Stalinismus und Umgebung (3): Das Jahr 1923

Über den Stalinismus und ebenso über den Realsozialismus, zu dem der Stalinismus als ein wesentliches Moment gehörte, ist längst nicht alles gesagt. Im 100. Jahr der Oktoberrevolution und damit in Zeiten, die eine erneuerte sozialistische Perspektive brauchen, möchte ich kleine, konkrete Diskussionsbeiträge leisten. Ich bin nicht „vom Fach“, schreibe nicht als Historiker, sondern als interessierter Laie. Dabei bemühe ich mich Freidenker zu sein.

Weitere Beiträge der Folge „Stalinismus und Umgebung“ hier.

Der Kampf um Lenins „Testament“, um sein Vermächtnis, ist ein wirkliches Drama. Das zu Schreiben bin ich leider nicht geeignet. (Dass Volker Braun es bereits geschrieben hat, bezweifle ich.) Sind die Vorgänge um die Publizierung seiner letzten Arbeiten alarmierend genug – sie sind eine Art Oberfläche des Dramas – so reicht die „innere Wahrheit“ des Geschehens tiefer. Die Embryonalform des Stalinismus ist zu besichtigen.

Das Drama im Telegrammstil: 1921, die Revolution hat in den Kriegen gesiegt +++ sie blutet aus tausend Wunden, ist fast völlig zerstört +++ sie muss über ihren Schatten springen, um zu überleben, dank Lenin schafft sie diesen Sprung +++ NÖP +++ Lenin ist sich der fundamentalen Risiken bewusst* +++  was er nicht wissen kann, ist, WIE die Risiken im Leben erscheinen werden +++ ab Dezember 1921 ist Lenin auf ärztliches Anraten auf dem Lande, nur eingeschränkt arbeitsfähig +++ ist Stalin der richtige Mann für den Aufgabenberg namens „Organisation von mehr Demokratie“? +++ bestimmte Führer (Kamenew, Sinowjew mit eigenen Führungsambitionen) schieben Stalin in die neu geschaffene Position des Generalsekretärs (Wahl am 3.4.1922) +++ Lenin toleriert Stalin als Generalsekretär, stimmt wenig begeistert zu +++ Versuche Lenins, Trotzki stärker im Zentrum der Macht zu verankern, scheitern, auch an Trotzki +++ Mai 1922, Lenin unterzieht sich der Operation eines Steckschusses, ungünstiger Verlauf, 25.5.1922 erster Schlaganfall +++ es gibt eine höchst intime („geheime“) Abhängigkeit Lenins von Stalin: Lenin hatte Stalin zu verschiedenen Zeitpunkten (darunter auch Mai 1922) gebeten, ihm Gift zu besorgen, für den Fall, dass er völlig hilflos würde +++ ab Juli 1922 zögernde Erholung +++ die Nachfolgefrage wird immer konkreter +++ Stalin, Kamenew, Sinowjew („Triumvirat“) agieren zunehmend verdeckt aber auch offen intrigant gegen Trotzki +++ zweiter Schlaganfall Lenins Mitte Dezember 1922 +++ ein strenges, ärztlich begründetes Regime der absoluten Kontrolle über Lenin wird am 18.12.1922 vom ZK-Plenum beschlossen, für die Durchführung wird Stalin verantwortlich +++ als Generalsekretär hatte Stalin die volle Verantwortung für die Kaderlenkung ergriffen, im Jahr 1922 werden 5167 leitende Funktionäre neu eingesetzt** +++ im August 1922 werden in Lenins Abwesenheit Änderungen am Parteistatut beschlossen, die die Gewährung zahlreicher Privilegien für Funktionäre vorsehen** +++ in den neun Monaten seit 3.4.1922 (Stalins Wahl) bis 23.12.1922 (Beginn des Diktats seines Vermächtnisses) hat sich Lenin die folgenden Positionen erarbeitet (in meiner Verallgemeinerung und Ausdrucksweise, Lenins Diktion ist bei Weitem vorsichtiger):

a) Stalin in der Funktion des Generalsekretärs bedeutet die höchste Gefahr der Spaltung der Partei. Er muss von dieser Funktion abgelöst werden.

b) Der Bürokratismus der Apparate (des Staates und noch mehr (!) der Partei) bedeutet die höchste Gefährdung der Revolution.

c) Nur durch die Kontrolle der Führung durch die „besten proletarischen Kräfte“ kann der wahrhaft sozialistische Charakter der Revolution behauptet werden.

