Das geschah am 4. November 1936.

An diesem Tag, heute vor 81 Jahren, wandte sich der Häftling Martemjan Nikititsch Rjutin mit einer schriftlichen Erklärung an das Präsidium des Zentralexekutivkomitees der UdSSR.

Rjutin, Bolschewik seit 1914, jahrelang führender Moskauer Parteifunktionär, Kandidat des ZK der KPdSU, verbüßte seit Oktober 1932 eine durch das Kollegium der OGPU verhängte zehnjährige Haftstrafe als Anstifter „der weißgardistischen konterrevolutionären Gruppe Rjutin-Slepkow„. Mehr zu Martemjan Rjutin hier und hier.

Im Oktober 1936 wurde Rjutin aus einem Internierungslager im Ural nach Moskau überführt und aufgrund der früher verfassten Materialien (die seiner Verurteilung zugrunde lagen u .a. „Manifest und Aufruf des Bundes der Marxisten-Leninisten“) erneut beschuldigt, nunmehr des Terrorismus.

Diese Beschuldigung wies Rjutin in seiner schriftlichen Erklärung detailliert in zehn Punkten zurück und bezeichnete die Absicht, ihn für bereits verurteilte Taten erneut zu bestrafen als „ungesetzlich, unbegründet und ungerecht“, als „ungeheuerlich“. (Alle folgenden Zitate aus Rjutins Erklärung entnehme ich: „Schauprozesse unter Stalin. 1932-1952“, Berlin, 1990, Seite 21ff.) Er verwies darauf, dass höchste Partei- und Staatsorgane, angefangen mit dem Politbüro, seine langjährige Haftstrafe geprüft und bestätigt hätten. Die neuen Anschuldigungen seien „offensichtlich voreingenommen“, seien absurde neue Interpretationen. Sie seien „absolut gesetzwidrig, willkürlich und ungerecht.“ Er schrieb: Die gegen mich erhobene Beschuldigung wird

„ausschließlich von Verbissenheit und dem Durst nach einer neuen und diesmal blutigen Abrechnung mit mir diktiert. Ich habe mich natürlich kategorisch geweigert und weigere mich weiter, jegliche Aussagen zu der gegen mich erhobenen Anklage zu machen. Ich beabsichtige nicht, mich selbst zu verleugnen, und ich werde dies nicht tun, koste es, was es wolle.“ 

Rjutin, wie tausende andere, wurde niemals zu einem der wieder und wieder verbogenen und gebrochenen Spitzenfunktionäre, die Stalin in Schauprozessen zur letzten Demütigung der Weltöffentlichkeit präsentierte. Rjutin verteidigte sich nicht. Er klagte an:

„Zu all dem Gesagten halte ich es abschließend für notwendig hinzuzufügen, daß die gegen mich angewendeten Untersuchungsmethoden selbst auch völlig gesetzwidrig und unzulässig sind. Bei jedem Verbot droht man mir, schreit mich an wie ein Tier, man beleidigt mich, und schließlich läßt man mich nicht einmal die Verweigerung der Aussagen schriftlich begründen … sondern gestattet nur zu schreiben, „ich verzichte darauf Aussagen zu machen“, ohne jede Begründung, was offensichtlich das Ziel verfolgt, nach Erhalt einer solchen unbegründeten Verweigerung diese dann so auslegen zu können, wie es für denjenigen, der die Untersuchung durchführt, am vorteilhaftesten ist. Damit werden die elementaren Rechte eines Untersuchungshäftlings verletzt,… Das alles zusammengenommen grenzt an Aussagenerpressung.“

Rjutin erklärt, dass er den Tod nicht fürchtet. Und er erklärt im voraus, dass er „nicht einmal um Begnadigung bitten werde“, nicht um Vergebung oder Milderung, wenn er als Unschuldiger verurteilt wird. Er bittet seine früheren Genossen Revolutionäre um Schutz vor dem Unrecht und schließt mit den stolzen hoffnungslosen Worten:

