„Gilad Atzmons „The Wandering Who“, die Meinungsfreiheit und ich“ (I)

An der Einladung und dann Teilnahme Gilad Atzmons an der Karls-Preis-Verleihung im Kino Babylon hat sich eine heftige Polemik entzündet. Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann haben unter der Schlagzeile „Elias Davidsson und Gilad Atzmon debattieren über Palästina, Israel und Holocaust“ (sowie hier) Hauptlinien dieser Diskussion nachgezeichnet.

Traditionelle, dennoch untaugliche Eigenheiten des Streits unter Linken waren leider wieder in voller Schönheit zu bewundern, etwa: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ dann: Die „souveräne Nichtveröffentlichung“ allzu unbekümmert von den Auffassungen der Wahrheitsverwalter abweichender Meinungen bis hin zur bedingten oder unbedingten Exkommunikation aus der Kirche. Weniger provozierend aber gleichermaßen unbefriedigend fand ich die demonstrative Stimmenthaltung einiger Protagonisten mit der Begründung, dass es sich hier um einen „innerjüdischen Krieg“ handele, aus dem sich der Goj an besten heraushält.

Ich habe mein Interesse an der Diskussion bekundet und zugleich eingestanden, zur sachlichen Qualifizierung zunächst nichts beitragen zu können.

Meine Blogleserin Clara S. hat offenbar ähnliche (und weitere) Erfahrungen gemacht, die sie bewogen haben, Atzmons Buch noch einmal zur Hand zu nehmen und ihre Gedanken aufzuschreiben. Ich freue mich, ihren durchaus persönlichen und zugleich solide wägenden Text als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen. Das geschieht in drei Teilen. Heute zum ersten neben einleitenden Bemerkungen zu zwei Kernthesen Atzmons – Jüdische Identität und Jüdischer ideologisch-politischer Diskurs. 

Knappere und etwas anders pointierte Ausführungen von Clara S. zu Atzmons Buch sind übrigens auch als Kundenrezension bei Amazon verfügbar.

 

Gastbeitrag von Clara S.

Im Zusammenhang mit der beabsichtigten Karls-Preis-Verleihung an Ken Jebsen wurde u.a. die Einladung von Gilad Atzmon zum Politikum. Die auf die Schnelle zusammengestellte Zitatensammlung von Elias Davidson, die im Rubikon erschien, reichte mir als Grundlage dafür, einen Menschen und seine Gedanken für vollkommen indiskutabel zu halten, nicht aus. Und das schrieb ich der Rubikon-Redaktion. Die Heftigkeit der prompten Reaktion von Herrn Wernicke und Herrn Davidson hat mich überrascht und sehr getroffen. Ich hatte eindeutig eine Grenze überschritten. Aber welche?

Keiner Gruppe angehörend, war ich auf der Suche nach Antworten auf mir wichtige Fragen irgendwann auf Atzmons Bücher gestoßen und so ebenso auf die Tatsache, dass er als Antisemit und „Holocaust-Leugner“ gilt. Deswegen weigern sich auch oder besonders Linke, ihm überhaupt zuzuhören. Bei der Beschäftigung mit seinen Ideen, habe ich dann selbstverständlich auch nach Beweisen für diese Behauptung gesucht, jedoch nirgends gefunden, dass er den Genozid der Nazis an Juden als historisches Ereignis bestreitet. Doch dazu später mehr.
Ich finde seine Gedanken „thought-provoking“. Ein/e Leser/in kann bei der Lektüre vieles Bedenkenswerte finden, welches nicht nur für Juden gilt.
Ob seine Antworten allerdings stichhaltig oder absurd sind, sein Ideengebäude stabil oder pathologisch, vermag ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend zu beurteilen.
Deswegen würde ich ja gerne, gerade von „linken Anti-Zionisten“, eine fundierte kritische Meinung dazu hören oder einer ernstzunehmenden Debatte folgen, die mich als Nicht-Jüdin vordergründig ja gar nichts angeht.
Auf den zweiten Blick jedoch sind wir – zumindest in Deutschland – alle Geiseln dieser Auseinandersetzung. Denn ohne Antwort auf die Frage „Wie hältst Du es mit den Juden, wie hältst Du es mit Israel?“ ist ja auch heute noch keine politische Positionierung möglich. Und auch meine eigene Biografie ist entscheidend durch dieses Thema beeinflusst worden.

