Unsere braven Rechten sind nicht Faschisten, nicht Revanchisten, sie sind…?

Der Verbandsvorstand der Deutschen Freidenker hat anlässlich des 75. Jahrestages des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion u. a. erklärt:

„… Am Krieg wie am Faschismus hat nur eine verschwindende Minderheit ein Interesse: das monopolistische Finanzkapital. Alle, die nicht dazu gehören, haben ein objektives Interesse an der Erhaltung des Friedens…

Wir unterstützen die Feststellung von Willi Wimmer in Ramstein „Panzer vor die Tore der leidgeprüften Stadt Leningrad zu platzieren, ist das Perverseste, das man sich in Europa vorstellen kann“.

Wir Freidenker begrüßen ausdrücklich, wenn auch Bürgerliche, Vertreter des rechten politischen Spektrums, wenn Unternehmer für Vernunft und Verständigung in den Beziehungen zu Russland eintreten….“ (Hervorhebung von mir). (Quelle)

Durch meine Teilnahme an der Friedensfahrt „Berlin-Moskau-Berlin“ im August 2016 und nachfolgende Diskussionen hatte ich einige Kontakte zu VertreterInnen dieses „rechten Spektrums“ und möchte davon berichten.

Wir FriedensfahrtteilnehmerInnen waren alle für Versöhnung, Kooperation, Freundschaft mit Russland im Interesse des Friedens. Das war unser erklärtes Selbstverständnis.

Gegenüber linkssektiererischer Beschränktheit, die jeden Ausdruck von nationalem Bewusstsein als „Naziideologie“ diffamiert, stelle ich fest, während der Friedensfahrt (wenig überraschend) keine Nazis, keine Faschisten getroffen zu haben.

Auch Revanchisten, wenn dieses Bild Revanchisten in voller Aktion zeigt…schlagbaum

… sind mir nicht begegnet. Wir haben während der Fahrt viele östliche Grenzen passiert, und selbstverständlich haben Alle ihre Pässe vorgewiesen und nach kürzerer oder längerer Wartezeit problemlos die Fahrt fortgesetzt. Wenn Rechte unter uns waren – durch extremes Verhalten oder Aussehen fielen sie nicht auf.

Natürlich hatten die 235 FriedensfahrerInnen ganz verschiedene Motivationen und während der Fahrt ganz unterschiedliche Eindrücke. Ein wenig davon konnte ich in vier kurzen Videos-Statements festhalten (die leicht im opablogkanal zu finden sind). Als eine Art Kredo wage ich daraus abzuleiten –

Frieden fördern durch vorurteilsfreies Kennenlernen, durch Versöhnung, ohne die Vergangenheit aufzurechnen und bei Würdigung des Leids, das der Krieg den Menschen auf allen Seiten zufügt (den „Gerechten“ wie den „Ungerechten“)!

Ich gebe zu, dass ich mit dem Versöhnen und Nach-vorne-Schauen auf der Basis des Vergessenes ein paar Schwierigkeiten habe. Das ist kein explizit antifaschistischer Standpunkt. Doch gebe ich ebenso zu, dass es etwas Verbissenes, etwas Unlebendiges hätte, würden wir heute, die Enkel und Urenkel, immer weiter die Kämpfe der Großväter und Urgroßväter ausfechten. Und vielleicht würden wir damit das heute so notwendige breite Friedensbündnis schwächen.

Überzeugt bin ich davon, dass die vielen FriedensfahrerInnen, die sich zum Leid ihrer Täter-Opfer-Vorfahren bekannten und es gewürdigt wissen wollten und die es ablehnten daraus Rechnungen für heute oder morgen abzuleiten, dass diese ehrlich und aktiv für den Frieden eintreten. Und sie sind mit Sicherheit in keine irgendwie rechte Ecke zu stellen.

Doch Einzelne (nicht Viele habe sich so geäußert) haben im Nachhinein andere Akzente gesetzt. Details dazu waren schon vor einem  Monat im Blog nachzulesen, besonders hier und hier. Das muss nicht aufgewärmt werden. Heute bringen mich die Erfahrungen der Fahrt in Verbindung mit den nachfolgenden Auseinandersetzungen zu der Auffassung, dass es eine in sich widersprüchliche rechte Position gibt, eine, die sich sehr wohl vordergründig für Frieden und Verständigung ausspricht, die aber zugleich dazu gegensätzliche und zwar Unfrieden stiftende Forderungen erhebt. Das ist die Position eines ziemlich radikalen Revisionismus der deutschen Geschichte.

Der Begriff „Geschichtsrevisionismus“ verlangt eine Erläuterung: Das Geschichtswissen und auch die Wissenschaft von der Geschichte schreiten fort und revidieren begrenzte frühere Erkenntnisse. Ein normaler Prozess, der auch schwerwiegende, gleichsam „tektonische“ Verschiebungen der Erkenntnis, sowohl hinsichtlich Tatsachenfeststellungen als auch Bewertungen, beinhalten kann.  „Geschichtsrevisionismus“ dagegen betrifft in meinem Verständnis die interessengeleitete  (in der Regel Klasseninteressen) Neuinterpretation von Geschichte, die nicht, zumindest nicht in vollem Umfang, von objektiven Erkenntnissen getragen wird.

