Nachtrag zu „Gilad Atzmons ‚The Wandering Who‘, die Meinungsfreiheit und ich“

von Clara S.

In einer Mail an mich schrieb Elias Davidson folgendes:

Als ich nach Deutschland in 2008 umzog, glaubte ich, dass die Deutschen vom Antisemitismus freigeworden sind. Tatsächlich haben die meisten ihre antisemitische Gesinnung sehr gut gezähmt, wie ich nun feststelle. Der Besuch von Gilad Atzmon hat nun Deutschen endlich erlaubt diese Gesinnung durch die Begeisterung für diesen Mann frei auszuleben. Zwar wagen seine Verehrer noch nicht seine Parolen selbst zu wiederholen, sondern zunächst diese nur als eine legitime „Meinung“ zu bezeichnen. Ergänzend wird gesagt, dass er, als Jude, doch berechtigt ist so etwas zu sagen. Auch Islamophobie gehört mittlerweile in Deutschland zu „freien Meinungsäußerung“, wie die letzten Wahlen bestätigten. Diese Leichtsinnigkeit, mit welcher rassistisches Gift hantiert wird, ist für mich erschreckend, denn gerade solches Gift ebnete den Weg zur „Endlösung“.  Mir geht es nicht um die Person von Atzmon, sondern um die Zukunft dieses schöne Landes und dessen Gesellschaft.“

Er fügte eine Liste von 20 – „ekelerregenden“ – Atzmon-Zitaten bei, die dessen Antisemitismus eindeutig belegen sollen. Die Zitate klingen, als seien sie direkt aus mein Kampf abgeschrieben, untersucht man aber den Zusammenhang, in dem sie stehen, sieht manches anders aus. Vielleicht befasse ich mich irgendwann ausführlicher damit, vielleicht akzeptiere ich vorerst auch das ausgesprochene Tabu, ich weiß es noch nicht.

Ein weiterer Gedankenaustausch mit Herrn Davidson erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls sinnlos.

Stattdessen ein offener Brief als Antwort:

Lieber Herr Davidson,

Ihre Befürchtungen über Antisemitismus und Rassismus kann ich nachvollziehen. Dass die Angst vor einem neuen Holocaust bei der Kinder- und Enkelgeneration der Opfer tief sitzt und insbesondere die Angst vor „den Deutschen“ als potentiellen Tätern, lässt sich nicht leugnen. Wie soll eine Generation Vertrauen in die Welt entwickeln, wenn Ihre geliebten Eltern, Großeltern und Geschwister von anderen – deutschen – Menschen ausgelöscht wurden?
Ihre These hingegen, „Deutsche“ seien deswegen von Atzmon begeistert, weil er den Antisemitismus in ihnen – endlich – befreie, lehne ich, auf mich persönlich bezogen, entschieden ab. Als eine, die in 60 von 65 Jahren ihres Lebens Gelegenheit hatte, die Rassistin in sich zu erkunden, weiß ich wovon ich spreche.

Sie tun mir als Kind der deutschen Tätergeneration durch Ihre Unterstellung pauschal Unrecht. Ich bitte Sie, darüber nachzudenken, was mit Kindern innerlich passiert, deren Vertrauen in die geliebten Menschen durch die Fragen „Was haben die gewusst? Was haben die getan?“ nachhaltig gestört ist, und denen als Nachkommen unterstellt wird, das Böse sei auch in ihnen selbst zu finden und warte nur latent darauf, geweckt zu werden. Und da habe ich noch nicht über das Verhalten der Eltern gesprochen, das Schweigen, die Gefühlskälte u.v.m.

Als man uns Teenagern in den 60ern die Schocktherapie verpasste, KZ-Filme zu schauen, den Roman „Exodus“ zu lesen gab, und ich dann 1970 bei einer Israelreise selbstverständlich auch in Yad Vashem war und im Kibbuz mit Holocaust Opfern sprach, gab es für mich nur eine Schlussfolgerung:
„So etwas darf nie wieder geschehen und zwar nicht nur den Juden sondern niemandem. Dafür musst Du Dich einsetzen!“ Und das habe ich zeitlebens auch versucht zu leben und an meine Kinder, Enkel und Schüler/innen weiterzugeben.

