Stalinismus und Umgebung (2): Die letzten Arbeiten Lenins und der Umgang mit ihnen

Über den Stalinismus und ebenso über den Realsozialismus, zu dem der Stalinismus als ein wesentliches Moment gehörte, ist längst nicht alles gesagt. Im 100. Jahr der Oktoberrevolution und damit in Zeiten, die eine erneuerte sozialistische Perspektive brauchen, möchte ich kleine, konkrete Diskussionsbeiträge leisten. Ich bin nicht „vom Fach“, schreibe nicht als Historiker, sondern als interessierter Laie. Dabei bemühe ich mich Freidenker zu sein.

Weitere Beiträge der Folge „Stalinismus und Umgebung“ hier.

Vom ZK-Plenum beauftragt zu überwachen, dass Lenin die Anweisungen der Ärzte befolge, handelte Stalin auf die ihm eigene Art – man könnte sagen „mit aller Gewalt für das Gute“. (Später wurde daraus:“Mit ALLER Gewalt für Stalin.“) Lenin konnte sich nur dadurch die Erlaubnis zu wenigen Minuten Diktat pro Tag ertrotzen, dass er ultimativ drohte, andernfalls jede Behandlung zu verweigern.

Unter diesen Bedingungen entstanden zwischen 23. Dezember 1922 und 2. März 1923 seine letzten acht Arbeiten. Zwei von ihnen –„Über das Genossenschaftswesen“ (diktiert: 6.1.1923/veröffentlicht: 26. und 27.5.1923) und „Über unsere Revolution“ (17.1.1923/30.5.1923) – hielt er, Rogowin zufolge, für „noch nicht fertig gestellt“. Drei hatte Lenin nicht zur sofortigen Veröffentlichung vorgesehen – „Brief an den Parteitag“ (23.12.1922-26.12.1922 und 4.1.1923/veröffentlicht: 1956), „Über die Ausstattung der Plankommission mit gesetzgeberischen Funktionen“ (27.12.1922-29.12.1922/1956) und „Zur Frage der Nationalitäten oder der ‚Autonomisierung'“ (30.12.1022-31.12.1922/1956). Er ließ sie versiegeln und bestimmte, dass sie nur von ihm oder Krupskaja geöffnet werden durften. Drei andere Arbeiten – „Tagebuchblätter“ (2.1.1923/4.1.1923), „Wie wir die Arbeiter- und Bauerninspektion reorganisieren sollen“ (23.1.1923/25.1.1923) und „Lieber weniger, aber besser“ (2.3.1923/4.3.1923) – waren zur sofortigen Veröffentlichung bestimmt.

(Alle genannten Artikel sind in den Bänden 33 und 36 der Werke Lenins online verfügbar. Im Weiteren folge ich der Darstellung Rogowins in: „Trotzkismus“, Essen 2010, Band I der Reihe „Gab es eine Alternative?“, Seite 45ff. Dort sind auch alle Quellenangaben zu finden.)

Die drei letztgenannten Arbeiten zielten auf eine Reorganisation der obersten Parteiorgane gegen die voranschreitende bürokratische Zentralisierung, ja, ich möchte sagen (obwohl dieser Begriff an dieser Stelle nicht gebräuchlich ist und wohl auch nicht völlig zutrifft) in Richtung auf eine Machtteilung. Dabei griff Lenin kaum verhüllt (aber ohne Namensnennung) Stalin an.  Mit seiner Bitte um sofortige Veröffentlichung in der „Prawda“ bemühte sich Lenin, seine Position in der Vorbereitungszeit des XII. Parteitags entschieden und breit zur Geltung zu bringen. Am Rande erwähnen möchte ich, dass für mich persönlich „Lieber weniger aber besser“ zu den wichtigsten Arbeiten Lenins überhaupt gehört.