„Falls mir dieser Schutz nicht gewährt wird, werde ich erneut gezwungen sein, mich dann mit den Mitteln zu verteidigen, die in solchen Fällen einem wehrlosen, rechtlosen, an Händen und Füßen gebundenen, gänzlich von der Außenwelt abgeschirmten und unschuldig verfolgten Inhaftierten einzig und allein zur Verfügung stehen.“

4. XI. 1936

Moskau, Sonderhaftanstalt des NKWD                                                            M. Rjutin

 

Am 10. Januar 1937 wurde Martemjan Rjutin ohne Anklage und Verteidigung in einem Geheimverfahren – es dauerte von 11:35 Uhr bis 12:15 Uhr – zum Tode verurteilt und am selben Tag erschossen.

Rjutins Sohn Wassili (geb. 1910) kam 1937 im Lefortovo-Gefängnis um.

Rjutins Sohn Wissarion (ge. 1913) wurde 1937 in einem Lager in Zentralasien erschossen.

Rjutins Bruder wurde erschossen (trotz einer persönlichen Bitte von Krupskaja an Stalin)

Rjutins Witwe Jevdokia M. Rjutina kam 1937 (oder 1947?) im GULAG in Karaganda um.

Rjutins Tochter Ljubow überlebte und beantragte 1956 nach dem XX. Parteitag die Rehabilitierung Rjutins. Diese wurde verweigert.

Am 8. Juni 1988 wurde das Urteil gegen Martemjan Rjutin aufgehoben und am 13. Juni 1988 wurden er und alle seine Genossen rehabilitiert.

Die sogenannte Rjutin-Plattform wurde 1990 in fünf Teilen in Iswestija ZK – KPSS nach einer Kopie veröffentlicht. Das Original wurde bisher noch nicht gefunden. Eine englische Übersetzung wurde 2010 veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung existiert nicht. (Quelle1) (Quelle2)

1992 erschien in Moskau „Na koleni ne vstanu“ („Nicht auf den Knien“), ein Sammelband von 349 Seiten von und über Martemjan Rjutin. Eine deutsche Ausgabe gibt es nicht.

Stalin wollte seinen Feind, dessen Familie und jede Erinnerung an ihn vernichten. Fast wäre es ihm gelungen.

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3 Antworten zu Das geschah am 4. November 1936.

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Pardon, ich muss jetzt mal stören und auf Aktuelles aufmerksam machen:
    https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/59763-humanitare-hilfe-nur-fur-oppositionsgebiete/
    und
    Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld am 22. Oktober 2017 beim 28. Pleisweiler
    Gespräch:

    Wer meint, Mausfelds Vorträge zu kennen, der erfährt Neues ab:
    Minute 58:30 Was ist global an der Globalisierung oder
    Std. 1:16 Das Ende der Ideologie (hierbei habe ich viel gelernt)
    Std. 1:30 Das Recht wird heute privatrechtlich hervorgebracht
    1:33 Die Verwaltung und Disziplinierung der Irrelevanten
    1:38 Was machen wir mit den ökonomisch Überflüssigen?
    1:46 Die Schaffung eines Systems der organisierten
    Verantwortungslosigkeit (teilw. schon bekannt)
    1:54 Hayek „Auch der Faschismus ist als Notbehelf des
    Augenblicks tragbar.“
    1:58 Chomsky Was können wir tun? Und wer zum Teufel tut es?“

    • Lutz Lippke schreibt:

      Danke für diesen Hinweis!
      Der Vortrag von Mausfeld gibt mir gleichermaßen Anlass für kritische Selbstreflexion wie auch für Selbstbestätigung. Als wichtigen Punkt möchte ich noch den Hinweis von Mausfeld auf die Arbeiten von Ingeborg Maus ergänzen. Ich denke es lohnt sich deren Arbeiten zu Demokratie und Recht zu studieren.

  2. Pingback: An Alle! – 100 Jahre | opablog

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