Wadim Rogowin: Gab es zu Stalin eine Alternative?

Von der Webseite der Berliner Freidenker übernehme ich einen Beitrag, der dem Hauptwerk des sowjetisch-russischen Historikers Wadim Rogowin gewidmet ist. Rogowin beweist, dass die profunde Kritik von Mythen und Falschdarstellungen der Geschichte, auch wenn sie weit und lange Zeit verbreitet wurden, ganz neue Sichten und Einsichten ermöglicht, ja erzwingt. Möglich wurde das durch die solide, historisch-materialistisch begründete Arbeit des Wissenschaftlers. Das unterscheidet ihn fundamental vom Geschichtsrevisionismus, wie er im Interpretationsstreit um die Deutungshoheit der Friedensfahrt 2016 sichtbar wird. Siehe hier, hier oder auch hier.

Der Beitrag von der Freidenkerseite:

Wadim Sacharowitsch Rogowin (1937 bis 1998) war ein sowjetisch-russischer Historiker und Soziologe. Sein großes, der Kritik des Stalinismus gewidmetes Werk „Gab es eine Alternative“ untersucht den Zeitraum von 1922 bis 1940 auf insgesamt dreitausend Seiten. Es gliedert sich in die sechs Bände „Trotzkismus“ (1922-1927), „Stalins Kriegskommunismus“ (1928-1933), „Vor dem Großen Terror – Stalins Neo-NÖP“ (1934-1936), „1937 – Jahr des Terrors “ (1937), „Die Partei der Hingerichteten“ (1937-1938) und den weniger geschlossenen Band „Weltrevolution und Weltkrieg“ (1939) über dessen Ausarbeitung der Historiker verstarb. Den geplanten 7. Band „Das Ende ist der Anfang“ (1940) konnte Rogowin, der dem Krebs erlag, nicht mehr schreiben.

Rogowins Werk ist von der Geschichtswissenschaft und mehr noch von den Tageskämpfern der Ideologien weitgehend ignoriert worden. Werner Röhr ist, soweit ich sehe, der einzige ausgewiesene Historiker, der sich explizit geäußert hat. In der „Zeitschrift für marxistische Erneuerung“ Nr. 45 vom März 2001 ist seine Rezension „Der Untergang des Bolschewismus als Voraussetzung des Stalinismus“ zu finden. (Die achtseitige Rezension ist nicht online verfügbar. Ich bin bereit, InteressentInnen einen Scan zu schicken.)

Röhr hebt hervor, dass Rogowins Aufarbeitung der „Großen Säuberung“ der Jahre 1936-1938 in der Sowjetunion, insbesondere der drei grossen Schauprozesse und des Massenterrors, eingebettet ist „in eine gewaltige historische Rekonstruktion der nachrevolutionären Geschichte der Bolschewiki“ und weiter: „Als bisher einziger Historiker dieser Periode bezieht Rogowin den wichtigsten politischen Gegner Stalins in diesen Jahren, Leo Trotzki, systematisch mit ein…“.

Die komplexe, historiografisch-soziologische Forschungsmethode des Autors schlägt sich in einer enormen Beweiskraft seiner Darstellung epochaler Zusammenhänge, Einschätzungen und Schlussfolgerungen nieder. Wir haben es mit einem Meisterwerk der historisch-materialistischen Geschichtsschreibung zu tun, ich möchte behaupten, dem bisher einzigen, das, vor dem Hintergrund der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und diese voraussetzend, die Vernichtung des Bolschewismus und die Durchsetzung des Stalinschen Absolutismus in Begriffe fasst, die marxistisch-wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Neben dieser gewaltigen, zentralen Leistung besticht Rogowins Werk durch grundsätzliche Hinweise auf weitere, mit der Zentralerkenntnis verbundene, doch weiterführende Erkenntnislinien. Dazu zähle ich (relativ willkürlich ausgewählt) den Spanischen Bürgerkrieg, die Rolle der Komintern, den Deutsch-Sowjetischen Vertrag von 1939 (einschließlich Geheimprotokoll) aber auch Rogowins Bemerkungen zu dem Stalinismus nach Stalin bis hin zum Untergang der Sowjetunion und bis zur nachsowjetischen Gegenwart (der 90er Jahre).

Nicht zuletzt zähle ich dazu Rogowins detaillierte Auseinandersetzung mit der von Stalin erzwungenen „Sozialfaschismuskonzeption“ und ihrer Rolle im Prozess der Machtübertragung an Hitler und der historischen Niederlage der deutschen und internationalen  Arbeiterbewegung.

Ein Werk, wie dieses, das hundert Fragen beantwortet, wirft tausend neue auf. Das kann nicht überraschen. Es ist kein Werk, das man in wenigen Tagen „durch“ hat. Mich hat es seit Wochen buchstäblich „eingesogen“, und ich weiss, dass ich jetzt, gegen Ende der Lektüre, sofort wieder anfangen werde, noch einmal von vorn zu lesen. Das ist kein Mangel. Die Russischen Revolutionen von 1917 werden bald hundert Jahre alt. Denkwürdige Zeit, die uns, wenn wir es wollen, den Quellen wieder näher bringt. Rogowin kann dabei helfen.“

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7 Antworten zu Wadim Rogowin: Gab es zu Stalin eine Alternative?

