In der Wirrnis der Zeit…

… schreibt Thierry Meyssan einen ganz  und gar erhellenden oder hellsichtigen kleinen Artikel.

Heute – 27.4. – einige Bemerkungen dazu:

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„Wir erleben eine historische Wende in Frankreich, in der das ehemalige politische Spektrum auseinander fliegt und wo eine neue Kluft auftaucht.“ – Bereits der erste Satz ordnet das Geschehen in die Perspektive des Epochenbruchs ein. ALLES – davon bin ich überzeugt – muss heute in diese Perspektive eingeordnet werden. Doch wie? Bei Analitik findet sich gerade ein schockierendes Beispiel, wie ein Hardcore-Zionist den Epochenbruch versteht (bzw. glauben machen will, wie er zu verstehen sei).

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„die Franzosen … klammern sich an rote Linien, die nicht mehr existieren.“ – Wir alle, das allgemeine (Un)-Bewusstsein (und in besonderem Maße das Denken der „Linken“, das weitgehend ein unlebendiges ist) klammert sich an Strukturlinien, die nicht mehr gültig sind. Worin die NEUEN Strukturlinien bestehen, wer wie darüber bestimmen sollte und welche Risiken das Klammern an die alten mit sich bringt – das ist weitgehend unklar.

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„auf der einen Seite, die ganze herrschende Klasse, praktisch ohne Ausnahme, auf der anderen, eine aus von überall zusammengelaufenen Leuten bestehende Partei, überwiegend Proletarier, deren zwei Drittel von rechts kommen und ein Drittel von links.“ – Das ist ein vorurteilsfreier Blick auf die tiefgreifende Klassenspaltung: Die herrschende Klasse vereint („praktisch ohne Ausnahme“), die Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten („überwiegend Proletarier“) in ihrer ganzen realen Hässlichkeit („zusammengelaufene(n) Leute(en)“, „zwei Drittel von rechts… ein Drittel von links“).

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„Nun, ob es unseren Vorurteilen entspricht oder nicht, ist die Einstimmigkeit der Geld-Mächte aber das grundlegende Merkmal der faschistischen Parteien.“ – Ein markanter Satz, den ich – ich gebe es zu – noch nicht ganz verstehe/teile. Ich muss ihn für mich noch weiter prüfen.

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„Diese Einstimmigkeit des Großkapitals ist immer von einer Einheit der Nation begleitet, die die Unterschiede verwischt.“ – Ein goldener Satz, wem fällt da nicht der berühmte Spruch von Willem zwo ein. Die Verzwicktheit in der heutigen (Soros-)Wirklichkeit besteht darin (Meyssan erinnert an zwei Beispiele), dass die wesentlichen Unterschiede (genauer: die tiefen Klassengegensätze) durch das „In den Himmel heben“ ALLER, auch der nebensächlichsten Unterschiede verwischt und im Bewusstsein ausgelöscht werden.

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„…dass der Front National von heute absolut nichts mit diesen Leuten gemein hat“ – Diese Einschätzung nehme ich entgegen, ohne sie selbst geprüft zu haben. Bemerkenswert ist jedenfalls die Bereitschaft Meyssans, nicht an alten Kategorisierungen zu kleben, sondern die Einschätzungen des Tages, hier bezogen auf FN, an die Veränderungen des Lebens anzupassen. (Das hat Lenin IMMER so gemacht.) Beiläufig verweist M. auch noch auf Fragwürdigkeiten der alten Einschätzungen, etwa wenn er den „Leutnant Jean-Marie Le Pen“ zum „schrecklichen Innenminister(s) François Mitterrand“ in Beziehung setzt.

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„Niemand erinnert sich, dass 1940 ein faschistischer Minister, General Charles De Gaulle, den „Waffenstillstand der Schande“ mit Nazi-Deutschland verweigerte.“ – Diese und die weiteren Passagen über de Gaulle sind für mich (Für wen nicht?) beste und dringend notwendige Nachhilfe in Geschichtswissen.

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„Europäische Union… eine supranationale Organisation, die auf dem Nazi-Modell von der „neuen europäischen Ordnung“ beruht, gegen die Sowjetunion und heute gegen Russland“ – Auch hier bringt M. Fakten, die ich selbst nicht detailliert genug kenne, doch „mir schwant“, dass er genau richtig liegt.