Da ich ja nun das Buch „The Wandering Who“ schon gelesen hatte, habe ich mir die Mühe gemacht, meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Dabei habe ich durch die Verwendung verschiedener Schriftarten versucht, meine eigenen Überlegungen von denen Atzmons zu unterscheiden.

Atzmons Fragen

  1. Wie kommt es, dass im Staate Israel ehemalige Opfer zu Tätern geworden sind?
    (Sein Schlüsselerlebnis: als junger Soldat in der israelischen Armee sah er sich in einem Internierungslager für Palästinenser plötzlich als „Nazi“.)
  2. Wie kommt es, dass der vergleichsweise kleine Staat Israel weltpolitisch einen so großen Einfluss hat?
  3. Warum ist die „Judenfrage“ bis heute nicht gelöst?

Die Antworten sucht und findet er nicht bei den „Antisemiten“ sondern in der jüdischen Ideologie und im politischen Diskurs der Juden selbst.

Gilad Atzmons Kernthesen

Die Antworten auf die anfangs gestellten Fragen liegen in den folgenden Punkten begründet:

  1. Einer Identitätspolitik, bei der Tribalismus und nicht Universalismus gefördert wird,
  2. den mit der „jüdischen Identität“ verknüpften ideologischen Auffassungen,
  3. der „Holocaust-Religion“ als Kernstück jüdischer Identität und
  4. einem weltweiten jüdisch/zionistischen Netzwerk.

Vermutlich möchten jetzt viele gar nicht mehr weiterlesen – denn das klingt ja echt nach antisemitischer Propaganda, oder? Ich mache dennoch weiter.

Zu 1: Jüdische Identität

Atzmon beginnt mit der Definition seines Gegenstandes: Er will sich nur mit dem Thema Jüdisch-Sein beschäftigen. Jüdisch-Sein grenzt er klar ab von

a) einem rassistischen Judenbegriff (die Juden als biologisch definierbare Rasse gibt es seiner Meinung nach nicht, und es würde ihn auch nicht interessieren, wenn es sie gäbe) und
b) dem Judaismus, der Zugehörigkeit zur jüdischen Religion,
welche, wie jede religiöse Einstellung, Privatsache sei. Es geht ihm lediglich um

c) die Ideologie, die Identitätspolitik und den politischen Diskurs innerhalb des Judentums, also die jüdische Kultur, die er als Jewish-ness bezeichnet (Kapitel 1, Seite 15).

Dieses von ihm beschriebene und kritisierte Jüdisch-Sein ist seines Erachtens eine kulturelle Identität, in die Menschen hineingeboren werden, die sie mehr oder weniger bewusst annehmen, und von der aus sie sich selbst und die Welt betrachten und interpretieren, unabhängig davon ob sie religiös sind oder nicht. Man ist dann kein Musiker mehr, der zufällig auch Jude ist, sondern ein jüdischer Musiker, kein politisch links Stehender zufälliger jüdischer Herkunft sondern ein jüdischer politisch links Stehender. Zuerst Jude – und dann alles andere.

Eine solche Identität kann ein Mensch nur in Abgrenzung zu einem Antagonisten – dem „Goy“, dem Antisemiten, dem feindlichen Araber – annehmen, sie kann also nur in der Negation existieren.

