Wenn die Lämmer nicht mehr schweigen,…

Mit seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer?“ (2015, Kiel) hat der Psychologe und Philosoph Prof. Rainer Mausfeld auf Gefährdungsmechanismen unserer Demokratie aufmerksam gemacht. In einem weiteren Vortrag  „Der Neoliberalismus und das Ende der Demokratie“ (2016, Aachen) werden die Gedanken des Kieler Vortrags zu einer grundsätzlichen Kritik des Neoliberalismus und seiner Demokratiefeindlichkeit vertieft.

Der ganze vielschichtige Problemkomplex wurde jetzt erneut ausführlich bearbeitet und zwar in einem fast zweistündigem Gespräch Rainer Mausfelds mit Ken Jebsen, das am 5.8. 2016 Online ging.

Alle drei Dokumente sind hochaktuell. Ich meine, dass ihre gründliche Auswertung uns helfen kann bei allen unseren Bemühungen zur Bewahrung der Demokratie und für ihren neuen Aufschwung, den Aufschwung aus dem Geist radikaler Aufklärung.

So erschreckend (weil völlig illusionslos) Mausfelds Bestandsaufnahme der realexistierenden Repräsentationsdemokratie ist, so wenig neigt er zu Resignation. Eine neue weitgespannte Vision, eine „Rahmenerzählung“ sei notwendig. Geistige Vorarbeiten habe die Aufklärung genug geleistet, geschichtliche Erfahrungen habe der Realsozialismus reichlich gewonnen. Vieles sei zwar gescheitert aber Vieles wurde auch erreicht und dürfe nicht in Geschichtsvergessenheit verloren gehen. Das ist die optimistische Grundposition Mausfelds, der ein wirklicher Aufklärer ist (ohne Marxist zu sein).

Dabei verbleibt er nicht bei abstrakten Begriffen. (Besonders sei hier auf die letzten 30 Minuten des Interviews hingewiesen.) Er verweist auf den nötigen „Werkzeugkasten“ der  sozialen Auseinandersetzungen, der praktischen politischen Aktionen. In solchen Aktionen reifen Erkenntnisse, werden erstritten, wird Solidarisierung erfahren und bilden sich belastbare Bindungen zwischen Gleichgesinnten heraus. Und zuverlässig belastbar müssen sie sein, denn der „Kampf gegen die Zentren der Macht“ wird „ausgesprochen ungemütlich“ werden. „Die Eliten werden keiner Einsicht zugänglich sein, und sie werden sich nicht ergeben.“

Im Folgenden möchte ich einige Erfahrungen festhalten, die (um im Bild zu bleiben) „einige Lämmer gemacht haben, die das Schweigen hinter sich ließen“. Ich spreche von dem Ereignis „Friedensfahrt 2016“ und den Auseinandersetzungen danach.

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Das Wichtigste war die Aktion selbst. Das Schweigen wurde gebrochen. Die Handlungsunfähigkeit wurde gebrochen. Das Ereignis ist in der Welt, und intensive Begegnung fand statt. Alles, was ich dazu wenige Tage nach der Fahrt würdigend schrieb, gilt mir weiter voll und ganz.

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Auch sehr wichtig: Zum Ereignis gehörte die laufende tagesaktuelle Information über das, was geschah und z. T. auch darüber, wie es erlebt wurde. Die nachträgliche Interpretation und Deutung folgt – aber primär und unbestreitbar liegt ein ordentliches Stück Dokumentation vor.

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Für bedeutsam halte ich auch, dass zur Fahrt nicht nur einige Sätze Selbstverständnis formuliert wurden, sondern dass darüber hinaus mit der Petition von Dr. Rothfuss (die noch bis 2.10. gezeichnet werden kann hier) „Frieden mit Russland ist für uns unverzichtbar“ ein klar orientierendes und zugleich vernünftig begrenztes Konsenspapier die Fahrt begleitete, bis heute weiterwirkt und hoffentlich auch künftig weiterwirken wird.

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Im Zusammenhang mit der Petition gab es nach der Fahrt einen bösartigen Angriff. Ich meine den als „Pro-Debattenbeitrag“ aufgetauchten antisemitischen Hasstext. So etwas konnte der Petition und darüber hinaus der ganzen Aktion schwer schaden. Wir – „etwas mündiger gewordene Lämmer“ –  mussten erst lernen, damit umzugehen, d. h. den Text zu entfernen. Es gelang nicht, herauszufinden, wer so etwas geschrieben hat. Troll, Rechtsextremist, Provokateur – vieles ist denkbar. Jedenfalls zeigte sich, dass „die Lämmer“, nachdem sie gelernt hatten zu reden, weiter lernen müssen, um ihre Rede (und sich) zu schützen.

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Natürlich setzten nach der Fahrt die Rückblicke ein… und bald die Reflexionen, Deutungen, Interpretationen. Die nachträgliche Aneignung und tiefere Verarbeitung ist ein normaler psychischer Vorgang. Problematisch, wenn es dabei zu Verzerrungen und Umdeutungen kommt oder sogar zu Versuchen eine andere, ganz eigene Agenda einzubringen und so dominant wie möglich zu vertreten. Für Letzteres hat es klassische Beispiele gegeben. In einem Video (von mir hier kritisch aufgegriffen) und laufend auf der Friedensfahrt-FB-Seite wurde geeifert, der Friedensfahrtaktion nachträglich geschichtsrevisionistische Positionen aufzudrängen. Dabei ging es um eine Schuld der Sowjetunion am Krieg bzw Präventivkriegsambitionen der SU gegenüber Deutschland, nach wie vor offene Territorialfragen (etwa Kaliningrad), das Selbstbestimmungsrecht ehemaliger Königsberger und ihrer Nachfahren, die teilweise Entlastung des deutschen Faschismus von seiner Kriegsschuld, wie überhaupt des deutschen Imperialismus seit „mehr als hundert Jahren“. Flankiert wurden solche Thesen, von Behauptungen, antifaschistische Argumente seinen Ausdruck eines den Deutschen von den Siegern eingeimpften (oder genetisch verankerten) Schuldkomplexes. (Als Gegenmittel wurde dann auch mal „gehobene“ Naziliteratur empfohlen.)