Ein Kernbestandteil des Geschichtsrevisionismus der mir entgegentrat, ist die Relativierung des deutschen Faschismus. Hitler sei dumm oder naiv gewesen und habe sich durch die Einflüsterungen seiner anglo-amerikanischen Geldgeber, sowie nach vielen Provokationen, in den Krieg treiben lassen. Deutsche Kriegsinteressen und -interessenten und schon gar DEUTSCHER IMPERIALISMUS kommen in dieser Betrachtung nicht vor. Das Nürnberger Gericht 1945/46 sei Unrecht und ein Verbrechen gewesen. (Letztere Auffassung vertritt mit Nachdruck der Betreiber einer Webseite „Die Rote Fahne“ Stephan Steins.) Viele Festlegungen der Alliierten würden das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes verletzen, woraus sich bis heute viele offene Fragen ergäben, darunter auch offene Territorialfragen, etwa bezüglich Königsberg.

Die deutsche Souveränität sei aber bereits lange vor der Zeit des Faschismus obsolet gewesen, Stichwort: Versailler Vertrag, und selbst bereits vor 1918 oder 1914. Gerne finden sich diese Geschichtsideologen bei Bismarck wieder. Sein kooperatives Verhältnis zu Russland ist ihnen Vorbild. „Blut und Eisen“, ein Bündnis des Teutonenschwerts mit dem Zarenstiefel, beflügelt ihre Phantasie. Gestützt auf diese Achse prügeln am Ende die Germanen noch den Teufel aus der Hölle, wird Bismarck gern zitiert.

Dieser Geschichtsrevisionismus ist kein festgefügtes Gebäude aus Lehrsätzen und -meinungen. Einmal wird er eher indirekt vertreten oder taktisch zurück genommen, ein andermal offensiv bis aggressiv zum Ausdruck gebracht. Inhaltlich quallt er in die unterschiedlichsten Richtungen und Zeiten und ist damit kompatibel zu diversen wissenschaftlichen Detaildiskussionen, zu Mythen, Legenden und Glaubenssystemen aller Art, zur politischen Rhetorik des Tages, zum gesunden Menschenverstand und Vorurteil, zu gestern (gerne auch 240 Jahre zurück), heute und morgen. Zwar werden oft die „hinterhältigen Angelsachsen“ für die seit hundert und mehr Jahren währende deutsche Misere verantwortlich gemacht. Doch ist das nur die Erklärung des sozusagen „ersten Zugriffs“. Radikalere VertreterInnen sehen letztlich auch die Angelsachsen und die Russen als Opfer noch geheimerer Mächte. Die werden dann als Logen, Illuminaten, Satanisten, immer auch Rothschild aber nie DIE JUDEN verortet.

Die VertreterInnen all dessen äußern sich enorm engagiert, oft ideologisch eifernd und scheuen sich z. T. nicht, gelegentlich die Grenze zum Hetzerischen zu überschreiten. Zwar sind es nicht sehr viele Personen, die in dieser hervorgehobenen Weise agieren. Es ist jedoch unübersehbar, dass ihnen auf der Friedensfahrt-Facebookseite von Rothfuss und Schattauer kontinuierlich ein Propaganda- und Resonanzraum gegeben wird. Die geschichtsrevisionistische Szene, obwohl nicht überwältigend groß, bildet zahlreiche Netzknoten und -knötchen. Damit wird sie im Augenblick einer akuten gesellschaftlichen Krise den dann suchenden und aktionswilligen Vielen präsent sein. Vermutlich braucht es dann noch nicht einmal eine Machtübertragung. Was dann passiert, ist zwar unklar, doch kaum verheißungsvoll.

Wir FreidenkerInnen sind gut beraten, uns der wirklichen Geschichte zuzuwenden. Nicht nur der rechte (irgendwie friedensfähige (?)) Geschichtsrevisionismus zwingt uns dazu. Auch „eigene“ hundertjährige Geschichte hält Herausforderungen zu grundsätzlichem Erkenntnisfortschritt bereit. Und es ist kein Heiliger Geist oder Politbüro in Sicht, die uns davon erlösen.

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5 Antworten zu Unsere braven Rechten sind nicht Faschisten, nicht Revanchisten, sie sind…?

  1. Helga Beck schreibt:

    Lieber Opa,

    auch ich war auf der Friedensfahrt Berlin-Moskau dabei. Und fand es eine wunderbare Sache,
    dass da alle politischen Richtungen an einem gemeinsamen wichtigen Strang ziehen. Dass parteipolitisches Taktieren hinter dem gemeinsamen Ziel zurückgestanden ist und dies nicht überlagert hat.