Während ich also bisher Rassismus oder Antisemitismus als Ausgrenzung einer Gruppe durch die Gesellschaft oder Teile davon verstanden habe,

dreht Atzmon die Sache um und behauptet, die Juden (wie übrigens auch andere Identitäre) schlössen sich selber bewusst aus und pflegten ihr Gegen- bzw. sogar Feindbild. (Siehe Kapitel 1 – der jüdische Rassismus sei lange vor dem Nazi-Rassismus da gewesen – und 3, wo er argumentiert, dass ohne (Selbst-)Ausgrenzung keine Identitätspolitik möglich ist).
Da ist es nur logisch beweisen zu wollen, dass das politische Judentum von den gegen sich gerichteten Ressentiments profitiert und diese sogar selbst schürt, wofür er Beispiele gibt. Er schildert z.B. die Geschehnisse um den Dreyfus Prozess (Seite 40)
und die den Antisemitismus der Nazis ausnutzende Kollaboration der Zionisten mit diesen (Seite 162 ff). Er behauptet, in diesem Sinne sei der Holocaust ein zionistischer Sieg gewesen (Kapitel 3, Seite 43), ohne den der Staat Israel nicht möglich gewesen wäre.
Schlomo Sand zitierend schreibt er, früher sei jeder als judenfeindlich gebrandmarkt worden, der behauptet hätte, dass alle in der Welt verstreuten Juden einer gemeinsamen fremden Nation angehörten, heute sei es umgekehrt, und wer sage, es gäbe außerhalb Israels kein jüdisches Volk, werde Judenhasser genannt. Und im Kern dieser „nationalen“ Identität, ergänzt Atzmon, stünde kein anderer als „the Devil“ himself Adolf Hitler, der dadurch am Ende doch gewonnen habe (Seite 109).

Der Tribalismus habe sich im Jüdisch-Sein gegen den Universalismus durchgesetzt. (Seite 136 ff) Diese Konstellation verhindere, dass man sich in erster Linie als Mensch sähe und einen universalen Humanismus lebe.
In Kapitel 6 geht er dem Gegensatz Tribalismus- Universalismus weiter nach und begründet, warum diese Haltungen sich gegenseitig ausschließen, viele anti-zionistische Juden jedoch versuchten, beides in sich zu vereinen und daran scheitern (müssten), weil sie auch in der Kritik an der Politik Israels ihre tribalistische Identität nicht aufgeben wollten.

Dies verhindere grundsätzlich, dass das Judentum jemals dauerhaft Frieden mit den anderen Menschen dieser Welt schließen könne.

Der moderne, säkulare jüdische Diskurs sei mangels wirklicher Substanz von Hass geprägt.

Wir alle wissen, dass die Juden jahrhundertelang unter Hass und Diskriminierung gelitten haben“, schreibt Atzmon. Jedoch „während früher derjenige ein ‚Antisemit‘ war, der Juden hasst, ist es heute umgekehrt, ein ‚Antisemit‘ ist jemand, den die Juden hassen.“
Und so fände er nun sich selbst als jemand wieder, der als „stolzer selbst-hassender Jude“ von anderen Juden gehasst würde, seien es nun Zionisten oder Anti-Zionisten (Seite 54 ff).

Ist Atzmon also Antisemit? Oder liegt ein Fall von „Töte den Boten“ vor? Ich kann es nicht beurteilen.

Und ist dieser Hass in den jüdischen Gemeinschaften tatsächlich so weit verbreitet? Die Art, wie die „linke“ Debatte um Atzmon geführt zu werden scheint, lässt es befürchten. Aber das geht mich eigentlich nichts an, auch wenn ich davon wegen meiner Kritik am Rubikon am Rande berührt wurde.

