Ins eigene Stammbuch

Von wessen eigenem Stammbuch ist die Rede? Vom Stammbuch der revolutionären Sozialisten, der revolutionären Linken, der einzigen, die radikal-emanzipatorisch ist bzw. war.

Fixpunkte dieser Linken sind Marx, Engels und Lenin und zwar unbedingt in ihrer Einheit. Ihre Lehre und Praxis hat – im Ganzen gesehen – die Prüfung der Geschichte bestanden

Die Lehren und praktischen Wege, die von M E und L vertreten und begangen wurden, wurden von den Kampfgefährten und Nachfolgern (in Wahrnehmung ihrer Willensfreiheit) liquidiert und zwar auf zwei Arten:

  • in Formen der Sozialdemokratisierung
  • in Formen der Stalinisierung bzw. des Realsozialismus.

Eine Besonderheit der zweitgenannten, zutiefst widersprüchlichen Liquidationsform war das Weiterbestehen und auch Neuaufkeimen von Elementen des revolutionären Sozialismus, die aber den allmählichen Niedergang und schließlich Untergang des Systems nicht verhindern konnten.

Der Untergang des Realsozialismus als Weltmacht war, nachdem der Weg von M, E und L sichtbar verlassen wurde (also etwa ab 1928/29) unvermeidlich. Das hat Trotzki richtig erkannt. Jedoch gab es für eine Alternative außerhalb des Gravitationszentrums, das die Sowjetunion mit dem Schub der siegreichen Oktoberrevolution bildete, keine Chance.

Der Untergang des Realsozialismus war eine notwendige Bedingung für das Entstehen einer der Jetztzeit entsprechenden, qualitativ höheren Stufe des revolutionären Sozialismus; eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung.

Diese qualitativ höhere Stufe hat sich auf den vorhandenen Trümmern des revolutionären Sozialismus bis jetzt nicht erhoben. Die Menschen mit dem entsprechenden Bezug, Hintergrund und (subjektiven) Streben sind bis heute unfähig, das historisch Notwendige zu tun.

Sie haben nicht die fertigen Antworten, was verständlich ist. Sie sind aber auch unfähig, einen systematischen Prozess der Erarbeitung der notwendigen Antworten in Gang zu bringen. Infolge dessen ist die Position des revolutionären Sozialismus in den Kämpfen der Zeit auf Meinungsbekundungen einzelner Stimmen (von Außenseitern) reduziert und als Position mit politischem Gewicht nicht vorhanden. Von Hegemonie ganz zu Schweigen. (Das dürfte weniger sein als Zimmerwald 1915.)

Die Ursachen für diesen nicht nur unbefriedigenden, sondern auch gefährlichen Zustand habe ich bis jetzt nicht verstanden. Ähnelt unsere Situation nicht der Zeit als Lenin verstummte (in gewisser Hinsicht: Zum Schweigen gebracht wurde)? Die Zukunft lag auch damals dunkel, verworren, gefahrvoll vor den Menschen – eine Orientierung, zwar knapp aber tragfähig, war vorhanden – die (maßgeblichen) Menschen vermieden energisch, ihr zu folgen.

Ich meine, dass der neue revolutionäre Sozialismus

  • den materiellen Charakter der (antagonistischen) Gesellschaftsspaltung tiefer begreifen muss – den Klassenbegriff als Spezialfall in sich aufnehmend aber den Ausbeutungsbegriff ins Zentrum rückend
  • den Herrschaftsbegriff tiefer fassen muss. Nach wie vor gilt: Herrschaft stellt letztlich die Frage: „Tod oder Leben“. Instrument der Herrschaft – vielleicht ist das neu – ist ALLES.
  •  Menschliche Befreiung gibt es nur als gemeinsame Selbstbefreiung („Ermächtigung“) der Individuen (die Individuen in ihrer ganzen wirklichen sozialen Geformt- und Gebundenheit verstanden). „Befreier“, „Aktivisten“, „Berufsrevolutionäre“ usw. können nur Moderatoren dieses gesellschaftlichen, nur bei völliger politischer Transparenz möglichen Vorgangs sein. „Moderator“ könnte man hier mit „Verknüpfer“, „Verbinder“ übersetzen.