Bucharin, als Chefredakteur der „Prawda“, und Stalin versuchten, die Veröffentlichungen zu verhindern. Krupskaja wandte sich auf Drängen Lenins an Trotzki, der für die Veröffentlichung warb. Besonders „helle“ reagierte Kuibyschew, Gefolgsmann Stalins, der vorschlug, eine Sondernummer der „Prawda“ in einem (!) Exemplar speziell für Lenin zu drucken. Schließlich sah sich das Politbüro außerstande, die Veröffentlichung zu stoppen. Stalin erreichte, dass eine ihn direkt betreffende Textpassage gestrichen wurde. Zugleich mit der Veröffentlichung beschlossen die Parteiführer einmütig einen Brief an alle Gouvernements- und Gebietskomitees der Partei, in dem sie zu verstehen gaben, dass Lenin krankheitsbedingt die aktuelle Harmonie in der Partei (Vorsicht: Ironie von mir) nicht ganz mitbekommen habe. Diesen Brief zu Schreiben…? gab sich Trotzki her!

Die Schicksale der drei Dokumente, die Lenin vorerst geheim halten wollte und die als spektakuläres Detail den Vorschlag enthielten, Stalin als Generalsekretär abzulösen, will ich nicht beschreiben. Das ist bei Rogowin a.a.O. Seite 61-103 ausführlich dargestellt. Während etwa Mitte 1923 fast alle Politbüromitglieder mehr oder weniger exakt informiert waren, beschloss das ZEK der Partei Anfang 1924 die Geheimhaltung. Trotzki, der für die Veröffentlichung von Lenins Vermächtnis eintrat, vermied den offenen Kampf. Nach Lenins Tod wurden die Dokumente in wohldosierter Form leitenden Delegierten des XIII. Parteitags 1924 mündlich zur Kenntnis gegeben. Erstmals veröffentlicht wurden sie  mehr als 30 Jahre später nach dem (von manchen geschmähten) XX. Parteitag 1956. Die SED-Führung (die bis zum Untergang der DDR der stalinistischen Illusion folgte, was verboten sei, existiere nicht) brauchte weitere sechs Jahre bis deutsche Übersetzungen vorlagen.

Lenins letzte Arbeiten bewiesen, dass er grundsätzliche Entwicklungsprobleme, Perspektiven und Bedrohungen der russischen Revolution erkannte. Bis zu welcher theoretischen Tiefe seine Lösungsvorschläge vorstießen, dürfte, ohne dass ich Wolfgang Ruge zustimme, diskussionswürdig sein.

Auffallend ist, dass keiner der Parteiführer, denen Lenin seine Überlegungen nahelegte, sich auf die geforderte und unbedingt notwendige Höhe des historischen Begreifens erheben konnte. Die Ursachen dafür sind, soweit ich sehe, erstaunlich wenig erforscht worden. Ich kann nur rätseln. Kann es sein, dass sie alle (sich selbst und auch einander) ihres unbezweifelten sozialistischen Wollens sicher waren, dass sie zudem die großen Widersprüche der Gesellschaft zwar kannten aber doch überzeugt waren, dass alles lösbar sei und sie siegen würden? Das könnte vielleicht ihre (im Falle Trotzki kurzzeitige) Blindheit gegenüber den strategischen Fragen, die ihnen Lenin ans Herz legte, erklären. (Übrigens gibt  es hier einige erstaunliche Parallelen mit der Situation, in der die UdSSR liquidiert wurde.)

In dieser Weise von den in Lenins Verständnis Schicksalsfragen der Revolution entkoppelt, waren sie primär auf Machtkampf orientiert, Trotzki in fast spielerischer Weise mit der für ihn typischen mangelnden Sozialkompetenz, Kamenew und Sinowjew als flexible Strippenzieher mit Hintergrundüberlegungen, Bucharin als Theoretiker ohne Führungsqualität und Stalin als ehrgeiziger und skrupelloser Pragmatiker mit klarem Blick auf seine Hausmacht und griffigen, ausreichend vulgarisierten Vorstellungen von Sozialismus.

Unter diesen Umständen schärfte „das Schicksal“ seine Krallen. Es gab noch keinen Stalinismus aber es entwickelte sich etwas völlig Anderes als Lenins wahrhaft revolutionäre Politik.

 

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Lenin, Machtmedien, Materialismus, Realkapitalismus, Realsozialismus, Revolution abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Stalinismus und Umgebung (2): Die letzten Arbeiten Lenins und der Umgang mit ihnen

  1. Pingback: Stalinismus und Umgebung (1): Der „Philosophendampfer“ | opablog

  2. Pingback: Stalinismus und Umgebung (3): Das Jahr 1923 | opablog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s