    Nun habe ich eine allgemeine Frage. Kennst Du eigentlich die Matriarchate? Friedrich Engels hat in seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ geschrieben, dass der Kommunismus von den Matriarchaten abgeschaut ist. Und die erste Form der Unterdrückung die der Frau durch den Mann ist: „Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung“ (Seite 72). Nun gibt es aber noch heute funkionierende Matriarchate: http://mutterrecht.blogspot.de/ . Das sind FRIEDLICHE herrschaftsfreie Konsensgesellschaften.

    Nun frage ich mich schon lange, warum die Mutterrechte bis heute funktionieren, der Kommunismus aber noch nie so schön funktioniert hat, wie Marx ihn gerne gehabt hätte. Darf ich Dich fragen, wo Du hierfür die Ursachen siehst? Siehst Du das auch als wichtige Frage an?

    • Lutz Lippke schreibt:

      Wenn Mutterrecht gegen Vaterrecht steht, dann geht es schlicht um Diskriminierung. Dass nun der Vater mit prekärem Job weniger diskriminiert wird, als die Vorstandsfrau mit weniger Boni als ein männlicher Vertreter der gleichen Gilde, müssen Sie erstmal erklären. Die einflussreiche Gender-Szene hat sich wohl tatsächlich weitgehend von den wesentlichen Fragen zu Ausbeutung und Krieg, den sozialen Fragen, insbesondere auch einer echten Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern abgekoppelt. Sie agiert in Europa repressiv, diskriminierend und vorteilsheischend am Trog der Obrigkeiten und ist international häufig Stichwortgeber zur Rechtfertigung für katastrophale Militäreinsätze.

    • kranich05 schreibt:

      Liebe Frau Beck,
      mit dem Matriarchat und schon gar „den Matriarchaten“ kenne ich mich nicht besonders gut aus. Obwohl an Geschichte lebhaft interessiert, muss ich zugeben, dass mir Urgeschichte/Vorgeschichte ziemlich unverständlich ist. Es wird ja von diesen Zeiten auch als von denen des „Urkommunismus“ geredet. Mein Gefühl sagt mir, dass diese Zeiten weitaus „härter“ und „blutiger“ waren als wir uns das heute vorstellen.
      Einigermaßen informiert habe ich mich (übrigens auf Anregung einer langjährigen feministischen Freundin) über das, was in Chatal HÜyük und Göbekli Tepe ausgegraben wurde. Sehr, sehr interessant, gerne staune ich, aber tolle Erkenntnisse zum Matriarchat habe ich für mich nicht daraus ziehen können. Auch die minoische Kultur aus Kreta zeigt interessante Besonderheiten.
      Matriarchat hin oder her, was Sie offenbar besonders interessiert, „FRIEDLICHE herrschaftsfreie Konsensgesellschaften“, das halte freilich auch ich für ein extrem wichtiges Thema. Marx, Engels usw folgend ist Schluss mit friedlichem Konsens in den auf Privateigentum gründenden Ausbeutergesellschaften. Aber natürlich riesige Menschheits- und Menschenentwicklung in dieser bitterbösen antagonistischen Form.
      Kein Realist (oder Realistin), behaupte ich mal, will zu den Konsensgrüppchen im Urwald zurück. Das Dilemma lautet also, zur Konsensgesellschaft im planetaren Maßstab zu kommen. Ich glaube, dass es dafür vielversprechende Momente, Schrittchen, kleine Zeichen gibt und Möglichkeiten. (Und ich möchte dazu auch hier im Blog einige Gedanken ausspinnen). Unsere Erfahrung scheint mir aber nahe zu legen, dass wir es mit einem Prozess von mehreren Jahrhunderten zu tun haben.
      Beste Grüße.

      Friedensfahrt ist ein interessantes Thema, auf das wir zurückkommen könnten.

  2. becksachse schreibt:

    Lieber Opa,

    auch ich war auf der Friedensfahrt Berlin-Moskau dabei. Und fand es eine wunderbare Sache,
    dass da alle politischen Richtungen an einem gemeinsamen wichtigen Strang ziehen. Dass parteipolitisches Taktieren hinter dem gemeinsamen Ziel zurückgestanden ist und dies nicht überlagert hat.

    Nun habe ich eine allgemeine Frage. Kennst Du eigentlich die Matriarchate? Friedrich Engels hat in seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ geschrieben, dass der Kommunismus von den Matriarchaten abgeschaut ist. Und die erste Form der Unterdrückung die der Frau durch den Mann ist: „Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung“ (Seite 72). Nun gibt es aber noch heute funkionierende Matriarchate: http://mutterrecht.blogspot.de/ . Das sind FRIEDLICHE herrschaftsfreie Konsensgesellschaften.

    Nun frage ich mich schon lange, warum die Mutterrechte bis heute funktionieren, der Kommunismus aber noch nie so schön funktioniert hat, wie Marx ihn gerne gehabt hätte. Darf ich Dich fragen, wo Du hierfür die Ursachen siehst? Siehst Du das auch als wichtige Frage an?

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