(„Groß“)demo, Volks(massen), Führer(Innen)

Das Wörtchen „Volk“ scheint in einem Minenfeld zu liegen. Vom Volk, das „sich abschafft“, über „völkisch“ bis „umvolken“ ist heute eine ganze Menagerie von Volks-Unsäglichkeiten in Gebrauch. Trotzdem: Ohne das Volk kommen wir nicht aus und müssen es also auch nennen. Mit „wir“ meine ich uns, die wir nicht willenlos im Hamsterrad der Geschichte strampeln, also die 8000 FriedensdemonstrantInnen vom 8.10. in Berlin, die gerade die Welt vor dem Dritten retten (plus 500 oder 1000 aus der „Steins-Ecke“, plus 2000, die Ken Jebsen am 1.10. versammelte).

Aber das Volk kommt anscheinend ohne uns aus. Die 99% brachten jetzt gerade mal 0,02% (der Wahlberechtigten) auf die Straße. (Beim „Friedenswinter“ 2014 waren es ca. o,oo7%.) Ja, wenn es Fußball gewesen wäre! Da wären für ein mittelmäßiges Event 50.000 gekommen und hätten noch dafür bezahlt. Aber für Frieden? Nö!  Das Volk, der Demos, scheint, wenn es um Demokratie geht, das zu sein, was abwesend ist.

Viele Freunde haben nach der „Großdemo“ festgestellt, dass es eine gute Demo und ein großer Erfolg war. Manches spricht für diese Einschätzung. Trotzdem fehlt etwas, stimmt etwas nicht: Wäre meine Rente um 0,02% gestiegen, also 20 Cent… 20 Cent im Monat = ein trockenes Brötchen im Vierteljahr. Zum Leben zu wenig, für den Frieden viel zu wenig.

Die Trennung von Volksmassen und Friedensaktivisten ist kein angenehmes Thema. Leider aber nichts Zweitrangiges, und deshalb gehört sie ins Zentrum der Diskussion.

Marx und andere meinten, dass die Volksmassen die wahren Schöpfer der Geschichte seien. Unmittelbar leuchtet das wohl Jedem/Jeder ein: Das Volk bäckt Brot, mästet Schweine, pflastert Strassen. Aber natürlich ist Geschichte mehr als unmittelbar materiell-produktives Tun. Das Volk macht auch und gerade damit Geschichte, dass es mächtig in der politischen Arena handelt.

Das wissen (und fürchten) die BeherrscherInnen des Volks und treiben deshalb enormen Aufwand, um, den großen Lümmel, wenn er greint, ruhig zu stellen. Täglich, stündlich „massieren“ sie den Geist, die „Seele“, noch die kleinste Wahrnehmung des Volks. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Wir freuen uns, wenn Aufklärer Ken Jebsen, wenn die Nachdenkseiten 10.000 Klicks, ja nach wenigen Monaten 100.000 Klicks auf ihren Webseiten zählen. Doch bleiben wir nüchtern. Die Propagandainstrumente der BeherrscherInnen steuern das Volk durch tägliche vielmillionenfache Einwirkung. Deshalb gibt es MASSENMEDIEN. Unter dem geht es nicht.

Natürlich ist es gut und richtig, wenn „Aufgewachte“, „Empörte“, „Widerständige“ sich versammeln, wenn sich Tausende sozusagen in die Hand versprechen, dass sie nun aber „Macher“ sein wollen. Da bombardieren selbstermächtigte Führer (die aber keinesfalls Führer genannt werden wollen) zweitausend Versammelte voller Leidenschaft mit Argumenten und Überlegungen (die freilich den versammelten Aktivisten zu 95% bekannt sind), damit sich endlich, endlich etwas ändert.

Vom leidenschaftlichen Wunsch der AktivistInnen, dass sich „etwas ändern“ möge, ändert sich aber nichts. Der rhythmische Ruf der AktivistInnen „Nie wieder Krieg!“ (abgesehen davon. dass er die tatsächlich tobenden Kriege ignoriert), verhindert keinen Krieg. Zu Recht mögen die Führer dem Weg nach Innen Aufmerksamkeit schenken – Werdet selbst friedlich! Bildet Euch! Entwickelt ganz neue Ideen! Der Weg nach Außen aber, zur zielbewussten, zuverlässig-gemeinsamen Aktion in der Arena des realen politischen Kampfes, ist durch nichts zu ersetzen. Er ist der einzige, der die wirklichen Machtverhältnisse verändern und neue gesellschaftliche Tatsachen schaffen kann.