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Danach stellt sich mir die Frage: Müssen nicht die zu Wort und Aktion gekommenen „Lämmer“ darauf gefasst sein, dass ihnen nachträglich Wort und Tat medial aus der Hand genommen werden, dass sie gleichsam enteignet werden? Das tatsächliche Fahrtereignis verblasst, und am Ende bleibt das mediale Produkt, das nun als „eigentlich“ fortwirkende Wirklichkeit gilt.

Die Lämmer müssen also nicht nur aufhören zu Schweigen, sie müssen auch ihr Wort dauerhaft vertreten. Dabei können sie leicht in böse, belastende Auseinandersetzungen geraten. Vielleicht wird ihnen am Ende gar die ganze schöne Fahrt vergällt? Ob das hartnäckige Schweigen der Lämmer auch damit zusammenhängt, dass sie solche Komplikationen ahnen und vermeiden wollen? „…, Schweigen ist Gold.“

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Unbestreitbar sind Schwierigkeiten, das eigene Wort dauerhaft zu vertreten, notfalls zu verteidigen: Die Themen weiten sich ins Endlose (man kennt sich nicht auf allen Gebieten aus), die UmdeuterInnen (+ einige ZujublerInnen ) sind vom teutonischen Furor „Wahrheits“furor erfüllt, die FB-Bedingungen des Streits (Moderationsqualität) fördern „das Quirlen von Problemen“, auch das Stammtischgejohle, machen aber die Problembearbeitung unmöglich, die eigene Spannungstoleranz ist begrenzt.

Es ist, als ergösse sich eine Flut von trübem Wasser über „die Lämmer“, die Gruppe von Menschen, die sich erhoben hatten, um freier zu atmen und die nun nicht nur um ihre trockenen Klamotten bangen müssen, sondern auch noch bemerken, dass an ihnen übler Geruch hängen bleibt.

Mir als Busmitfahrer ist es eine grundsätzliche Erfahrung, dass ich im Bus, Auge in Auge, mit ALLEN vernünftig, d. h. zu gegenseitige Anregung und gegenseitigem Nutzen reden konnte, jetzt aber die Situation im FB-Streit genau gegensätzlich ist. Denkfutter!

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Mausfeld verweist darauf, dass der demokratische und bewusstseinsbildende Prozess ein arbeitsteiliger ist. Wir brauchen vertrauenswürdige Vermittlungsglieder, „second hand dealers of ideas“, etwas, das der Neoliberalismus gelernt und perfekt organisiert hat. Atomisierte Erfahrungen, auch atomisierte Empörung, nützen nichts. Energie verpufft.

In der Runde der BusfahrerInnen gibt es die Idee, ein Nachtreffen zu organisieren. Ich finde die Idee gut. Doch meine ich, dass es noch mehr Gedanken braucht um den Funktionszusammenhang eines solchen Treffens. Ist überhaupt ein funktionierender Zusammenhang der BusfahrerInnen gegeben oder möglich?

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Mit großer Entschiedenheit, man könnte sogar Drastik sagen, charakterisiert Mausfeld die großen Konzerne (also die, die wirklich die Macht sind) als außerhalb jeder demokratischen Kontrolle, als „extrem totalitär, eigentlich faschismusanalog“, „pathologische Strukturen völliger Intransparenz“ (bei 1:24:00 und nach 1:27:55 im KenFM-Gespräch). Umgekehrt kann wirklich radikale Aufklärung nur universalistisch, offen und transparent sein. Beides – die totalitäre Struktur der Konzerne, wie auch die konsequente Transparenz radikaler Aufklärer sind Ergebnis menschlicher Entscheidungen. Wir müssen uns zu wirklich demokratischen Entscheidungen befähigen und ermächtigen.

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Ich meine ein, vielleicht DAS Schlüsselproblem unseres demokratischen Bemühens ist die Transparenz. Transparenz erlaubt den Austritt aus der Matrix. Ohne Transparenz können sich keine belastbaren solidarischen Beziehungen herausbilden. Doch wir sind, was eine alltägliche Transparenzkultur betrifft, am Weitesten zurück. Wir haben das Problem nicht nur nicht gelöst, wir haben es noch nicht einmal erkannt. Das betrifft voll und ganz auch die Friedensfahrt und ihre „Nachbereitung“. Gelegenheit zu einem weiteren Posting.

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3 Antworten zu Wenn die Lämmer nicht mehr schweigen,…

  1. Joachim Bode schreibt:

    Nach dem äußerst wertvollen Hinweis auf die hervorragenden Vorträge des Prof. Mausfeld und Ken Jebsens Interview suche ich krampfhaft, ob auch hier die angeblich „nichtpolitische Politik“ Ken Jebsens (https://opablog.net/2016/09/29/1-10-kanzleramt/#comment-106589) erkennbar wird.
    Hilft mir jemand?
    Ist es vielleicht so, dass Ken Jebsen mit seiner inzwischen unüberschaubaren Tätigkeit kritischer Aufklärung die Medienkonsumenten überdrüssig machen will? Das wäre tatsächlich ein infames Vorgehen – könnte von Putin stammen!

  2. Pingback: Medienterror | opablog

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