Konflikt mit Konsequenzen (II)

Wie im ersten Beitrag dieser Folge angekündigt, soll von der „heftigen Auseinandersetzung“ berichtet werden. Vor allem aber geht es um weitergehende Überlegungen.

Das Berichten bedeutet eine schwierige Balance zwischen Konkretheit (also etliche Einzelheiten nicht aussparen) und Verallgemeinerung (also auf überflüssige Einzelheiten verzichten).

Um der Klarsicht willen, informiere ich zunächst über den (vorläufigen) Endpunkt der geführten Auseinandersetzungen, nämlich meinen erklärten Rückzug von Wahlverpflichtung und Aktivität in der Organisation, der ich angehöre. Es ist ihrem Anspruch nach eine radikal-humanistische Organisation, deshalb kürze ich sie mit „rhO“ ab. (Meinen Begriff des „radikalen Humanismus“ sehe ich in Übereinstimmung mit der Lehre und Praxis von Marx, Engels und Lenin.)

Aus meiner (redaktionell bearbeiteten) Abschlusserklärung gegenüber der rhO:

In Anbetracht, der erbetenen und gesuchten und offenbar bisher nicht gefundenen Antwort (was freilich auch eine Antwort ist), habe ich mich entschieden, mit sofortiger Wirkung von meiner Wahlfunktion … zurückzutreten. Den Grund definiere ich so und nicht anders: Er besteht darin, dass die rhO „keine unzweideutige VERURTEILUNG DER VERBRECHEN STALINS und weiterer stalinistischer Führer zu Stande bringt“.

Ich stehe nicht für eine rhO, die einen „wissenschaftlichen Meinungsstreit“ oder eine „kulturvolle Diskussion“ darüber führen will, ob Stalin Verbrechen begangen hat und/oder ob diese zu verurteilen seien.

Ich habe soeben das, worauf es mir besonders ankommt, durch Großbuchstaben hervorgehoben, weil mir Gespräche gezeigt haben, dass die Schwierigkeit schon damit beginnt, diese Wortgruppe überhaupt wahrzunehmen. „VERURTEILUNG DER VERBRECHEN STALINS“ ist für mich etwas sehr Bestimmtes und inhaltlich verschieden von „Stalin-Diskussion“ oder „Stalin-Kontroversen“, also dem Streit um die Einschätzung der Stalin- und Nachstalin-Jahrzehnte in ihrer Gesamtheit oder in einzelnen Details.

Mein Rücktritt hat zur Folge, dass ich alle meine Aktivitäten in der rhO einstelle. Das bedaure ich, weil ich mit Menschen zusammenarbeiten konnte, die ich hoch schätze und weil ich recht viele dieser Aktivitäten als sinnvoll und befriedigend erlebt habe.

Die ideologische Auseinandersetzung, etwa mit Leuten, die „Neu-Stalinismus“, „Restalinisierung“ und dergleichen vertreten, führe ich natürlich weiter. Notgedrungen wird das außerhalb der Grenzen der rhO sein, weil sie keine Plattform des freien öffentlichen Meinungsstreits bietet.

Zur Verdeutlichung: Ein Beispiel solcher Restalinisierung sehe ich gegeben, wenn die Behauptung aufgestellt wird, Herr Kubi habe neue, bisher geheime Dokumente der Stalinzeit ausgewertet und sei zu Erkenntnissen gelangt, die eine Neubewertung Stalins möglich und notwendig machen.

Herrn Kubis bisher einziges Werk mit wissenschaftlichem Anspruch: „Die Sowjetdemokratie und Stalin. Theorie und Praxis in der Sowjetunion 1917 – 1953“, veröffentlicht 2015 und online verfügbar, gibt Gelegenheit, die Substanz solcher Behauptungen zu prüfen. Sein Literaturverzeichnis weist 154 Einträge auf. Unter diesen sind

– Primärquellen bisher geheimer Dokumente – 0 (Null)

– Veröffentlichungen russischer Autoren zwischen 1990-2015, die bisher geheime Dokumente ausgewertet haben – 2 (zwei)

– Veröffentlichungen mit Erscheinungsort Moskau – 0 (Null).

Ein enormes Übergewicht hat englischsprachige Literatur und zwar betagte (Erscheinungsdatum überwiegend zwischen 1930 und 1953). Vieles läuft auf „Bestätigung der Stalin’schen Selbstauskünfte oder der klassischen Apologetik der 1950er Jahre“ (Kellermann) hinaus.