Zu 2: Jüdischer ideologisch-politischer Diskurs

Atzmon bezeichnet sich also selbst als „selbsthassenden Juden“. Dies sei aber eigentlich nichts Besonderes denn in Wirklichkeit sei die Beziehung zwischen Juden und Antisemiten keine reine Beziehung der Gegensätze, sondern jede Seite trage Teile der anderen in seiner Persönlichkeit mit sich, mal mehr mal weniger. So sei Jüdisch-Sein ein „frame of mind“ eine bestimmte Einstellung und Persönlichkeitsstruktur, die auch ein Judenhasser aufweisen könne. Und er zitiert auf Seite 95 Marx, der schrieb, dass die soziale Emanzipation der Juden die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum sei, wobei Marx Jüdisch-Sein mit Kapitalismus, Eigennutz und Geldgier gleichsetzt, die es zu überwinden gelte. Diesem Aspekt jüdischer Weltsicht ist z.B. das ganze Kapitel 14 über Milton Friedman gewidmet.

Zwei Juden, die kapitalistisches Denken für „typisch jüdisch“ halten, kommen ausführlich zu Wort. Ist das Antisemitismus?

Mehr zum politisch-ideologischen inner-jüdischen Diskurs zu schreiben, übersteigt diesen Rahmen: das gesamte Buch gibt – beginnend mit der Bibel – wichtige jüdische Stimmen wieder und setzt sich mit diesen unter verschiedenen Fragestellungen auseinander.

Auch wenn ich vieles noch nicht verarbeitet habe, fand ich die Lektüre anregend und differenziert. So kann ich nach dem Lesen des Buches nicht bestätigen, dass er ein rabiates Sammelsurium antisemitischer Thesen verbreitet, wie seine Kritiker schreiben. Wenn Dinge diskutiert werden, die wir als antisemitisch ansehen, sind sie jedenfalls immer von Juden selbst gesagt oder geschrieben wurden.


Hier folgt Teil II.

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9 Antworten zu „Gilad Atzmons „The Wandering Who“, die Meinungsfreiheit und ich“ (I)

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  3. Schlüter schreibt:

    Siehe auch:
    „Wir sind Weltmeister – auch im Wegschauen“: http://wipokuli.wordpress.com/2014/07/15/wir-sind-weltmeister-im-wegschauen/
    &
    “Botschaft für das Neue Jahr: Hütet Euch vor Fragmentierung!”: https://wipokuli.wordpress.com/2017/12/31/botschaft-fuer-das-neue-jahr-huetet-euch-vor-fragmentierung/
    Neujahrsgrüße

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  4. Beat Wick schreibt:

    Es geht nicht um Holocaust. Mein Kommentar, den Jens Wernicke (Rubikon) auf seiner Webseite „Jens Wernicke“ aus vollumfänglich unverständlichen Gründen und ohne jegliche Begründung zensierte, löschte, hatte nicht im Entferntesten etwas mit Holocaust zu tun.

    Die Indizien sprechen eine mehr als nur deutliche Sprache. Es geht um das Mundtotmachen unliebsamer Ansichten, Verhinderung von Dialog. Ablenkung vor den eigenen Verletzungen des Menschenrechts auf Meinungsfreiheit (Zensur). Hier wird ganz offensichtlich Meinungs-manipulation betrieben. Mit Themen wie Holocaust abgelenkt von den wirklichen Problemen.

    Dass gewisse, mir unbekannte Leute, sich auf Gilad Atzmon eingeschossen haben, erstaunt keineswegs, denn vor selbstbestimmenden Menschen fürchtet sich die Macht seit eh und je immer am meisten. Menschen die hinterfragen, in Frage stellen sind eine Bedrohung ihrer finanziellen Interessen und ihrer Macht über andere. Echter Widerstand kommt von ungehorsamen Menschen, die Vereinnahmung ebenso verweigern wie Autoritätshörigkeit und Personenkult. Von Menschen die mit gleichem Mass messen, denen es um das Naheliegende geht. Die selbst entscheiden und deshalb den Meinungsterror durch Götter (Zensoren) auch innerhalb der „Alternativ“-Medien, die sich anmassen über andere zu entscheiden, mit aller Entschiedenheit ablehnen. Die wissen, dass Macht immer missbraucht wird. Für die Unrecht, Unrecht ist, von welcher Seite und von wem es auch immer ausgeübt wird. Ob von Menschen der „Alternativ“-Medien, der „Friedensbewegung“ oder von anderen.
    Selbstbestimmende Menschen werden deshalb ausgegrenzt, erbittert bekämpft.
    Es verbleibt, wie üblich (und gewünscht), die im Gleichschritt marschierende Mehrheit der Mitläufer.