+++ diese fundamentalen Einsichten Lenins liegen (in Minutendiktaten der tödlichen Krankheit und dem zerstörerischen Krankheitsregime abgerungen) Anfang März 1923 als schriftliches Vermächtnis vor (Stalin ist vermutlich über die fortschreitenden Ausarbeitungen laufend informiert) +++ am 6.3.1923 dritter Schlaganfall, Lenin ist monatelang bewusstlos und bis zu seinem Tode am 21. Januar 1924 handlungsunfähig +++ Lenins „Brief an den Parteitag“ wird an den XII. Parteitag (17.-21.4.1923) nicht weitergeleitet (von Krupskaja, die vermutlich durch den dramatischen Krankheitsverlauf verunsichert ist) +++ Lenins Arbeit Zur Frage der Nationalitäten oder der „Autonomisierung“ (die eine heftigen Kritik an Stalin enthält) wird dem XII. Parteitag am 16.4.1923 zugeleitet, unter größten Beschränkungen einigen Delegierten zur Kenntnis gegeben und danach ihre Veröffentlichung verboten*** +++ einer Tag nach dem XII. Parteitag wurde auf Stalins Veranlassung zum 1. Mal ein andersdenkender Bolschewik verhaftet und mit absurden Vorwürfen der Zusammenarbeit mit dem Feind konfrontiert, sein Name ist Sultan-Galijew****  +++ unabhängig von Lenins Verfügungen zur Veröffentlichung der einzelnen Texte seines Vermächtnisses sind ab Juli/August 1923 ALLEN Mitgliedern des kleinen Führungszirkels (Stalin, Trotzki, Kamenew, Sinowjew, Bucharin) ALLE wesentlichen Positionen des Leninschen Vermächtnisses bekannt +++ Stalin nimmt alles als persönlichen Angriff und reagiert mit wütenden Ausfällen, mit erbittertem Widerstand aber auch taktisch geschmeidig nicht ohne Verschlagenheit +++ das Handeln von Kamenew, Sinowjew und Bucharin läßt erkennen, dass sie die Ablösung Stalins als „Gefahr“ sehen, die es zu verhindern gilt (befürchtete Dominanz Trotzkis) +++ Trotzki, von sprichwörtlicher Unbeugsamkeit im Kampf gegen Konterrevolutionäre, weicht dem offenen Kampf mit seinen Führungsgenossen mehrfach opportunistisch aus, wahrscheinlich in der Hoffnung, damit der Einheit und der Sacharbeit zu dienen +++ zwischen Mitte 1923 bis zum XIII. Parteitag (23.-31.5.1924) kämpft KEIN Führungsmitglied kompromisslos (also einschließlich der Ablösungsforderung) für Lenins Position +++ am 15.10.1923 kommt es zur „Erklärung der 46“, namhafte Kommunisten, darunter viele Anhänger Trotzkis, wenden sich gegen die bürokratische Führung und fordern innerparteiliche Demokratie – nicht jedoch die Ablösung Stalins +++ eine Dreiergruppe des Politbüros, bestehend aus Kamenew, Trotzki und Stalin, verfasste ein Antwortdokument an die „46“ „Über den Parteiaufbau“, später bekannt als „Der neue Kurs“ +++ der Beschluss „Der neue Kurs“ schien eine weitgehende Anerkennung der Kritik der „46“ auszusprechen und kündigte ernste Schlussfolgerungen des Wechsels des Parteikurses Richtung Arbeiterdemokratie an – nicht aber die Ablösung Stalins +++ am 2.12.1923. noch vor der Veröffentlichung des Beschlusses trat Stalin in einer großen Moskauer Aktivtagung auf und gab eine demagogische, das Triumvirat stützende Interpretationslinie vor +++ in der Folgezeit kam es zu wütenden Angriffen gegen Trotzki +++ am 30.1.1924 wurde die Veröffentlichung von Lenins „Testament“ endgültig verboten +++ 32 Jahre, bis 1956, währt dieser „Sieg“ Stalins über Lenins Vermächtnis.

 

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* Ist Lenin sich im vollen Umfang der Besonderheiten der neu eingeleiteten Etappe bewusst? Nicht nur der Risiken und Gefahren, sondern auch neuer „Normalitäten“, neuer Anforderungen und sogar Chancen? Beginnen damals bereits die „Mühen der Ebene“, ein Bild, das freilich erst 27 Jahre später gefunden wird.

** Hier kommt eine enorme Aktivität zum Ausdruck, die, meine ich, nicht allein mit Stalins Machtstreben erklärt werden kann. Ergab sich Stalins Einfluss vielleicht auch daraus, dass er als eine Art Lastesel einen Berg von Verwaltungs- und Organisationsarbeiten erledigte, die bei seinen Genossen eher unbeliebt waren?

Trotzki rückblickend: Stalin trat immer mehr als „Organisator und Ziehvater der Bürokratie und in der Hauptsache als Verteiler der irdischen Güter“ auf.

*** „Die Vorbereitung des zwölften Parteitags durch Stalins Apparat, die Unentschlossenheit Trotzkis und die fehlende Kenntnis der meisten Delegierten vom Kampf innerhalb des Politbüros führten jedoch dazu, dass die Ergebnisse des Parteitags in Bezug auf Fragen der Organisation außerordentlich günstig für das Triumvirat waren.“  Rogowin, „Trotzkismus“, Essen 2010, Seite 110f.

**** 1939 wurde Sultan-Galijew auf Stalins Veranlassung des „Sultangalijewismus“ angeklagt, zum Tode verurteilt und 1940 hingerichtet.

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