Stalinismus und Umgebung (8) – ein grundlegender philosophischer Gesichtspunkt

Die früheren Folgen meiner Auseinandersetzung mit dem Freidenker B, der argumentativ an einer Ehrenrettung Stalins arbeitet, finden sich hier.

B hat erfreulicherweise an einigen Stellen seine Position sehr zugespitzt formuliert. Das erleichtert es, zum theoretischen Kern unseres Streits zu kommen. Einige dieser „extremen“ Sätze (zitiert ohne den begleitenden Zusammenhang):

„Das Individuum an der Spitze ist bedeutungslos. Die Verhältnisse machen die Geschichte….

Und wer ganze Nationen versklaven will, begeht – selbst wenn er keine einzige Person tötet – ein größeres Unrecht, als jemand, der lediglich Individuen vernichtet, mögen derer auch mehrere Millionen sein….

Der Imperialismus, so verstehe ich Lenin, ist das allerschlimmste, allerreaktionärste. Jede gesellschaftliche Maßnahme darf nur unter einem Kriterium bemessen werden: Stärkt oder schwächt sie den Imperialismus?“

Hier wird nicht nur ein ABSOLUTES Auseinanderfallen von Verhältnissen der Menschen  und menschlichem Verhalten behauptet, es wird zugleich die völlige Bedeutungslosigkeit der einzelnen Individuen (und seien es auch Millionen) unterstellt.

Es versteht sich, dass eine so vorgestellte Dichotomie das gesellschaftliche System, die Gesamtheit der Verhältnisse, als gegeben hinnimmt und völlig unfähig ist (und offenbar auch unwillig) seine Entstehung (und mögliche Aufhebung) zu begreifen. Vor allem aber hat sie KEINERLEI BEGRIFF vom wirklichen Leben der Gesellschaft, von der Existenz und dem Kampf ihrer inneren Gegensätze. Widerspruchsverhältnisse, die allesamt willentliche energische Aktion von Individuen und Gruppen von Individuen sind! Ein beliebiger Betonklotz enthält mehr Spannung als dieses Denkmodell von Gesellschaft.

Dass B dieses (nicht) DENKEN, sondern in Wahrheit UNDENKEN über Gesellschaft mit einer expliziten Nullwertung des Individuums verbindet, kann ich mir nur aus der unausgesprochenen Absicht einer Stalinverteidigung um jeden Preis erklären (die aber nicht diesen Namen nennt, sondern geschichtsspekulativ-abstrakt daherkommt). Völlig klar, dass damit KEINERLEI begriffliche Basis bleibt, für so etwas „Abstruses“, wie etwa sozialistischen Humanismus oder Menschenrechte oder gar Emanzipation.

B ist zu danken, dass er die zentristische Schwurbelei manch anderer Freidenker, a la „Stalin kulturvoll diskutieren“, vermeidet und es mit seiner sozusagen brutalen Punktlandung erleichtert, die in jeder Hinsicht vormarxistische Theorieposition dieser Stalinverteidigung  bloßzulegen.

Die FEUERBACHTHESEN, vor mehr als 180 Jahren geschrieben, immerhin vor rund 130 Jahren veröffentlicht, haben in diesem Denken keinerlei Spur hinterlassen.

Aber noch einmal: Danke. Jetzt kleben wir nicht mehr an der historischen Monströsität der Verbrechen Stalins und seiner Clique, sondern wir haben uns zu dem (oder zumindest einem) geschichtsphilosophischen Schlüsseltheorem des Stalinismus-Debatte emporgearbeitet – zur praktischen Produktion der Geschichte durch lebendige Menschen in ihrem interessengeleiteten Handeln.

Mit dieser Fragestellung haben wir Lenins Wirken zu prüfen, zu studieren, um neu vom Genius der Revolution zu lernen aber auch, um über ihn in unserem heutigen Leben, der Zukunft zugewandt, hinauszugehen.

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2 Antworten zu Stalinismus und Umgebung (8) – ein grundlegender philosophischer Gesichtspunkt

  1. willi uebelherr schreibt:

    Lieber Klaus-Peter,
    ich glaube nicht, dass du von Lenin hier eine wichtige antwort fuer diese wichtige frage am schluss finden wirst. Auch wenn ich die frage anders formulieren wuerde, weil wir keine geschichte produzieren.
    Deine frage fuehrt dich notwendig zu Rosa Luxemburg. Aber auch zu Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin und vielen anderen.
    mit lieben gruessen, willi,
    Asuncion, Paraguay

    • kranich05 schreibt:

      Hallo Willi Übelherr,
      grundsätzlich begrüße ich jeden Hinweis auf Schriftsteller, Ideologen, Politiker usw, bei denen mensch glaubt, Antworten zu finden.
      Möge jeder seine Vorbilder und Weisheitsquellen suchen und erschließen.
      Wichtig ist, „was hinten ‚rauskommt.“ Nicht um die bloße Nennung großer Namen geht es, sondern welche Ergebnisse bringt ihre Befragung.
      Dieses Kriterium ist natürlich auch an die Beschäftigung mit Lenin anzulegen. Ich hoffe, dazu bald etwas ausführlicher zu werden.
      Lenin hat zumindest die Besonderheit, nicht nur Ideen geäußert, sondern praktisch-geschichtsmächtig erprobt zu haben.
      Gruß
      vom Opa.

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