    Beat Wick

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    • kranich05 schreibt:

      Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
      Besonders Ihre Feststellung bezüglich der Alternativmedien ist absolut treffend. (Dasselbe ist von Alternativvereinen zu sagen.)
      Diese „Alternativmedien“ beweisen täglich, dass sie keine Alternative anzubieten haben, da sie täglich ihre (lächerlich kleine) Macht gegenüber Andersdenkenden missbrauchen.
      Leider trägt ein großer Teil der Vereinsmitglieder bzw. Alternativmedienkonsumenten dieses Herrschaftsgebaren mit – es ist ja das Herrschaftsgebaren, mit dem sie (zumindest derzeit) übereinstimmen.
      Das Pendat auf etwas anderer Ebene zur Zensur ist die Intransparenz, insbeondere (aber nicht nur) die Intransparenz der Geldflüsse.
      Gruß in die Schweiz!

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      • Beat Wick schreibt:

        Mit einer Antwort hatte ich nicht im Entferntesten gerechnet und schon gar nicht mit einer solch verstehenden. Ich war total überrascht. Herzlichen Dank.

        Was „unser“ Orwell- resp. selbstüberwachender Foucault-Staat (Schweiz) anbelangt: Die Intransparenz ist allgegenwärtig. Nicht auf das Finanzielle beschränkt.
        Verzweifelt ist die Situation was die Meinungsfreiheit anbelangt. Durch Zufall am Beispiel des „linken“ „Alternativ“-Presseportals „Infosperber.ch“ resp. am Fall „Zumach“ dokumentiert (Siehe Link unten).

        Das ganze Geschehen ist leider etwas aufwändig zum nachvollziehen. Es wäre fantastisch wenn man das Kunststück fertigbrächte das Ganze irgendwie publik zu machen, zu verbreiten. An diesem Beispiel sind Menschen aus Deutschland und der Schweiz involviert. Deshalb wäre dies wohl auch für Menschen in Deutschland von Interesse.

        Bitte nehmen Sie die Übelkeit in Kauf und lesen Sie auch die Kommentare durch (Auch NRhZ und NDS kommen darunter vor). „Überall, wo du jetzt hinschaust, sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos“ (Daphne Caruana Galizia)
        https://senfundpfeffer.wordpress.com/2017/11/29/die-merkwurdigen-zensurkriterien-des-urs-p-gasche/

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  5. Pingback: Für einen Meinungsstreit, der alle Beteiligten bereichert – Folge 1 | opablog

  6. Lutz Lippke schreibt:

    Erst der Dialog von Clara S. mit Gilad Atzmon unter dem Titel: „Kommt ins Offene, Freunde!“ hat mich auf die Auseinandersetzungen mit rubikon und Elias Davidsson aufmerksam gemacht.
    Die Schmähungen und Abgrenzungen, sowie Versuche der Klärung sind ja bereits gelaufen. Der Schaden ist nicht zu übersehen. Als Ignorant dieser streitigen Zwischenstationen, aber dafür beeindruckter Leser der eingangs genannten Dialogserie, musste ich daraufhin meine Versäumnisse nachholen. Ich las einfach heute am 28.1.18 den Artikel von Davidsson vom 20.12.17 auf rubikon. Es mag etwas verspätet wirken, sich zur Sache zu äußern oder Partei zu ergreifen. Da mir aber jede Aufregung fernliegt und ich abgesehen vom dem Lesen Artikels von Davidsson und der genannten Dialogserie mit Atzmon keine Sachkenntnis und Emotionen zu Personen und Positionen habe, kann und muss ich mich auf logische Fragen des Konflikts beschränken.