Es ist keine Schande, wenn einem dieser Weg unklar ist. Auch selbsternannte Führer brauchen sich ihrer Hilflosigkeit nicht zu schämen. Vielleicht sollten sie die Hälfte (oder 80%) ihres Redeaufwands einsparen und ihren Zuhörerinnen sagen, dass sie selbst nicht weiter wissen… und bescheiden in die Runde fragen, ob Jemand eine Idee hat.

Wenn es um die Menschen geht, hilft es manchmal weiter, die Menschen zu fragen.

Würde mich jemand fragen, hätte ich eine klitzekleine (und wenig originelle) Idee: In Erwägung, dass die Massenmedien entscheidende Instrumente der Volkssteuerung/Volksverblödung sind, in Erwägung, dass das Volk von jeder Einflussnahme auf diese Instrumente der Volkssteuerung/Volksverblödung ausgeschlossen ist, weiter in Erwägung, dass wir gezwungen sind die öffentlich-rechtlichen dieser Instrumente der Volkssteuerung/Volksverblödung zu finanzieren, halte ich es für einen legitimen und überfälligen! Widerstand, die Zahlung der GEZ-Zwangsgebühren in Form einer BREITEN POLITISCHE AKTION zu verweigern.

Dieser Vorschlag ist, wie gesagt, wenig originell, denn es gibt ja längst ZahlungsverweigerInnen. Neu ist daran vielleicht, dies zu einer großen Aktion des politischen Widerstands zu machen. Würden sich genug Leute finden, diese Aktion gründlich zu überlegen, zu planen, zu organisieren und schließlich mit wenigstens 1000 aktiven TeilnehmernInnen öffentlich zu starten – ich wäre dabei. 

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Blödmaschine, bloggen, Demokratie, Kirche, Krieg, Krise, Leben, Machtmedien, Materialismus, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu („Groß“)demo, Volks(massen), Führer(Innen)

  1. Joachim Bode schreibt:

    Ich überlege gerade, worin der Unterschied besteht zwischen einem „selbsternannten“ und „selbstermächtigten“ Führer.
    Schon bei der von „unseren Qualitätsmedien“ geübten Bezeichnung einiger Ost-Ukrainer, die sich von den Putschisten in Kiew nicht vereinnahmen lassen wollten, als „selbsternannte Bürgermeister“ störte mich dieser Begriff, weil er weitgehend inhaltsleer ist, aber gleichzeitig diffamierend wirkt, offensichtlich auch so wirken soll…

    Zum GEZ-Boykott, den ich gut finde, werde ich noch schreiben….

    • kranich05 schreibt:

      Ich habe beide Begriffe mehr oder weniger synonym verwendet. Inhaltlich der gehaltvollere ist wohl „Selbstermächtigung“. Der muss gut sein, gibt’s ja sogar in englisch: Empowerment.
      Aber im Ernst: Sich selbst zu etwas zu ermächtigen (sich zu befähigen gehört dazu), finde ich schon erstrebenswert. Sich zu „ermächtigen“ Menschen zu führen, scheint mir aber problematisch zu sein, weil oder wenn dabei unter den Tisch fällt, dass diese Ermächtigung nur dadurch zustande kommt, dass die Menschen den Führer bewusst und aus Überzeugung tragen.

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Zu Herrn Bodes Ankündigung zu den GEZ-Gebühren:
    Wenn ich mir vorstelle, dass kostenneutral für mich:
    alternative Medien ganz (falls ich aus dem Zwang käme),
    und den Medien zukommen lassen könnte, die ich tatsächlich
    sehe und lese –
    oder teilweise (wenn ein Teil der Gebühren in einen Topf für
    alternative Medien – ist wohl illusorisch, denn das ginge wohl
    nur nach einer „Qualitätsprüfung“ der Berechtigten)
    regelmäßig gefördert werden könnten!

  3. Lutz Lippke schreibt:

    Was auch niemanden interessiert:
    „Ein Innenminister (heute Ministerpräsident in Hessen) wird gedeckt, StraftäterInnen in Robe und Uniform geschont, Ermittlungsergebnisse manipuliert. Dieser Abend ist eine Mischung aus Enthüllung, Kriminalroman, Kino und Kabarett. Staunen über die Dreistigkeit der Staatsmacht. Kopfschütteln über uniformierte Dummheit. Lachen über die kreative Gegenwehr!“
    http://www.projektwerkstatt.de/materialien/da_antirep.htm

    Der Vortrag ist ziemlich lang, gewinnt aber zunehmend an krasser Satire und an Informationsgehalt. Ich finde das Ansehen lohnt sich, schon um im „Kleinen“ zu verstehen, in welcher Rechts- und Medienordnung und deren Gewaltenteilung wir tatsächlich leben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s