Friedensfahrt 2016 – Organisatorisches

Die Organisation der Fahrt betreffend war wohl der meistgeäusserte Satz: „Welch ein Chaos!“

Es gab tatsächlich immer wieder ärgerliches Durcheinander. Durch Unklarheiten über Zeiten, Veranstaltungen, Verantwortlichkeiten haben etwa die Busfahrenden etliche kostbare Stunden vergeudet. Bedauerlich, wenn dadurch wichtige Programmpunkte wegfielen oder zumindest gefährdet waren (Teilnahme am Protest gegen NATO, Besuch bei „Öko“-Gerligov). Trotzdem meine ich nicht, dass im Ganzen gesehen organisatorische Mängel ernsthaft in Gewicht fielen.

Wichtiger ist es mir, einige Momente des Organisatorischen zu reflektieren, die mir neu, interessant, vielleicht sogar „zukunftsweisend“ erscheinen.

Erwähnt sei Rainer Rothfuss‘ Hochschätzung der „Schwarmintelligenz“, vielleicht zutreffender als „Kollektive Intelligenz“ zu bezeichnen. Die FahrtteilnehmerInnen stellten tatsächlich (näherungsweise) eine Summe selbständiger, aus freiem Willen handelnder und zugleich bis in viele Details strikt „aufeinander zu handelnder“, kooperativer Individuen dar. Das hat viele erfreuliche, „kreative“, einschließlich positiv-chaotische Ergebnisse hervorgebracht. All das ergab sich aber ziemlich spontan und lückenhaft und könnte von vornherein bewusster gestaltet werden.

Zum Beispiel braucht es eine klare Definition der erforderlichen Infrastruktur – hardware, software und organisatorische Anbindungen  – um die ununterbrochene Einbindung aller in die relevanten Informationsflüsse zu sichern. Notwendig sind ebenfalls kurzfristig wirksame Prozeduren, um Vorschläge dem Urteil aller zu unterbreiten und Entscheidungen herbeizuführen. Sicher gibt es Weiteres zu beachten (z. B. Informationspflichten), um die Selbstorganisation einer Menge von Individuen zu gewährleisten. Das läuft auf die Formulierung einer Art „Verfassung der Selbstorganisation“ hinaus.

Wenn die „Kollektive Intelligenz“ nicht fließen und ungehindert wirksam werden kann, bilden sich zwingend wieder hierarchische Beziehungen.

Ich war froh, an der Friedensfahrt als einer freien Bürgerinitiative teilzunehmen, NICHT als Mitglied einer „Organisation der Zivilgesellschaft“, einer „NGO“, „NRO“ usw. Sehr viele dieser Einrichtungen zähle ich zu den „RHO“ = „RegierungsHilfsOrganisationen“, denen ich nicht vertraue. Mir scheint es notwendig, sich unbedingt freizuhalten von der staatlichen Abhängigkeit, wie sie über die Gemeinnützigkeitregelungen vollzogen wird. Jegliche finanzielle Förderung der Bürgerinitiative muss absoluter Transparenz unterliegen. Dafür scheinen mir die 10 Grundsätze der „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ (ITZ) (der sich die Masse der NRO seit Jahr und Tag verweigert) einen brauchbaren Anfang zu bieten.

Zu konsequent praktizierter Transparenz bei der Friedensfahrt zählt für mich daher

  • der detaillierte öffentliche Nachweis der Spendenherkunft und
  • der detaillierte öffentliche Nachweis der Spendenverwendung.

Ebenso gehört für mich dazu die öffentliche Information über die Finanzierung des Besuchs von zwei FriedensfahrerInnen in Sewastopol.

Ich hoffe, dass Niemand dieses Verlangen als Kritik oder gar persönlichen Angriff versteht. Dafür habe ich nicht den geringsten Anlass. Meine grundsätzliche Position in der Transparenzfrage resultiert vielmehr aus der Erkenntnis, dass JEDE Schwächung und am Ende Entartung einer beliebigen progressiven Initiative/Organisation/Partei mit Nichtöffentlichkeit beginnt. Nichtöffentlichkeit, „Vertraulichkeit“, Geheimhaltung in Bezug auf Finanzen und Machtbeziehungen sind der Weg ins Verderben. Zugegeben, in der Praxis sind das schwierige Fragen, denn Informationsmanagement ist notwendig.