    Der Artikel auf rubikon wird mit starken Worten eingeleitet.
    „Der Brunnenvergifter“ und „Über echte und vermeintliche Freunde des Friedens“
    Es geht Davidsson dabei um den Fall, faktisch die Falle Gilad Atzmon.

    Davidsson beruft sich zwar zu Beginn auf ein verlinktes Interview mit Atzmon, auf dem seine Ausführungen gänzlich beruhen sollen. Aber leider lassen seine Ausführungen keinen direkten Abgleich mit dem Interview zu. Der sicher versehentlich notierte Rollentausch zwischen Interviewten und Interviewern ist wohl nur ein erster Hinweis auf eine oberflächliche und unsaubere Arbeitsweise. Weitere Unklarheiten und Widersprüche finden sich auch ohne Prüfung der Fakten und Abhören des Interviews.
    Unter der Randnummer 1 geht es Davidsson um den Anspruch Atzmons zur Wichtigkeit einer freien Debatte über den Holocaust, um damit auch die Zukunft richtig beurteilen zu können. Diesem Anspruch stellt Davidsson den grundsätzlichen Kampf um Meinungsfreiheit gegenüber. Aus dieser Gegenüberstellung wird man nicht wirklich schlau. Ich interpoliere aus dieser Unklarheit den Vorwurf, dass die zielgerichtet begründete Forderung nach Debattenfreiheit zum Holocaust eine Gegnerschaft zur grundsätzlichen Meinungsfreiheit gelten soll. Meinungsfreiheit wäre demnach ein allgemeiner abstrakter Grundwert, der im Speziellen jedoch dem Vorbehalt einer Gesinnungsprüfung unterliegt. Wer diese spezielle Gesinnungsprüfung ablehnt, lehnt somit im Umkehrschluss auch den abstrakten Grundwert Meinungsfreiheit ab.

    Unter Rn 2 befasst sich Davidsson mit der Äußerung, dass der Holocaust das einzige Thema der Geschichte sei, das man nicht berühren dürfe. Im Grunde bestätigt Davidsson zumindest die Unberührbarkeit und verweist dazu auf die Rechte der Opfer des Holocaust und deren Hinterbliebenen. Denn ein Hinterfragen steht einer Verharmlosung und Relativierung des Verbrechens, sowie einer Schonung der Peiniger und Missachtung der Opfer gleich. Außerdem wäre gerade der Holocaust intensiv und gründlich erforscht und „berührt“ worden. Ohne konkrete Erklärung stellt Davidsson einen Bezug zu gesetzlichen Verboten der Holocaust-Leugnung her, von denen er aber selbst nicht viel hält. Als Indiz des Versuchs einer Verharmlosung des Verbrechens verweist er auf die Verwendung von „sogenannt“ im Zusammenhang mit Holocaust, deren Begründung aus verständlichen Gründen verschwiegen werde. Ob sich die verständlichen Gründe nun aus dem Verschweigen, aus dem Terminus „sogenannt“ oder dem Anspruch auf Berührbarkeit des Holocaust ergeben soll, lässt Davidsson aber offen.

    Sofort kommt Davidsson dann aber auf klassische Holocaust-Leugnung zu sprechen, die er in einem Zitat aus „Der Wandernde Wer?“ erkennt, ohne den Beleg in irgendeiner Form zu begründen. Stattdessen greift er die Behauptung, nämlich „das einzige Thema der Geschichte, das man nicht berühren dürfe“, noch einmal auf und wirft Atzmon das Verschweigen der Unterdrückung eines ganz anderen Themas vor, nämlich die Hinterfragung der offiziellen Legende von 9/11. Die Aufklärung von 9/11 sei nach Auffassung Davidssons für die heutige politische Realität aber gerade viel wichtiger. Diese Argumentationsfolge lässt viele verschiedene Deutungen zu. Ich versuche nah am eigentlichen Thema zu bleiben und entscheide mich dafür, dass wohl das Verschweigen der Hinterfragung von 9/11 eine klassische Holocaust-Leugnung belegen soll. Außerordentlich schwierig diese Logik.