Unvermeidliches Resultat: Unter 532 Zitaten, die dieser „Zeichner eines ganz anderen, differenzierteren Stalinbildes unter Verweis auf die in Moskau inzwischen geöffneten Geheimarchive“ nachweist, gibt es nicht ein einziges Zitat, das direkt aus einer solchen Primärquelle stammt und ganze zwei, die aus Arbeiten anderer russischer Autoren übernommen wurden.

Warum werden diese Tatsachen verschwiegen und der Eindruck ihres Gegenteils erzeugt?

Mein „Mantra“, das ich gern wiederhole, bleibt, dass die Neuerarbeitung und -aneignung des Lebenswerks von W. I. Lenin (natürlich in Übereinstimmung mit dem Werk der anderen großen Humanisten Marx und Engels) unverzichtbar ist, um aus der heute allgegenwärtigen Desorientierung der Linken herauszufinden. (In diesem Zusammenhang möchte ich meinen an anderer Stelle gemachten Vorschlag, die rhO möge ohne Zeitverzug ein Broschüre „Lenin“ herausbringen, dahingehend präzisieren, dass dies tunlichst eine Broschüre doppelten Umfangs und Gewichts gegenüber dem Üblichen sein sollte.)

Voraussichtlich werde ich in weiteren Postings einerseits über bestimmte Eckpunkte der geführten Auseinandersetzungen informieren, andererseits und noch mehr möchte ich aber nach Kräften dazu beitragen, das Erbe Lenins für die heutigen Auseinandersetzungen fruchtbar zu machen.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Demokratie, Krise, Lenin, Materialismus, Realkapitalismus, Realsozialismus abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Konflikt mit Konsequenzen (II)

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Lieber Kranich 05,
    dieser Beitrag von Prof. Rudolf Hickel in den NachDenkSeiten
    vom 16. September 2017
    https://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=40105
    ist für mich Anregung jetzt endlich einmal Marx’s Werk zu lesen,
    anstatt nur Interpretationen davon.

    Wenn es gelänge, mir ebenso knapp und überzeugend darzulegen,
    warum Lenin’s Texte f ü r u n s e r e h e u t i g e Situation
    ähnlich bedeutsam seien, (entweder zu Problemlösungszwecken,
    zur Erarbeitung von demokratischen und gemeinwohlorientierten
    Gesellschaftsmodellen, oder auch nur zu Verständigungszwecken
    zwischen den vielen verwirrenden linken Strömungen) könnte ich
    mir vorstellen, mich einmal damit zu befassen.

    • kranich05 schreibt:

      Liebe Frau Bruckmann,
      „Marx’s Werk“ zu lesen, ist ein erfreulicher Vorsatz. Eine Schwierigkeit ist, dass „das Werk“ ziemlich groß ist – 😉 – eine andere die Fachsprache.
      „Marx-Lektüre“ ist ein populärer Slogan. „Marx“ kann nicht zuletzt auch als akademischer Gegenstand behandelt werden.

      Mit Lenin ist manches einfacher und manches schwieriger. Über weite Strecken hat er eine politische Sprache (kein „Politikersprech“), einer sehr lebendige. Das macht ihn verständlich.
      Sein Hauptwerk und -wirken ist kein theoretisch-systematisches, sondern ein praktisches. Das heißt, dieses Werk kann nur in seinem konkreten Bezug zur jeweiligen Historie/Praxis begriffen werden. Und muss dann noch für uns heute wirklich verallgemeinert und erschlossen werden. Das dürfte, inzwischen sind 100 Jahre vergangen, eine legitime Anforderung sein.
      Ich würde mich Lenin Schritt um Schritt über Geschichte und Geschichten nähern. Was das konkret heißt, müsste ich mal überlegen:
      Z. B. Gorkis biografische Skizze über Lenin lesen.
      Eigentlich muss man das Russland seit Ende des 19. Jahrhunderts verstehen. Das kriegt man hin durch lauter Lesegenuss:
      Tschechow, Gorki- „Klim Samgin“ und dann den ganzen Andrej Platonow – „Baugrube“, „Tschwengur“ aber auch viele einzelne Erzählungen.
      Das ist der Boden Lenins + seine westeuropäische Bildung. So könnte ein Schuh draus werden.
      Herzliche Grüße
      kranich05

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke, danke, lieber Kranich 05,
    die Wissenslücken werde ich wohl lieber mit ins Grab nehmen.

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  4. Pingback: Stalinismus und Umgebung (5) – Freidenker B und O in fortgesetztem Dialog(versuch) | opablog

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