Jüngst wurde in Berlin „Die Maßnahme“ (Brecht/Eisler) aufgeführt

Hier hatte ich es angekündigt. Tatsächlich wurden nur einige Teile des Werkes von Brecht/Eisler gebracht. Knapp die Hälfte des Textes, darunter wesentliche Teile, zumindest dieser Version, fehlten

Neben den rund hundert Sängerinnen und Sängern hatten sich vielleicht 150 oder 200 Interessierte auf dem Platz vor der Volksbühne eingefunden. Halb gespenstisch, halb modern wirkte das Gewusel der Leute mit den vielen LED-Stirnlampen.

Das Stück ist disparat. Es enthält einander widersprechende Bestandteile ohne sie in eine „dialektische Einheit“ zu führen. So lautet die Schlussapotheose, von argumentativem Beiwerk befreit:

DIE DREI AGITATOREN Dann erschossen wir ihn (unseren jungen Genossen) und Warfen ihn hinab in die Kalkgrube. Und als der Kalk ihn verschlungen hatte Kehrten wir zurück zu unserer Arbeit. SCHLUSSCHOR Und eure Arbeit war glücklich Ihr habt verbreitet die Lehren der Klassiker.

Brecht beweist hier (Das Stück wurde 1930! uraufgeführt.) hohe Sensibilität für den sich herausbildenden Stalinismus; ohne ihn jedoch begreifen zu können. Er liefert ein, wie ich finde, ungenießbares Amalgam der neuesten „realkommunistischer Axiome“ (die wenige Jahre später terroristischen Antibolschewismus begleiten) und zutiefst marxistischer, humanistischer Erkenntnisse Lenins. Ich vermute, dass Brecht gespürt hat, welche Missgeburt ihm „die Zeit“ ins Dichternest legte. Fünf Überarbeitungen und ein selbst ausgesprochenes Aufführungsverbot zeugen davon.

Die etwa zur gleichen Zeit niedergelegten prinzipiellen Einsichten und kämpferischen Positionen Martemjan Rjutins und seiner Genossen blieben dem deutschen prokommunistischen Intellektuellen unbekannt. Der kroatische Kommunist Ante Ciliga, seit 1926 für die jugoslawische KP bei der Komintern in Moskau, begann 1930, just zur Zeit der Uraufführung des Stückes, seine sowjetische Gefängnis- und Lager-„karriere“. Erst 1936 erschien (wenig beachtet) sein Erlebnisbericht in Paris (hier eine Besprechung der Neuausgabe von 2010), nachdem ihm noch Ende 1935 die Ausreise gelungen war.

Könnte uns, radikaldemokratischen Sozialisten, heute eine  Aufführung der „Maßnahme“ etwas nützen? Ich meine unter bestimmten Bedingungen „ja“. Sie könnte veranschaulichen, wie das Monster Stalinismus aus der „Baugrube“ der Revolution hervorkroch. Ein Regisseur mit Durchblick könnte vielleicht „Die Maßnahme“ als schwarze Komödie inszenieren.

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