Es wächst viel Brot …

Es wächst viel Brot in der Winternacht,

Weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;

Erst wenn im Lenze die Sonne lacht,

Spürst du, was Gutes der Winter tat.

.

Und deucht die Welt dir öd und leer,

Und sind die Tage dir rauh und schwer,

Sei still und habe des Wandels acht:

Es wächst viel Brot in der Winternacht.

 (Friedrich Wilhelm Weber 1813-1894)

Das Gedicht fand sich auf der Rückseite des gestrigen Kalenderblattes. Am Frühstückstisch las ich laut die wenigen Zeilen. Ich las mit einem Fehler, nämlich als Todesjahr 1844. Und ich sagte: „Das ist deutsch.“ Und ich hatte die schlichte Sprache aber auch den frühen Tod im Sinn (das Hintergrundbild der „Winterreise“). Und etwas, was man vielleicht – allzu kurz bedacht – als „treuherziges Gottvertrauen/Naturvertrauen“ bezeichnen könnte. Und auch noch Hintersinn (auch wenn man ihn vielleicht selbst hineinlegt). Es war ein Werturteil.

Das erregte sogleich Widerspruch an der anderen Seite des Frühstückstisches. Dort ist eine andere Sozialisation personifiziert. Eine, die, im Gegensatz zu mir, aus Westfalen kommt, wie der Dichter Weber. Eine die, im Gegensatz zu mir, aus dem Christlichen kommt, wie der Dichter Weber. Und trotzdem widersprechend. Sie nahm zuerst mal Anstoß an diesem unterschwelligen „positiv thinking“. Vor allem aber daran, dass ich dem „deutsch“, hier ein Sprachgebilde,  etwas Positives abgewinnen konnte.

Kann „deutsch“ positiv sein oder ist das schon nationalistisch?

Wir frühstückten weiter, ohne uns zu streiten. Die andere Sozialisation erzählte davon, was das Amerikanische ihr bedeute, nämlich ein Urerlebnis des Freien, der Öffnung in die Welt. Ich erzählte, was das Russische in meiner Sozialisation bedeutet. Ich erzählte, dass es, wenn ich „Dubinuschka“ singe (inzwischen kann ich es ziemlich gut), dass es die Crew mitreißt und den ganzen Saal.

Wir hatten uns, wenn ich es jetzt so überlege, etwas Schönes vom Deutschen, vom Amerikanischen und vom Russischen erzählt – nicht ohne Missverständnisbereitschaft.

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