Getrumpel

In den Medien fluten und wogen Kommentare zu Trump. Das geht von der hysterischen Skandalisierung bei den MSM bis zur Revolutionseuphorie bei manchen alternativen; in der Mitte die vorsichtigen Beobachter: „Mal schauen, was wird“, und natürlich gibt es die ganz Schlauen mit ihrem Wissen: „Alles von den Satanisten inszeniert!“. So ist der Erkenntnisgewinn überschaubar.

Mir gefällt, dass es Webseiten, die ich als informiert und originell  kennengelernt habe, nicht eilig haben, um jeden Preis den eigenen Tiefsinn beizusteuern. Ich denke an Voltairenet oder Analitik. Auch Parteibuch ist zu nennen, wo buchstäblich schon „vor Jahr und Tag“ Gültiges zu Trump gesagt wurde, etwa zu seiner Außenpolitik aber auch über sein kompliziertes Verhältnis zur Israel-Lobby, besonders z. B. hier (ganz zu Schweigen von den interessanten Spenderauflistungen, die beim Parteibuch zu finden sind).

Bemerkenswert unter den jüngsten Kommentaren finde ich Lukjanow. Ihn darf man wohl eine offiziöse Stimme nennen, und er macht deutlich, dass „multipolare Welt“ für Russland mehr als eine Sprechblase ist. Er formuliert strategische Essentials und rät ungeniert, von Taschenspielertricks Abstand zu nehmen.

In anderer Weise beachtlich ist die Stimme von Folker Hellmeyer. Er gibt den nüchtern kalkulierenden großbürgerlichen Kaufmann und vertritt damit eine Haltung, von der man sich in der BRD-Herrschaftsszene mehr wünscht, einfach weil pragmatische Politik gut tut.

Hervorzuheben ist auch gfp, die die strategische Ausrichtung und taktische Flexibilität des deutschen Imperialismus stets exakt beobachten und auf den Punkt bringen, z. B. hier und hier.

Ich habe – und zwar mit voller Absicht einige Tage vor der Wahl – den Sieg Trumps mit einer neuen „Phase des Imperialismus“ in Verbindung gebracht. Soweit ich sehe, gebraucht niemand sonst diese Begrifflichkeit. Das Instrumentarium der Marxismus-Leninismus zur Gesellschaftsanalyse und -veränderung scheint „out“ zu sein.

Forscher historisch-materialistischer Denkweise würden primär die aus den Produktionsverhältnissen folgenden materiellen Interessen der gegensätzlichen Hauptklassen und -schichten in der akuten Krise untersuchen. Sie würden zweitens den subjektiven Faktor der akuten gesellschaftlichen (vor allem politischen) Kämpfe in seiner Mehrdimensionalität und Dynamik betrachten und sie würden drittens danach streben, die politische Verfasstheit der Gesellschaft und die politisch-ideologische Strukturiertheit und Organisiertheit der widerstreitenden Seiten zu begreifen und ihre Widersprüche in Richtung auf Emanzipation und soziale Revolution zu lenken.

Vielleicht würden solche Ansätze dem üblichen Kurzdenken allzu abstrakt sein. Jedoch geht es hier um „verständigen Abstraktionen“, die der Konkretisierung, der analytischen „Übersetzung“ in besondere und selbst einzelne Sachverhalte zugänglich sind und die in weiteren Schritten zu neuen inhaltlich reichen, treffsicheren Begriffen ausgearbeitet werden können.

Es wäre nahe liegend, die Wiederkehr der Vorkriegssituation des ersten Weltkriegs, wie im oben verlinkten Text bemerkt, als dialektische Negation der Negation zu begreifen und damit als eine konkrete Herausforderung für den historischen Materialisten:

Könnte es sein, dass wir gegenwärtig in eine Entwicklungsphase des Imperialismus und nicht imperialistischen Kapitalismus eingetreten sind, in der jede Seite in einem Großen Krieg mehr verliert als sie gewinnen kann? Mit anderen Worten, dass es kein objektives materielles Interesse am Großen Krieg mehr gibt? Könnte es sein, dass der sich vor unseren Augen vollziehende Übergang in die multipolare Welt bedeutet, dass der (weltweite) subjektive Faktor unserer Zeit sich genau dieser objektiven Sachlage bewusst wird? Das wären wahrhaft fundamentale neue Erkenntnisse.

