„Gilad Atzmons „The Wandering Who“, die Meinungsfreiheit und ich“ (II)

Zweiter Teil des Gastbeitrags von Clara S.

(Teil I ist hier.)

Zu 3: Holocaust Religion

Atzmon leitet im Buch „The Wandering Who“ u.a. aus Bibeltexten ab, dass die Angst vor einem Holocaust so alt ist wie das Judentum selbst, beginnend bei der Erzählung von der ägyptischen Gefangenschaft. Da es keine archäologischen Beweise für die 40 Jahre in der Wüste gäbe (siehe Seite 141 ff), sei schon diese Geschichte ein später konstruiertes Narrativ (wahrscheinlich in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft), ein Muster, das sich durch die ganze Geschichte der Diaspora ziehe und immer wieder verhindere, dass sich die Juden endgültig in die Gesellschaften integrieren, in denen sie leben.

Zur Shoa, dem „eigentlichen“ Holocaust, schreibt er folgendes:

It was actually the internalisation of the meaning of the Holocaust that transformed me into a strong opponent of Israel and Jewish-ness. It is the Holocaust that made me a devoted supporter of Palestinian rights,resistance and the Palestinian right of return.“ (Seite 186)

Das sieht mir nicht nach Holocaust-Leugnung aus.

Auch nicht die Beschreibung der Erfahrungen mit Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen an gleicher Stelle, oder seine Bemerkung zu Anne Frank auf Seite 51: „ … not a single moral system could justify the ordeal this young girl went through along with many others.“

Wie steht es mit seiner angeblichen oder wirklichen Relativierung der historischen Realität des Holocausts?

Atzmon erzählt, er habe als Kind geglaubt, die offizielle Erzählung der jüdischen Geschichte mit den Eckpunkten David, Massada, Holocaust – Seife, Lampenschirme, Todesmarsch, 6 Millionen -, basiere auf geschichts-wissenschaftlich recherchierten Fakten. Heute wisse er, dass dies das spezielle Jüdisch-Sein-Narrativ der Geschichte sei, welches infrage gestellt werden könne und solle. Wäre dieses Narrativ ausschließlich faktenbasiert, müsse man es nicht durch Verbote und Gesetze schützen.

Einige Teile dieser offiziellen Erzählung hält er für übertrieben: Seine von den Nazis ermordete Ur-Großmutter sei vermutlich nicht zu Seife oder einem Lampenschirm verarbeitet worden, wie er als Kind angenommen habe, sondern an Erschöpfung, Typhus oder bei einer Massenerschießung gestorben. (Seite 175)

Atzmon geht es in seiner Arbeit jedoch nicht um die Etablierung oder Relativierung der historischen Fakten (schließlich sei er kein Historiker – siehe Davidsons Artikel im Rubikon und das im Muslim-Markt veröffentlichte Interview) sondern hauptsächlich um die Interpretation des – von ihm keineswegs bestrittenen – historischen Ereignisses „Holocaust“ als einzigartigem Ereignis. Menschen änderten normalerweise ihre Sicht auf die Vergangenheit mit den neuen Perspektiven, die sich aus zusätzlichen Erkenntnissen oder einem größeren Abstand ergäben. Für den Holocaust gelte das nicht. Hier sei ein bestimmtes Narrativ zum Dogma erhoben worden(Seite 148 ff).
Diese „Holocaust-Religion“ fungiere als Grundlage der Existenzberechtigung Israels und der politischen Haltung der Zionisten sowie als Rechtfertigung für ihre Taten.
Jede neue Generation bekäme die Angst vor der existentiellen Auslöschung eingehämmert, jede verbrannte Synagoge bestätige die Berechtigung für die Angst genauso wie für eine radikale Feministin jede Vergewaltigung eine Bestätigung ihrer Theorie sei, dass in jedem Mann ein potentieller Vergewaltiger stecke. Gäbe es keine verbrannten Synagogen, so würde Mossad schon dafür sorgen, dass sich dies ändere. Der Zweck heilige die Mittel (Seite 43).

Auch für diese „Verschwörungstheorie“ liefert er zumindest ein Beispiel.

Eine ganze Gesellschaft leide so unter einem Trauma, die Realität des Holocaust sei hierbei dessen Kern, welcher nicht angetastet werden dürfe. Und dieses Trauma basiere nicht auf realer eigener Erfahrung sondern entstehe aus der kollektiven und über quasi-religiöse Rituale und Mechanismen systematisch geschürten Angst vor einem künftigen Holocaust. Deswegen nennt er dieses Phänomen, welches aus seiner Sicht die Essenz der jüdischen Identität darstellt, Prä-traumatisches Schock Syndrom (Pre TSS) und nicht Post TSS (Kapitel 16).