Ich möchte an dieser Stelle abbrechen, obwohl jetzt einige konkrete Vorschläge zur Organisation künftiger Friedensfahrtaktivitäten  wünschenswert (und möglich) wären. Dazu etwas später… wie überhaupt noch Überlegungen in einigen Etappen folgen sollten, etwa zu den Themen:

Friedensfahrt 2016  – Geschichtsnihilismus? Geschichtsbewußtsein?

Friedensfahrt 2016  – Neues zu Rechten und Linken im Frieden

Friedensfahrt 2016  – Worte aus Leningrad

Friedensfahrt 2016  – Nationalismus und Patriotismus in Russland und Deutschland

Friedensfahrt 2016  – Kants ewiger Frieden und menschliche Emanzipation

Friedensfahrt 2016  – ein neues Projekt, das mich reizen würde.

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5 Antworten zu Friedensfahrt 2016 – Organisatorisches

  1. ruth2003 schreibt:

    Bei russland.RU erschien ein Artikel zur Friedensfahrt aus Sicht einer Nichtteilnehmerin. Da sind m.E. auch einige gute Gedanken dabei, die bei einem neueren/weiteren Projekt in die Überlegungen einfließen könnten/sollten.
    http://www.russland.news/russland-community-die-friedensfahrt-begegnungskonsum-fuer-den-frieden/
    Liebe Grüße, Ruth

    • kranich05 schreibt:

      Liebe Ruth,
      den verlinkten Artikel habe ich mir jetzt etwas gründlicher angesehen. Mag sein, dass darin auch paar gute Gedanken zu finden sind. Nach 14 Tagen Friedensfahrt wäre es ungewöhnlich, wenn sich nicht paar brauchbare Verbesserungsideen eingeschlichen hätten.
      Im Ganzen aber macht mir das lange Schreiben leider einen recht verquasten Eindruck. Ist nicht die eigentliche Botschaft, dass, wenn mensch auf Evelin Pietza gehört hätte, die ganze Friedensfahrt so anders, so besser geworden wäre?
      Nicht nett finde ich, dass sie mich rel. ausführlich zitiert, ohne mir (schon allein durch Verlinkung) ein Signal zu geben. Wahrscheinlich will sie nicht mit mir reden, sondern ich fungiere als Material, an dem sie etwas exemplifiziert. Wenn ja, so ist mir das Was nicht klar geworden. Na gut, Schwamm drüber.

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Lieber Herr Dr. Kurch,
    auch mir kommt vieles verquastet vor in dem Kommentar. Aber was Katyn betrifft, bin ich zusammengezuckt, als ich auf dem Video sah, wie ein Teilnehmer die Katyn-Doku wie eine
    Monstranz vor sich her trug. Das war ganz klar taktlos, was den Ort und die Rolle als Gast angeht. Diese (und sei sie noch so belegte) Wahrheit russichen Menschen so vor den Latz zu knallen, könnte man sogar als grob unhöflich und beleidigend empfinden.

  3. Theresa Bruckmann schreibt:

    8. September 1941 – ein Gedenktag:
    https://deutsch.rt.com/international/40475-daniil-granin-schriftsteller-und-verteidiger/

    Siehe auch:

    etwa ab der 11. Minute beim Denkmal für die Hungertoden.
    mit LINK: https://de.wikipedia.org/wiki/Tatjana_Nikolajewna_Sawitschewa

    Frederik Vahle hat daraus 2 Kinderlieder gemacht, die vor mehr als 20 Jahren
    von Kindern auf ihren Kassettenrekordern gerne angehört und mitgesungen wurden: ://www.youtube.com/watch?v=8mAHX9sAdX0

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