An Alle! – 100 Jahre

Die „Himmelsstürmer von Petrograd“ wurden sie genannt. Vom „Kapitel 2 der Weltgeschichte“ war die Rede. Die Oktoberrevolution bewies, dass der ausgebeutete unterdrückte Mensch sich aufrichten, sein Schicksal packen und siegen kann.

Jahrzehntelang galt der Begriff: „Große Sozialistische Oktoberrevolution“. Vieles mussten wir seitdem lernen, vieles neu bewerten. Allzu viele lernten das Vergessen. Nicht wenige lernten gar nichts. Ich meine, dass der Begriff gültig bleibt.

Sozialistisch waren Anspruch und Programm der Revolutionäre. Sozialistisch waren ihre Taten am Tag, nachdem sie die Macht errungen hatten. Sozialistisch, trotz allem, war ihr Sieg gegen die Konterrevolution. Sozialismus war möglich 1922 als sie in die Mühen der endlosen Ebenen eintraten.

Nach sieben Jahrzehnten war die Revolution endgültig zerstört. (Damit es keine Missverständnisse gibt: Nicht der liebe Gott und nicht der Klassenfeind (obwohl einer von beiden kräftig mitgerührt hat) haben das dann aufgebaute System zerstört, das am Ende Realsozialismus genannt wurde. Revolutionäre und ihre Nachfolger, mit Stalin im Zentrum, haben das System zerstört.) Die Geschichte nahm den Punkt „Übergang zum Sozialismus“ vorerst von der Tagesordnung. Doch mir scheint, wie es Pyrrhussiege gibt, gibt es auch Pyrrhusniederlagen. Die Zerstörung der Leistungen dieser Revolution hat so viel Heroismus hervorgebracht (gerade habe ich an Martemjan Rjutins Beispiel erinnert), hat weltweit Massen von Menschen „erweckt“, hat so viele tiefe Lehren erteilt und schöpferische Fragen gestellt, dass das Feuer nicht nur im Untergrund glimmt, sondern sich die Revolution bald nach ihrem Untergang wieder zu erneuern beginnt. „Ja, du bist ein Grab, Jedoch ein Grab voll Auferstehungsdrang.“ Heute, knapp drei Jahrzehnte später, keine Friedhofsruhe mehr. Der Gedanke der Revolution flackert an vielen Stellen wieder auf.

Die Revolution und ihr Scheitern haben uns aufgetragen, die Dialektik von Materialität und Geistesmacht des gesellschaftlichen Menschen im Sinne der Feuerbachthesen von Marx heute in neuer, bisher nicht erreichter Höhe zu denken.

Beide, das Siegen und das Scheitern, erteilen uns den Denkzettel, der Lehre von der Revolution eine Lehre von der Konterrevolution an die Seite zu stellen.

An beide Aufgaben können wir uns herantasten, wenn wir uns in das Wirken Lenins wirklich vertiefen. Dann können wir die die innere Wahrheit und Logik der Revolution, von der damals in besten Stunden viele Revolutionäre beseelt waren, heute verstehen und vielleicht in unserer ganz anderen Zeit leben.

Die Revolution, ob sie zu Gipfeln springt oder in Ebenen, ja Sümpfen, dahinschleicht, lebt von den freien Menschen. Gemeint ist die Freiheit des Individuums! Unsere neue Revolution will, ob heute Zeiten der Stille sind oder Zeiten der Stürme werden, von freien Menschen in freiwilliger dauerhafter praktischer Gemeinsamkeit erprobt sein. Hier und jetzt. Tag für Tag.

Meinungsfreiheit, die bürgerlichen Freiheiten! Doch fast wichtiger als der freie Streit selbst erscheint mir seine Basis – die solide Informiertheit, die nicht ohne uneingeschränkte politische Transparenz ALLER Kommunikation, JEDER Organisation zu haben ist. Heute, zu jeder Stunde und an jeder Stelle.

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2 Antworten zu An Alle! – 100 Jahre

  1. Ira Maria Rohde schreibt:

    Beim Stichwort „100 Jahre“ fällt mir im wahrsten Sinne Siedend heiß der Holocaust an den Armeniern ein, 1915 und 16, der unvorstellbar viel schrecklicher war als es der deutsche jemals hätte sein können. „Aghet“ anschauen, DRINGEND!!!! Warum wird das geleugnet und warum werden wir so UNFASSBAR BELOGEN!!!!?????

  2. Dian schreibt:

    … eine Bemerkung von Sebastian Haffner (1939) zu den manchmal durchaus wohlwollenden Wissenden, dass das ja alles »scheitern musste«: »Es gibt eine Art, recht zu behalten, die blamabel ist und nur dem Gegner zu unverdienter Glorie verhilft.« (geschrieben von Christian Klar in jW: https://www.jungewelt.de/artikel/320757.die-plage-der-linken.html )

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