An anderer Stelle schreibt er, dass die Angst sich zusätzlich auch noch aus der Projektion der eigenen schrecklichen Taten auf den Gegner speist. (S. 133)

Er fordert:

We should strip the Holocaust of its Judeo-centric exceptional status and treat it as an historical chapter that belongs to a certain time and place“. (Seite 175)

Das tragische Schicksal seiner Urgroßmutter sei demnach nicht anders zu bewerten als der Tod von Millionen Ukrainern, die dem Kommunismus zum Opfer gefallen seien, und das Schicksal der Opfer des Dresden-Bombardements oder der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Ich interpretiere dies als die Aufforderung an die Juden, sich endgültig dem oben geschilderten Trauma zu stellen, es zu bearbeiten und gesunde Menschen unter Gleichen zu werden, wodurch sich dann auch das Projekt „jüdischer Staat“ erübrigen würde. Ist das „ketzerischer“ als der Rat an die Palästinenser, sich mit den Realitäten abzufinden, auf ihr Rückkehrrecht zu verzichten, sich mit den Stücken Land zufrieden zu geben, die jetzt noch übrig sind, oder sich umsiedeln zu lassen?
Dies zu schreiben, steht mir als Deutscher, jedoch nach gültiger Auffassung nicht zu. Auch nicht in der Rolle einer Tochter der „Täter“? Was immer meinen „Tätereltern“ konkret vorzuwerfen wäre, die Ereignisse von Nazizeit und Krieg begleiten als böse Geister mein Leben und das meiner Familie. Aber wie kann ich es wagen, dies mit dem Trauma der Shoa auf eine Ebene zu stellen?

Hier öffnet sich ein weites Feld, denn Atzmon hat viele Interviews gegeben, in denen er detaillierter u.a. auch zum Thema Holocaust befragt wurde. Ein Kritiker schreibt z.B. Atzmon habe behauptet, dass die Todesmärsche nach der Auflösung von Ausschwitz am Ende des Krieges geschehen seien, um die Juden rechtzeitig wieder nach Deutschland zu bringen, um sie vor den Russen zu retten, was nach Meinung des Kritikers bewiesenermaßen unrichtig sei (wird so im Rubikon Artikel von Davidson dargestellt).
Ihm wird weiter vorgeworfen, er behaupte fälschlich der Holocaust sei nicht gut genug erforscht, was unrichtig sei, da es kaum ein Geschichtsfeld gäbe, was nicht so gut erforscht sei wie der Holocaust. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob diese Kritik berechtigt ist, oder ob hier die Kritiker einfach nicht verstanden haben, dass es Atzmon eben nicht primär um die konkreten historischen Fakten in Bezug auf die Shoa geht sondern um deren Einordnung in das von den Nachkommen erzählte Narrativ, ein Narrativ, welches mit einem neuen Blick aus heutiger Sicht im Rahmen historischer Forschung zu überprüfen sei.

Trotz aller möglichen – berechtigten oder unberechtigten – Kritik wage ich zu schreiben, dass man tatsächlich darüber nachdenken kann und vielleicht auch sollte, den Holocaust in eine umfassendere Kontinuität des Landraubes und der Völkermorde einzuordnen.
Warum waren die Ausmerzung der Preußen durch den Deutschen Orden, der Genozid an den Hereros in Namibia oder die Ausrottung der Ureinwohner Nordamerikas nicht ein der systematischen Ermordung der Juden gleichwertiges Verbrechen, sofern es da so etwas wie Gleichwertigkeit überhaupt geben kann? Oder umgekehrt, war nicht das Umbringen der Hereros auf seine Weise und aus Sicht des getöteten Stammes genauso einzigartig?
Ich weiß, diese Frage „darf“ nicht gestellt werden – sofort werden dann bestimmte Merkmale genannt, die nur auf den Holocaust zutreffen und ihn zu dem außerordentlichen Ereignis machen, vor dem – besonders wir Deutsche – entsetzt und sprachlos stehen. (Der Kern des Traumas darf nicht adressiert werden?).