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Lieber Dr. Kurch,
    nicht dass ich provozieren möchte, aber meine nachfolgende Frage drängt sich mir
    immer öfter auf: Warum soll ich mir zusätzlich zur Geschichte der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft,
    Kultur und Religion usw. auch noch Wissen um zeitgenössisch angedachte Alternativen aneignen wollen?
    Alternative Geschichte gibt es nicht!
    Geschichte muss man kennen, um Aktionen, Reaktionen, Gefühle wie Angst, Ressentiments,
    Vorbehalte, Vorsicht der Freunde und Gegner von heute wie damals, zu verstehen.
    Aber wozu muss ich wissen, ob es eine Alternative zu Stalin gegeben und wie die ausgesehen
    hätte?
    Geschichte ist das ja nicht. Ereignet hat sich eine Alternative ja nicht.

    Also ist sie meiner Meinung nach nicht wesentlicher oder wichtiger als eine Theorie, die noch nicht erprobt wurde.

    Wenn ich also heute nach Alternativen zu heutigen Gesellschaftsformen suche, muss ich von heutigen Bedingungen ausgehen, die im neuzuregelnden Raum derzeit bestehen, wie dem vertraglich geregelten Rahmen, den Institutionen und Behörden, den wirtschaftlichen Bedingungen usf., die ja alle menschengemacht und in versch. Fristen auch wieder auflösbar sind, um
    dann nach Regelungen zu suchen, die der Mehrheit der Bevölkerung gerecht werden.
    Wie man das dann nennt, scheint mir auch nicht wesentlich, ABER DEMOKRATISCH soll es
    sowohl bei der Ausformung wie auch später in der Praxis zugehen!
    Meiner Meinung nach spielt dabei noch nicht einmal eine Rolle, ob so etwas schon einmal propagiert oder versucht wurde.
    Etwas anderes ist es,
    wenn eine/r eine Biografie schreibt. Der LeserInnen solcher Literatur wollen natürlich genau wissen, was die Person wann – vielleicht erstmals – geäüßert hat.
    Aber das ist wirklich ein ganz anderes Feld. Das heißt nicht, dass solche Biografien für die Geschichte uninteressant wären, aber sie dienen anderen Zwecken, als denen zur Aufstellung eines neuen gesellschaftlichen Paradigmas bzw. der Ausarbeitung einer neuen Gesellschafts-,
    Lebens-, Zusammenlebens- und Wirtschaftsform.

    • kranich05 schreibt:

      Liebe Frau Bruckmann,
      ist wohl mein Fehler mit dem Begriff „Alternative“ im Titel den Eindruck erweckt zu haben, hier ginge es um zeitgenössische Rezepturen. Rogowins Arbeit ist wirklich Geschichtsschreibung. Und er führt den Nachweis für damals, dass wirklich ein Kampf alternativer Konzepte stattgefunden hat und erst das gründliche Wissen um diesen Kampf, den tatsächlichen Geschichtsverlauf als eine Art Resultante verstehbar macht.
      Was Ihre Vorliebe für sozusagen „ad hoc-Alternativen“ betrifft (Ich möchte ebenfalls nicht provozieren.) neige ich eher zur anderen Seite: Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder. Das Vergangene ist eigentlich überhaupt nicht vergangen.
      Und Stalin ist höchst lebendig.

  2. icke schreibt:

    Hab leider nicht die Zeit, mich näher mit Rogowin und seinen Werken zu befassen, aber diese Stimmen aus dem Netz raten zu kritischer Sicht auf Rogowin:
    „…er soll dort ziemlich detailiert die antisowjetischen Agitationen beschreiben die seitens der Trotzkisten gemacht wurden (oder anders gesagt: er liefert – wohl ohne es zu wollen – Beweise für die Richtigkeit der Säuberungen, Moskauer Prozesse etc.) …“
    Was findet man noch? Bronstein, ein Großneffe Trotzkis, bezeichnet ein Buch Rogowins als eines der wenigen „guten Bücher über den Kampf der Opposition gegen Stalin“.
    Merkwürdig ist auch, dass in der russischen Wikipedia trotz erwähnter 250 wissenschaftlicher Arbeiten keine Veröffentlichungen Rogowins vor 1992 aufgeführt werden. Eine gesäuberte Biografie?

    • kranich05 schreibt:

      Haben Sie die Quelle für die „Stimme aus dem Netz“?
      Dass keine Veröffentlichungen Rogowins von vor 1990 zugänglich sind, fällt mir auch auf.
      Und sonst? Man muss sich schon näher auf ihn einlassen, schließlich hat er reichlich veröffentlicht, um sich ein eigenes Bild zu machen.
      Auf dieser Basis kann auch Problematisches benannt werden. Halte ich für notwendig, Doch die Probleme liegen m- A. n. woanders, als die übliche Denke nahelegt.

  3. icke schreibt:

    Hier die Quelle, „stalinforum.de, Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft“
    http://www.forum.stalinwerke.de/viewtopic.php?f=26&t=1224

  4. Karsten Seel schreibt:

    Hallo Opa,

    ich hoffe, ich darf dich so nennen …
    Meine Einschätzung zu Rogowin ist ähnlich wie die von icke. Ich bin zwar erst am Anfang der Buchreihe, genauer etwa in der Hälfte des „Trotzkismus“, komme aber nicht umhin, eine einseitige „trotzkistische“ Sichtweise festzustellen. Auf der einen Seite der Bürokrat Stalin, auf der anderen der bescheidene und kluge Trotzki. Zu plakativ und wenig glaubhaft für mich …

    Auch die Beschränkung der Argumente auf persönliche Auseinandersetzungen zwischen S. und T. ohne politische Zusammenhänge herzustellen, die Lüge zu Lenins „Testament“ u.ä. altbekannte „Argumente fehlen nicht im Buch.

    Grüße
    Karsten

  5. Pingback: Martemjan Rjutin | opablog

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