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3 Antworten zu Getrumpel

  1. Stresstest - "Großraum Krefeld" schreibt:

    … gar nicht so schlechte Analyse/Prognose bezüglich des Ausgangs der US-Wahlen bei contra-magazin:

    „[…]Wahlbetrug in den USA hat Tradition

    All das zeigt: Trump hat seine Wähler, fast durchgehend Opfer des anhaltenden wirtschaftlichen Niedergangs der USA, hintergangen. Es war nie sein Ziel, dem kleinen Mann unter die Arme zu greifen und seine Lebensbedingungen zu verbessern. Ganz im Gegenteil: Trump hat die Verzweiflung, die Wut und den Bildungsmangel der einfachen Leute benutzt, um ins Weiße Haus einzuziehen und von dort aus Maßnahmen zu ergreifen, die ausschließlich ihm und seinesgleichen nützen.

    Ein solcher Wahlbetrug ist in den USA nichts Neues. Auch Barack Obama hat die US-Bevölkerung hinters Licht geführt: Er hatte vor seiner Wahl versprochen, die Kriege der USA zu beenden, Guantanamo zu schließen, die Staatsfinanzen zu sanieren und für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

    Heute wissen wir: Er ist der erste Präsident der USA, unter dem ununterbrochen Krieg geführt wurde, er hat Guantanamo nicht geschlossen und die USA sind mit $ 20 Billionen am Ende seiner Amtszeit höher verschuldet denn je. Die Reichsten sind reicher, die Mittelschicht ist ärmer, die soziale Ungleichheit größer als je zuvor.

    Obama steht mit seinen Lügen nicht allein, das Phänomen Wahlbetrug hat in den USA eine lange Tradition: Vor genau einhundert Jahren wurde Woodrow Wilson während des Ersten Weltkrieges zum Präsidenten gewählt, weil er seinem Volk versprach, es aus dem Krieg herauszuhalten. Drei Wochen nach seiner Amtsübernahme im März 1917 erklärte er Deutschland den Krieg.

    Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass die US-Massenmedien sich gegen einen Kandidaten stellen, ihm letztlich aber auf diese Weise zur Macht verhelfen: Als der US-Kongress 1913 über die Gründung der US-Zentralbank Federal Reserve abstimmen sollte, führten die bereits damals von der Finanzindustrie gesteuerten Massenmedien zusammen mit den Banken einen vehementen Feldzug gegen diese neue Einrichtung und behaupteten wider besseres Wissen, sie werde die Rechte und Freiheiten der Finanzindustrie beschneiden.

    Die US-Bürger, denen das Geld-Kartell der Wall Street schon damals ein Dorn im Auge war, fielen auf den Betrug herein und forderten von ihren Kongressabgeordneten ein „Ja“, weil sie die Fed für eine Kontrollbehörde zur Eindämmung der Banken-Macht hielten. Auf diese Weise ermöglichte das amerikanische Volk der US-Finanzindustrie, ohne es zu wollen, die Gründung der Fed und schuf damit, ohne es zu ahnen, die Grundlage für den mehr als einhundertjährigen Siegeszug der amerikanischen Finanzindustrie. […]“

    https://www.contra-magazin.com/2016/11/donald-trump-letzter-gewaehlter-praesident-der-usa/

  2. kranich05 schreibt:

    Zu Ernst Wolff merkt Parteibuch dieses an:
    https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2016/11/13/breitbart-macht-stimmung-gegen-paul-ryan/#comment-25835

    Ich Laie möchte mich nicht ernsthaft in die Meinungsverschiedenheiten derer einmischen, die sich mehr oder weniger gut auskennen, jedenfalls besser als ich.
    immerhin erscheint mir Wolffs Einschätzung: „All das zeigt: Trump hat seine Wähler, fast durchgehend Opfer des anhaltenden wirtschaftlichen Niedergangs der USA, hintergangen.“ ganze drei Tage nach der Wahl höchst übereilt.
    Und auch das Argument, Trump werde Leute aus dem Establishment beschäftigen, ist wahrlich eine Nullnummer.

    Damit will ich aber nicht die weiteren Überlegungen/Spekulationen von Wolff zu Trump als einer Übergangsfigur in die Diktatur vom Tisch wischen.

  3. kranich05 schreibt:

    Nachdem ich den Wolff-Artikel bei Heise sogfältig gelesen habe und auch viele der vielen Kommentare dort, erscheint mir die Position von Herrn Wolff eigenartig, bemerkenswert eigenartig.
    Besonders nach diesem Kommentar machte es „klick“ bei mir: https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Donald-Trump-der-letzte-gewaehlte-US-Praesident/da-laeuft-gerade-ganz-was-anderes-ab/posting-29488541/show/

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