Aber dennoch – Willi Übelherrs im „Opablog“ abgedruckte Forderung, die 3000 Jahre alte Geschichte des „Westens“ neu zu denken als durchgehend landräuberisches und menschenverachtendes Handeln, und – ich ergänze – ideologisch gespeist aus einer arroganten Haltung der Überlegenheit und dem Gefühl des Auserwähltseins, ist doch gar nicht so abwegig (vergl. dazu auch Atzmon, Seite 182 ff).

Und leider ist das Judentum – nicht nur als Opfer – ein Teil dieser Geschichte:

in biblischen Zeiten bei der Eroberung des „gelobten Landes“ ebenso wie in den letzten 70 Jahren bei der Vernichtung der Existenzgrundlage der Palästinenser. (siehe Kapitel 15)

Ich denke an die Kolonialisierung der Welt und die Zerstörung indigener Völker und Kulturen im Namen europäischer Könige und der Christenheit (und die Christen sehen sich als legitime Nachfolger der Juden als die Auserwählten Gottes) und die vielen Kriege, die durch die USA , der „Indispensable Nation“, im Namen moralischer Überlegenheit und einer vermeintlichen Pflicht zum Eingreifen seit der Wende (an-)geführt wurden, und die mich seit der Zerschlagung Jugoslawiens mit Entsetzen erfüllen. Und wurden nicht diese letzten Kriege alle unter Zugriff auf unsere kollektiven Traumata propagandistisch vorbereitet, und angeblich jedes Mal geführt, um einen „neuen Hitler“ zu vertreiben? Macht es da nicht Sinn, den Holocaust in einen größeren Zusammenhang zu stellen und die Tränen um die jüdischen Opfer mit denen über die unzähligen anderen zusammenfließen zu lassen? In seinem aktuellen Buch „Being in Time“ geht Atzmon den Schritt, die jüdische Problematik in diesen größeren Zusammenhang einzuordnen und sich dem Thema zu zuwenden, was „being left alone in the street“, heißt, wie er in einem Vortrag im Juni 2017 sagte.

Hier folgt Teil III.

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9 Antworten zu „Gilad Atzmons „The Wandering Who“, die Meinungsfreiheit und ich“ (II)

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  2. ped43z schreibt:

    Einfach stark!
    So stelle ich mir eine achtungsvolle, konstruktive, offene Befassung mit einem kontrovers diskutierten Thema vor.
    Herzlichen Dank dafür.
    Beste Grüße, ped43z

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  5. Joachim Bode schreibt:

    Ich schließe mich dem Kommentar (Lob und Dank) von ped43z an.
    Die beschriebene Analyse erinnert mich übrigens an Norman Finkelsteins „Die Holocaust-Industrie“, mit der die profitable Verwertung des Holocausts kritisiert wird, die seit dem 6-Tage-Krieg mit Nachdruck „gepflegt“ wird. Diese Vorgänge unterstreichen einen Aspekt der besonderen Einschätzung des jüdischen Selbstverständnisses durch Atzmon.
    Finkelstein, ein Jude und Sohn von Holocaust-Überlebenden, hat sich mit seinem Werk nicht ohne „Grund“ ein 10-jähriges Einreiseverbot des Staates Israel eingehandelt. Er wird – wie Atzmon – nicht selten als Antisemit diffamiert. Wenn Kritik hauptsächlich Angst und unsachliche Gegenreaktionen verursacht, spricht das dafür, dass an der Kritik etwas dran ist.

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    • Joachim Bode schreibt:

      In diesem Zusammenhang (Holocaust als einmalige und in der Menschheitsgeschichte schrecklichste Vernichtungsaktion von sechs Millionen Juden) fällt mir auf, dass die mit dem sogen. Unternehmen Barbarossa geplante systematische Vernichtungsaktion gegenüber den Ostvölkern und insbesondere der Sowjetunion allein schon zu 18 Millionen zivilen Opfern (neben 9 Millionen Armee-Angehörigen) in der Sowjetunion geführt hat, ohne dass hieraus etwas entstanden wäre, was mit der heutigen Bedeutung des Holocausts auch nur annähernd Vergleichbares entstanden (oder gemacht?) worden wäre.
      Mal sehen, wie lange es dauert, dass ich ob dieser Überlegung als Antisemit bezeichnet werde…..

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  6. Wolfgang Behr schreibt:

    Ich habe das Buch „The Wandering Who?“ von Gilad Atzmon gelesen und kann mich der Beurteilung von Clara S. nur anschliessen. Danke Clara.

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