die formulierte Erkenntnis liegt auf einer anderen geistigen Ebene als die Entdeckung. Sie kann nicht Evidenz beanspruchen wie diese. Sie verlangt logische Argumentation, zwingende Beweisführung, ist dem Widerspruch ausgesetzt, denn sie greift in Interessen ein.

*

Von „die Jüdischheit“ zu sprechen und darauf den Begriff „Tribalismus“ anzuwenden, war eine der ersten Ohrfeigen, die GA meinem genügsamen Denken über Juden verpasste. Natürlich war mir bekannt, dass die Juden in all den Drangsalen durch die Jahrhunderte „zusammenhielten“, dass sie in ausgeprägten, mir manchmal merkwürdig erscheinenden Ritualen sich ihrer Gemeinschaft versicherten und sie feierten. Aber vertraut und vorbildhaft und unbestreitbar waren sie mir als Universalisten, als Aufklärer, als elende vaterlandslose FRECHE FREIE GEISTER:

Ein Hurenhaus geriet um Mitternacht in Brand. 
Schnell sprang, zum Löschen oder Retten, 
Ein Dutzend Mönche von den Betten. 
Wo waren die? Sie waren – – bei der Hand. 
Ein Hurenhaus geriet in Brand.

Das zählte wirklich.

Doch Atzmon schreibt: „Diese Dualität von Tribalismus und Universalismus ist es, die das Herzstück der kollektiven säkularen jüdischen Identität bildet. Diese Dualität wurde niemals richtig aufgelöst. Anstatt die Juden zu erlösen, erlegt sie einen gewissen Grad von Unehrlichkeit auf.“ (S. 83). Nicht ganz überraschend, dass auf so krass gesagte Wahrheit, wenn es denn eine ist, Hass antwortet.

Atzmon selbst hat es gut: Er wandert in die Welt hinaus, und alles, was ihm die warme Stube des Tribalen geben könnte, holt er sich (ohne miefige Beimengung) mit dem Saxophon unterm Arm.

Doch was soll bedeuten „richtig aufgelöst“? Die systematische Antwort finde ich bei Atzmon nicht. Selber denken ist erlaubt.

Ich meine, dass der Mensch, die Persönlichkeit, durchaus nicht nur Universalist ist noch sein sollte. Unendlich vielfältig sind die Beziehungen des Menschen in der Welt. Sie liegen, philosophisch gesagt, sowohl auf allgemeiner (universaler), als auch auf besonderer, als auch auf einzelner Ebene. Die Einheit dieser Ebenen aber auch die (beherrschten) Widersprüche zwischen ihnen, sind erwünscht. Beides zusammen erlaubt die Stabilität, die Spannkraft, die Grazie einer Persönlichkeit, gleich den gotischen Kathedralen, wie es der unvergessene Max Steenbeck einmal ausdrückte.

(Dem in sich so reichen Werden und Sein des Menschen hatte sich in der DDR seit den 80er Jahren ein großartiges Forschungsprojekt  zugewandt – „Biopsychosoziale Einheit Mensch“. Es wurde und wird durch alle „Widrigkeiten des Lebens“ weitergeführt. Seine Hauptergebnisse liegen vor in dem Band „Der ganze Mensch. Eine Einführung in die Humanontogenetik“ von Karl-Friedrich Wessel, Berlin 2015.)

„Bewusstheit“ ist einer der Begriffe des Historischen Materialismus mit der die in sich reich differenzierte aber grundsätzlich von universalen humanistischen Werten geleitete Persönlichkeit charakterisiert wird. Aber gut bekannt ist auch in der marxistisch-leninistischen Ideologie menschliches Verhalten, dass nicht von universalen humanistischen Werten bestimmt wird, sondern von landsmannschaftlichen, „-tümlichen“, tribalen. Lenin prangerte den „echt russischen Derschimorda“ („Halt-die-Schnauze“) an, der – Ironie der Geschichte – in Gestalt des Georgiers sich schon 1922 anschickte, die Machthebel zu missbrauchen. Wir alle waren seinerzeit erschüttert – und das war Jahre bevor der Begriff „Holocaust“ installiert wurde – von Michail Romms „Der gewöhnliche Faschismus“. 

Die Verabsolutierung des „Ureigenen“, des „mit der Muttermilch eingesogenen“, des zusammen mit der Eiche ins Germanenherz gepflanzten und demgegenüber die Minderwertung alles Fremden, letztlich die Konstruktion von Menschen zweiter Klasse – das ist die ideologische Achse auch des Faschismus.

Abschließend einige Überlegungen, vielleicht sind sie etwas spekulativ, warum das Tribale im heutigen Jüdischsein vielleicht tatsächlich eine besonders verhängnisvolle Rolle spielt:

Das Jüdisch-Tribale mag durch die Jahrhunderte des Mittelalters neben den nichtjüdischen Stammeszusammenhängen keine herausgehobene Rolle gespielt haben. Mit dem aufkommenden Kapitalismus beginnt es, wie Atzmon Moses Mendelsohn heranziehend (S. 82f) darlegt, seine Unschuld gegenüber der kapitalistischen Umwelt zu verlieren. Es behält aber eine Besonderheit insofern es sich nicht auf einen jüdischen Nationalstaat bezieht. Das ändert sich zutiefst mit der Entstehung Israels und der a) ideologischen Aneignung dieses Staates als eigenen durch einen relevanten Teil der weiterhin in der Diaspora lebenden Juden und b) die spezifische Verquickung mächtiger jüdischer Kapitalkonzentrationen mit dem neuen staatlichen Akteur.

Die Ausführungen Atzmons in diesem Zusammenhang auf den Seiten 40ff und seine Quelle „By Way of Deception“, Victor Ostrovsky, St. Martin’s, 1990, kann ich nicht ausreichend einschätzen. Diese und weitere Fragestellungen liegen auf dem Tisch. Die systematischen Beweisketten und mehr noch die Tatsachenfülle profunder Forschung liefert Atzmon nicht. „Ich bin nicht Gott.“, brachte er in einer Mail in Erinnerung. Jedoch all das mit einer Handbewegung „Verschwörungstheorie“ vom Tisch zu fegen oder einfach mit Geschrei, das halte ich für allzu billig.

„MEIN wandernder Wer“ wird fortgesetzt.

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7 Antworten zu MEIN wandernder Wer

  1. Hartmut Barth-Engelbart schreibt:

    Darf ich das alles auch bei mir veröffentlichen ?

    Es ist an der Zeit!

    Gefällt mir

    • Clara S. schreibt:

      Von mir aus gerne, wenn ich mit „das alles“ auch gemeint sein sollte.

      Gefällt mir

    • Clara S. schreibt:

      Atzmon schreibt sinngemaß, dass rassische, tribalistische oder ethnische Orientierung nicht die Basis für eine universal gültige Argumentation gelten können. Vor allem gilt das, denke ich, wenn diese Orientierungen fest mit einem Täter-Opfer Schema verknüpft sind.
      Aber jeder Mensch bringt nun mal solche Orientierungen mit und braucht diese auch, um innere und äußere Ruhe zu finden. Manche verbringen ihr ganzes Leben mit der Suche nach einem solchen Ort. Wie soll man diesen Dualismus auflösen? Eine sehr interessante Frage, nicht nur für Juden.

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    • kranich05 schreibt:

      Selbstverständlich.
      Gruß
      kranich05

      Gefällt mir

  2. Clara S. schreibt:


    Can’t find my way home!

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  3. Pingback: Gilad Atzmon? War da ‚was? | opablog

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