    Für Davidsson ist klar, dass Atzmon sich nicht als Historiker und Experte für den Holocaust interessiert und davon keine Ahnung hat. Das so Einer das Recht auf Fragen einfordert und hierzu „alternative Fakten“ anführt, ist Davidsson offensichtlich ein Dorn im Auge. Es folgt auf diese Feststellung eine vollkommen unstrukturierte Abfolge von historischen Daten zum Holocaust, sowie zu Äußerungen von Atzmon. Ein schlüssiges Bild der Historie und der Tatsachenverleugnung durch Atzmon kann man den Versatzstücken nicht entnehmen. Zur wirklichen Ursache der Verbrechen führt Davidsson ein einziges Argument an, nämlich die „genozidale Gesinnung Adolf Hitlers, die er schon in „Mein Kampf“ deutlich zum Ausdruck gebracht hat“.

    Soll das etwa heißen, dass ein Buch eines wahnsinnigen Rassisten im Wesentlichen den Holocaust auslöste?

    Kein Hitler, Kein Buch, kein Holocaust?

    Was an dieser These noch zu untersuchen bleibt, ergibt sich bereits aus den Folgen. Ich greife nur einen von vielen Aspekten heraus, die Davidsson sogar selbst anreißt, nämlich die Entmenschlichung der Juden durch deutsche Gesetzgebung und Verordnungen.

    Wirklich alles aufgearbeitet?

    Weiß Davidsson nichts von der Verharmlosung der Rolle der NS-Justizkader in der BRD und deren Schutz durch skandalöse Rechtsprechung des BGH? Weiß Davidsson nichts von der „Akte Rosenburg“, für die erst ab 2012 die Akten des Bundesjustizministeriums vollständig gesichtet und analysiert werden konnten. Der Einleitung dieser Akte kann man entnehmen, dass faktisch erst lange nach 2000 in deutschen Institutionen überhaupt eine historische Aufarbeitung des Fortwirkens von NS-Kadern in der BRD erfolgte. Wer verharmlost hier eigentlich wen und was?

    Davidsson benennt sein persönliches Motiv für den Artikel so:
    „Als langjähriger Antizionist werde ich es nicht dulden, dass unser Kampf für einen gerechten Frieden in Palästina von psychopathischen Antisemiten zersetzt wird …“

    Gilad Atzmon ist wohl ein begnadeter Jazz-Musiker an Saxophon und Klarinette. Das bedeutet Offenheit für das spontane Wagnis von Improvisationen auf Disharmonien, vielfältigen Rhytmen und Arrangements. Das Notenblatt ist allenfalls Anregung, jedenfalls kein Dogma.

    Davidsson studierte dagegen Klavier, Harmonie, Kontrapunkt und Komposition, leitete eine Musikschule und war Kirchenmusiker. Seine Kompositionen von Übungsstücken für Kinder sind vom Verband deutscher Musikschulen empfohlen. Als Konzertmusiker war er wohl weniger erfolgreich.

    Als Musiker könnte das Profil der Beiden kaum gegensätzlicher sein. Möglicherweise wirkt dieser Gegensatz bei der Herangehensweise in politischen und ideologischen Fragen fort. Verschiedenheit und sogar Gegensätzlichkeit begründet jedoch keine Feindschaft. Zu tatsächlichen Gründen der feindseligen Zuweisungen im Artikel erfährt man von Davidsson jedenfalls nichts. Ein kleines 9/11?

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