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„Ebenso wie im Jahr 1939, als nur wenige Kommunisten den Anweisungen ihrer Partei trotzten um den Widerstand aufzunehmen, sind heute nur wenige Anhänger von Jean-Luc Mélenchon bereit, diesen Schritt zu wagen. Aber nach dem Nazi-Angriff auf die Sowjetunion, unterstützte dann die ganze kommunistische Partei De Gaulle und bildete die Mehrheit des Widerstandes. Es besteht kein Zweifel, dass in den nächsten Jahren Mélenchon an Seiten von Le Pen kämpfen wird.“ – Ein Bezug auf Stalin, nicht als Teil akademisch-linken Streits, sondern aus unserer politischen Praxis heraus. Eine weitere Bestätigung für mich, dass es ein Knotenpunkt ist, dass wir aus „Stalins langem Schatten“ heraustreten und endlich wieder bei Lenin (und Marx, Engels heute sind ohne Lenin nicht zu haben) ankommen.

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„Emmanuel Macron wird nie die Leute verstehen, die sich gegen die Herrscher ihrer Heimat auflehnen“ – Ja, die Kommunisten müssen kapieren, dass sie mit äußerster Entschiedenheit „gegen die Herrscher ihrer Heimat“ aufstehen müssen. Kommunisten machen das, anders als Rechte, indem sie als Patrioten zugleich Internationalisten sind.

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2 Antworten zu In der Wirrnis der Zeit…

  1. Joachim Bode schreibt:

    Natürlich ist es das (durchsichtige) Bestreben der Mainstream-Medien und der dazu passenden Politiker, die doch ziemlich beachtlich gewordenen politischen Unterschiede zwischen Jean-Marie Le Pen und dessen Tochter und Nachfolgerin Marine Le Pen zu negieren.
    In einigen ganz wichtigen – nicht allen! – Fragen vertritt die derzeitige Vorsitzende des FN nämlich Positionen, die den Interessen der neoliberalen US-hörigen Eliten strikt zuwider laufen. Da ist es einfacher, solch ´gefährliche` Bestrebungen mit dem traditionellen Etikett des extremen Rechtsradikalismus zu versehen und auf die vormals umfassend berechtigten Vorbehalte der Wähler zu setzen.
    Ich erinnere mich jedenfalls gern an die Rede von Frau Le Pen vom 7.10.2015, die sie im Europaparlament gehalten hat – und die dazu passende Mimik von „Madame Merkel“ und ihres ebenfalls anwesenden `Vizekanzlers` Hollande….. https://www.youtube.com/watch?v=Vzck93VSOWw .

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke für diesen Hinweis auf Meyssans Artikel.
    Interessant dazu auch Jens Berger in den NachDenkSeiten:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=37989
    Hervorzuheben ist dieser Abschnitt:

    ‚Die Sozialisten tragen die Verantwortung
    Machen wir doch mal ein kleines Gedankenspiel. Was wäre passiert, wenn Benoit Hamon, der komplett aussichtslose Kandidat der Sozialisten, vor der ersten Wahlrunde seine Wähler aufgerufen hätte, ihre Stimme aus taktischen Gründen doch lieber dem inhaltlich ganz ähnlich aufgestellten linken Kandidaten Jean-Luc Melénchon zu geben und die Sozialistische Partei (PS) dafür bei den Parlamentswahlen im Juni zu wählen?… Nach den britischen und den deutschen Sozialdemokraten haben auch die französischen Sozialisten, so der französische Philosoph Didier Eribon, „mit ihrer Verbeugung vor dem Neoliberalismus die Grundsätze von Sozialismus und Sozialdemokratie verraten“, „damit das Band zwischen der Arbeiterklasse und den linken Parteien zerschnitten [und] den Raum freigemacht, der dann von den Rechtsradikalen besetzt werden könnte“. Der Wechsel so vieler abgehängter Wähler vom linken ins rechtsextreme Lager sei eine Art „politische Notwehr der unteren Schichten“. Wenn Sie nach einer Erklärung für den Höhenflug des Front National suchen – hier haben Sie sie…‘

    Was bedeutet das für unsre Bundestagswahl im Herbst?
    Ich bin der Überzeugung, dass es gut wäre viel mehr unabhängig denkende Köpfe in unser
    Parlament zu bekommen, um dieses Denken in Blöcken aufzubrechen.
    Wie müsste ein taktisches Wählerverhalten aussehen, um z.B. Christoph
    Hörstel und seinen Leuten eine Stimme im Parlament zu verleihen. Wie könnte das gehen?

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