Antibolschewismus. Nichtbolschewismus. „Neubolschewismus“.

In diesen Tagen wird viel der hundertjährigen Revolution gedacht. Oft wird sie „Russische Revolution“ genannt, oft „Oktoberrevolution“, kaum noch „Große Sozialistische Oktoberrevolution“. Unklar ist, ob die Nichtverwendung des letztgenannten Begriffs, vertiefter Forschung oder landläufigem Opportunismus geschuldet ist.

Das Gedenkgeschehen zeigt einige interessante Tendenzen. Wenn ich jetzt manche benenne, so spreche ich nur von meinem begrenzten Eindrücken und kann keine umfassende Analyse geben.

I

Antibolschewismus, Antikommunismus haben im offiziösen Gedenken ihren unverrückten zentralen Platz. (Ich spare mir Nachweise.) 25 Jahre nach dem Untergang des Realsozialismus mag das verwundern. Ich nehme es als Anzeichen der nach wie vor gegebenen Virulenz des Bolschewismus/Kommunismus. Gewiss sind diese Lehren keine unmittelbare Drohung aber sie scheinen doch so gewichtig zu sein, dass sie unentwegt präventiv bekämpft werden müssen.

Eine Spielart des Antikommunismus, die unsereins in den Zeiten des Kaltern Krieges mit besonderem Bedauern zur Kenntnis genommen hat, war der, der von Kampfgefährten aus dem Westen, Bundesgenossen zum Ausdruck gebracht wurde. Erstaunlicherweise ist mir dieses Phänomen in diesen Tagen wieder begegnet:

Ausgerechnet auf Ken Jebsens Portal hat der Finanzaufklärer Ernst Wolff eine „Tagesdosis Russische Revolution“ verabreicht, die von Unkenntnis, Verzerrungen und böswilligen Unterstellungen nur so strotzte. Zwei Tage später kamen im selben Format Susan Bonath und Alexander Kalex mit einer korrigierenden Darstellung zu Wort.

Auch im jüngsten Vortrag des verdienstvollen Aufklärers Rainer Mausfeld findet sich ein Seitenhieb gegen den Bolschewismus (Minute 54 bis 55), der zumindest von mangelnder Differenzierung zeugt. Dass zwischen Bolschewismus/Leninismus und Stalinismus Welten liegen, hat Prof Mausfeld offenbar nicht bemerkt.

II

Freilich teilt er diese begriffliche Unschärfe mit der Gruppe derer, die es weit von sich weisen, „weder links, noch rechts“ zu sein, sondern sich zu den entschiedensten unbeugsamen Linken rechnen. Das ist die Gruppe, die mein Freund Wolfram mit freundlichem Spott als „Ziegenhals-Fraktion“ bezeichnet. Natürlich gibt es bei ihnen keinen Antibolschewismus, eher etwas, das ich als Nichtbolschewismus bezeichnen möchte. Sie setzen unbedenklich und mit steigendem Nachdruck Stalinismus mit Bolschewismus gleich. Dass Stalin und Clique den „Altbolschewismus“, den Bolschewismus Lenins ausgerottet haben, wird ignoriert oder sogar bestritten. Stalinismus ist, in der Form vorgetäuschter Bewahrung und Realisierung, die Liquidation des Bolschewismus.

In den mir bekannten Gedenkveranstaltungen dieser Szene – DKP, KPD, Rotfuchs, Freidenker, GRH und Andere – hatte eine Melange aus Stalinbewunderung (Michael Kubi), Stalinrelativierung und Stalinismusbeschönigung einen festen Platz; bei gleichzeitigem Fehlen jeder qualifizierten Stalinismuskritik. Auf eine gründliche Würdigung Lenins, die durchaus eine historisch-kritische zu sein hat, wurde weitgehend verzichtet.

Vom Nichtbolschewismus im hier erläuterten Sinne war auch die Gedenkveranstaltung der RLS gekennzeichnet. Von „Transformationslinken“ hatte ich nichts anderes erwartet. Jedoch halte ich den Veranstaltern zu gute, dass in der zweitägigen Konferenz sehr unterschiedliche Standpunkte geäußert wurden, dass überwiegend solide wissenschaftlich argumentiert wurde und somit über weite Strecken eine „kulturvolle Debatte“ stattfand. Beiträge, wie der von Marcel van der Linden (Amsterdam): „Rückblick auf den realen Sozialismus im 20. Jahrhundert“ und Christoph Jünke (Bochum): „Die Geburt des sozialistischen Humanismus aus dem Geiste des Antistalinismus“ aber selbst die Ausführungen von Michael Brie zum Umgang mit dem Erbe Lenins waren faktenreich, logisch stringent und vermittelten weiterführende Ideen.

III

Den Begriff „Neubolschewmus“ oben habe ich in Anführungszeichen gesetzt. Er ist nicht ganz ernst gemeint. Eine Wiederkehr des Bolschewismus, eine Wiederkehr von Lenins Partei wird es nicht geben. Horst Schützler, der einen informativen Überblick über den gegenwärtigen Umgang in Russland mit der Oktoberrevolution gegeben hat, verweist darauf, dass nur (oder doch) 14% der Teilnehmer einer repräsentativen Befragung eine Neuauflage der Oktoberrevolution wünschen.

Was nach meiner Übersicht bisher KEINE der Gedenkveranstaltungen geleistet hat, ist, erstens: den „Glutkern dieser Revolution“ aufzudecken. Er besteht im Wechselspiel der Massen, die die Revolution brauchten mit den bolschewistischen Führern, exemplarisch und unersetzbar Lenin. Und zweitens: im „Herausoperieren“ dessen, was uns heute etwas lehren kann und im Ableiten heutiger Handlungsschritte.

Den Mangel benennen, heißt eine Aufgabe zu stellen. Für mich ist die natürlich viel zu groß. Aber einige Überlegungen werde ich formulieren.

 

Und Nachtrag:

Offenbar lohnt sich ein Besuch der Ausstellung des DHM zur Oktoberrevolution. Hier ein Bericht.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Krise, Leben, Lenin, Machtmedien, Materialismus, Mensch, Realkapitalismus, Realsozialismus, Revolution abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s