Strassenfeger

Ich saß in der U-Bahn und las und blickte nur flüchtig auf als der Verkäufer des „Strassenfeger“ hereinkam. Ich habe eine Abneigung gegen all diese Obdachlosenzeitungen, deren Hauptfunktion es ist, denjenigen, die unten sind, unten und brav zu halten.

Er stand dann direkt neben mir und bot die Zeitung an – mit Flüsterstimme, mit ganz versagender Stimme. Ich blickte erstaunt hoch und sah, dass der Mensch völlig fertig war. Ich holte eine Euromünze heraus, gab sie ihm. Er machte keine Anstalten mir eine Zeitung zu geben, und ich zupfte mir eine heraus aus dem dünnen Packen vor meiner Nase. Da hielt er mir eine Zeitung hin, wies stumm auf den Preis, ich las: „1,50 €“ und gab ihm noch ein Zweieurostück.

Wir sahen uns an, und er sagte: „Mir ham sie mein ganzes Geld geklaut“, und er ging taumelnd weiter in den Wagen. Ich blieb zurück und spürte bald aber zu spät das Bedauern, ihm nicht fünf oder zehn Euro gegeben zu haben.

Ich dachte mit Trauer an die DDR. In der musste niemand Bettler oder Obdachloser sein.

Später habe ich die Zeitung gelesen. Sie widmet sich dem Essen und erklärt: „Du bist, was Du isst“…

Es gibt auch einen kleinen (illustrierten) Bericht darüber, dass die Strassenfeger-VerkäuferInnen glücklich sind über die neuen VerkäuferInnen-Westen.

Weste

Auf der Weste prangt die VerkäuferInnen-Nummer, und es gibt ein durchsichtiges Einsteckfach für den VerkäuferInnen-Ausweis.

In dem Artikelchen wird erklärt: „Wie bereits berichtet reagiert der mob e. V. mit der Einführung der Westen auf den zunehmenden Mißbrauch mit dem strassenfeger. Immer häufiger hatte es in den letzten Monaten Hinweise gegeben, dass gerade Menschen aus Südosteuropa die Zeitung zum Betteln benutzten, keinen Verkäuferausweis vorzeigen konnten und nicht über deutsche Sprachkenntnisse verfügten.“  

Da bleibt mir nur die Frage: Müsste es nicht „VerkäferInnenausweis“ heißen?

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5 Antworten zu Strassenfeger

  1. Joachim Bode schreibt:

    Der gesunde Menschenverstand der mob e.v.- Leute hat das Wort-. Rechtschreib- und Gedanken-Ungetüm „VerkäuferInnenausweis“ verhindert und uns Leser damit vor Zumutungen verschont.

    Wenn dieser Verein ein Konto hätte, würde ich allein schon aus dem genannten Grund spenden….

    • kranich05 schreibt:

      Vielleicht gibt es dann bald TrägerInnen von Ehrenwesten?

      • Joachim Bode schreibt:

        So eine Ehrenweste wäre eine große Hilfe für die StraßenfegerInnen. Die entsprechenden TrägerInnen der Ehrenwesten würden den Mißbrauch durch MenschInnen aus Süd-Ost-Europa, die keinen VerkäuferInnenausweis vorweisen können, weiter einschränken…

        • Sabine Scheffer schreibt:

          Ich muss die westenträger kurz in Schurz nehmen, obwohl
          Ich “ Ehrenwesten“ mit VerdienstAbzeichen auch lustig finde…
          Die beiden Straßen Zeitungsverkäufer meines vertauens machen in meiner Strasse schon lange ihre Runde, täglich seit mindestens zwei Jahren , immer einer von beiden obenrum, der andere in die Gegenrichtung bis zum kollwitzplatz – alle Eingeborenen und alle Café Besitzer kennen die beiden – die auch hier und da Brot und Kuchen geschenkt bekommen – und deshalb keine Westen tragen (müssen).
          Beide erzählen ,dass es aber schwarze Schafe gibt , die den Leuten in den Cafés Geld und Handys klauen, die sich als Straßenzeitungsverkäufer tarnen , aber keine sich, weil Leute die Straftaten begehen beim Straßenfeger Hausverbot bekommen und keine Zeitungen mehr verkaufen dürfen — um sich optisch von Problemfällen abzugrenzen und auch für Touristen identifizierbar zu sein, gibt es diese Westen —
          Wie gesagt, in meinem Viertel sind die Jungs bekannt und brauchen keine Westen und keine Ausweise
          Was meint der Herr OPA oben, denkt er Straßenzeitungen sind so etwas wie eine demokratische Mitmachfalle, die beschissene Verhältnisse zementiert, indem sie sie ( durch ein paar cent Verdienst ) kanalisiert, städtischen Institutionen zuführt und dann dafür sorgt, dass sich der Protest tot läuft – HÄ ?
          Ich kenne jemand, der mal versuchte eine Obdachlosen demo zu organisieren und katastrophal scheiterte , erstens weil man Obdachlose nicht mobilisieren kann und zweitens, dass ist der Knaller, wurde der Ärmste plötzlich vom BRD Inlandsgeheimdienst abgeholt und verhört wegen Aufwiegellung und Rädelsführererschaft – ich glaube ich habe sogar noch seine Visitenkarte

      • Lutz Lippke schreibt:

        Liegt da etwa die vereinigte SprachakrobatenInnung verkäfert auf dem Rücken und hält sich den Bauch? Muss auch mal sein! Schöne Grüsse aus Berlin!

        Aber auch im Ernst. Zu Sprache kam mir zuletzt häufiger etwas in anderer Richtung unter die mal wieder aufmerksameren Augen. So § 20 StGB “ andere seelische Abartigkeit“ oder im deutlich jüngeren Antidiskriminierungsgesetz § 1 AGG “ aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, …“. Auch Art. 3 GG, europäische Richtlinien etc. Wäre das mal ein Recherche- und Diskussions-Thema? Wo ich gerade danach suche, war das auch schon mal öffentlich dran: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/grundgesetz-diskussion-ueber-abschaffung-des-begriffs-rasse-12832936.html

        Vielleicht könnte man zu den verdrucksten RassentheoretikerInnen höherer Dienstränge mal deutlich machen, wie sehr diese z.B. im Juristischen und Politischen Sprachgebrauch noch Überkommenes omnipräsent und wiedererlernbar halten, obwohl es nach biologischer Forschung ja gar keine menschlichen Rassen oder Arten gibt. Frei nach Lübke: „„Sehr geehrte Damen und Herren, [ich] liebe Neger[küsse], [aber] bitte zukünftig Gesetze ohne Rassentheorie.“

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