In der Düsternis – A

I.

Was in diesen Jahren den Menschen geschieht, ist „eigentlich“ gut überschaubar. Es ist „eigentlich“ kein Geheimnis, dass sich ein Bogen spannt von der kühnen Inszenierung des Niederstürzens der drei New Yorker Tower im Jahr 2001 zu der wenig später in Gang gesetzte Serie von Kriegen. Ein Geopolitik-Pflug hat seitdem durch weite Teile der eurasischen Landmasse eine Schneise zerstörter Gesellschaften auf verbrannter Erde gezogen.

Das verwüstete Syrien erscheint vorläufig als ein Endpunkt, Dank Russlands hartnäckigem spätem Widerstand. Doch die Walze wird weitergedreht. Sie erfasst Europa. Sie schlingert und würgt, Russland zu erfassen – neue, noch größere Zerstörungen im Visier.

So wie jeder Kapitalismus Leben in sich saugen muss, um es in toten Profit zu verwandeln, verschafft sich der Imperialismus, gleich ob globalistisch oder (scheinbar) regionalistisch akzentuiert, Krieg auf Krieg.

Das Räderwerk ist zwar verdeckt, doch die Ergebnisse lassen keinen Zweifel: Da es keineswegs die Götter sind, die ihre Hände hergeben, kann jeder wissen, dass alles, was den Menschen angetan wird, von Menschen angetan wird.

II.

Mitunter werden Verantwortliche für die großen Menschheitsverbrechen benannt, manchmal werden sie bestraft. Klassisches Beispiel ist die Bestrafung einiger deutscher Faschisten für einige ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die meisten exorbitanten Verbrechen – erwähnt seien die us-amerikanischen Atombombenabwürfe – werden nicht verurteilt, obwohl Täter bekannt sind.

Die größten Verbrechen gegen das menschliche Leben, zahlreiche Völkermorde mit Millionen Opfern, werden, abgesehen von ihrer propagandistischen Ausschlachtung, weitgehend ignoriert.

Eine andere Form großer Menschenvernichtung sind die weltweit Verhungernden. Solches gilt als unvermeidliche Begleiterscheinung des gewöhnlichen Kapitalismus. Die Begleiterscheinung erfährt nicht nur keine Sanktionierung, sie hindert darüber hinaus nicht, dem Kapitalismus einen herausragenden Wertecharakter zuzusprechen. Uns hier schmeckt’s jedenfalls. (Und an die Vernichtungsindustrie von Massen nichtmenschlicher  fühlender Wesen – Tiere – denken wir schon gar nicht.)

III.

Der Umgang der Menschen mit der tatsächlichen Vernichtung von Menschen und von Menschlichem ist verstörend genug. Er wird nur noch übertroffen von ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Gefahren, die ihnen höchstselbst drohen. Seit Jahrzehnten lebt der „moderne Mensch“ glücklich und zufrieden mit dem vielfachen atomaren Overkill.

Kann dieses merkwürdige Dasein philosophisch erklärt werden?

Mensch sein heißt, ein Doppelwesen (oder gar Dreifachwesen) zu sein. Der Mensch ist Individuum, biologische Einzelheit. Zugleich produziert er Gesellschaftlichkeit, ist selbst „Gesellschaft“; das ganze in Psyche verspiegelt. Das Marxwort vom „gesellschaftlichen Wesen“ des Menschen hat uns vielleicht manchmal von der stupenden Eingeschränktheit des Individuums abgelenkt. Fraglos an der Produktion von Gesellschaftlichkeit beteiligt, bringen es nicht wenige Individuen fertig, sich diese völlig aus dem Kopf zu schlagen, genauer: diese ihrem Kopf von Anfang an fernzuhalten.

Das ist das Nichtgeheure jeder Arbeitstat, dass sie oberhalb der Köpfe des grabenden Adam und der spinnenden Eva eine Welt von Geistern ins Leben ruft – deretwegen  der Kain den Abel erschlägt. Die Menschen haben diese Geisterwelt durchaus bemerkt, zumal sie immer mächtiger wurde. Sie haben sich mit ihr beschäftigt, sich ihren Reim darauf gemacht. Sie haben verschiedene „Kulturen des blassen Ahnens“ entwickelt (Religionen) aber niemals eine des Begreifens. Erst mit der Aufklärung hat der Mensch endlich begonnen, sich selbst als Gesellschaftskörper zu erkennen. Der bürgerlicher Humanismus wurde geboren, er wurde radikal, und als Marx und Engels ihn auf ein dialektisch-materialistisches Fundament gestellt hatten, gab es Grund für vorsichtigen Optimismus.

Zu einem Gutteil (aber keineswegs erschöpfend) konnten Dank der neuen Lehre die Individuen ihr Dasein als Gesellschaft begreifen. Zahlreich machten sie sich auf den Weg. Ihr erster Gipfelsturm war die Oktoberrevolution vor 100 Jahren in Russland.

IV.

Die Chance der Oktoberrevolution war es, Kapitel zwei der Weltgeschichte einzuleiten. Ihr Schicksal war es, die entsetzliche Gründlichkeit zu beweisen, mit der die überschweren Mahlsteine der Geschichte ihr Werk verrichten.

Denn das Reaktionärste was innerhalb der Revolution lebendig war (zu ihr gehörte), das Niederträchtigste, Dümmste, Gemeinste kam Schritt für Schritt, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, schließlich zur absoluten terroristischen Macht.

Viel Jubel, viel Zukunftsgewissheit waren die Folge…

Hier muss ich erst einmal eine Denk- und Schreibpause machen.

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Eine Antwort zu In der Düsternis – A

  1. Joachim Bode schreibt:

    Zum Overkill, Hunger und Umweltzerstörung:
    Die Naturgesetze sind unabänderlich. In der Schule lernt das jeder Mensch.
    Die gesellschaftlichen Verhältnisse sorgen derzeit dafür, dass diese Gesetzmäßigkeiten nicht ausreichend beachtet werden. Die Folgen sind desolat, aber zwingend.
    Irgendwie erinnert mich das an die Hochgeschwindigkeitsfahrt zweier Männer in Berlin, die mit einem Mordurteil quittiert wurde.

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