Als meine „Vätergeneration“ sich damals, 3 Jahre nach dem 6-Tage-Krieg, offen über die israelischen Teufelskerle freute, die es den Arabern gezeigt hatten, beschwerte keiner der Israelis sich über Beifall von der falschen Seite. Ehemalige Täter und Opfer fanden in einem gemeinsamen „Projekt“ wieder zusammen. Beide waren „rehabilitiert“. Die Opfer hatten das Trauma und die Demütigung der Wehrlosigkeit überwunden. Die Täter brauchten sich angesichts der Stärke und strotzenden Gesundheit ihrer ehemaligen Opfer, die ja auch ihrer Unterstützung zu verdanken war, nicht mehr so schuldig zu fühlen. Als ich es jedoch wagte, nach dem Schicksal der Palästinenser zu fragen, hieß es nur: „Die Araber wollen die Juden ins Meer werfen!“
Im Kibbuz pflückte ich gemeinsam mit 200 anderen Jugendlichen aus aller Herren Länder Äpfel. Ein großes Friedensprojekt. Kein Wunder, dass auch die arabischen Jugendlichen aus dem benachbarten Nazareth daran teilhaben wollten. Ich wurde in die Familie eines jungen Mannes zum Mokka eingeladen. Das Foto von ihm und mir habe ich heute noch. Die Rüge, die mir deswegen seitens des Kibbuz zu Teil wurde, ist nicht vergessen: „Kein Kontakt mit denen! Die Araber sind gefährlich.“

Meine Vorstellung von universell geltenden Gerechtigkeitsprinzipien wurde hinweggefegt. Und alles andere als die bedingungslose Identifikation mit den Israelis galt als antisemitisch.

Uri Avnery vergleicht die Situation in Palästina mit dem Bild eines Menschen, der aus dem Fenster eines brennenden Hauses springend auf einem Passanten gelandet ist. Er möchte damit eine Brücke für die Versöhnung zwischen dem „Springer“ und dem „Passanten“ bauen. Von dem „Passanten“ erwartet er zu akzeptieren, dass das Haus des „Springers“ nun mal abgebrannt sei. Vom „Springer“ erwartet er eine Entschuldigung beim und die Entschädigung des „Passanten“.
Allerdings schreibt er gleichzeitig, dass der Vergleich hinkt, weil es kein Zufall war, dass eben dieser „Passant“ getroffen wurde. https://www.counterpunch.org/2018/01/01/the-man-who-jumped/.

Aber wie ist das Haus in Brand geraten? War es das in Adolf Hitler verkörperte „Böse“, vielleicht sogar der „ewige böse Deutsche“? Wäre es nicht Zeit, zusammen genauer hinzuschauen und zu überprüfen, was dieses „Böse“ eigentlich ausmacht, ob es tatsächlich hauptsächlich in der rassistischen Grunddisposition „des Deutschen“ steckt, der, wenn man nicht schnellstens Einhalt gebietet, wieder Menschenverächter an die Macht wählt, die eine erneute Endlösung anstreben?

Wenn dieses Nachdenken von Ihnen als Türöffner für eine neue Endlösung gewertet wird, während ich dadurch gerade so etwas verhindern möchte, werden wir wohl nie über ein höfliches „We agree that we disagree“ hinauszukommen.

Clara S.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Demokratie, Faschismus alt neu, Krieg, Krise, Machtmedien, Materialismus, Mensch, Realkapitalismus abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Nachtrag zu „Gilad Atzmons ‚The Wandering Who‘, die Meinungsfreiheit und ich“

  1. willi uebelherr schreibt:

    Liebe freunde, ich gebe euch die antwort von Gilad einfach so, in englisch weiter.

    I think that we should thank the Jerusalemites Wernicke, Melzer, Davidsson Watzal, Verlger & co… once again it is their moronic attitude and dismissal of intellectual and spiritual exchange that invoked the desperate yearn for Athens, for wisdom, for freedom of reflection. It is the tyranny of correctness that reminds us that ethics is a creative mode of thinking namely the ability to judge!!!

    I do not know Clara S but i can see that this person has read my work as opposed to the slanderous and duplicitous characters mentioned above.

    Gefällt mir

  2. Pingback: „Gilad Atzmons „The Wandering Who“, die Meinungsfreiheit und ich“ (III) | opablog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s