Es ist die Funktion der revolutionären Linken die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft zu beantworten. Kann sie diese Antwort nicht geben, bleibt die Frage offen.

Und Zukunft findet nicht statt.

PS: Wenn ich die Ursachen für den oben erwähnten „nicht  nur unbefriedigenden, sondern auch gefährlichen Zustand“ nicht begreife – den Zustand, der darin besteht, dass ein „systematische(r) Prozess der Erarbeitung der notwendigen Antworten“ nicht in Gang kommt – wenn ich dessen Ursachen nicht begreife, müsste dann nicht das Gespräch mit Gleichgesinnten über genau diesen „weißen Fleck“, dieses „schwarze Loch“ der erste Schritt sein?

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Materialismus, Realkapitalismus, Realsozialismus, Revolution abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ins eigene Stammbuch

  1. Chemnitzer schreibt:

    Das „Gespräch mit Gleichgesinnten“ suche ich seit 12 Jahren in der LINKEN in Sachsen; dort sah man sich veranlasst ein Parteiausschlussverfahren gegen mich in Gang zu setzen, ohne mir zu sagen wer eigentlich (anscheinlich der Kreisverband, aber wer ist das?) meinen Ausschluss will und warum. Sie haben das nicht begründet und auf meine diesbezüglichen Anfragen auch nicht geantwortet. Ich bin danach freiwillig ausgetreten mit der Folge, dass niemand in dieser Partei meine Emails lesen möchte, die kommen zurück mit dem Vermerk „Wir wollen deine Post nicht“.

    Diese Partei scheint nur noch als leere Hülle zu existieren. Allerdings beschäftigen sie Menschen und verteilen Gelder.

  2. Chemnitzer schreibt:

    Es fehlt ein „systematische(r) Prozess der Erarbeitung der notwendigen Antworten“

    So einfach wie möglich ausgedrückt:
    – es bedürfte einiger zeitgenössischer Lenins und Trotzkis, mit dem Wissen und der Erfahrung von 1917 und der vollendeten Kenntnis der Technologien von heute
    – dazu eine geeignete Organisation, die Interessen und psychosoziale Bedürfnisse der Menschen nicht nur berücksichtigt sondern lebendig zum Ausdruck bringt
    – umfassendes Problembewußtsein der real existierenden Verhältnisse zu mindest bei einem Kern (dem Nukleus), an den sich Interessierte und normale Menschen „anlagern“ können
    – Vertrauensbildung in den Gruppen durch radikale Selbstlosigkeit, Uneigenützigkeit und gelebten Gemein(wohl)sinn der Gründer und Organisatoren

    Am ehesten wäre das in bestehenden Gemeinschaften, Kommunen und Siedlungen der experimentellen Gesellschaftsgestaltung initialisierbar und umsetzbar, aber gerade dort wird meist eine Realitätsflucht betrieben ohne die nötigen Ambitionen sich mit Politik an sich zu beschäftigen

    Allgemein ist uns klar, dass für diese disziplinierten und sachlichen Austausch zwischen Menschen, die Technologie eine Hilfe sein kann, aber real ein Hindernis darstellt:
    1. Nicht nur die Klassiker auch alle dafür relevanten Bücher des Zwanzigsten Jhrdt. müssten gelesen und verstanden werden. Hier ist das Internet ein maßgeblicher Zeitfresser und Zerstreuer der Konzentration.
    2. die Technologie macht abhängig, hilflos, entfremdet, schüchtert die Menschen ein,macht die Menschen in letzter Konsequenz überflüssig, siehe die „Antiquiertheit des Menschen“, Günter Anders
    3. Total-Überwachung und Ausforschung der Motive und geheimsten Gedanken der Menschen mittels moderner Technologie wirkt lähmend und entpolitisierend auf uns alle.

    Vielleicht sollten wir damit anfangen, die Rolle und die Auswirkung von Technologie und wissenschaftlich-technischer Forschung in unserer heutigen Gesellschaft zu beschreiben.

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